'J^^^i^i^ if ^S ^S^S ,K\v:\^ DUPLICATA DE LA BIBLIOTHflQTJß DU CONSERVATOITE BOTANIQUE DE GEITEVB « VENDÜ EN 1922 ! Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Herausgegeben von Dr. Ferdinand Cohn. Siebenter Band. Mit siebzelin Tafeln. , ♦. ! V Breslaa 1896. J. U. Kern's Verlag (Max Mftller). DUPLICATA DE LA BreLIOTHEQUfi DU OONSEHVATCir.E BCTANIQUE DE GENEYS VENDÜ EN 1G22 A/3 '9^ Inhalt des siebenten Bandes. Heft. Seite. Ueber HeliotropisiiJiis. Von Dr. W. Rotherf, Privatdocent an der Universität Kazan. (AJit 60 Abbildungen im Text.) I. l Die Wurzelknölchen der Sojabohne. Von Prof. Dr. O. Kirchner. (Mit Tafel I.) II. 213 Beiträge zur Kennfniss der Pflanzenzellen. III. Kerne und Kern- körperehen in ineristeniatischen und sporogenen Geweben. Von F. Rosen. (Mit Tafel II, III und IV.) II. 22.5 Anatomischer Bau und Leistung der Saugorgane der Schuppenwurz- Arten. {Laihraea Clandestina La in. und 7y Squamaria h ) Von Dr. E. Heinricher. (Mit Tafel V—XI.) IL 315 Beiträge zur Anatomie und Physiologie des Elementarorganismus. Von E. Crato. (Mit Tafel XII—XV.) IlL 407 Beiträge zur Morphologie der Bakterien. Ueber zwei fadenbildende Bacillen. Von Dr. L. Catiano in Berlin. (Mit Tafel XVI, XVII.) IIL 537 Register zum siebenten Bande. Heft. Seite. Catiaoo, Di. L., Beiträge zur Moiphologie der Bakterien. Ueber zwei fadeiibildende Bacillen. (Mit Tafel XVI, XVII.) III. 537 Crato, £., Beiträge zjir Anatomie und Physiologie des Elementar- organismus. (Mit Tafel XII— XV.) III. 407 Heinricher, Dr. E., Anatomischer Bau und Leistung der Saugorgane der Schuppenwurz-Arten. {Lathraea Clandestina Lam. und L. Sqvamaria L.) (Mit Tafel V— XI.) 11.315 Kirchner, Prof. Dr. 0., Die Wurzelknöllchen der Sojabohne. (Mit Tafel I.) II. 213 Rosen, F., Beiträge zur Kenntniss der Pflanzenzellen. III. Kerne undKernkörperchen in meristematischen und sporogenen Geweben. (Mit Tafel II, III und IV.) II. 225 Rothert, Dr. W., Privatdozent an der Universität Razan. Ueber Heliotropismus. (Mit 60 Abbildungen im Text.) I. 1 Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Herausgegeben von Dr. Ferdinand Colin. Siebenter Band. Erstes Heft. Mit 60 Abbildungen im Text. Breslau 1894. J. U. Klem's Verlag (Max Müller). Inhalt von Band VII, Heft I. Ueber Heliotropismus. Von Dr. W, Rothert^ Privatdocent an der Universität Kazan. (Mit 60 Abbildungen im Text.) i>- WeW YüKK »üTANlCAi« lieber Heliotropismus. Von Dr. W. Rothert, rrivatdocent an. der Universität Kazan. Mit 60 Abbildungen im Text. Inlialt. Seite Verzeicliniss der zn citireuden Literatur i I. Einleitung. § 1. Darwin's Angaben über localisirte heliotropische Empfindlichkeit und Fort- pflanzung der heliotropischen Reizung bei Keimlingen 3 § 2. Wiesner's Einwände gegen Darwin und Kritik derselben 6 § 3. Disposition der Arbeit 10 II. Methodisches. § 4. Vorbereitung des Materials 12 § 5. Beleuchtungsbedingungen und Temperaturverhältnisse 15 § 6. Die Verdunkelung der Spitze der Organe. Beurtheilung der Zuverlässigkeit der Methode 17 § 7. Die Methoden zur Verdunkelung des Untertheils der Organe. Beurtheilung ihrer Zuverlässigkeit 19 § 8. Die Messung der heliotropischen Neigung. Die Anfertigung der Zeichnungen 23 III. Versuche mit Keimlingen von Gramineen (ausser Paniceen). A. Bau nnd Eigenschaften des Cotyledo. ' § 9. Form und anatomischer Bau des Cotyledo 25 § 10. Wachsthum desselben; Circumnutation 27 ^ § 11- Verlauf der heliotropischen Krümmung 29 ^f § 12. Oscillationen bei der heliotropischen Krümmung der Keimlinge von Avena sativa und anderer Objecto 31 VI Seite B. Die Tcrtlieiluiig der hcliotropischen Einpfludlichkeit im Cotyledo. § 13. Ausgewählte Versuche 34 5} 14. Weitere Belege. Versuch am Klinostaten 38 !; 15. Zusainincnstellung und Forinulirung der Ergebnisse mit Aveim sativa und Fhalaris cavariensts 40 § 16. Vergleich mit den Ergebnissen Darwin 's. Widerlegung möglicher Ein- wände gegen meine Versuchsanstellung 41 § 17. Nachweis der ungleichmässigenVertheilung der heliotropischen Empfindlich- keit mittels anderer Methoden 43 § 18. Die Verthciiung der heliotropischen Empfindlichkeit im Untertheil des Cotyledo 46 § 19. Bestimmung der Länge der vorzugsweise empfindlichen Spitze 48 !; 20. Ist die ungleichmässige Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo durch die Schwerkraft inducirt? 50 C. Die Fortpflanzung der lieliotropisclien Reizung. § 21. Präcisirung der Fragestellung. Gelegentliche Beobachtungen. Besprechung der Angaben Darwin's 50 § 22. Directer Nachweis der Fortpflanzung der heliotropischen Reizung 53 § 23. Ueberwindung der directen heliotropischen Reizung des Untertheils des Cotyledo durch die von der Spitze aus zugeleitete Reizung 57 § 24. Reizfortpflanzung von einer Zone des Untertheils des Cotyledo aus 60 § 25. Kann sich die heliotropische Reizung auch in acropetaler Richtung fortpflanzen? 62 § 26. Der Weg der Reizfortpflanzung 63 § 27. Versuche mit den Keimlingen einiger anderer Gramineen 66 IV. Versuche mit den Keimlingen von Paniceen. § 28. Bau und Eigenschaften der Keimlinge 67 § 29. Nachweis, dass nur der Cotyledo heliotropisch empfindlich ist 71 § 30. Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo 73 § 31. Directer Nachweis der Fortpflanzung der heliotropischen Reizung vom Cotyledo zum Hypocotyl 75 § 32. Versuche mit Sorghum vulgare 75 V. Versuche mit Dicotylen-Keimlingen. A. Eigenschaften der Keimstengel. § 33. Wachsthumsvertheilung 77 § 34. Verlauf der heliotropischen Krümmung 80 B, Die Vertlieilung der lieliotropisclien Empfindlichkeit im Eeimstengel. § 35. Ausgewählte Versuche nnt Brassica Ä^apus, AgrostemmaGithago und Vicia sativa 82 § 36. Besprechung der Ergebnisse Darwin's mit Brassica oleracea. Zu- sammenstellung meiner Ergebnisse 85 § 37. Besprechung der Fehlerquellen der Versuchsanstellung 88 § 38. Verdunkelung der Spitze schon gekrümmter Keimstengel 91 § 39. Bestimmung der Länge der vorzugsweise empfindlichen Spitze des Keimstengels 92 § 40. Aufhebung der ungleichmässigen Vertheilung der heliotropischen Empfind- lichkeit mit dem Alter (bei Vicia sativa) 93 § 41. Versuche mit Daucus Carota und Linum usitatissimum 94 § 42. Versuche mit Tropaeolum minus 95 § 43. Versuche mit Solanum Lycopersicum und C'oriandrum sativum. Zusammen- fassung der Ergebnisse des Abschnittes 97 V II ■ Seite C. Die Fortpflanzniig der heliotropischen Reiznng. § 44. Versuche mit Cruciferen 99 § 45. Desgleichen, Versuch am Klinostaten 101 § 46. Ueberwindung der directen heliotropischen Reizung des Untertheils des Keimstengels durch die von der Spitze aus zugeleitete Reizung 103 § 47. Versuche mit Tropaeoluvi minus und einigen anderen Ohjecten 105 § 48. Versuche mit Agrostemma Githago 106 § 49. Versuche mit Vicia sativa 109 § 50. Versuche mit Vicia sativa. Fortsetzung 112 VI. Versuche mit Blättern und Blattstielen. § 51. Allgemeines über die Untersuchung der Organe entwickelter Pflanzen... 115 § 52. Versuche mit Sämlingsblättern von Allinm Cepa 116 § 53. Versuche mit Blättern austreibender Zwiebeln von Allium Cepa 118 § 54. Versuche mit Blattstielen von Tropaeolum minus 120 § 55. Versuche mit Blattstielen einiger anderer Pflanzen 124 VII. Versuche mit Stengelorganen. A. Allgemeiiies. § 66. Wachsthumsweise und Krümmungsfähigkeit der Stengel. Zur Beurtheilung der Versuche über die Fortpflanzung der heliotropischen Reizung. Be- sprechung einer Angabe Wi esner's 125 B. Vertheilung der Iieliotropisclien Empflurtlichkeit. § 57. Versuch mit Dahlia variabilis 129 C. Die Fortpflanznng der heliotropischen Reizung. § 58. Versuche mit Vicia sativa, Dahlia variabilis, Urtica dioica u. A 130 § 59. Versuche mit Linum usitalissimum, Coleus spec. und Brodiaea congesta . . 133 § 60. Versuche mit Oalium purpureum 137 VIII. Ueber das „Zugwachsthum". § 61. Darlegung und Besprechung der Hypothese Wiesner's 141 § 62. Nachweis, dass die heliotropische Krümmung ohne Mitwirkimg von „Zug- wachsthum" ihren normalen Verlauf nimmt 145 § 63. Nachweis , dass selbst eine relativ bedeutende einseitige Belastung kein „Zugwachsthum" bewirkt 147 § 64. Wiederholung des Wiesner'schen Klinostatenversuchs 149 IX. Ueber die Beziehungen zwischen Wachsthumsintensität, Krümmungsfähigkeit, Reizbarkeit und Empfindlichkeit. § 65. Ist die ganze wachsende Region krümmungsfähig? 152 § 66. Fällt der Ort der stärksten Krümmung mit demjenigen des intensivsten Wachsthums zusammen? 156 § 67. Ueber den Begriff der Krümmungsfähigkeit und die Möglichkeit einer Be- stimmung derselben 158 § 68. Die Factoren der Krümmungsfähigkeit. Nachweis, dass der Grad der heliotropischen Empfindlichkeit einer der Factoren ist 161 § 69. Ueber den Unterschied zwischen heliotropischer Empfindlichkeit und Reiz- barkeit 164 yiii Seite § 70. lieber directe und iiidirecte Reizbarkeit 166 § 71. Ueber den Einfluss der Reizbarkeit und der Eniplindliehkeit auf die Krümaiungsfähigkeit 169 vj 72. Aufstellung einer Formel für die Abhängigkeit der Krümmungsfähigkeit von ihren Factoren 170 § 73. Nachweis, dass im Cotyledo der J'aniceeii die heliotropisehe EmpSndliehkeit und Reizbarkeit auch nach dem Erlöschen des Waehsthums fortbestehen 173 § 74. Nachweis der gleichen Thatsache für einige andere Objecte 178 § 75. Ueber die Anwendbarkeit der für den Heliotropisnuis gewonnenen Er- gebnisse auf sonstige Reizbewegungen 180 § 76. Ueber die vermuthliche Identität der Reizung bei verschiedenen Reiz- bewegungen. Terniinologisches 184 § 77. Ueber die Vertheilung der geotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo der Gramineen und die Fortpflanzung der geotropischen Reizung 187 X. Ueber die Wirkungen der Decapitation bei Gramineen- Keimlingen. § 78. Constatirung der zeitweiligen Aufhebung der Krümnunigsfähigkeit infolge der Decapitation 191 § 79. Die Verminderung der Wachsthumsintensität 193 § 80. Die Aufhebung der heliotropisehen und geotropisclien Empfindlichkeit. Theo- retische Sehlussfolgerungen 196 § 81. Die Wiederherstellung des normalen Zustandes 200 § 82. Die Durchschneidung des Cotyledo wirkt als eine Reizursache mit zwei verschiedenen Folgen 202 § 83. Wie weit pflanzt sich die Reizung von der Schnittfläche aus fort? 203 § 84. Hat jede beliebige Verwundung des Cotyledo die gleichen Folgen? 204 § 85. Die Folgen der Decapitation bei den Keimlingen von Brassica Napus. Schlussbemerkung , 206 XI. Zusammenfassung der wichtigeren Resultate 209 Verzeichniss der zu citirenden Literatur. (Tn den Citaten bezeichnet die erste fettgedruckte Zahl die Nummer der Arbeit in diesem Verzeichniss, die zweite die Seitenzahl.) 1) Batalin, in Flora, 1871, S. 244. 2) Brunchorst: Die Function der Spitze bei den Richtungsbewegungen der Wurzeln. 2. GaUanotropismus. (Berichte der Deutschen Botanischen Ge- sellschaft, 1884, S. 204—219.) 3) Correns: lieber die Abhängigkeit der Reizerscheinungen höherer Pflanzen von der Gegenwart freien Sauerstoffs. (Habilitations.schrift, Tübingen, 1892. Auch in Flora 1892.) 4) Darwin, Gh.: Insectenfressende Pflanzen. Aus dem Englischen übersetzt von J. V. Carus. (Stuttgart, 1876.) 5) Darwin, Ch. und Fr.: Das Bewegungsvermögen der Pflanzen. Aus dem Englischen übersetzt von J. V. Carus. (Stuttgart, 1881.) 6) Detlefsen: Ueber die von Darwin behauptete Gehirnfunction der Wurzel- spitze. (Arbeiten aus dem Botanischen Institut in Würzburg, Band II, 1882, S. 627-647.) 7) Frank: Lehrbuch der Botanik. Band I. (Leipzig, 1892.) 8) Hegler: Ueber den Einfluss des mechanischen Zugs auf das Wachsthum der Pflanze. 1892. (Cohn, „Beiträge zur Biologie der Pflanzen", Band VI, Heft 3.) 9) Krabbe: Zur Kenntniss der fixen Lichtlage der Laubblätter. (Pringsheim's Jahrbücher, Band XX, 1888.) 10) Molisch: Untersuchungen über den Hydrotropismus. (Separatabdruck aus den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, Band 88 Abtheilung I, 1883.) 11) Müller (-Thurgau), H. : Ueber Heliotropismus. (Separatabdruck aus Flora, 1876.) 12) Noll: Ueber heterogene Induction. (Leipzig, 1892.) 13) Oliver: Ueber Fortleitung des Reizes bei reizbaren Narben. (Berichte der Deutschen Botanischen Gesellschaft, 1887, S. 162—169.) 14) Pfeffer: Pflanzenphysiologie, Bd. II: Kraftwechsel. (Leipzig, 1881.) 15) Sachs: Ueber Wachsthum und Geotropismus aufrechter Stengel. (Flora, 1873. S. 321—331.) 16) — Ueber orthotrope und plagiotrope Pflanzentheile. (Arbeiten aus dem Botanischen Institut in Würzburg, Band II, Heft 2, 1879, S. 226—285.) 17) — Vorlesungen über Pflanzenphysiologie. Zweite Auflage. (Leipzig, 1887.) Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen, Bd. VII. Heft I. 1 18) Seh we lulpnor iiiul Ki-ahhe: Unteisuclinngeii lilter die Orientiningstoräioncn der Blätter und BliitliPii. (Aii'j den Atiliandhmgen der Akademie der Wissen- schaften in Berlin, 1892.) 19) Vüclitiiiti;: Ueher die Lielitstelliing dei- Laubbliitter. (Botanische Zeitung, 1888, No. 32-35.) 20) Wiesner: Die undnlirende Nutation der Internodien. (Separatabdruck aus den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, Band 77 Abtheilung I, 1878.) 21) — Die hcliotropisrhr-n Erscheinungen im Pflanzenreiche, l'heil I. 1878. (Separatabdruck au.s den Denkscbiiften der AViener Akademie, Band 39.) 22) — Dasselbe, Tiicil II, 18S0. (Separatabdruck aus den Denksehiiften der Wiener Akademie, Band 43.) 23) — Das Bewegungsvermögen der Pflanzen. (Wien, 1881.) 24) — Untersuchungen über die Wachsthumsbevvegungen der Wurzeln, (Sitxungs- berichte der Wiener Akademie, Band 89 Abtheilung I, 1884.) 25) Wortmann: Studien über geotropische Nachwirkungserscheinungen. (Botanische Zeitung, 1884, S. 705-713.) I. Einleitung. D ie der vorliegemlen Arbeit zu Grunde liegenden Untersuchungen wurden voQj November 1891 bis Juni 1892 im Leipziger Botanischen Institut aus- geführt. Ich rauchte gleich Eingangs die Gelegenheit ergreifen, dem Leiter des Instituts, Herrn Geheimrath Prof. Dr. W. Pfeffer, meinen aufrichtigen Dank auszusprechen für die wissenschaftliche Anregung, welche er mir zu Theil werden Hess, das Interesse, welches er meiner Arbeit entgegenbrachte, sowie für die Liberalität, mit der er mir die Hilfsmittel des Instituts zur Verfügung stellte. Eine vorläufige Mittheilung habe ich in den Berichten der Deutschen Botanischen Gesellschaft (1892, Heft 7, S. 374) publicirt; seitdem ist au Pieobachtungen nur noch wenig hinzugekommen, meine theoretischen An- schauungen haben sieh aber in gewissen Hinsichten etwas geändert. Meine Untersuchungen umfassen niclit, wie es nach dem der Kürze halber gewählten Titel scheinen könnte, das ganze Gebiet des Heliotropismus, sondern betreffen in erster Linie die Fortpflanzung der heliotropisclien Reizung; sie streifen aber auch verschiedene andere Fragen, und die theoretische Verwerthung der gewonnenen Resultate führt zu einigen all- gemeineren, nicht blos auf den Heliotropismus sich beschränkenden Schluss- folgerungen. § 1. Dass eine heliotropische Reizung sich fortpflanzen könne, wurde zuerst von Ch. Darwin behauptet. In seinem in so mancher Hinsicht bahn- brechenden „Bewegungsvermögen der Pflanzen" (5, 400 — 415) theilt Darwin unter anderem auch höchst bemerkenswerthe Beobachtungen über die Localisation der heliotropischen Empfindlichkeit in den Organen gewisser Keimlinge mit; ich gebe im Folgenden nur eine kurze Uebersicht der wichtigsten Versuche Darwin' s, auf deren Details ich ohnehin im Laufe der vorliegenden Arbeit noch mehrfach einzugehen haben werde. Darwin' s Haupt-Untersuchungsobject war der Cotyledo von Phalaris canariensis. Bei einseitiger Beleuchtung krümrat sich derselbe schnell und sehr stark lichtwärts, wobei schliesslich der Obertheil sich in geneigter Lage geradestreckt und die Krümmung sich auf den Untertheil beschränkt. Wird aber die Spitze des Cotyledo durch eine aus Stanniol angefertigte Kappe oder durch eine geschwärzte Glaskappc vollkommen verdunkelt, so bleibt der Cotyledo selbst bei andauernder einseitiger Beleuchtung meist ganz gerade. l* Aus solchen, verschieilenartlg varilrton Verwuchen zieht Darwin den Rchlusa, das3 nur der obere Theil dea Cotyledo gegen einseitige Beleuchtung em- pfindlich ist, und er sagt (1. c, 405): ,,Wir müssen daher folyern, dass, wenn SämVtnyt' einem seitliclien Lichte frei ausgesetzt sind, ein ge- wisser Einßuss von dem oberen Theil nach dem unteren hingeleitet wird, ivelcher die Ursache ist, dass sich der letztere biegt''. — Im Ganzen dasselbe Resultat erhielt Darwin auch mit den Cotyledonen von Ävena sativa. Wurden Keimlinge von Phalaris in feinem feuchtem Sande cultivirt, so beobachtete Darwin wiederholt, dass sich der Cotyledo auch in seinem unterirdischen, also verdunkelten Basaltheil deutlich liclitwärts krümmte, und zwar bis zu einer Entfernung von melireren mm unter die Bodenober- fläche hinab; dabei liess derselbe hinter sich eine kleine, sciiarf contourirte sichelförmige Furche im Sande zurück. Ferner untersuchte Darwin junge Hypocotyle von Brassica oleracea und Beta vulgaris, und fand auch hier nur den oberen Theil gegen ein- seitige Beleuchtung empfindlich. Wurde das Hypocotyl mit durchsichtigem und sehr biegsamen Goldschlägerhäutchen umwickelt und dieses im oberen Theil von aussen geschwärzt, so krümmten sich die Keimlinge nicht licht- wärts, während eine starke LichtwärtskrUmmung des Untertheils eintrat, wenn das Goldschlägerhäutchen nicht geschwärzt war. Auch bei diesen Objeeteu wurde mitunter beobachtet, dass die heliotropische Krümmung sich einige mm weit unter die Bodenoberfläche hinab erstreckte. Ausser der Verdunkelung der Spitze wandte Darwin in einigen Ver- suchen (mit Phalaris und Brassica) auch noch ein anderes Verfahren an, um den Einfluss der einseitigen Beleuchtung der Spitze auf den Untertheil der Keimlinge zu eliminiren; er schnitt nämlich einfach eine mehrere Milli- meter lange Spitze des Cotyledo resp. des Hypocotyls ab. Es ergab sich, dass die geköpften Keimlinge auf einseitige Beleuchtung nicht reagirten. Auch dies sieht Darwin, allerdings nicht ohne einigen Vorbehalt, als einen Beweis dafür an, dass die heliotropische Krümmung des Untertheils dieser Organe nur durch einen von der Spitze aus zugeleiteten Einfluss verursacht wird. Ich werde jedoch in dem Kapitel X der vorliegenden Arbeit zeigen, dass ein solcher Schluss unzulässig ist, indem das Abschneiden der Spitze nicht blos den Einfluss der heliotropischeu Reizung derselben auf den Unter- theil des Keimlings eliminirt, sondern überdies auch die Eigenschaften des Stumpfes sehr wesentlich modificirt. Endlich hat Darwin auch noch die bekanntlich apheliotropische ') Keim- wurzel von Sinapis alba in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen. *) Bekanntlich hat Darwin in seinem „Hewegtingsvermögen" die Ausdrücke „apheliotropisch" und ,,apogeotropiseh" für negativ helio- und geotropisch, .,diahelio- tropisch" und „diageotropisch" fiir transversal helio- und geotropisch eingeführt, während er für positiv helio- und geotropisch die einfachen Bezeichnungen „helio- tropisch" und „geotropisch" reservirte. Es ist wohl nicht zu leugnen, dass diese Nach Zerstörung der Wurzelspitze in einer Ausdehnung von weniger als 1 mm durch Höllenstein hörte die Mehrzahl der Wurzeln auf gegen ein- seitige Beleuchtung zu reagireu, obgleich dieselben zu wachsen fortfuhren. Der hieraus gezogene Schluss, dass nur die Spitze der Wlirzelchen helio- tropisch empfindlich ist, ist ebenfalls unzulässig, denn es ist mindestens sehr wahrscheinlich, dass die Zerstörung der Spitze durch Höllenstein dieselbe Wirkung hat, wie das Abschneiden derselben. Seine Beobachtungen zusammenfassend (5, 414), hält es Darwin für einen bei Keimlingen wahrscheinlich gewöhnlichen Fall, ,,dass die Be- leuchtmig des oberen TJieils die Krümmung des imteren Theils be- stimmt'". Ob hingegen eine derartige Beeinflussung auch bei Organen ent- wickelter Pflanzen vorkommt, scheint ihm ,,(msserst zweifelhaft'', da er fand, dass die Verdunkelung der Spitze junger Stengel von Äsparagus ofßcinalis . sowie die Verdunkelung der Blattlamina bei Troimeolum majus und bei Ranuncuhis Ficaria den Untertheil des Stengels resp. den Blattstiel nicht hinderte, sich in ganz normaler Weise heüotropisch zu krümmen. Das Resultat der Versuche und Beobachtungen Darwins können wir fülgenderraassen zusammenfassen: In den Organen verschiedener Keimlinge ist nur die Spitze (resp. der obere Theii) heliotropisch empfindlich; von hier aus pflanzt sich die heliotropische Reizung weiter im Organ fort und veranlasst eine starke Krümmung im Untertheil des- selben, welcher selber der heliotropischen Empfindlichkeit ganz ermangelt. Die hervorragende Bedeutung dieser Entdeckung für die Physiologie des Heliotropisraua springt in die Augen, und in seinem bald darauf erschienenen Handbuch verwcrthet Pfeffer diese (und andere analoge) Angaben Darwin's in ausgiebiger Weise für theoretisch wichtige Schlussfolgerungen (14, an verschiedenen Stellen des Kapitels über Richtuugsbewegungen, S. 295 — 359). Terminologie bequemer i«t, als die sehwerlälligc Rezeiehmiiigsweise mit positiv, negativ und transversal; sie liat aber, worauf aucb von mehreren Seiten hingewiesen worden ist, den wesentlichen Nachtheil, dass dabei die nicht zu entbehrenden neutralen Ausdrücke verloren gehen, und hierin ist wohl auch der einzige Grund zu sehen, warum die Darwin 'sehe Bezeichnungswei.se sich nicht eingebürgert hat. Diesem Uebelstande lässt sich nun aber leicht durch eine kleine Ergänzung ab- helfen, die ich hiermit vorschlagen möchte. Dieselbe besteht darin, für die positive Richtung die Zusammensetzung mit ,,pros-" einzuführen (ganz analog der Zusammen- setzung mit ,,apo-" für die negative Richtung); „prosheliotropisch" und „pros- geotrojiiscli" wären hiernach gleichbedeuteiul mit positiv heliotropisch resp. geotropisch (ebenso natürlich auch bei anderen entsprechenden Ausdrücken), und die nicht zu- sammengesetzten Ausdrücke würden ihre übliche neutrale Bedeutung behalten. Ich hoffe, dass diese unbedeutende Neuerung, welche die Darwin 'sehe Bezeiehnungs- weise annehmbar macht, nicht den Unwillen der Feinde neuer Termini erregen wird, da der ISimi der neuen Bezeichnungen wohl ohne Weiteres verständlich ist, und daneben auch die alten Bezeichnungen sehr wohl im Gebrauch bleiben können, wo immer dies bequemer erscheinen mag. ■ § 2. Die Angaben Darwin's, welcho manclien damals noch weit- verbreiteten Anschauungen stracks zuwiderliefen, sollten nicht lange un- widersprochen bleiben. Schon im folgenden Jahr nach dem Darwin'schen Werk erschien unter dem gleichen Titel eine Schrift von Wiesner (23), in welcher fast sämmtliche Resultate Darwin's, darunter auch die oben referirten, kritisirt und verworfen werden. Die Möglichkeit der Fortpflanzung einer heliotropischen Reizung wird von Wiesner auf's Entschiedenste be- stritten. Es sei aber im Voraus bemerkt, dass Wiesner's Kritik allenfalls nur demjenigen überzeugend erscheinen kann, der das betretlende Kapitel des Darwin'schen Werkes nicht gelesen oder nicht mehr in frischer Er- innerung hat. Wer aufmerksam und vorurtheilsfrei die Argumente beider vergleicht, dem lelirt die Wiesner'sche Kritik vor allem, dass deren Autor in einer vorgefassten Meinung befangen ist. Wiesner argumentirt in der That in recht eigenthümlicher Weise. Vor allem übergeht er diejenigen Objecto, mit denen Darwin die zahlreichsten, verschiedenartigsten und auch überzeugendsten Versuche ausgeführt hat und auf die sich seine Schlussfolgerungen in erster Linie stützen, nämlich die Cotyledonen der Gramineen, fast ganz mit Stillschweigen, und beschäftigt sich fast ausschliesslich mit Brassica oleracea, welche bei Darwin nur eine relativ geringe Rolle spielt. Dies wird damit motivirt (1. c, 6U), dass ,yalle Blattgebilde im Vergleiche zu den Stengehi sich durch Com- plication ihrer Bewegungen auszeichnen"', und ,,dass man mit Stengeln leichter experimentiren kann''. Das ist nichts weiter als ein Sophisraa: das was Wiesner sagt, ist richtig für flache dorsiventrale Blatlorgane, passt aber ganz und gar nicht auf die orthotropeu, physiologisch radiären Gramineen -Cotyledonen, mit denen sich im Gegentheil entschieden be- quemer experimentiren lässt als mit den Keimstcngeln von Dicotyledoncn. Zunächst hält sich nun Wiesner an diejenigen Versuche Darwin's, in denen die Spitze des llypocotyls abgeschnitten oder durch directes Be- atreichen mit Tusche verdunkelt wurde, — Versuche, auf die Darwin sehr wenig Gewicht legt, indem er darüber nichts weiter sagt als (5, 410): „es ist aber nicht der Mühe iverth, diese Versuche mitzutheilen, ob- schon sie, soweit man sich auf sie verlassen kann, die folge^iden be- stätigen'^. In längerer Ausführung (23, Gl — 66) legt Wiesuer dar, dass die Versuche mit Abschneiden der Spitze nicht beweisend für die Darwin'sche Ansicht sind, was allerdings zutrifft. Die Versuche mit Tusche werden von Wiesner kurzweg verworfen, „iveil auch diese Art der Versuchs- anstellung zu roh ist, um irgendwelche sichere Schlussfolge zu erlauben" (1. c, 66). Das ist ein ganz unberechtigter Einwand; würde das Verfahren negative Resultate geben, so Hesse sich freilich einwenden, dass die Art und Weise der Verdunkelung nicht zuverlässig genug ist; wenn es aber ein positives Resultat (im Sinne Darwin's) giebt, so ist gar nicht einzusehen, wie dieses anders erklärt werden könnte als es durch Darwin geschah, — es müsste denn bewiesen werden, dass das Bestreichen des Obertheils des Hypocotyls mit Tusche im Stande ist, die Eigenschaften des Untertheils irgendwie zu raodificiren, was wohl als überaus unwahrscheinlich gelten kann. Jetzt erst wendet sich Wies n er gegen Darwin's hauptsächliche, oben kurz referirte Versuche mit Brassica oleracea. Er bestreitet nicht, dass die Lichtwärtskriimraung des Untertheils des llypocotjds durch die Be- leuchtung des oberen Theils bedingt wird; aber diese Abhängigkeit erklärt er anders als Darwin, nämlich auf Grund seines ,,Zugwachsthums". Von diesem von Wiesner angenomaienen ,,Zugwach8thum" wird noch in Kapitel VIII dieser Arbeit die Rede sein, daher kann ich mich hier kurz fassen. Die heliotropische Krümmung der Keimlinge beginnt in ihrem oberen Theil. Wenn dieser Theil sich bereits gekrümmt hat, so wirkt er auf den Untcrtheil als einseitige Last: er übt einen gewissen Druck auf die Licht- seite und einen gewissen Zug auf die Schattenseite desselben aus. Nun hat nach Wiesner eine solclie einseitige Zugwirkung des gekrümmten Obertheils ein ungleichmässiges Wachsthum der antagonistischen Seiten des Untertheils zur Folge, und zwar soll die gedehnte Schattenseite stärker als die ge- drückte Lichtseite wachsen ; in Folge dessen soll im Untertheil eine scheinbar heliotropische, in Wirkliclikeit aber durch eine ganz andere Ursache hervor- gerufene Krümmung zu Staude kommen. Dieses sogenannte „Zugwachsthum" unter dem EiuHuss des gekrümmten Obertheils, nicht aber die Fortpflanzung einer heliotropischen Keizuug vom Obertheil aus, verursacht es nach Wiesner, dass die Keimlinge sich nur dann lichtwärts krümmen, wenn auch ihr Obertheil beleuchtet ist. Nur darin stimmt Wiesner mit Darwin überein, dass auch er dem Untertheil des Hypocotyls die heliotropische Em- pfindliclikeit vollkommen abspricht. Seine Ansicht gründet Wiesner auf einen früher von ihm ausgeführten und in einer anderen Arbeit (21, 56—57) bereits beschriebenen Versuch mit Kressekeimlingen. Die einen Keimlinge standen aufrecht, andere rotirten um eine horizontale Achse, so dass die einseitige Wirkung der Schwerkraft, und folglich auch das „Zugwachsthum", ausgeschlossen war, und beide Gruppen von Keimlingen wurden mit horizontal einfallendem Licht einseitig beleuchtet; während nun die aufrecht stehenden Keimlinge sich in ihrer ganzen Länge lichtwärts krümmten, krümmte sich bei den rotirenden Keim- lingen nur der Obertheil, der Untertheil hingegen blieb gerade. Hieraus zog Wiesner den Schluss, dass der Untertheil der Keimlinge nicht helio- tropisch ist und dass seine Lichtwärtskrümmuug nur durch die einseitige Zugwirkung des gekrümmten Obertheils hervorgerufen wird. Auf diesen Versuch beruft sich Wiesner jetzt und fügt hinzu, dass die KohlUeiralinge kein anderes Verhalten als die Kressekeimlinge zeigen, wenn sie bei einseitigem Licht um eine horizontale Achse rotiren. Waren die Keimlinge nur 1 — 1,5 cm hoch, so krümmten sie sich in ihrer ganzen Länge oder bis zu "/a hinab; wenn sie aber 2—1 cm hoch waren, so krümmte sich nur der Va — V2 der Gesammtlänge umfassende Obertheil 8 (23, 72). — Diese Angabe, weit entfernt die Scliliissfolgeruugen Darwin's uiüzustossen, bietet vielmehr eine Bestätigung derselben gegenüber der von Wiesuer vorgenommenen Umdeutung. Denn Darwin hat seine Resultate an sehr jungen, nicht über V-i Zoll (= 1 'A cm) hohen Keimlingen von Brassica oleracea gewonnen; er sagt ausdrücklich (5, 409 — 410): „es ist nothivendif/, die Versuche an jungen Sämlingen von ungefähr eitlem halben Zoll oder noch etivas iveniger Höhe anzustellen, denn ivenn sie bis zu einem Zoll und darüber geivachsen sind, hört der basale Theil auf sich zu biegen^'. Und gerade für 1 — 1 V^ cm holie Keimlinge findet nun Wiesner, dass sie sich auch bei Rotation um horizontale Achse in der ganzen oder fast der ganzen Länge krümmen, dass also bei ihnen die Krümmung des Untertheils nicht durch „Zugwachsthum" bedingt, sondern thatsächlich heliotropisch ist. Derartige Rotationsversuche hat Wiesner auch mit Phalaris cana- riensis angestellt (23, 74). Das Resultat soll angeblich das gleiche gewesen sein; doch gibt Wiesner zu, dass hier der Unterschied zwischen den auf- rechten und den rotirenden nicht so erheblich war wie bei den Dicotylen- Keimlingen; ob er erheblich genug war, um daraufhin auch die mli Phalaris erhaltenen Resultate Darwin's allein durch „Zugwachsthum" erklären zu können, darüber äussert sich Wiesner leider nicht. Diese Versuche sind nebenbei (abgesehen von dem gleich zu erwähnenden) die einzigen, welche Wiesner mit Grammeen- Cotyledonen auszuführen für erforderlich ge- halten bat. Endlich bestätigt Wiesner (1. c, 77), dass die Keimlinge von Phalaris und Brassica bei ihrer Lichtwärtskrümmuug hinter sich eine Furche im Sande zurücklassen. Diese Thatsache fällt aber seiner Meinung nach nicht in die Wagschale „und beweist nur, dass die durch Heliotropismus und namentlich die durch das Zugwaclisthxim veranlasste Bewegung sich mit einer gewissen Kraft vollzieht'-'', die nach Wiesnor übrigens gewiss ,,nur eine geringe"- ist, da bei Cultur der Keimlinge in feiu- geschlämmtem Thon die Furcheiibildung nicht stattfindet. - - Auch hier muss also das ,, Zugwachsthum" herhalten, und es ist geradezu erstaunlich, was dasselbe alles soll leisten können; denn dass die bei der Furcheubildung im Sande entwickelte (selbstverständlich auf die Flächeneinheit zu berechnende) Kraft, namentlich in Anbetracht der cylindrischen Form der Keimlinge, keine „geringe", sondern im Gegentheil eine sehr bedeutende sein muss, bedarf, wie mir scheint, keiner Auseinandersetzung. Damit ist alles erschöpft, was Wiesner gegen die Beweiskräftigkeit der Versuche Darwin's geltend maciit. Seine Einwände laufen darauf hinaus, dass die von Darwin auf Reizfortpflanzung zurückgeführte Krüm- mung des Untertheils der Keimlinge möglicherweise durch „Zugwachsthum" bedingt gewesen sein könnte; dass dies thalsächlich der Fall war, ist durch Wiesner keiueswegs bewiesen worden, — ganz abgesehen von der hypo- thetischen Natur des „Ziigwachäthums" überhaupt, welches nichts mehr ist 9 als eine von Wiesner zur Erklärung einer bestimmten Beobachtung ge- machte, auf ihre Realität nicht geprüfte Annahme, wie an anderer Stelle dargelegt werden wird. Ein gewichtigeres Argument bilden, wenigstens anscheinend, einige Ver- suche, mittels deren Wiesner den directen Nachweis führen will, dass die directe Beleuchtung eines Organtheils keine Krümmung in einem benachbarten Theil des Organs hervorzurufen vermag, selbst wenn dieser zweifellos heliotropisch ist, — dass es also keine heliotropische Reizfortpflanzung giebt. Solche Versuche wurden gemacht mit Keimlingen von Brassica oleracea und Vicia sativa (23, 73 — 76), sowie mit Stengelorganen einiger entwickelter Pflanzen (l. c, 76); sie auch mit Gramineen-Gotyledonen zu machen, die wohl am ehesten ein positives Resultat versprachen, hat Wiesner unter- lassen. Diese Versuche werden von mir au den geeigneten Stellen besprochen und z. Th. controlirt werden, vorläufig genügt es zu bemerken, dass der aus ihnen gezogene Schluss sich als unrichtig erwiesen hat. Wie schon bemerkt wurde, ist die Opposition Wie sner's gegen Darwin's Schlussfolgcruug im Grunde genommen durch eine vorgefasste Meinung ver- ursacht: nach Wiesuer ist der Heliotropismus, ebenso wie der Geotropismus und alle analogen Erscheinungen, keine Reizersciieinuug, die Fortpflanzung der heliotropischen Reizung ist ihm folglich ein Absurdum ; darum muss Darwin unbedingt Unrecht haben. Wie Wiesner eigentlich den Begriff der Reizerscheinung begrenzen will, ist nicht leicht zu verstehen, denn auf weniger als einer Seite (33, 24 — 25) giebt er 4 verschiedene und von ein- ander unabhängige Charaktere einer Reizbewegung an, nämlich 1) dass sie ungemein rasch nach erfolgter Einwirkung der betreffenden äusseren Kräfte eintritt, 2) dass die Reizung sich fortpflanzt, 3) dass die Reizbewegungen auf Auslösungen schon vorhandener Spannkräfte beruhen, und 4) dass sie mit Wachsthum ,, selbstverständlich" nichts zu thun haben. Es fällt in die Augen, dass der Umfang dieser Merkmale ein sehr ungleicher ist, und dass eine ganze Reihe von Erscheinungen, die nach dem einen Merkmal zu den Reizbewegungen gehören, nach dem anderen von diesen ausgeschlossen werden müssten. Alle Terminologie ist ja freilich nur conventioneil, und falls Wiesner, wie es den Anschein hat, den Ausdruck ,, Reizbewegung" nur auf die Bewegungen der Mimosa, und ähnliche Fälle beschränken will, so ist das Geschmackssache; dann darf man aber nicht den obigen Punkt 2 als für die Reizbewegungen charakteristisch anführen, denn ob sich der Effect einer äusseren Kraft in einem Organ fortpflanzt oder nicht, kann doch offenbar für jeden einzelnen Fall nur empirisch festgestellt werden, und es könnte sehr wohl auch Reizbewegungen im Sinne Wiesuer' s geben, bei denen keine Fortpflanzung stattfände, und auch umgekehrt. Jetzt, wo die klare und consequent durchführbare Pfeffer 'sehe Definition der Reiz- erscheinungen als in der lebenden Substanz stattfindende Auslösungsvorgänge wohl ziemlich allgemein acceptirt ist, hat alles dies übrigens nur noch historisches Interesse. 10 § 3. Wir sehen, class durcli Wiesner 's Eiuwiüule die Resultate Darwln's keineswegs widerlegt, sondern nur in Zweifel gestellt worden sind; der Zweifel bezieht sich übrigens nur auf die Interpretation der Beobachtungen Darwin 's, während diese selbst von Wiesner nieist gar nicht controlirt w^orden sind. Die Frage über die Fortpllanzung der heliotropischen Reizung bedurfte somit zu ihrer Lösung neuer, sorgfältiger und kritischer Untersuchungen. Während nun aber gewisse andere, ebenfalls von Wiesner bestrittene Angaben und Schlüsse Darwin's eine ganze (aller- dings recht unfruchtbare) Literatur in's Leben riefen, ist merkwürdiger Weise unsere Frage, trotz ihres zweifellos grossen Interesses, im ganzen bis heutzutage in derselben Lage geblieben^ in der sie die genannten Autoren gelassen haben. Nur eine Specialfrage, nämlich die Frage, ob die Beleuchtung der Lamina eine heliotropische Krümmung des Blattstiels resp. des Gelenks veranlassen kann, ist seitdem von zwei Forschern behandelt worden. Vöchting (10) experimentirte mit Malvaceen-BläÜGrü und fand, dass Blattstiel und Gelenk zwar direct heliotropisch reizbar sind, dass ihre Bewegungen aber auch unter dem alleinigen Einiiuss der Beleuchtung der Lamina stattfinden können. Vöchting's Experimente sind zweifellos sehr interessant, aber eine völlig befriedigende Entscheidung liefern sie wohl kaum, da die JMethode der Ver- suchsanstellung nicht einwandsfrei ist und die Ergebnisse nicht frei sind von unaufgeklärt gebliebenen Widersprüchen, — Krabbe gelangt bei seinen Untersuchungen von PJiaseolus (9, 253 — 260) zu einem ganz abweichenden Resultat: er fand nämlich, dass das Gelenk sich krümmt, wenn es direct beleuchtet wird, dass es hingegen durch Beleuchtung der Lamina nicht becinflusst wird. Ich erwähne diese Angaben nur der Vollständigkeit halber; eine nähere Besprechung derselben ist hier nicht erforderlich, da die betreffende Frage in meiner Arbeit nicht behandelt wird. Vor allen Dingen musste über das Verhalten radiärer, prosheliotropischer Organe, welches den einfacheren Fall darstellt, Klarheit gewonnen werden; deren Untersuchung und die Lösung der im Anschluss hieran auftaueilenden Fragen nahm soviel Zeit in Anspruch, dass ich von der Ausdehnung meiner Untersuchungen auf dorsiventrale Organe vorläufig Abstand nehmen musste. Von Herrn Geheimrath Prof. Pfeffer darauf aufmerksam gemaclit, dass die Frage über die Fortpflanzung der heliotropischen Reizung noch ihrer Lösung harrt, wiederholte ich zunächst die Darwin'sclien Versuche mit Phalaris und Avena. Gleich Eingangs stellte sich heraus, dass diese Objecto sich nicht ganz conform den Angaben Darwins verhallen: die einseitige Beleuchtung der Spitze becinflusst zwar in hohem Grade die helio- tropische Krümmung des Unterthcils, aber auch dieser selbst ist, freilich in weit geringerem Grade als die Spitze, gegen einseitige Beleuchtung em pfindlich und krümmt sich auch dann heliotropisch, wenn die Spitze voll- kommen verdunkelt ist. Dieses Ergebniss gab zu einer Reihe von Special- fragen Veranlassung, welche am Cotyledo von Avefia, als dem günstigsten Object, gelöst wurden. Ferner gelang es mir den directen Beweis für die 11 Fortpflanzung der heliotropischen Reizung, welcher Darwin misslungen war, in ausreichender Weise zu führen, sowie einige diese Fortpflanzung be- treffende Specialfragen zu entscheiden. Den Versuchen mit den Cotyledonen dieser und noch einiger anderer Gramineen ist das Kapitel III der vor- liegenden Arbeit gewidmet. Weiter untersuchte ich die Keimlinge einiger Gramineen aus der Unter- familie Payiiceae, welche eigenartige und sehr bcmerkenswerthe Verhältnisse bieten (Kapitel IV), die Keimstengel zahheicher Dicotyledonen (Kapitel V), prosheliotropische Blätter und Blattstiele (Kapitel VI) und Stengelorgane entwickelter Pflanzen (Kapitel VII). Die Vertheiluug der heliotropischen Empfludlichkeit erwies sich in verschiedenen Fällen als verschieden, es wurden unter Anderem auch Organe gefunden, die in ihrer ganzen Länge gleichraässig heliotropisch empfindlich sind und bei denen die Krümmung des Untertheils durch die einseitige Beleuchtung der Spitze nicht verstärkt wird; das schliesst aber die Möglichkeit der Fortpflanzung der heliotropischen Reizung nicht aus, und ich konnte in der That den directen Nachweis dieser Fortpflanzung für sämmtliche untersuchte Objecte erbringen. Bei ge- wissen Objecten begegnete der Nachweis allerdings Schwierigkeiten, die haupt- sächlich durch die Untersuchungsmethode bedingt waren, schliesslich aber die Erzielung positiver Resultate nicht verhinderten ; bei zahlreichen anderen Objecten gelang hingegen der Nachweis leicht und in höchst schlagender Weise. Die Schlussfolgerungen aus den Versiiclien werden in den bisher er- wähnten Kapiteln unter der stillschweigenden Voraussetzung gezogen, dass das Wiesner' sehe ,,Zugwachsthura" beim Zustandekommen der beobachteten Krümmungen keine Rolle spielt, — eine Voraussetzung, deren Richtigkeit sich eigentlich schon aus einer ganzen Anzahl der betreflendeu Versuche von selbst ergiebt. Speciell ist dann aber noch der Zugwachsthumshypothese das Kapitel VIIL gewidmet, wo diese einer Kritik unterzogen und wo an der Hand besonderer Versuche des Näheren dargelegt wird, dass das „Zug- wachsthum" nicht nur au den beobachteten Erscheinungen unbetheiligt ist, sondern dass dasselbe überhaupt nicht existirt. Das Kapitel IX, welches gewissermassen den „Allgemeinen Theil" der Arbeit darstellt, enthält, neben einigen zu meinem Hauptthema nicht in directer Beziehung stehenden Versuchen, hauptsächlich eine Darlegung der theoretischen Ergebnisse, zu denen mich verschiedene, in mehreren Kapiteln zerstreute Versuchsresultate geführt haben, nebst Erörterungen darüber, in- wieweit die gewonnenen Resultate eine allgemeinere Giltigkeit beanspruchen dürfen. Hier wird u. A. der indlrecte Beweis geführt, dass auch die geotropische Reizung sich fortzupflanzen vermag. Das Kapitel X endlich beschäftigt sich mit den bemerkenswerthen und auch ein allgemeineres Interesse darbietenden Wirkungen, welche, wie ich bei Gelegenheit der Untersuchungen über die Verlheilung der heliotropischen Empfindlichkeit bei den Gramineen-lK^nwWn^im fand, das Abschneiden der Spitze des Cotyledo bei diesen Keimlingen zur Folge hat. 12 IL Methodisches. § 4. Tm im Fulgemlen den Gang der Darstellung möglichst wenig aufzuhalten, sei hier zunächst soweit als thunlich dasjenige mitgethcilt, was über die Vorbereitung und Ausführung der Versuche zu sagen ist. Vorbereitung des Materials. Bei den meisten meiner Versuche kam CS darauf an zu bestimmen, welchen Einfluss gewisse künstliche Ein- grille (z. B. Verdunkelung der Spitze) auf die heliotropische Krümmungs- fähigkeit der untersuchten Objecto haben; es musstc also nach Moglichkeil dafür gesorgt werden, dass die natürliche Krümmungsfäliigkoit der Versuchs- und der Vergleichsobjcctc gleich sei, damit die beobachtete Dilferenz that- sächlich nur die Wirkung des künstlichen Eingrifies darstelle. Diese Gleich- heit ist nun aber im allgemeiueu nicht gegeben. Die KrUramungsfähigkeit variirt nicht nur sehr erheblich mit der Entwickelungsphase der Objecte, sondern sie ist auch bei gleicher Entwickelungsphase individuell in weiten Grenzen variabel, — wofür in den specielleu Kapiteln Beispiele angeführt werden sollen. Aeusserliche Gleichheit bietet sehr wenig Garantie für Ver- glcichbarkeit in Bezug auf die heliotropischc Krümmungsfähigkeit, und der Vergleich zweier einzelner Individuen konnte leicht zu ganz irrthümlicheu Schlüssen führen; zur Erzielung zuverlässiger Wcrthe ist es daher erforderlich, in jedem einzelnen Versuch nicht nur mit möglichst gleichartigen, sondern überdies mit möglichst zahlreichen Objectcn zu experimentiren, und die Mittelwerthe der Bestimmungen, die bei den Gruppen gleich behandelter Objecte gefunden werden, mit einander zu vergleichen. Bei Versuchen mit Keimlingen lassen sich diese Forderungen durchführen, sie er- fordern aber eine sorgfältige Vorbereitung und Auswahl des Aussaat- materials. Ich verfuhr folgeudermassen. Die Samen wurden, eventuell (z. B. bei Ävena sativa) nach Enthülsung, in grosser Zahl in eine flache Wasser- schicht gelegt. Selbst wenn die Keimung sehr gleichmässig erfolgte, fanden sich 2 — 3 Tage später die Keimlinge in recht verschiedenem Grade ent- wickelt. Nun wurden die zurückgebliebenen oder nicht ganz normal ent- wickelten Keimlinge entfernt, die übrigen nach ihrem Entwickelungsgrade sortirt, und jeder Satz, möglichst gleichartiger Keimlinge wurde auf einige kleine Töpfe mit gleichmässig feucliter gesiebter Gartenerde vertheilt; die Töpfe blieben dann im Dunkeln stehen, bis sich die oberirdischen Theile der Keimlinge genügend entwickelt hatten. So gelang es bei einer Aussaat von ca. 100 oder mehr Samen mehrere Sätze von Keimlingen zu erzielen, in denen die Keimlinge untereinander nicht bloss gleich alt, sondern auch annähernd gleich gross waren (einzelne abweichende wurden entfernt) ; die Keimlinge eines solchen homogenen Satzes wurden für den Versuch in Gruppen getheilt, von denen die einen als Versuchs-, die andern als Ver- gleichsobjecte dienten; jede Gruppe umfasstc in der Regel 1 — 10 ExemplarCc 13 Für manche Versuche, für welche besonders zahh-eiche Keimlinge erforderlich waren, konnte auf diese Weise völlig gleichartigea Material in genügender Menge nicht erlangt werden; in solchen Fällen sorgte ich wenigstens dafür, dasä die verschieden grossen Keimlinj^e gleichmässig auf die einzelneu Gruppen vertheilt wurden. Beim Operiren mit Dicotylen Keimlingen hat man ferner noch zu beachten, dass es nicht einerlei ist, von welcher Seite man dieselben beleuchtet. Der Keimstengel trägt hier eine nickende Knospe (unter diesen Ausdruck sub- summireich auch die Cotyledoneu resp. Primärblätter): ich will mit Wiesner diejenige Seite des Keimstengels, welche der nickenden Knospe zugewandt ist, als Vorderseite, die entgegengesetzte als Hinterseite bezeichnen. Es ist nun eine bekannte Thatsache, dass vielen dicotylen Keimlingen eine autonome Nutation eigenthümlich ist, welche die Ilinterseite des Keimstengels concav zu machen strebt; bei vielen Species ist diese autonome Nutation vom Licht unabhängig, bei einigen aber, — sehr deutlich z. B. bei Pharhitis Ins- X)ida, — ist Beleuchtung eine Bedingung für ihr Zustandekommen (hier hat das Licht eine Wirkung der gleichen Art wie bei der sog. Photoepinastie). Wird nun ein solcher autonom in ganz bestimmter Ebene sich krümmender Stengel einseitiger Beleuchtung ausjfesetzt und zu heliotropischer Krümmung ver- anlasst, so werden sich offenbar .die beiden von einander unabhängigen Krüm- mungen in verschiedener Weise mit einander combiniren müssen. Ist die Hinter- seite des Keimstengels beleuchtet, so summiren sich beide Krümmungs- bestrebungen und es resultirt eine stärkere Krümmung, als der Heliotropismus allein hervorgerufen hätte ; bei Beleuchtung der Vorderseite wirken sie einander entgegen, die heliotropische Krümmung wird also vermindert und kann eventuell garnicht in die Erscheinung treten. Ist endlich die eine Flanke beleuchtet (welclie Stellung ich als normale Orientirung des Keimstengels bezeichnen werde), so wirken die beiden krümmenden Factoren in aufeinander senkrechten Ebenen, und das Resultat ist eine Krümmung des Keimlings in einer intermediären Ebene '); diese combinirte Krümmung kann in ihre Com- poneuten zerlegt werden: die Projection derselben auf die Symmetrieebene des Keimlings giebt uns die Nutationskrümmung, und die Projection auf die Ebene des Lichteinfalls die heliotropische Krümmung in ihrer reinen 1) Genau genommen wird die Krünimung nur dann in einer Ebene liegen, wenn autonome und heliotropisclie Kmmniungsrähigkeit in ganz gleicher Weise über die wacbsende Region des Keimstengels veitheilt sind und folglich in allen Theilen der- selben in dem nämlichen Vediältniss zu einander stehen; besteht diese Gleichheit nicht, ist z. B. in Folge bevorzugter heliotropischer Empfindlichkeit der Spitze das Verhältniss der heliotropischen zur autonomen Krümmungsfähigkeit im Obertheil des Keimstengels ein günstigeres als im Untertheil, so wird die Ablenkung von der Ebene des Lichteinfalls in jenem eine geringere sein als in diesem, — folglich wird der Keimstengel nicht eine ebene Curve, sondern eine Raumcurve beschreiben, wie das auch Wiesner (20, 8) beobachtet hat. Das tangirt übrigens die im Text ge- machten Betrachtungen nicht. u Form'). Sehr ansohnulicli sind diese Verliältnisse z. H. bei Pharhitis hisplda, wo Nntatioii'-kriimnuiiip: iiiul heliotropisi'he Kriimmnnt»; ungefähr gleich stark sind; bei der Mehrzahl der von mir iinterbuchteu Keimlinge ist hingegen der Einlluss der Nutaliou weit geringer als derjenige des Heliotropismua, die Ableiikinig der Kriimuningsebene von der Ebene des Lichtt'infalls ist fast unmerklich, und alsdann können wir ohne merklichen Fehler die vorhandene Krümmnng als rein heliotropische ansehen; während bei Beleuchtung von der Vorder- oder Ilinterseite die gleichzeitige Wirkung einer selbst schwachen Nutation den Grad der Krlimmung nicht unwesentlich beeinflussen könnte. Bei vielen Keimlingen mag vielleicht die in Frage stehende Nutation ganz fehlen, doch ist es sehr schwer dies sicher fest- zustellen; das Verhalten der Keimlinge im Dunkeln (wo z. B. Brassica NapHS kerzengerade aufrecht wächst) ist allein nicht entscheidend, da ja die Nutation an Beleuchtung gebunden sein kann; am Liclit aber kann eine schwache Nutation durch die individuellen Verschiedenheiten der helio- tropischen Krlimmungsfähigkeit verdeckt werden. Um vor Fehlern gesichert zu sein, ist es daher bei heliotropischen Versuchen mit Dicotylen-Keimlingen immer erwünscht, denselben die normale Orientirung zum Licht zu geben; und unbedingt erforderlich ist diese Vorsichtsmassrcgel dann, wenn fest- gestellt werden soll, ob überhaupt heliotropischo Krümmung stattfindet, — sonst würde man riskiren entweder eine Nutationskrümmuug für eine helio- tropische zu halten, oder aber keinen Heliotropismus zu finden, wo solcher thatsächlich vorhanden ist. Au3 dem Gesagten folgt, dass bei Versuchen mit Dicotylen-Keimlingen diese in jedem Topf nicht blos möglichst gleich gross, sondern über- dies mit ihren Symmetrie -Ebenen einander parallel gerichtet sein müssen. Ich suchte dies zu erreichen, indem ich die genügend weit ent- wickelten Keimlinge schon beim Einpflanzen so orientirte, dass ihre Symmetrie-Ebenen einander parallel standen; doch führte das nur theil- weise zum Ziel, denn mit fortschreitender Entwickelung änderte sich jedesmal die Lage der Symmetrie Ebene wenigstens bei einem Theil der ') Diese Verhältnisse wurden von H. Müll cm- (11, 3) im Wesciitllclien richtig erkannt und gewürdigt. Einen merkwürdigen Fehler in der Deutung der richtig beobachteten Thatsachen beging hingegen Wiesner (20). Die ungleiche Lichtwärts- krüniinnng der Keinistengel bei Beleuchtung von verschiedenen Seiten schreibt dieser Forscher nicht der Combination von Heliotropisnuis und autonomer Nutation zu, sondern einer ungleichen heliotropisehen Emptindliehlccit oder Krümnnmgsfähigkeit der verschiedenen Seiten des Keimstengels (1. c, 1, 31); desgleichen für Geotropismus. Und doch wird in der nämlichen Arbeit (S. 9, 13) das Bestehen eines autonomen, von einseitiger Licht- und Gravitationswirkung unabhängigen Krümnuingsbestrebens nachgewiesen, dessen Mitwirkung bei der heliotropischen und geotrnpischen Krümmung n(nhwendig lu den von Wiesner beobachteten Erscheinungen führen niuss, — so dass Wiesner' s Annahme einer verschiedenen helio- und geo- trnpischen Empfindlichkeit der verschiedenen Seiten des Keimstengels durcli die von ihm selbst beigebraclitea Thatsachen widerlegt wird. 15 Keimlinge^)- Es bleibt nichts anderes übrig, als entweder alle Keimlinge mit abweichender Symmetrie Ebene zu entfernen, oder aber si'ch damit zu begnügen, dass die Mehrzahl der Keimlinge eines Satzes normal orientirt sind, und die abweichend oricutirten gleichmässig unter die verschiedenen Gruppen zu vertheilen. Hat man es mit kleinen und leicht keimenden Samen zu thun (wie die meisten Paniceen, Brassica Najms)^ so kann man, um geeignetes Ver- suchsmaterial zu erlangen, auch ein einfacheres Verfahren einschlagen: man sät eine grosse Anzahl Samen in die Töpfe, und entfernt spriter alle die Keimlinge, welche aus irgend einem Grunde für den Versuch nicht geeignet sind, — was freilich den grössten Theil der Gesammtzahl ausmacht. In manchen Fiillen ist es zweckmiissig, die Ti)pfe zunächst eine Zeitlaug ein- seitig zu beleuchten, bis sich die meisten Keimlinge ziemlieh stark helio- tropisch gekrümmt haben; man entfernt dann alle bis auf eine Anzahl aus- gewählter, die bei gleicher Grösse sich auch ungefähr gleich stark dem Lichte zugeneigt haben, und hat so eine Garantie für annähernd gleiche Krümmungsfähigkeit der für den Versuch zu benutzenden Keimlinge; dies Verfahren habe ich bei den Pamcee?i-Keimliugen oft angewandt. •ö'^ § 5, Beleuchtungsbedingungen, Bei allen Versuchen, soweit sie nicht im Dunkelzimmer angestellt wurden (abgesehen nur von einigen Vor- versuchen), bediente ich mich heliotropischer Kammern aus mattschwarzem Carton, welche an der Vorderseite offen, an der Hinterseite mit einer licht- dicht schliessenden Thür versehen waren. Der grösste Theil der vorderen Oeflnung wurde noch mit mattschwarzem Carton verdeckt, so dass für den Eintritt des Lichts nur ein horizontaler Spalt von einigen cm Breite übrig blieb. Als Lichtquelle diente bei der grossen Mehrzahl der Versuche eine Argandlampe, welche unverrückt in einer Entfernung von 65 cm von den Vorderseiten der heliotropischen Kammern stand und deren Flamme eine constante Höhe hatte. Flamme, Spalt und Objecte befanden sich auf gleichem Niveau, die Objecte wurden also nur mit horizontal einfallendem Licht beleuchtet. Das Licht passirte eine grosse, Wasser enthaltende Cuvette mit parallelen, ca. 5 cw von einander entfernten Spiegelglaswänden. Bei den unten mitzutheilenden Versuchen gelangte, soweit nicht das Gegentheil bemerkt ist, durchgängig diese Art der Exposition zur Anwendung. Bezüglich der Aufstellung der Objecte sei noch folgendes erwähnt: Wenn l) Diese Aendenmg wird bewirkt durch Torsionen im Keimstengel ; dass solche Torsionen stattfinden und sogar sehr stark sein können, zeigte mir namentlich deutlich ein Versuch mit etiolirten Keimlingen von Lepidium sativum, welche behufs Bestim- mung der Wachsthumsvertheilung mit Tuschmarken von 2 zu 2 mm versehen worden waren; im Laufe von 24 Stunden erfuhr die 10 mm lange markirte Region bei den meisten Hypocotylen eine ansehnliche Torsion (erkennbar an der Anordnung der ursprünglich eine verticale Reihe bildenden Tuschmarken), welche bei einigen Keim- lingen fast 180" betrug. 16 nicht siimmt lichte in einom Topfe betiiiilliclie Olijecte geraile uml vertical standen, so wurde die Aufstellung so gewühlt, dass keines von ihnen im geringsten der Lichtquelle zugeneigt war; waren alle Objecte schon in einer bestimmten Richtung geneigt, so wurden sie so aufgestellt, dass die Neigung gerade von der Lichlquelle weg gerichtet war. Bei den ira Frühling und Sommer ausgeführten Versuchen diente meist anstatt der Gaslampe ein Ostfenster als Lichtquelle, im übrigen blieb die Versuchsanstelluug die nämliche, abgesehen von der UeberflUssigkeit der Cuvette mit Wasser. Je nach der lierrschenden Lichtintensität standen die Objecte entweder dicht am Fenster oder bis zu 3 ?n davon entfernt; wo nicht anders gesagt, ist Beleuchtung mit hellem Tageslicht gemeint. Während die Versuche mit Keimlingen stets im Laufe eines Tages zum Abschluss gebracht werden konnten, erwies sich bei den (meist mit Tages- licht ausgeführten) Versuchen mit Organen entwickelter Pflanzen eine vom Morgen resp. Nachmittag bis zum Abend dauernde Exposition mehrfach als für den erstrebten Zweck ungenügend. In solchen Fällen wurden die Pflanzen über Nacht an Ort und Stelle gelassen, so dass sie von Sonnenaufgang an nochmals mehrere Stunden lang einseitiger Beleuchtung ausgesetzt waren. In den Angaben über die Dauer der Exposition bei solchen Versuchen ist die Nachtzeit mit einbegriffen, so dass also die wirkliche Dauer der einseitigen Beleuchtung erheblich geringer ausfällt als die angegebene Stundenzahl. lieber die Versuche am Klinos taten, welche sämratlich im Dunkel- zimmer ausgeführt wurden, ist folgendes zu bemerken. Die für die Versuche bestimmten, sorgfältig ausgewählten Keimlinge waren in kleine Thonzellen mit feuchten Sägespänen gepflanzt, deren Oeftnung mit weitmaschigem Tüll verbunden wurde. An den vertical gestellten Deckel des Klinostatenkastens wurde eine Blechscheibe von 1 2 cm Radius angeschraubt, auf deren äusserer Fläche, in der Nähe des Randes, 5 radial gerichtete, federnde Blechhülsen zur Aufnahme der Thonzellen angelöthet waren; durch Verschieben der Thon- zellen in ihren Hülsen konnte der Scliwerpunkt der ganzen Vorrichtung centrirt werden. Die Keimlinge rotirten in verticaler Ebene, so wie die Zeiger einer Uhr mit vertikalem Zifferblatt, und waren somit der Einwirkung der Gravitation entzogen, während sie durch die in der Verlängerung der Uradrehungsachse befindliche Flamme einer Argandlarape continuirlich von einer und derselben Seite beleuchtet wurden. Was die Temperatur Verhältnisse anbetrifft, so herrschte in fast allen Versuchen gewöhnliche Zimmertemperatur (ca. 18**); bei den im Dunkel- zimmer ausgeführten Versuchen war die Temperatur meist höher, doch nicht über 23'\ Diese ein für alle mal gemachte Bemerkung genügt, und in den speciellen Kapiteln werde ich die Temperatur, welche bei den einzelnen Versuchen herrschte, nicht weiter berücksichtigen. 17 § G. Verdunkelung der Spitze. Zur Verdunkelung der Spitze bei den sich allmällg zuschärfenden Cotyledonen der Gramineen dienten vornehmlich, nach dem Vorgange Darwin 's, kleine aus Stanniol verfertigte Kappen : Stanniolstreifchen von passender Breite wurden in mehrfacher Schicht um eine Stecknadel oder um Drahtstücke von der erforderlichen Dicke ge- wickelt und das eine Ende des entstehenden Röhrchens sorgfältig zugekniffen. Die Kappen wurden entweder etwas breiter gemacht als das zu bedeckende Object und einfach lose auf dessen Spitze aufgesetzt (so namentlich bei zarteren Objecten, wie die Paniceen-KeimWuge), oder aber sie wurden ziemlich eng gewählt und mit einigem Druck auf die Spitze des Objects bis zu dem gewünschten, vorher durch einen Tuschstrich markirten Niveau auf- geschoben; die Kappen wurden in diesem Fall um einige mm länger ge- nommen als die in sie eingeschlossene Spitze des Objects, um letzterer freien Raum zum Wachsthum während des Versuches zu lassen (vergl. Fig. 1 1 & auf S. 37). Das zweite Verfahren gewährleistete einen völlig dichten An- schluss des unteren Randes der Stanniolkappe an das Object, was sicli jedoch als für den Zweck nicht wesentlich herausstellte. Die Stanniolkappen innen zu scliwärzen, wie es Darwin that, ist ganz überflüssig. a IV 1° h X y I n-b Fig. 1. I. Scheinatischer Längsschnitt durch einen Keimling von Avena sativa mit aufgesetzter „Papicrschürze". IIa und IIb. Querschnitte durch „Papierschürze" und Keimling in den Niveaus a und b der Zeichnung I. Ausserdem wurde noch eine aus mattschwarzera Papier verfertigte Vor- richtung benutzt, von der die Fig. 1 eine Vorstellung giebt. Sie bestand aus einem zweimal gebrochenen Papierstreifen, dessen kürzerer Obertheil mittelst Scheere und Leim in eine Art nur nach hinten offenes Kästchen verwandelt war; der herabhängende untere Theil, zunächst nur dazu be- stimmt, die Vorrichtung im Gleichgewicht zu halten, war längsgefaltet, und um seitliche Verschiebung zu vermeiden, waren seine beiden Ränder am unteren Ende durch ein angeklebtes abstehendes Papierstreifchen verbunden. In dem kurzen, unter 45 " geneigten Mittelstück wurde ein Loch eingestochen, gerade gross genug, um die ganze Vorrichtung (die ich kurz als „Papier- schürze" bezeichnen werde) mit etlicher Reibung einige mm weit auf die Spitze des Cotyledo aufzuschieben, wie Fig. 1^ im Längsschnitt darstellt. Fiel horizontales Licht in der Richtung ein, welche in Fig. 1' durch Pfeile angedeutet ist, so war der ganze Untertheil des Cotyledo voll einseitig be- Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bd. VII. Heft I. O 18 leuchtet, dagegen die iuiKästclicn cingosclilossciic Spitze völlig vcrclunkelt; durch das Loch im geneigten Mittelst iick konnte Licht in das Kästchen um so weniger eindringen, als sich das Loch selber, wie ersichtlich, schon im Schatten befand. Die Verschiedenheit meiner unten mitzutheilenden Ergebnisse über die Wirkung der Spitzenverdunkelung von den entsprechenden Resultaten eines so zuverlässigen Beobachters wie Darwin legt die Vermuthung nahe, ob die Dift'crenzen nicht einfach daher rühren, dass in meinen Versuchen die Spitze der Keimlinge nicht vollständig genug verdunkelt war. Ich sah mich daher veranlasst diesen Punkt einer sehr aufmerksamen Beachtung zu unter- ziehen und kann versichern, dass in dieser Hinsicht meine Versuchsanstellung keine merklichen Fehlerquellen aufweist. Zunächst überzeugte ich mich von der vollkommenen Undurchlässigkeit des benutzten Stanniols und schwarzen Papiers für Licht. Die Prüfung geschalt nicht nur direct mikroskopisch, sondern auch durch besondere physiologische Versuche. Keimlinge von Ävena sativa, welche schon auf sehr schwache einseitige Beleuchtung reagiren, wurden theils in mit einfacher Stanniolschicht umwickelte Glasröhren, theils in aus schwarzem Papier geklebte Röhren eingeschlossen, d. h. die Röhren wurden um die einzelnen Keimlinge herum mit ihrer Basis in die Erde des Topfes gesteckt, so dass sie vertical standen und dass von unten kein Licht eindringen konnte; die Röhren waren so breit, dass sie für eine sehr deutliche Krümmung der Keimlinge genügend Raum boten; sie endeten offen einige cm über der Spitze der Keimlinge. Die so verdunkelten Keim- linge wurden zusammen mit unverdunkelten Vergleichskeimlingen in der gewöhnlichen Weise cxponirt. Wenn die Vergleichskcimlinge bereits sehr stark heliotropisch gekrümmt waren, erwiesen sich die verdunkelten Keimlinge stets als vollkommen gerade. Sicher ist also, dass Stanniol sowohl (selbst in einfacher Schicht) als auch schwarzes Papier nicht dasjenige Quantum Licht durchlassen, welches im Stande wäre während der üblichen Versuchs- dauer eine merkliche heliotropische Wirkung bei einem der am meisten krümmungsfähigen Objecte hervorzurufen. Es bleibt also nur die Möglichkeit, dass von unten her etwas Licht zu dem verdunkelten Theil der Keimlinge dringen könnte, da hier freilich ein absolut dichter Schluss kaum erzielbar ist. Dies wäre aber nur reflectirtes Licht, und da die Erde in den Töpfen fast schwarz war und das horizontal einfallende Licht deren Oberfläche nur eben streifen konnte, so darf man die Menge des nach oben reflectirtn Lichts wohl als verschwindend klein ansehen; aber selbst wenn man dies bezweifeln wollte, so ist jedenfalls das Licht, welches auf diese Weise zum vordunkelten Theil des Keimlings ge- langen köinite, nicht mehr einseitig, und man beachte, dass die Aufgabe unserer Verdunkelungsvorrichtungen auch dann erfüllt wäre, wenn dieselben zwar nicht alles Licht überhaupt, wohl aber einseitiges Licht völlig aus- schliessen würden. Die letzten Zweifel endlich werden durch die in § 29 mitzutheilenden Versuche mit Payiiceen beseitigt, welche überzeugend dar- thun, dass selbst lose aufsitzende Stanniolkappen den Zutritt heliotropisch 19 wirksamen Lichts zu dem bedeckten Theil des Keimlings vollkommen aus- schliessen. Hei den Dicotylen Keimlingen kommt es, wie gezeigt werden wird, nicht auf die Verdunkelung der Knospe, sondern auf die Verdunkelung der Spitze des Keimstengels an. Die für die Oramineen-KelmWnge verwandten Vor- richtungen sind hier nicht anwendbar, und die Verdunkelung musste mittelst eines Stanniolverbandes bewerkstelligt werden, welcher in folgender Weise angelegt wurde. Ein Stauniolstreifchen von geeigneter Länge und Breite wurde um den Keimstengel gewickelt, so dass es ein enges mehrschichtiges Röhrchen bildete, und dieses Röhrchen wurde dann mittels Plncette vorsichtig bis an die äusserste Spitze des Keimstengels emporgeschoben {v^ Fig. 2). Da die äusserste Spitze gewöhnlich etwas verdickt ist, so wurde häufig schon hierdurch allein ein festes Anschliessen des Stanniolröhrchens an dessen oberem Ende erzielt; war das nicht der Fall, so wurde das Röhrchen am Ende, oder auch der ganzen Länge nach, mit der Pincette bis zu allseitig festem Anschliessen eingekniffen. Ein solcher Stanniolverband ist freilich ein bedeutend weniger zuverlässiges Verdunkelungsmittel als die bisher be- sprochenen; seine Mängel, die sich daraus ergebenden Fehler und deren mög- licher Betrag können aber erst an anderer Stelle erörtert werden. Ausser dem Stanniolverband und zuweilen gleichzeitig mit ihm, wie in Fig. 2 dargestellt, kamen ferner Stanniolkappen zur Verwendung, von solcher Breite,dass sie eben auf die Knospe aufgeschoben werden konnten, und von solcher Länge, dass sie ausser der Knospe noch einige mm des Keimstengels verdunkelten (k, Fig. 2). Fig. 2. Ein Keimling von Brassica Napus mit Stanniolrölirchen (Verband) v und Stanniolkappe k, im schematischen Längsschnitt. Der Keimling ist zum Liclit normal oricntirt und von der Vorderseite gesehen. Der Ein- fachheit halber sind die Cotyledonen bereits aufgerichtet dargestellt. § 7. Verdunkelung des Untertheils. Bei den Versuchen über Fortpflanzung des heliotropischen Reizes bei Keimlingen benutzte ich zur Verdunkelung des Untertheils (d. i. des ganzen Keimlings mit Ausnahme einer mehr oder weniger kurzen Spitze) 3 verschiedene Verfahren. 1) Papierschürzen. Die nämliche Vorrichtung, welche in Fig. 1 ab- gebildet ist, kann auch dazu dienen den Untertheil des Keimlings zu ver- dunkeln, während die Spitze beleuchtet wird: man braucht die Keimlinge nur anders aufzustellen, so dass in Fig. 1, bei gleicher Stellung der Schürze, das Licht nicht von links, sondern von rechts einfällt. Bis an den Boden 2* 20 dürfen die Schürzen allerdings nicht reichen, weil sie sonst der Krümmung des Untertheils ein Ilinderniss bieten würden; lun daher auch die äusserste Basis der Keimlinge vor dem Licht zu schützen, wurde der die Keimlinge enthaltende Topf von aussen mit einem Streifen schwarzen Papiers umwickelt, welcher 1 — 2 cm über dessen Rand vorragte. — Für Dicotylen-Keimlinge, auf welche sich diese Art Papierschürze nicht aufsetzen lilsst, verwandte ich eine andere einfachere Form, welche aus Fig. 3 ersichtlich wird ; das Loch, durch das der Keimstengel ging, wurde so eng gemacht, dass die Schürze sehr fest sass, und es geschah nie, selbst nicht bei Rotation am Klinostat, dass eine solche Schürze sich während des Versuchs verschob. — Die erste Form der Papierschürze ermöglicht einen sein* vollkommenen Lichtabschluss, und die zweite Form trotz ihrer Einfachheit desgleichen; die letztere hat jedoch den Nachtheil, dass, wie wir noch sehen werden, der Druck der scharfen Papierränder nicht ohne schädlichen Einiiuss auf die Keimlinge ist. Ö3 3 m £ II Fig. 3. I. Die für Dicotylen- Keimlinge gebrauchte Form der „Papier- schürze", schräg von liinten betrachtet. II. Ein Keimling von Brassica Napim mit aufgesetzter „Papier- sehürze" s, im schematischen Längsschnitt. III. Desgleichen im Querschnitt. 2) Papierröhren mit Deckel. Aus mattschwarzem Papier geklebte Röhren von quadratischem Querschnitt, 1 cnl breit und von verscliiedener Höhe, wurden um die einzelnen Keimlinge mit dem einen Ende in die Erde ge- steckt und noch rings etwas mit Erde umschüttet; zu jeder Röhre gehörte ein schwarzer Papierdeckel von 18 mm Länge und lo mm P.reite und mit 6 mm breitem übergreifendem Rande; vermittelst eines engen eingestochenen Loches wurde der Deckel auf die aus der Papierröhre hervorragende Spitze d a Flg. 4. Papierröhte r mit Deckel d, mit eingeschlossenem Reimliiij^ von Avena sativa, im schematischen Längsschnitt, aa Bodenoberfläche. 21 der Gramineen-Ke'imVmge aufgesetzt, wie die Fig. 4 zeigt. Wie man aus der Figur ersieht, bietet das Papierrohr genügenden Raum für eine reclit bedeutende Krümmung des eingeschlossenen Theiles des Keimlings; bei seiner Krümmung verschiebt der Keimling den Deckel mit sich nach vorn (in der Figur nach links) ; der Deckel gleitet leicht und ohne besondere Reibung auf dem Rande der Röhre. Zur Verwendung mit Dicotylen-Keimlingen be durfte es nur einer geringen Modification des Deckels: der übergreifende Rand blieb auf der Hinterseite fort, und anstatt des Loches wurde ein von hinten bis etwa zur Mitte des Deckels reichender Längseinschnitt angebracht von gerade genügender Breite, um durch denselben den Keimstengel in den Deckel bequem einführen zu können. Der Deckel wurde von vorn auf die Röhre aufgeschoben, bis zur Berührung des Keimstengels mit dem Vorder- rande des Ausschnittes; sobald sich der Keimstengel zu krümmen be- gann, presste er sich natürlich fest an den Vorderrand des Aus- schnittes an und schob dann bei weiterer Krümmung den Deckel vor sich her. — Bevor ich diese Vorrichtung in Verwendung brachte, über- zeugte ich mich durch besondere Controllversuche, ob bei solcher Ver- suchsanstellung Druck und Reibung keinen störenden Eintluss auf die Keim- linge haben. Ich brachte in der Vorderseite der Röhre und des Deckel- randes einen breiten Ausschnitt an, so dass die eingeschlossenen Keimlinge zwar in ihrer ganzen Länge beleuchtet waren, aber doch denselben mechanischen Einwirkungen von Seiten der Vorrichtung ausgesetzt waren wie bei den eigentlichen Versuchen : die Krümmungsfähigkeit zeigte sich unter solchen Umständen ganz normal; nur Vicia sativa machte eine Ausnahme. Was die Zuverlässigkeit der Verdunkelung des Untertheils der Keimlinge anbetrifft, so ist dieselbe keine unbedingte, da durch die zwischen Vorder- seite des Keimlings und Deckel nothwendig bleibenden kleinen Zwischen- räume wohl etwas Licht eindringen kann ; doch ist die Menge desselben bei streng horizontalem Lichteinfall jedenfalls sehr gering, und eine etwaige helio- tropische Wirkung dürfte sich nur sehr wenig unter die Lichtgrenze (d. i. die Grenze des beleuchteten und verdunkelten Theiles des Keimlings) erstrecken. 3) Verdunkelung mittels Erde. Die Keimlinge wurden in Töpfe ge- pflanzt, die nur soweit mit feuchter Erde gefüllt waren, dass deren Ober- fläche sich ca. l'/z — 2 cm unter dem Topfrande befand. Hatten die Spitzen der Keimlinge das Niveau des Topfrandes erreicht oder etwas überschritten, so wurde der Topf bis etwa zum Rande mit sehr fein gesiebter, dunkler Gartenerde gefüllt, welche die ganzen Keimlinge bis auf eine mehr oder weniger kurze Spitze verdunkelte. Um der Krümmung des unterirdischen Theiles des Keimlings möglichst wenig mechanischen Widerstand zu bieten, wurde die Erde in völlig lufttrockenem Zustande verwandt. Es sei hier gleich bemerkt, dass selbst bei anscheinend zarten Pflanzentheilen die Kraft, mit der sich der unterirdische Theil heliotropisch zu krümmen strebt, oft so beträchtlich ist, dass der Widerstand nicht blos trockener, sondern auch feuchter und ziemlich compacter Erde fast vollständig überwunden wird; 22 alsdann schiebt der sieb krümmende Pflauzentbcil die Erde vor sieb ber, sie etwas aufbäufend, und lässt binter sieb in feucbter Erde eine scbarf begrenzte enge Furcbe, in trockener Erde ein breiteres aber flaches Grübchen zurück; an diesen Zeichen kann man schon äusserlich erkennen, dass eine unterirdische Krümmung stattgefunden bat. In anderen Fällen kann freilich der Widerstand der Erde nur zum kleinen Theil oder auch gar nicht über- wunden werden, alsdann stellt sich aber in dem an der Krümmung ge- waltsam verbinderten Organtheil eine Spannung ein, welche sich alsbald aus- gleicht und in die entsprechende Krümmung umsetzt, sobald durch Weg- schütten der Erde oder durch Ausgraben der mechanische Widerstand beseitigt wird. — Der Aufenthalt in trockener Erde kann durch seine austrocknende Wirkung zartere Pflanzentheile schädigen, was auch in einigen Fällen that- säcblich beobachtet wurde; bei der Mehrzahl der untersuchten Objecte machten sich jedoch nacbtheilige Folgen nicht in bemerkbarem Grade geltend. Immerhin möchte ich es künftig für empfeblenswerther halten, die Erde in ziemlich feuchtem Zustande anzuwenden. Die Lichtdurchlässigkeit der zur Verdunkelung benutzten trockenen Erde wurde einer besonderen Prüfung unterzogen. In hier nicht näher zu be- schreibender Weise stellte ich mir eine einfache Vorrichtung zusammen, be- stehend aus einem innen und aussen mit mattschwarzem Papier ausgekleideten weiten Glasrobr, an dessen einem Ende sich eine unverrückbare Schiebt der Erde befand; die Vorrichtung konnte so an's Auge angelegt werden, dass zu diesem ausschliesslich durch die zu prüfende Erdschicht eindringendes Licht gelangen konnte, wodurch das Auge für die geringste Spur durch- gehenden Lichts überaus empfindlich gemacht wurde. Die Vorrichtung wurde gegen eine helle Gasflamme gerichtet, — dieselbe, welche als Lichtquelle bei meinen Versuchen diente. Es ergab sich, dass bei einer Schichtdicke von 1 mm die Erde noch an ziemlich vielen Punkten Licht durchliess; durch eine 1 V« mm dicke Schicht drang das Licht nur noch an ganz ver- einzelten, sehr kleinen Punkten und eine 2 — 2 Vi mm dicke Schicht Hess absolut kein Licht mehr durch. Wurde dieselbe Vorrichtung ohne die schwarzen Papierhüllen verwandt, so erschien schon eine 1 mm dicke Erd- schicht ganz undurchlässig. — Meiner Meinung nach dürfte die Lichtmenge, welche durch eine IV2 mm dicke Schiebt dringt, kaum eine merkliche beliotropiscbe Wirkung selbst auf sehr empfindliche Objecte haben. Dann ist noch in Betracht zu ziehen, dass in den Versuchen die horizontal ein- fallenden Lichtstrahlen die Obei-fläcbe der Erde nur streiften, somit in das Innere derselben unvergleichlich weniger Licht eindringen konnte als bei der Prüfung der Durchlässigkeit, wo die Erdschicht senkrecht gegen die Licht- strahlen gerichtet war. Fügt man noch hinzu, dass der Keimling schon beim ersten Beginn der Krümmung sich fest an die Erde anpresst, gröbere Zwischenräume zwischen seiner Vorderseite und der Erde also ausgeschlossen sind, so wird man zugeben müssen, dass der Licbtabschluss schon in sehr geringer Tiefe unter der Erdoberfläche ein vollständiger ist. In der That 23 zeigten z. B. (rrawiineen- Keimlinge, die ganz verschüttet waren, aber mit ihrer (ganz besonders empfindlichen) Spitze bis dicht an die Oberfläche der Erde reichten, nie eine Spur von heliotropischer Krümmung, welche sich indessen sehr bald einzustellen begann, sobald die Spitze auch nur um einen Bruchtheil eines Millimeters über die verdunkelnde Erde hervortrat. Uebrigens wurde der vollen Sicherheit halber, sowohl bei dieser als auch bei den anderen Versuchsanstellungen, einer nur wenige mm unter die Lichtgrenze hinabreichenden Krümmung keine Beweiskraft zugeschrieben, und nur solche Fälle wurden in Betracht gezogen, wo sich eine deutliche Krümmung wenigstens 5 mm unter die Lichtgrenze hinab erstreckte; die Lichtgrenze wurde vor Entfernung der verdunkelnden Vorrichtung resp. vor Wegschütten der Erde an jedem einzelnen Object durch einen Tuschstrich markirt. Da jede der drei beschriebenen Methoden ihre Vorzüge und ihre Mängel oder praktischen Unbequemlichkeiten hat, so gab ich keiner unbedingt den Vorzug, sondern wandte meist alle gleichmässig an und controllirte die eine durch die anderen; bei günstigen (d. i. gegen Druck nicht empfindlichen) Objecten erwiesen sie sich in der Praxis alle als gleich gut. Bei Versuchen mit Organen entwickelter Pflanzen wurde nur das Ver- schütten mit Erde als Verduukelungsmittel angewandt. Die in kleinen Töpfen cultivirtcn Pflanzen wurden in hohe Glascylinder oder in grössere, schmale Töpfe von gerade passender Höhe gestellt und bis zum gewünschten Niveau mit Erde verschüttet. Befand sich die Pflanze in einem grossen Topf, so wurde, eventuell nach Entfernung störender Blätter, um sie herum ein Stück genügend weites Glasrohr oder ein Becherglas mit ausgeschlagenem Boden in die Topferde gesteckt und in dieses die verdunkelnde Erde ge- schüttet. In einigen Fällen endlich war ich genöthigt mit abgeschnittenen Pflanzentheilen zu operiren; dieselben wurden an der Basis abgeschnitten, sofort in Wasser gestellt, unter Wasser wurde noch ein einige cm langes Stück der Basis abgeschnitten und, falls die Objecte nicht sofort zur Ver- wendung kamen, unmittelbar vor dem Versuch nochmals eine frische Schnitt- fläche gemacht. Für den Versuch wurden die Objecte mit der Basis mittelst Watte in kleinen mit Wasser gefüllten Fläschchen befestigt und mit diesen wurde so verfahren, wie oben für kleine Töpfe angegeben. § 8. Messung der Neigung. Als Mass der heliotropischen Krüm- mungsfähigkeit benutzte ich die Neigung des sich geradestreckenden oberen Theils der gekrümmten Organe, d. i. die Abweichung desselben von der Verticalen in der Richtung nach der Lichtquelle zu (inwiefern und unter welchen Bedingungen die Grösse der Neigung als Mass der Krümmungs- fähigkeit zulässig ist, wird in § 67 erörtert werden). Zur Messung der Neigung dienten kleine Cartonquadranten mit von 5 " zu 5 " aufgetragenen Radien. Der Cartonquadrant wurde dem zu messenden Object in dessen Krümmungebene so angelegt, dass der eine Rand des ersteren der Oberfläche der Erde im Topf parallel war und dass der geradegestreckte Obertheil des 24 Objects mit einem der Radien ganz oder nahezu ziisamracnfiel. Dieses Ver- fahren ist zwar nicht sehr genau, indem Felder von Jz 5 " wohl möglich sind; dafür gestattet es aber eine schnelle Messung zahlreicher Objecte, worauf es vor allen Dingen ankam. Da ich immer nur die Mittelwerthe aus mehreren Messungen mit einander verglich, so wurden die den einzelnen Messungen anhaftenden Fehler mehr oder weniger ausgeglichen. Sicherheits- halber vernachlässige ich übrigens bei der Beurthcilung der Versuchsresultate solche DiÖerenzen der Mittelwerthe, welche 5*' nicht übersteigen, als mög- licherweise auf Messungsfehlern beruhend. In der grossen Mehrzahl der Falle hatte ich es mit recht bedeutenden Dilferenzeu der Mittelwerthe zu thun, so dass selbst ein volle 5 ** betragender Fehler an dem Resultat so gut wie nichts ändern würde. Endlich seien noch einige Worte über die Anfertigung der Zeich- nungen vorausgeschickt. Abgesehen von einigen, ausdrücklich als schematisch bezeichneten Figuren ist die Form der gekrümmten Organe nach der Natur gezeichnet. Meist wurde das betreffende Object sofort nach Schluss des Versuches an seiner Basis abgeschnitten, nach Entfernung störender und für den Zweck des Versuchs gleichgiltiger Organe (Blätter, Endknospe, Lamina) auf weissen Carton gelegt, und der concave Contour mit scharfem Bleistift genau nachgezeichnet. Konnte das Object nicht abgeschnitten werden, weil es noch ferner verwandt werden sollte, so wurde an dasselbe ein passendes Stück steifen Cartons angelegt und auf diesem der concave Contour mit Bleistift skizzirt; da die so erhaltene Zeichnung meist nicht genau war, so wurde sie so lange corrigirt, bis bei nochmaligem Anlegen Zeichnung und Contour des Objects vollkommen zusammenfielen. In beiden Fällen kann ich für die Naturgetreue des concaven Contours garantiren, während der convexe Contour aus freier Hand, nur der Anschaulichkeit halber hinzu- gefügt wurde und somit die Dicke der Objecte nur annähernd richtig wieder- gegeben ist. Wo nicht das Gegentheil angegeben, sind die Objecte in ihrer ganzen Länge und in natürlicher Grösse gezeichnet. Die Richtung der Lichtstrahlen ist in einigen Zeichnungen durch Pfeile angedeutet, — wo dies nicht der Fall ist, hat man sich das Licht stets in horizontaler Richtung von rechts einfallend zu denken. — Die ausgezogene horizontale Linie bezeichnet überall die Erdoberfläche, zwei kurze Querstriche resj*. eine punktirte Linie bezeichnen die Lichtgrenze (d. i., je nach der Art des Versuches, den die Zeichnung illustrirt^ entweder die Grenze zwischen verdunkelter Spitze und beleuchtetem Untertheil, oder umgekehrt zwischen beleuchteter Spitze und verdunkeltem Untertheil, oder zwischen den von zwei entgegengesetzten Seiten beleuchteten Theilen des Organs, oder endlich zwischen der einseitig beleuchteten Spitze und dem von zwei Seiten beleuchteten Untertheil). 25 III. Versuche mit Keimlingen von Gramineen (ausser Paniceen). A. Bau nnd Eigenschaften des Cotyledo. § 9. Als Untersuchungsobjecte dienten Avefia sativa und Phalaris canariensis, vornehmlich erstere; beide stimmen, wie gleich erwähnt sein mag, in allen wesentlichen Punkten vollkommen überein. Einige andere Gramineen^ mit denen nur wenige Versuche gemacht wurden, sollen erst am Schluss des Kapitels besprochen werden. Bei der Keimung der OramineenSamen treten zunächst die Würzelchen hervor, dann ein Blattorgan von der Form einer ungefähr cylindrischen ge- schlossenen Scheide, welches ich als Cotyledo') bezeichne, und dann erst das erste normale flache Laubblatt, welches anfänglich in längsgerolltem Zustande im Cotyledo eingeschlossen ist. Der Cotyledo ist es, mit dem wir es im Folgenden zu tliun haben werden, und es ist erforderlich sich mit seinem anatomischen Bau und seinen physiologischen Eigenschaften zunächst etwas näher bekannt zu machen. Der Cotyledo ist im etiolirten Zustande bei Ävena farblos, bei Phalaris mit Ausnahme der farblosen äussersteu Spitze roth gefärbt; letzteres hat seine Ursache darin, dass in zahlreichen longitudinalen Zellreihen der Zell- saft intensiv roth ist. Am Licht bildet sich im Cotyledo, namentlich in der Nachbarschaft der Leitstränge, zwar etwas Chlorophyll, aber in so geringer Menge, dass es makroskopisch kaum beraerklich wird; bei Ävena scheint der Cotyledo freilich am Licht grün zu sein, doch ist es nur die grüne Farbe des eingeschlossenen Laubblattes, welche durchscheint. (Das Laub- blatt ist im etiolirten Zustand intensiv gelb und ergrünt am Licht sehr schnell.) Abgesehen von einer kurzen Spitzenregion hat der Cotyledo bei Ävena äusserlich die Form eines fast genauen Cylinders von etwa 1 — IV2 mm Durchmesser. Der Querschnitt zeigt jedoch, dass er nicht radiär, sondern bilateral und sogar etwas dorsiventral gebaut ist. Symmetrie-Ebene ist die- jenige Ebene, welche gleichzeitig den Samen und den Cotyledo längs balbirt; die dem Samen zugekehrte Seite des Cotyledo bezeichne ich als die dorsale, die gegenüberliegende als die ventrale. Der Querschnitt des Cotyledo bildet •) Ich beabsichtige hiermit nicht zu der morphologischen Frage Stelhuig zu nehmen, was eigentlich bei den Gramineen als Cotyledo zu deuten ist; nur der Ein- fachheit und Kürze halber bezeichne ich so das erwähnte scheidenförmige Blattorgan, worin ich dem Beispiel Darwin's folge. Dieses Organ unterscheidet sich übrigens dermassen von allen folgenden Blättern durch seine Farbe, Form, seinen Bau und seine Eigenschaften, dass es jedenfalls mit ihnen nicht zusammengeworfen werden darf und einen besonderen Namen verdient. 26 einen Ring von ringsum ungleicher Dicke (Fig. 5). An den Flanken II ist er, mit Einschluss der beiden Epidermen, 6 — 8 Zcllschicliten dick; hier, d. Schernatischer Quersclinitt durch den Cotyledo von Avena sativa, schwacli vcrgrösscrt. d Dorsalseitc, v Vcntralseitc, II Flanken mit den eingesclilossenen Leitsträngen. also in einer zu der Symmetrie-Ebene senkrechten Ebene, liegen zwei Leit- striinge, welche sich gerade und ohne jegliche Anastomosen von der Basis bis nahe unter die Spitze des Cotyledo hinziehen, wo sie blind endigen. An der Dorsalseite d ist der Ring merklich dünner, was daher rührt, dass hier der Durchmesser der Zellen kleiner ist als an den Flanken. An der Ventralseite v endlich ist der Ring fast doppelt so dünn wie bei d\ hier ist nicht nur der Durchmesser der Zellen noch kleiner, sondern auch die Zahl der Zellschichten ist verringert und beträgt nur 4 — 5. Diese dünne Stelle des Ringes bei v ist der Querschnitt eines dünnen Streifens, der sich an der Ventralseite des Cotyledo hinzieht und auch makroskopisch dadurch erkennbar ist, dass hier die Farbe des eingeschlossenen Laubblattes stärker als anderswo durchschimmert. — Alles dies gilt auch für den Cotyledo von PJialariSf welcher sich nur dadurch unterscheidet, dass er nur etwa '/4 so dick ist wie bei Avena und nicht cylindrisch, sondern in Richtung der Symmetrie- Ebene deutlich abgeplattet ist. — Weitere anatomische Details sind für unseren Zweck belanglos; allenfalls sei noch bemerkt, dass sich unmittelbar unter der Spitze des Cotyledo, über den Enden der Leitstränge einige grosse Wasser-Spaltöffnungen befinden, aus denen im Dunkeln, und bei herabgedrückter Transpiration auch am Licht, reichlich Wasser aus- geschieden wird. In einer etwa 2 mm langen Gipfelregion ändert sich allmälig die Form des Cotyledo: je näher der Spitze, desto mehr wird sein Querschnitt zusammengedrückt, da der Cotyledo sich in Richtung der Symmetrie-Ebene rapider nach oben verschmälert als in der darauf senkrechten Richtung. Dementsprechend ist die Spitze selbst nicht conisch, sondern stumpf-messer- förmig, so dass in verschiedenen Richtungen durch dieselbe geführte mediane Längsschnitte verscliiedene Bilder ergeben würden (Fig. 6). — Die äusserste abgerundete Spitze besteht aus sehr kleinzelligem, farblosem Dauergewebe. Unmittelbar unter ihr, am oberen Ende des dünnen Streifens auf der Ventral- seite des Cotyledo, bildet sich zuletzt ein etwa Vit mm langer Längsriss, durch den die Spitze des sich streckenden Laubblattes hervortritt; dabei wird die Spitze des Cotyledo ein wenig nach der Dorsalseite zurückgebogen. 27 l R Fig. 6. Ungefährer äusserer Umriss der Spitze des Cotyledo von Avena sativa im schwach vergrösserten Längsschnitt. I. Längsschnitt in der Symmetrie-Ebene. IL Längsschnitt senkrecht zur Symmetrie-Ebene. § 10. Wann die Durchbrechung des Cotyledo durch das Laubblatt erfolgt, das hängt von dem Verhältniss der beiderseitigen Wachsthums- geschwindigkeiten ab. Anfangs wachsen beide Organe gleich schnell, oder das Laubblatt wächst etwas langsamer, so dass der Obertheil des Cotyledo in einer Ausdehnung von einem bis mehreren mm leer bleibt; ausnahmsweise kann anfänglich das Laublatt dermassen im Wachsthum zurückbleiben, daso der ganze oberirdische Theil des Cotyledo leer bleibt. Dann aber beginnt die Wachsthumsintensität des Cotyledo zu sinken, während diejenige des Laubblattes steigt ; in Folge dessen füllt das Laubblatt zunächst die Höhlung des Cotyledo vollständig aus, übt auf ihn einen schnell steigenden Druck aus und durchbricht ihn schliesslich am Ort geringster Festigkeit. Nach der Durchbrechung fährt der Cotyledo zwar noch eine Zeitlang zu wachsen fort, jedoch mit erheblich verminderter Schnelligkeit; in der Nähe der Durch- briichsstelle beginnt er nach einiger Zeit merklich zu schrumpfen. Das Licht hat auf das Wachsthum des Laubblattes, wenigstens in der ersten Zeit, keinen ohne weiteres bemerkbaren Einfluss; hingegen wird beim Cotyledo durch Beleuchtung nicht bloss die Wachsthumsgeschwindigkeit auf- fallend verlangsamt, sondern auch die Dauer der Wachsthumsperiode erheblich verkürzt. Wird eine Cultur am Licht gehalten, so erreicht der Cotyledo nur eine Länge von 1 — 2 cm und wird oft schon am ersten Tage nach seinem Hervortreten über die Erde durchbrochen. In constanter Dunkelheit hingegen dauert das intensive Wachsthum mehrere Tage an, und der Cotyledo erreicht eine Höhe von 6 cm. über der Erdoberfläche oder selbst noch etwas mehr, bevor er durchbrochen wird. In diesen Bedingungen kommt nicht selten (namentlich bei Plialaris) auch das Hypocotyl zur Eutwickelung und erreicht eine Länge bis zu Vk cm\ selbst eine nur zeitweilige Beleuchtung scheint seine Streckung ganz zu hemmen. Hier sei auch der unregelmässigen, aber oft sehr bedeutenden Circum- nutationen gedacht, welche die Cotyledonen der in Rede stehenden Gräser bei lebhaftem Wachsthum im Dunkeln ausführen; ich habe dieselben bei Avena mehrmals näher verfolgt und constatirt, dass die Spitze eines einige cm hohen Cotyledo zeitweilig im Laufe einer Stunde einen Weg von 1 cm (ohne Richtungsänderung) zurücklegen kann. Dieses Circumnutiren 28 hat zur Folge, daas bei Cultiir im Dunkeln nur selten ein Keimling voll- kommen gerade und senkrecht steht, meist findet man sie vielmehr leicht gekrümmt und nach verschiedenen Richtungen von der Verticale abweichend. Hei Fhalaris findet man sogar sehr häufig die für den Experimentator sehr unliebsame Eigenschaft, dass sich die Keimlinge in constanter Dunkelheit geradezu horizontal niederlegen und nur im Obertheil mehr oder weniger geotropisch aufwärts krümmen; an der zum Niederlegen führenden starken autonomen Krümmung ist wesentlich das Hypocotyl betheiligt, welches überliaupt weder geotropisch noch heliotropisch enipündlich zu sein scheint. Dass die Tendenz zu solchem Niederlegen bei Avena nicht bemerklich ist, macht sie zu einem für heliotropische Versuche entschieden günstigeren Object. Die Vertheilung der Wachsthurasintensität in den Cotyledonen, deren Kenntniss für unsere Zwecke von Wichtigkeit ist, ändert sich mit dem Alter. In jungen Cotyledonen von nicht über 1 V2 cm Höhe (über der Erd- oberfläche und in völlig etiolirtera Zustande, was auch im Folgenden bei Grössenangaben stets gemeint ist) ist dieselbe rein basipetal. Bald aber verlangsamt sich das Wachsthum der Basis, und es bildet sich eine Region maximalen Wachsthums aus, welche sich schnell der Spitze nähert: in circa 2 cm hohen Cotyledonen finden wir das Maximum 6 — 10 mm unter der Spitze; weiterhin bleibt dann dessen Lage in Bezug auf die Spitze unver- ändert. Das Wachsthum der Basalregion fährt fort allmälig abzunehmen, doch erlischt es erst spät, so dass häufig selbst alte, schon durchbrochene Cotyledonen noch bis zur Erdoberfläche hinab im Wachsthum begriffen sind. Zur nähereu Erläuterung der Wachsthurasvertheilung in verschieden alten Cotyledonen führe ich die folgende, auf Avena bezügliche Tabelle an. Auf allen Keimlingen waren, von der Spitze anfangend, 3 mm lange Querzonen markirt; der Zuwachs ist in Procenten der ursprünglichen Zonenlänge angegeben, das Maximum durch fetten Druck hervorgehoben. Das Wachsthum fand im Dunkeln statt. • ä Cotyledol2— ISmmhoch. CotyledolS- -21 mm hoch. Cotyledo 24 mm liocli a Zuwachs in 21 V2 St. Zuwachs in 24 St. Zuwachs in 24 St. »3 1 2 3 4 Mittd 1 2 3 1 Mittel. 1 2 3 Mitfei. I 60 15 30 60 41 30 33 20 28 70 27 17 28 II 120 50 105 100 94 70 77 67 71 67 70 70 69 III 120 70 HO 120 105 83 07 100 93 73 87 93 84 IV 120 95 130 120 HG 70 03 100 88 73 90 83 82 V 70 90 77 79 63 67 67 66 VI 67 50 63 50 60 67 59 VII 37 33 43 .38 Diese Tabelle mag zugleich als Beispiel dafür dienen, wie erheblich die individuellen Differenzen der Wachsthumsintensität in einem Satz von Keimlingen gleichen Alters und gleicher Grösse sich gestalten können. 29 Es fällt auf, dass die Wachsthumsintensität von der Spitze an bis zum Maximum rapid zunimmt und dann (bei älteren Keimlingen) weit allmäliger fällt. Beaclitenswerth ist namentlich das relativ sehr geringe Wacbsthum der Zone I. Sueben wir durch Markiren von nur iVi nun langen Zonen') noch genaueren Aufschluss über die Wachsthumsvertbeilung im oberen Theil der Cotyledonen zu gewinnen, so finden wir in der ersten Zone ein noch geringeres Wacbsthum, ein nicht viel stärkeres in der zweiten, und von da an eine rapide Zunahme bis zum Maximum. Nach der Spitze zu nimmt also die Wachsthumsintensität offenbar ständig ab, und die äusserste, aus kleinzelligem Gewebe bestehende Spitze dürfte wohl gar nicht wachsen. Mit zunehmendem Alter des Cotyledo fällt zwar die Wachsthumsintensität in allen seinen Theilen, am bedeutendsten ist aber die Abnahme in der Spitzenregiou, und die erste IV2 imn lange Zone zeigt bald, zu einer Zeit wo die übrigen Theile noch recht kräftig wachsen, keinen in 24 Stunden nachweisbaren Zuwachs mehr*, — sie stellt also wohl sicher ihr Wacbsthum völlig ein. Diese Thatsachen hebe ich besonders hervor; sie sind von grossem Interesse, da, wie weiter gezeigt werden wird, gerade die Spitze des Cotyledo sich durch besonders starke heliotropische Empfindlichkeit aus- zeichnet. § 11. Heliotropisch (und auch geotropisch) ist nur der Cotyledo, das eingeschlossene Laubblatt wird von ihm nur rein passiv mitgekrümmt. Dies folgt erstens daraus, dass das Laubblatt nach seinem Hervortreten, trotz intensiven Wachsthums, keinen Ileüotropismus zeigt, und zweitens daraus, dass die mitunter vorkommenden ganz leeren Cotyledonen sich gerade so krümmen wie normal gewachsene Keimlinge. Die Krümmungsfähigkeit junger, bis 3 cm hoher Cotyledonen ist eine sehr bedeutende: bei Phalaris ist dieselbe noch etwas grösser als bei Ävena, was sich durch den geringeren Durchmesser des Cotyledo bei ersterer erklärt. Mit sinkender AVachsthumsintensität des Cotyledo vermindert sich auch dessen Krümmungsfähigkeit, doch fällt sie zunächst nur langsam, so dass man wenigstens bei Avena auch mit älteren Keimlingen noch sehr gut experimentireu kann, so lange der Cotyledo noch nicht durchbrochen ist; nach der Durchbrechung fällt die Krüramungsfähigkeit rapid, daher 1) Da ich häufig gekrfimmte Organe zu messen hatte, so bedurfte Ich eines bieg- samen Massstabes. Nun sind aber die käuflichen, auf Papier gedruckten Miilimeter- massstäbe viel zu ungenau; ich ersetzte sie mit Vortheil durch gebrauchtes Thermo- graphenpapier (vom Richard 'sehen Thermogiaph), welches ich in schmale Quer- streifen schnitt; solche improvisirte Massstäbe, die meist leicht zu beschaffen sein dürften, kann ich zum Auftragen und Messen von Zonen auf nicht sehr langen Strecken sehr empfehlen, denn die Linien des Thcrmograuhenpapiers sind fein, scharf, und ihre Abstände sind genau gleich. In dem von mir in Leipzig benutzten Papier (nicht hingegen in dem in Kazan gebräuchlichen) sind die Abstände genau = l'/a invi, daher die Länge der von mir aufgetragenen Zonen stets Mehrfache von 1 V2 '"»» beträgt. 30 Keimlingo mit bereits hervortretendem Laubblatt für meine Zwecke un- brauchbar sind. P//fl7ar/.s" verhält sich in dieser Hinsicht weniger gleicli- raässig, es geschieht liier nicht selten, dass ganze Sätze von noch nicht durchbrochenen, anscheinend normalen Keimlingen sich auffallend schwach krümmen; ein zweiter Grund, welcher Phalaris zu einem weniger günstigen Object als Avona macht. Trotz seiner deutlich dorsiventralen Structur verhält sich der Cotyledo physiologisch wie ein radiäres Organ ; wenigstens beobachtete ich keine merklichen Differenzen der Krümmungsfähigkeit in Abhängigkeit davon, welche Seite des Cotylodo der Lichtquelle zugekehrt war. Der Verlauf der heliotropischen Krümmung ist folgender: Die erste schwache Krümmung macht sich nach "A bis Vk Stunden nach Heginn der Exposition in der Spitzenregion des Cotyledo bemerklich (Fig. 7, h). Dann erstreckt sich die gleichzeitig stärker werdende Krümmung c d Fi^. 7. Verlauf der heliotropischen Kriimmung des Cotyledo von Avena sativa. a vor Beginn der Exposition, h nacli l'/^, c nach S'/^i d nach 7'/2 Stunden. allmälig tiefer, und nach 2 — 3 Stunden ist der Cotyledo bereits in fast der ganzen Länge gekrümmt (Fig. 7, c) ; in der Mitte ist die Krümmung am stärksten, nach oben und unten nimmt sie allmälig ab. In dem Masse wie die Neigung der Spitze zunimmt, streckt dieselbe sich mehr und mehr gerade, und je tiefer hinab am Cotyledo die Krümmung sich erstreckt, desto länger wird der sich geradestreckende Obertheil. So rückt sozusagen die Krümmung allmälig am Cotyledo nach abwärts, bis sie dessen Basis (resp., bei älteren Keimlingen, die Basis seiner wachsenden Region) erreicht hat. Die Geradestreckung des Obertheils schreitet auch dann noch fort, eine Zone nach der anderen ergreifend \ in Folge dessen wird die Krümmung auf eine immer kürzer werdende Basalregion beschränkt, und da während dessen der Obertheil sich auch zu neigen fortfährt, vermindert sich der Krümmungs- radius bedeutend (Fig. 7, d). Zuletzt finden wir nur eine kurze, oft nur wenige mm lange Basalregion sehr scharf gekrümmt, während der ganze übrige Theil des Cotyledo ganz gerade vorgestreckt und bei rein heliotropischer Krümmung (am Klinostat) nach der Lichtquelle hin gerichtet ist. In dem bei meinen Versuchen gewöhnlichen Falle, nämlich dass die aufrecht stehenden Keimlinge mit horizontal einfallenem Licht beleuchtet wurden, nimmt der geradegestreckte Obertheil eine der Resultante von Geotropismus und Heliotropismus entsprechende Endstellung an (Fig. 7, d). Diese Endstellung (die 31 definitive Neigung) des Obertheils kann, bei gleichen äusseren Bedingungen, individuell ziemlich erheblich vaiiiren: in einem Satz gleicher und gleich- zeitig exponirter Keimlinge weichen die Grenzwerthe der definitiven Neigung sehr häufig um ca. 20" von einander ab, zuweilen um noch mehr, bis zu 40 '*. In günstigen Fällen beträgt die definitive Neigung gewöhnlich 70 — 80". Nach wie langer Zeit die vollkommenste Geradestreckung des Obertheils des Cotyledo und die maximale Neigung desselben erreicht wird, das hängt sowohl von den äusseren Bedingungen, als auch von den individuellen Eigenschaften des Keimlings ab; im Allgemeinen beträgt diese Zeit, bei der in meinen Versuchen angewandten Lichtintensität, iürÄvenai — 8, für Phalaris 3—6 Stunden. § 12, Im Obigen wurde nur der wesentliche Verlauf der heliotropischen Krümmung beschrieben; in Wirklichkeit verläuft die Krümmung nicht so einfach, sie wird vielmehr dadurch complicirt, dass der sich krümmende Cotyledo in verticaler Ebene auf und ab oscillirt (Fig. 8). In einem ge gebenen Moment sei der Obertheil bereits in einiger Ausdehnung gerade- gestreckt und habe eine bestimmte Neigung (a) ; nach einiger Zeit erscheint ah cd, Fig. 8. Oscillationen hei der heliotropischen Krümmung des Cotyledo von Avena sativa. a nach 3'/2> ?' nach 5, c nach 53/j, d nach 6% Stunden. dann die Spitze sehr deutlich aufwärts gekrümmt (?>), noch etwas später erstreckt sich diese Aufwärtskrümmung schon tiefer hinab, und schliesslich finden wir den Obertheil des Cotyledo wieder geradegestreckt, aber gleich- zeitig mehr oder weniger gehoben (c). Hierauf beginnt eine Senkung (tZ), welche ebenfalls mit Geradestreckung des Obertheils endigt, dann erfolgt eine neue Hebung u. s. w. So senkt und hebt sich der Obertheil abwechselnd; doch ist jede Senkung stärker als die vorausgegangene Hebunp:, so dass bei diesem fortwährenden Oscilliren die Krümmung des Cotyledo und die Neigung seines Obertheils stufenweise zunimmt. (Man sieht das in Fig. 7, welche den nämlichen Keimling darstellt wie Fig. 8 ; a in Fig. 8 ist identisch mit c in Fig. 7 und h, c, d in Fig. 8 sind Zwischenstadien zwischen c und d in Fig. 7.) Die Stelle, bis zu welcher die Krümmung hiuabreicht, verschiebt sich bei jeder Oscillation etwas basalwärts, folglich wird der geradegestreckte Obertheil des Cotyledo jedesmal etwas länger und die Krümmungszone nähert sich jedesmal etwas der Basis. Die Amplitude der Oscillationen 32 kann sehr verschieden sein, und zwar niciit nur bei verschiedenen Individuen, sondern auch bei demselben Keimling zu verschiedener Zeit; sie scheint im Allgemeinen um so grösser zu werden, je mehr sich der Obertheil seiner Gleichgewichtslage nähert. Auch die Periode der Oscillationen ist schwankend; doch ist bemerkenswerth, dass innerhalb eines Satzes ungefähr gleicher Keimlinge die Perioden der Oscillation, also die Zeitpunkte der Hebungen und der Senkungen, nahezu zusammenfallen. Die beschriebene Erscheinung darf nicht mit den Oscillationen verwechselt werden, welche ein sich krümmendes Organ nacli Erreichung der Gleich- gewichtslage ausführt. Bekanntlich hat Sachs (15) die sogen, geotropische Ueberkrümmung entdeckt und causal klargelegt; dieselbe ist bedingt theils durch die geotropische Nachwirkung, theils dadurch, dass die der Basis näher gelegenen Kegionen noch fortfahren sich geotropisch zu krümmen, wenn der Obertheil sich bereits vertical gestellt hat, in Folge dessen der letztere passiv über die Verticalstellung hinausgeführt wird; nun unterliegt er der Wirkung des Geotropismus von der anderen Seite und kehrt daher activ zur Verticalstellung zurück, oder überschreitet dieselbe sogar etwas in Folge der Nachwirkung; so kommt eine Oscillation zu Stande, welche sich mehrmals mit abnehmender Amplitude wiederholen kann. Ganz dasselbe kann man auch bei der heliotropischen Krümmung beobachten, namentlich wenn dieselbe am Klinostaten, bei Ausschluss des Geotropismus erfolgt. Aber diese Erscheinung kann natürlich erst dann zu Stande kommen, wenn der Obertheil des Organs die Gleichgewichtslage bereits überschritten hat, — erst dann sind eben die Bedingungen dafür gegeben. Die oben beschriebenen Oscillationen bei der heliotropischeu Krümmung beginnen hin- gegen noch lange vor Erreichung der Gleichgewichtslage, sie müssen also eine andere Ursache haben. Die Ursache suchte ich anfangs in einem periodisch wechselnden Ueber- wiegen bald des Heliotropismus, bald des Geotropismus in dem sich unter dem antagonistischen Einfluss beider krümmenden Keimlinge ; dieser Gedanke musste aber fallen gelassen werden, als ich fand, dass die gleichen Oscillationen auch bei der rein heliotropischen Krümmung am Klinostat vor sich gehen; auch bei der geotropischen Krümmung im Dunkeln scheint das- selbe der Fall zu sein (siehe Fig. 60, c, ^ in § 77), wenn auch hier die Erscheinung nicht näher verfolgt wurde. — Am ehesten dürften die Oscillationen, wie ich jetzt glaube, auf die oben (§ 10) erwähnte Cireum- nutation zurückzuführen sein. Dieselbe wird am Licht jedenfalls nicht ganz unterdrückt, denn besonders darauf gerichtete Beobachtungen zeigten mir, dass ein sich heliotropisch krümmender Cotyledo von Ävena sehr merkliche Ablenkungen aus der Ebene des Lichteinfalls erfährt, also mit anderen Worten, circumnutirt. Wenn wir also annehmen, dass die Circumnutation unter dem richtenden Einfluss einseitiger Beleuchtung hauptsächlich auf die Ebene des Lichteinf.alls beschränkt und so in eine im Wesentlichen auf- und abgehende Nutation verwandelt wird, so wären damit die Oscillationen in 33 der Hauptsache erklärt. Ich gebe diese Erklärung indess nur als eine nicht unwahrscheinliche Annahme. Eine erschöpfende Untersuchung der Oscillationen lag nicht in meiner Absicht; ich habe dieselben nur darum berücksichtigen müssen, weil sie bei meinen heliotropischen Versuchen eine Quelle von Täuschungen bilden konnten und mich anfänglich auch thatsächlich irre führten. Die Oscillationen bei der heliotropischen Krümmung sind nicht auf die Cotyledonen der hier betrachteten Oramineen-Specieä beschränkt; ich be- obachtete sie vielmehr, mehr oder weniger ausgesprochen, auch bei ver- schiedenen anderen Keimlingen, so bei denen der Paniceen und mancher Dicotylen; doch scheint meist die Periode einer Oscillation erheblich grösser zu sein als bei Avena. Ein Object, wo die besagten Oscillationen eine sehr bedeutende Amplitude erreichen und daher sehr auffallen, sind beispiels- weise junge Hypocotyle von Agrostemma Oithago (welche im Dunkeln ebenfalls stark circumnutiren). Um nicht nochmals auf diesen nicht zu meinem eigentlichen Thema gehörigen, aber jedenfalls beachtenswerthen Gegenstand zurückkommen zu müssen, will ich an dieser Stelle anch gleich über die an Agrostemma gemachten Beobachtungen berichten. Hier wird bei der heliotropischen Krümmung zunächst im Laufe weniger Stunden eine starke Neigung des Obertheils erreicht, welcher sich aber dabei nicht oder nur in geringer Ausdehnung geradestreckt (Fig. 9, a). Dann erfolgt eine Ob h c Fig. 9. Oscillationen bei der heliotropischen Krümmung zweier Hypocotyle von Agrostemma Oithago. a nach 3'/4, i nach 4'/i, c nach 58/4, d nach 7 Stunden. langsame bedeutende Hebung, welche zu einer vollkommenen Geradestreckung des Obertheils führt, während die Krümmung in die untere Hälfte des Hypocotyls rückt (B^ig. 9, h). Hierauf beginnt eine ebenfalls sehr bedeutende Senkung, welche mehrere Stunden andauert und mit erneuter Krümmung des Obertheils verbunden ist (Fig. 9, c, d) ; das Ende dieser zweiten Senkung und die dabei zu erwartende abermalige Geradestreckung des Obertheils wurde in meinen bis zu 9 Stunden dauernden Versuchen nie erreicht, wes- lialb ich auch nicht weiss, ob auf die erste grosse Oscillation noch weitere folgen. Eine nähere Vorstellung von dem Gang der Oscillation, deren Amplitude und den dabei vorkommenden individuellen Schwankungen giebt die folgende Beobachtungsreihe. Cohn, Beiträge zur Biologie der PQanzen. Bd. VII. Heft I. 3 34 5 ctiolirtc Keimlinge mit l,8-~2,7 cm iiohen Hypocot\len wurden um ll^/^ Ulir einseitiger Beleuchtung ausgesetzt; ikuIi 4 Stuiulcn waren sie ziemlieli stark ge- kniinmt. Um diese Zeit, in weiche gerade der Uebergang von der Senkung zur Hebung fiel, begann die Messung der Neigung der Spitze. Reobacliluii^szelt Neigung der Keimliugo Mittel 1 2 3 4 5 a: 3 Uhr 45 Min. (Beginn) 70»' 55" GO" 50» 70" 61" b: 4 Uhr 30 Min. 75» 60" 55" 50" 70" 62" c: 5 Uhr 40" 4.5" 40" 40" 55" 44" d: 5 Uhr 30 Min. 20" 30" 30" 40" 50" 34" e: 6 Uhr 10 Min. 15" 10" 30" 40" 40" 27" /: 7 Uhr 5 Min. 30" 20" 30" 40" 50" 34" g: 7 Uhr 45 Min. 55" 45" 50" 50" 60" 52" /,: 8 Uhr 30 Min. 80" 800 6.5" 65» 80» 74» (a — h: sehwache Senkung oder Stillstand, nur bei No. 3 beginnende Hebung: b — c: ])lötzliclie, meist sehr starke Hebung; c — d: fortdauernde Hebung; d — e: nach- lassende Hebiuig; e—f: Beginn der Senkung; /— (7; sehr starke Senkung; g — h: fort- dauernde starke Senkung.) B. Die Vcrtlieiluug «1er heliotropisclieii Einpfindlichkeit im Cotjiedo. § 13. Es handelte sich zunächst darum zu entscheiden, ob in der That, entsprechend den Angaben Darwin' s, die heliotropische Empfindlichkeit auf eine relativ kurze Spitze des Cotyledo beschränkt ist, und die helio- tropische Krümmung des ganzen übrigen Cotyledo ansschliesslicli durch die einseitige Beleuchtung der Spitzenregion und durch eine Reizübertragung von dieser aus bedingt wird (ich werde im Folgenden der Kürze halber die Spitzenregion einfach als ,,Sj)itzc", den ganzen übrigen Theil des Cotyledo als „Untertheil" bezeichnen). Zur Entsclieidung dieser Frage giebt es nur ein Mittel, das ist der Vergleich der heliotropischen Krümmung von ihrer ganzen Länge nach beleuchteten Cotyledonen mit derjenigen gleicher Coty- iedonen, deren Spitze aber verdunkelt ist. Ich habe eine grössere Zahl solche» Versuche ausgeführt und werde einige davon, resp. Auszüge aus ihnen^ als Beispiele anführen; durchgängig bezeichne ich die Vergleichskeinilingo (in ganzer Länge beleuchtet) mit a, die Versuchskeimlinge (Spitze ver- dunkelt) mit h. Versuch S. Phalaris canariensis. 8 Keimlinge, halbctiolirt (d. i. am Tage vorher zu einem mehrstündigen helio tropischen Versuch benutzt, seitdem wieder im Dunkeln gehalten), 3 — 4 cm hoch. n) 4 Verglcicliskeimüiigc, b) 4 Versuchskeindinge: 6 mm Spitze mittelst Staniolkappen verdunkelt. Nach 1 Stunde: Die a sind in der Spitzenregion bereits merklich gekrümmt, die b sind ganz gerade. 35 Nach 2V3 Stunden: o) Die Krümmung innfasst bereits eine lange Region. b) Alle deutlich gek nimmt, in ähnlicher Weise wie die a, jedoch schwächer, ein Keimling nur ganz schwach geki-ümmt. Nach 3V4 Stunden; Bei den a hat sich die Krümmung verstärkt, bei den b kaum ; der Unterschied beider Gruppen ist sehr bedeutend. Nach 43/4 Stunden: o) Keimlinge stark gekrümmt, bei dreien der Obertheil unter ca. 60'* geneigt. b) Alle Keimlinge mit schwacher Krümmung. Um die Möglichkeit auszuschliessen, dass der beobachtete Unterschied nur auf individuellen Differenzen der Ki'ümmungsfähigkeit beruhen könnte (was freilich von vornherein sehr unwahrscheinlich ist), werden jetzt die Stanniolkappen von den Keim- lingen b abgenommen und auf die Keimlinge a aufgesetzt. Darauf werden die Keim- linge von neuem in der früheren Richtung exponirt, so dass also die vorhandene Krümmung der Lichtquelle zugekehrt ist. Nach 1% Stunden haben sich die 6 bereits ansehnlich gekrümmt; nach 4 Stunden sind sie alle stark bis sehr stark gekrümmt, während die Krümmung der a sich deutlich vermindert hat, so dass jetzt die b stärker gekrümmt sind als die a. Dieser Versuch (einer meiner ersten) ist zwar vollkommen entscheidend, er erlaubt aber keine nähere Vorstellung darüber, in welchem Grade die KrUmmungsfähigkeit des Cotyledo durch Verdunkelung der Spitze vermindert wird, da weder Zeichnungen angefertigt wurden, noch der Grad der Krüm- mung der Keimlinge beider Gruppen irgendwie quantitativ bestimmt wurde. In den folgenden Versuchen geschah meist beides, und zwar wurde der Grad der Krümmung bei jedem einzelnen Keimling durch Messung der Neigung des Obertheils ^) bestimmt. Diese Messung kann nun nicht zu jeder beliebigen Zeit und auch nicht an jeder beliebigen Stelle des Obertheils erfolgen. Zu- nächst ist offenbar Bedingung, dass wenigstens eine gewisse Strecke des geneigten Obertheils ganz gerade gestreckt sei, um überhaupt eine Messung der Neigung zu ermöglichen; wenn also Oscillationen stattfinden, so müssen zur Messung im Allgemeinen die Zeitpunkte maximaler Senkung oder maximaler Hebung gewählt werden; eine geringe Aufwärtskrümmung der Spitze bei beginnender Hebung, wie in Fig. 10 a (S. 37), stört freilich nicht, da hier noch ein genügend langes geradegestrecktes Stück des Ober- theils vorhanden ist, dagegen ist die Phase der Senkunsr, wo der ganze Obertheil concav nach unten gekrümmt ist, zu Messungen ungeeignet. *) Einerseits unterscheide ich an den Keimlingen die kurze verdunkelte „Spitze", und den „Untertheil", d. i. den ganzen übrigen Theil des Cotyledo, — andererseits bezeichne ich als „Obertheil" denjenigen Theil des Cotyledo, welcher sich dem Lichte zuneigt, d. i. einen Theil, dessen Länge mit der Zeit zunimmt und zuletzt fast den ganzen Cotyledo umfassen kann. Diese Bezeichnungs weise ist nicht gerade correct, denn nach ihr sind „Obertheil" und „Untertheil" keine Gegensätze, vielmehr kann ein mehr oder weniger langes Stück des Cotyledo sowohl zum Obertheil als zum Unter- theil gehören. Doch kann ich keine bessere Bezeichnungsweise finden und hoflEe, dass nach der obigen Auseinandersetzung kein Grund zu Missverständnissen gegeben sein wird. 8* 3G Sonstige Schwierigkeiten werden durcli die Oscillationen nicht involvirt, dank dem Umstände, dass die Phasen derselben bei den Keimlingen beider Gruppen zusammenfallen. — Ferner ist zu beachten, dass die Neigungen der Keim- linge beider Gruppen erst dann mit einander vergleiclibar werden, wenn bei den Vergleicliskeiralingen der Obertheil bereits in längerer Strecke ganz geradegestreckt ist, als er bei den Versuchskeimlingen verdunkelt ist; da wir bestimmen wollen, wclclien Einfluss die Verdunkelung der Spitze auf die Neigung des tieferliegenden Theiles des Cotyledo hat, so dürfen wir natürlich nur die Neigungen von einander entsprechenden Partieen dieses tieferliegenden Theiles vergleichen, und die Spitze der Vergleichskcimlinge, 80 lange sie nocli stärker geneigt ist als die folgenden Zonen, darf nicht in Betracht gezogen werden; sonst würden wir offenbar einen sehr groben Fehler begehen, welcher die gefundenen Neigungsdifterenzen erheblich ver- grössern konnte. Es kommt, mit anderen Worten, bei den Vergleichs- keimlingen auf die Neigung derjenigen Region an, welche auch bei den Versuchskeimlingen beleuchtet ist. Daher können in der ersten Periode der Krümmung, solange die Geradestreckung sich noch nicht in genügendem Grade auf diese Region erstreckt, die Keimlinge beider Gruppen nicht mit einander verglichen werden. — Bei den Versuchskeimlingen wird andererseits die Sache dadurch coraplicirt, dass die verdunkelte Spitze, wenn sie durch die heliotropische Krümmung des Untertheils aus der senkrechten Lage hinausgebracht wird, unter dem Einfluss des Geotropismus sich meist deutlich aufwärts krümmt; manchmal beschrankt sich diese Aufwärtskrüramung nur auf den verdunkelten Tlieil, ohne die Form des beleuchteten Theiles zu be- einflussen, — oft aber erstreckt sie sich tiefer und umfasst auch eine mehr oder weniger lange Strecke des beleuchteten Untertheiles, so dass der Keim- ling eine schwach S-förmige Gestalt erhält (wie die Fig. 10 5 auf S. 37 zeigt). Es leuchtet ein, dass hier nur die untere, nach der Lichtquelle concave Krümmung eine heliotropische ist und dass nur sie mit der Krümmung der Keimlinge der Gruppe a verglichen werden darf; daher wurde in solchen Fällen nicht dieNeigungdesOberthcils schlechthin geraessen, sondern dieNeigung desjenigen mittleren Theiles, welcher die stärkste Neigung aufwies, mit anderen Worten, es wurde die maximale heliotropische Neigung der Keimlinge gemessen. Nach diesen Vorbemerkungen kann ich mich zu den quantitativen Ver-' suchen wenden. Versuch 2. Avena sativa. 8 etiolirtc, ca. 3 cm liolie Keimlinge. a) 4 Vergleichskeiiiilinge. b) 4 Versiiehskcinilinge: 5 vim Spitze mittels Papicrschiir/en verdunkelt. Nacli l'/2 Stunden: a) mit zienilieli starker Krümmung der Spitze. b) schon merklich gekrümmt. Nach 3 Stunden: a) schon sehr stark und in langer Region gekrümmt. b) wie oben. 37 Nach 7 Stunden: a) An der Basis scharf gekrümmt, der übrige Theil geradegestrecict, nur di( Spitze bei einigen Keimlingen etwas aufwärts gekrümmt. Neigung des geraden Theils 75- 80«'. Mittel 78« Fig. 10, a. a, h Fig. 10. 6) Mit schwacher Krümmung an der Basis; oberer Theil aufwärtsgeKrümmt, die verdunkelte Spitze nahezu vcrtical gerichtet. Maximale Neigung 25 — 35«, Mittel 30«. Fig. 10, h. Versuch 3. Avena sativa. 9 sehr junge etiolirte Keimlinge, 1,1 — 1,2 cm hoch. a) 4 Vei'gleichskeimlinge. h) 5 Versuchskeinilinge: genau die obere Hälfte durch Stanniolkappen verdunkelt. Exposition in heliotropischcr Kammer auf Tisch in Mitte des Zimmers, als Licht- (juelle dient ein Fenster. Nach 2V2 Stunden: a) In der oberen Hälfte schon ziemlich stark gekrümmt, in der unteren erst schwache Krümmung; Neigung der Spitze ca. 50*^. i) Nur ein Keimling noch vcrtical, die übrigen im beleuchteten Untertheil deutlich gekrümmt, Neigung des verdunkelten Obcrtheils 10 — 15«. Nach 33/4 Stunden: d) Die Hauptkrümmung befindet sich schon in der unteren Hälfte, die obere Hälfte fast ganz gerade, Neigung 50 — 60*^. fc) Sämnitlich schwach aber deutlich gekrümmt, Neigung des Obertheils 10 — 20«. Nach 53/4 Stunden: d) Oberer Theil ganz geradegestreckt, Neigung 45 — 55^ (schwache Hebung!), Mittel 50«; unterer Theil grösstentheils ebenfalls ganz gerade, nur an der Basis eine massige Krümmung; die Hauptki-fimmung muss sich also unter der Erde befinden, und bei zwei Keimlingen, welche ausgegraben wurden, reigt sich in der That der 1 cm lange unterirdische Theil des Cotyledo in seiner ganzen Ausdehnung lichtwärts gekrümmt. — Fig. 11, a. a 1) Fig. 11. Auf den Keimlingen b sind die Stanniolkappen im schematischen Längsschnitt dargestellt. h) Neigung des Obcrtheils 10 — 15«, Mittel 13«. Der untere Theil ist bei einigen Keimlingen fast vollkommen gerade und schon von der Erdoberfläche an geneigt, so dass auch hier offenbar der unterirdische Theil des Cotyledo gekrümmt sein muss. — Fig. \\,b. 88 § 14. Alle übrigen Versuche gaben im wesentlichen die gleichen Resultate, und nur die quantitativen Verhältnisse variirten in gewissen Grenzen. Ins- besondere waren die individuellen DitTerenzcn innerhalb jeder der beiden Gruppen von Keimlingen oft erheblich grösser als in den angeführten Ver- suchen, so dass raanclimal die am stärksten gekrümmten Verstichskeimlinge hinter den am wenigsten gekrümmten Vergleichskeimlingen nur unbedeutend zurückbliebeu. Aber die Mittehverthe differiren ausnahmslos bedeutend, in fast allen Versuchen ist die mittlere Neigung der Vergleichskeimlinge mindestens doppelt so gross als die der Versuchskeimlinge. Zur Illustration dieser Verhältnisse will ich die Endresultate noch einiger weiterer, möglichst verschiedener Versuche anführen. Versuch 4. Phalaris canariensis. 18 etiolirte, bis 1,4 cm hohe Keiiiiliiige. 9 a, d b; let/.tcicu die obere Hälfte durcli Stanniolkappen verdunkelt. Versuchsdauer ö'/j Stunden. a) Neigung 50—80«, bei den meisten 65 f; Mittel OIV^". b) Neigung bei 8 Keimlingen 5 — 40<', bei den meisten 20^; ein Keimling ohne Spur von Krümmung; Mittel 19«, — ohne den nicht gekrümmten, offenbar ab- normen Keimling Mittel 21«. Versuch 5. Avena sativa. 10 etiolirte, 2 — 3 cai hohe Keimlinge. 5 a, b b; letzteren 4'/.2 «im Spitze durch Stanniolkappen verdunkelt. Versuchsdauer 5'/^ Stunden. a) Neigung 60—75«, Mittel 67«. b) Neigung 30—50«, Mittel 40". Dies ist die stärkste mittlere Neigung der Versuchskeimlinge, welche in meinen Versuchen mit (?raOT«!ee7i-Cotyledonen jemals zur Beobaclitung gelangte; gleichzeitig ist dieser Versuch der einzige, in dem die mittlere Neigung der Versuchskeimlinge merklich mehr als die Hälfte der Neigung der Vergleichskeimlinge betrug; dennoch ist auch in diesem exceptionellen Falle die Differenz beider Gruppen eine bedeutende (27°). Versuch 6. Avena sativa. 18 etiolirte, IV2 — 4 '/2 cm hohe Keimlinge. 9 a, 9b; den letzteren 7 V2 wt» Spitze mittelst Stanniolkappen verdunkelt. Versuchsdauer 6'/2 Stunden. a) Neigung 50-80», Mittel ßlVi". b) Neigung 20— 40o, Mittel 30". Schliesslich sei noch ein Versuch angeführt, in dem ein Theil der Keim- linge am Klinostaten in verticaler Ebene rotirte; neben anderen, später zu besprechenden Zwecken sollte der Versuch lehren, ob bei rein heliotropischer Krümmung die Beleuchtung der Spitze in der gleichen Weise die Krümmung des Untertheils beeinflusst, wie bei der antagonistischen Wirkung von Heliotropismus und Geotropismus, — was a priori zwar wahrscheinlich, aber nicht nothwendig ist. Die als Lichtquelle dienende Flamme befand sich in der Verlängerung der Klinostatenachse und in 84 cm Entfernung von dem Mittelpunkt der rotirenden Scheibe. Die Linien, welche von der Flamme zur Basis der Keimlinge führten, wichen um 8 " von der Horizontale ab, das Licht fiel also auf die Keimlinge unter einem Winkel von 98 *' und dementsprechend 39 war die Gleichgewichtslage der rotirenden Keimlinge erst bei einer Neigung von 98 " erreicht. (Weiteres über die Einrichtung der Klinostatenversuche siehe § 5.) Neben dem Kliuostaten, auf dem Niveau des oberen Randes der rotirenden Scheibe und in gleicher Entfernung von der Lichtquelle, war eine zweite Gruppe ebensolcher Keimlinge in aufrechter Stellung fix aufgestellt. Die- selben befanden eich in jeder Hinsicht unter den gleichen Bedingungen wie die rotirenden Keimlinge, mit dem einzigen Unterschied, dass sie der ein- seitigen Wirkling der Gravitation nicht entzogen waren. — Jede der beiden Gruppen von Keimlingen bestand ihrerseits aus zwei Untergruppen, niimlich aus Vergleichs- und Versuchskeimlingen, in dem bisher gebrauchten Sinne. Versuch 7. Avena sativa. 6 Thonzellen mit 30 etiolirten, 1,6 — 2,8 cm hohen Keimlingen. I. 3 Thonzellen mit 15 Keimlingen stehen aufrecht. II. 3 Thonzellen mit 15 Keimlingen rotiren. Jede von diesen beiden Gruppen enthält: a) 10 Vergleichs-Keimlinge. b) 5 Versuchs-Keimlinge, denen 6 mm Spitze mittels Stanniolkappen verdunkelt sind. Der Einfluss der Ausschliessung des Geotropismus zeigt sich im Laufe des Ver- suches in Folgendem: Die Vergleichskeimlinge krümmen sich am Klinostaten schneller und stärker und die Geradostreckung ilires Obertheiis erfolgt bedeutend später als bei aufrechter Stellung. Auch die Versuchskeiinlingc krümmen sich am Klinostaten schneller und stärker; die Aufvviirtskrümmung ihrer Spitze bleibt natürlich aus. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen ist nicht geringer als bei aufrechter Stellung. Fig. 12. Am Schluss des Versuchs, welcher T/4 Stunden dauerte, wurden folgende Neigungen gefunden: I. Aufrecht stehende Keimhnge: a 55—70», Mittel 68°. b 15—250, Mittel la**. 40 II. Rotirende Keimlinge: a 90—110«, Mittel 98". b 30 — 40", Mittel 38". Vgl. Fig. 12, in der diosellien Zilleni iiiul Huclistiiben zur Ijezoicimung der Keimlinge verwandt sind. Wie dieser Versuch zeigt und noch zwei weitere, in gleicher Weise aus- gefülirte Versuche bestätigen, hat die Verdunkelung der Spitze bei rotirenden Keimlingen denselben Einfluss wie bei aufrecht stehenden: das Verhältniss der Neigungen a : h stimmt in beiden Gruppen so gut Uberein, als überhaupt verlangt werden kann. § 15, Im Ganzen gelangten in 28 Versuchen 142 Vergleichs- und 173 Ver- suchskeimlinge von Avena, und in 8 Versuchen 48 Vergleichs- und 46 Versuchs- keimlinge von Plialaris zur Beobachtung ; die Länge der bei den Versuchs- keiralingen verdunkelten Spitze variirte von 3 — TVa mm. Alle diese Keim- linge verhielten sich normal, d. h. die Vergleichskeimlinge krümmten sich stark oder sehr stark, und die Versuchskeimlinge krümmten sich zwar deutlich, aber erheblich schwächer als die Vergleichskeimlinge, — mit den folgenden Ausnahmen: Unter den Vergleichskeiralingen von Avena verhielten sich 6 abnorm. 1 Keimling krümmte sich überhaupt nicht; er war, wie ich mich durch Messung überzeugte, während der Versuchsdauer garnicht gewachsen. Ein anderer krümmte sich nur schwach; er war deutlich abnorm gestaltet, 4 weitere Keimlinge in zwei Versuchen krümmten sich ebenfalls nur schwach; bei diesen war der Cotyledo schon alt und wurde schon zu Beginn der Ver- suche durchbrochen. — Auch bei Plialaris krümmte sich ein Vergleichs- keimling abnorm schwach. Unter den Versuchskeimlingcn von Avena verhielten sich 5 abnorm, nämlich: In einem meiner ersten Versuche krümmten sich 3 von 5 Keim- lingen nicht merklich; die Ursache kann ich nicht mit Sicherheit angeben, doch dürfte vielleicht die Versuchsdauer ungenügend gewesen sein, sie betrug nur 3^/4 Stunden. Ferner krümmte sich ein Keimling, welcher 5V2 Stunden am Klinostaten rotirte, ebenfalls gar nicht; in dem betreffenden Versuch, der einen besonderen Zweck verfolgte und in § 20 besprochen werden wird, musste mit theilweise stark schräg stehenden Keimlingen operirt werden, und der fragliche Keimling war fast horizontal von der Lichtquelle weg- geneigt, hatte also eine für die heliotropische Krümmung sehr UHgünstige Lage. Endlich wich ein ebenfalls am Klinostaten rotirender Keimling in umgekehrtem Sinne von der Norm ab, er erreichte nämlich schliesslich eine Neigung von 80" und blieb nur unbedeutend hinter der mittleren Neigung der Vergleichskeimlinge desselben Versuches zurück, — Bei Plialaris ver- hielten sich 4 Versucliskeiralinge abnorm: in einem Versuch krümmten sich 2 von 5 Keimlingen ebenso stark als die Vergleichskeiralinge, in zwei anderen Versuchen blieben 2 unter 9 Keimlingen ganz ungekrümmt. Wie man sieht, ist die Zahl der Ausnahmefälle, namentlich bei Avena, eine geradezu auffallend kleine, und überdies kann noch ein Theil derselben auf bestimmte Ursachen zurückgeführt werden. 41 Die bisher besprochenen Versuche führen zu folgenden Schlüssen: 1. Nicht nur die Spitze, sondern auch der Untertheil des Cotyledo ist heliotropisch empfindlich, da er sich auch dann in seiner ganzen Länge krümmt, wenn die Spit^ ver- dunkelt ist. 2. Die heliotropiscbe Empfindlichkeit des Untertheils ist jedoch nur gering, da einseitige Beleuchtung des Untertheils allein nur eine mehr oder weniger schwache Krümmung des- selben zur Folge hat. Da die gleichzeitige einseitige Beleuchtung der Spitze die sonst nur geringe heliotropische Krümmung des Untertheils auf das doppelte oder mehrfache steigert, so ergeben sich noch die zwei weitereu Folgerungen: 3. Die Spitze des Cotyledo zeichnet sich durch eine weit stärkere heliotropische Empfindlichkeit aus als dessen Untertheil. 4. Die starke heliotropische Reizung der Spitze pflanzt sich von hier aus auf den Untertheil fort und bewirkt in diesem eine weit stärkere Krümmung, als dessen eigener ge- ringer Empfindlichkeit entspricht. § 16, Die beiden ersten der obigen Schlussfolgerungen stehen in directem Gegensatz zu dem Resultat Darwin' s, welches er (5, 405) in folgenden Worten formulirt: „ . . . können ivir schliessen, dass der Äus- scJiluss des Lichts von dem oberen Theil der Cotyledonen von Phalaris den unteren Theil, auch wenn derselbe vollständig einem seitlichen Licht ausgesetzt ist, verhiyidert sich zu krümmen." Dasselbe findet Darwin auch für die Keimlinge des Hafers, und am Schluss des Abschnittes giebt er Folgendes, auf alle untersuchten Keimlinge bezügliches Resurae (5, 415): „Ilire unteren Hälften wurden stundenlang hell beleuchtet und bogen sich doch nicht im mindesten nach dem Lichte hin, ob- schon dies derjenige Theil ist, ivelcher sich unter gewöhnlichen Um- ständen am meisten biegt" ^). Der Gegensatz zwischen Darwin 's Resultaten und den meinigen er- scheint weit weniger scharf, wenn man nicht Darwin 's Schlussfolgerungen, sondern die ziflfernmässigen Resultate seiner Versuche in Betracht zieht. Von den 33 Keimlingen von Avena sativa, deren Spitze in Darwin's Versuchen verdunkelt wurde, blieben nur 19, also nicht viel mehr als die Hälfte, ganz gerade; 5 Keimlinge krümmten sich schwach, und 9 krümmten sich fast ebenso stark wie die Vergleichskeimlinge. Ein noch ungünstigeres ') Darwin stellt hier zwar nur die heliotropische Empfindlichkeit der unteren „Hälfte" der Keimlinge in Abrede; doch ist das nicht wörtlicli zu nehmen, wenigstens soweit es sich um G'rammeen-Kcimlinge handelt, denn Darwin verdunkelte bei seinen, bis zu 2'/2 cm hohen Keimlingen auch nur eine relativ kurze Spitzenregion, nämlich bei Avena 6V4 — T'/a """> ^6' Phalaris meist l'/a — 4 mm. 42 Verliältniss weisen die Versuche mit Phalaris canariensis auf, auf denen Darwin in erster Linie seine Schlüsse basirt; liier wurde die Spitze resp. die obere llülfte von insgcsainint 55 Keimlingen verdunkelt; von ihnen blieben fG (also weniger als die Hälfte) ganz gerade, fast ebensoviele, nämlich '25, krümmten sich „unbedeutend" dem Lichte zu, und 4 Keimlinge krümmten sich fast ebenso stark wie die Vcrgleichskeimlinge. — Wie man aus dieser Zusammenstellung') ersieht, könnte man aus Darwin's Ver- suchen mit Phalaris mit gleichem Recht, wie die Schlussfolgerung des Autors, auch die gerade entgegengesetze Schlussfolgerung ziehen, zu welcher mich meine Versuche geführt haben; Darwin's Versuche beweisen seine These keineswegs. Auch in Darwin's Versuchen mit Hafer widersprechen 14 Keimlinge gegen 19 seiner Schlussfolgerung. Immerliin bleibt es auf- fallend, dass in Darwin's Versuchen ein so lioher Procentsatz der Ver- suchskeimlinge sich gar nicht krümmte, was in meinen Versuchen nur als selir seltene Ausnahme vorkam (4 Fälle unter 173 bei Ävena, 2 Fälle unter 46 bei Phalaris). Da Darwin als sehr gewissenhafter und sorgfältiger Beobachter bekannt ist, und da die Expositionsdauer in seinen Versuchen stets eine reichlich genügende war, so bleibt mir diese Thatsache ganz räthselhaft. Jedenfalls glaube ich aber meinen weit zahlreicheren und, was noch wichtiger, untereinander ungleich besser übereinstimmenden Versuchen die entscheidende Bedeutung beilegen zu dürfen. Natürlich fragt es sich, ob meinen Versuchen nicht vielleicht irgendwelche Fehlerquellen anhaften, welche die Ursache meiner abweichenden Befunde bilden könnten. Soweit ich sehe, sind nur zwei derartige Fehlerquellen denkbar. Zunächst könnte man denken, die Länge der verdunkelten Spitze, welche in manchen meiner Versuche nur 3 mm betrug, sei ungenügend, mit anderen Worten, es sei nicht die ganze allein heliotropisch empfindliche Spitze verdunkelt gewesen, — worauf Darwin es gewöhnlich schiebt, wenn seine Versuchskeiinlinge sich lichtwärts krümmten; auf diesen Einwand brauche ich hier nicht näher einzugehen: seine NichtStichhaltigkeit wird sich schlagend aus den unten (§§ 18 und 19) mitzutheilenden Versuchen ergeben, welche darthun, dass einerseits die stark empfindliche Spitzenregion des Cotyledo nicht länger als 3 mm ist, und dass andererseits die schwache heliotropische Empfindlichkeit nicht etwa nur einer begrenzten oberen Partie des Untertheils, sondern dem ganzen Untertheil des Cotyledo bis an dessen Basis zukommt. — Zweitens könnten meine Verdunkelungsvorrichtungen die Spitze nicht vollkommen vor einseitiger Beleuchtung geschützt haben. Dass diese Fehlerquelle niclit vorhanden war, habe ich schon oben (§ 6) gezeigt; sicherlich waren meine Verdunkelungsmittel zuverlässiger als die geschwärzten Glaskappen, Federspulen und Goldschlägerhäutchen, welche Darwin neben den Stanniolkappen in ausgedehntem Masse benutzte, und deren Undurch- •) Diejenigen Keimlinge, welche Darwin selbst aus verschiedenen Gründen nicht mit in Betracht zieht, sind auch von der obigen Zusammenstellung ausgeschlossen. 43 lässigkeit für Licht immer Zweifeln unterworfen ist*, auf die UnvoUkommenheit (lieser Vorrichtungen ist es vielleicht zurückzuführen, dass in Darwin 's Versuchen ein recht grosser Procentsatz der Keimlinge mit verdunkelter Spitze sich abnorm stark krümmte. Bei dieser Gelegenheit will ich auch gleich zwei anderen Bedenken be- gegnen, welche gegen meine Versuchsanstellung erhoben werden könnten, nämlich, ob nicht die Keimlinge sich in Folge des Gewichtes der Stanniol- kappen oder in Folge des durch sie ausgeübten seitlichen Druckes in abnormen Bedingungen befanden und ob nicht durch diese Factoren der Grad ihrer Krümmung wesentlich beeinflusst wurde. Bezüglich des seitlichen Druckes sei daran erinnert, dass in zahlreichen Versuchen ganz lose aufsitzende Stanniolkappen verwandt wurden, was das Resultat der Versuche nicht änderte. Bezüglich des Gewichts der Stanniolkappen verweise ich auf das Kapitel über Zugwachsthum, wo gezeigt werden wird, dass selbst eine be- deutend grössere Belastung, als durch die nur wenige mg wiegenden Stanniolkappen, ohne merklichen Einfluss auf den Grad der heliotropischen Krümmung bleibt, wenn dabei die Spitze der Keimlinge nicht verdunkelt wird. § 17. Ausser der bisher beschriebenen Weise habe ich zur Controle auch noch auf verschiedene andere Weisen die ungleiche Vcrtheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo (stark in der Spitze, schwach, aber doch vorhanden im Untertheil) nachgewiesen. Da diese Versuche nur eine volle Bestätigung des bereits dargelegten ergaben, so kann ich mich bezüglich derselben kurz fassen. 1. Stellen wir einen Topf mit Keimlingen so in der heliotropischen Kammer auf, dass die Keimlinge horizontal und gleichzeitig senkrecht zur Richtung der (wie immer, horizontal einfallenden) Lichtstrahlen liegen, so wirken Geotropismus und Heliotropismus in aufeinander senkrechten Ebenen, und die Keimlinge werden sich in einer intermediären Ebene krümmen müssen, deren Neigung (Abweichung von der Verticalebene) von dem Ver- hältuiss der Stärke von Geotropismus und Heliotropismus abhängt; experi- mentirt man mit gleichartigen Objecten, so ist die Stärke des Geotropismus (abgesehen von individuellen Schwankungen) constant und die Neigung der Krümmuugsebene wird nur durch die relative Stärke des Heliotropismus be- stimmt. Exponiren wir also in der genannten Weise Keimlinge mit und ohne Stanniolkappen, so muss sich der Einfluss der Spitzen Verdunkelung nicht blos in dem Grade der Lichtwärtskrüramung der Keimlinge, sondern unabhängig hiervon auch im Grade der Neigung der Krümmungsebene geltend maclien. Dies bestätigte sich. Bei ^i?ena-Keimlingen mit verdunkelter Spitze wich am Schluss eines 4 Stunden dauernden Versuches die Krümmungs- ebene nur wenig, um ca. 5 — 20", von der Verticalebene ab, während diese .Abweichung bei Keimlingen mit nicht verdunkelter Spitze ca. 60" betrug. 2. Eine zweite interessante Versuchsanstellung ist folgende. Man lässt Keimlinge in irgend welcher Weise, — z. B. dadurch, dass man den Topf 44 über Nacht geneigt aufstellt — , eine Neigung von ca. 45 '* gegen die Verticale annehmen. Kxponirt man sie nun in einseitigem horizontal eiufallenilem Licht so, dass die vorhandene Neigung nach der Lichtquelle gerichtet ist, so wird die Neigung, da sie geringer ist als der nunmehrigen Gleichgewichts- lage entspricht, sich nach einiger Zeit zu verstärken beginnen. Verdunkeln wir aber die Spitze der Keimlinge, so ist umgekehrt die vorhandene Neigung grösser als der Gleichgewichtslage entspricht, die Keimlinge werden daher beginnen müssen sich aufzurichten. Exponiren wir in der bezeichneten Weise einen Satz von ursprünglich gleich stark geneigten Keimlingen mit theils verdunkelten, theils unverdunkelten Spitzen, so werden wir das eigenthüm- liche Schauspiel beobachten, dass die Keimlinge beider Gruppen sich gleich- zeitig in entgegengesetztem Sinne krümmen, — die einen aufwärts, die anderen abwärts, — was einen höchst schlagenden Beweis für die bevorzugte helio- tropische Empfindlichkeit der Spitze und für den Einfluss derselben auf die Krümmung des Untertheils bildet. Da aber dem Untertheil doch auch eine gewisse eigene heliotropische Empfindlichkeit zukommt, welche der Auf- wärtskrümmung entgegenwirkt, so wird die Aufwärtskrümraung bei den Keimlingen mit verdunkelter Spitze deutlich geringer sein müssen, als bei einer dritten Gruppe gleicher Keimlinge, die (etwa durch Bedecken des Topfes mit einem Ziukkasten) caeteris paribus ganz verdunkelt werden. — Derartige Versuche habe ich mit (rr(imi7iee?i-Keimlingen öfters mit dem er- warteten Erfolge ausgeführt^ hier mag es genügen, die zu einem solchen Versuch mit Avena gehörige Fig. 13 nebst Erklärung anzuführen, zu der nur bemerkt werden muss, dass sie nur den Beginn der in Rede stehenden Erscheinung darstellt-, bei längerer Dauer des Versuches würden die übrigens auch so unverkennbaren Differenzen erheblich grösser geworden sein. (V b c Fig. 13. Töpfe mit Keimlingen von Avena nativa wurden über Naclit im Dunkeischrank in schräger Stellung stehen gelassen. Anifulgonden Morgen war der Obertlieil der Keimlinge geradegcstrcciit und hatte eine Neigung von 45 — 55*^ angenounnen. Die Keimlinge wurden nun einseitiger Be- leuchtung ausgesetzt, so dass die vorhandene Neigung der Lichtquelle zugekehrt war; die einen fa) waren in ganzer Länge beleuchtet, den anderen (bj war eine 4'/2 mm lange Spitze mittelst Stannioll;appen ver- dunkelt, die dritten (c) wurden dm-ch Bedecken mit einem Zinkkasten ganz verdunkelt. Die Figur stellt je einen Keimling aus den drei Gruppen dar, und zwar 1) vor Beginn der Exposition, 2) nach 2Y2 Stunden. 45 3. Während diese beiden Versuchsanstelluugen im Grunde genommen doch nur Modificationen der früheren darstellen, ist die folgende Methode, welche auf der heliotropischen Nachwirkung nach kurzdauernder Beleuchtung beruht, principiell verschieden. Es ist zu erwarten, dass je empfindlicher ein Organ resp. ein Organabschnitt ist, desto weniger Zeit zur Inducirung des Heliotropismus in ihm erforderlicli sein wird; alsdann muss sich für einen Granüneen-Coiyhdo eine Expositionsdauer finden lassen, nach der heliotropische Induction wohl in der Spitze, nicht aber im Untertheil stattgefunden hat. Exponirt man Keimlinge mit theils verdunkelter, theils unverdunkelter Spitze für diese begrenzte Zeitdauer und verdunkelt sie dann in noch ganz geradem Zustande, so werden die Keimlinge, deren Spitze verdunkelt war, gerade bleiben, während die Vergleichskeimlinge sich in Folge der heliotropischeii Nachwirkung in der früheren Lichtrichtung werden krümmen müssen; begreiflicherweise wird man aber nur eine schwache Krüm- mung erwarten dürfen. Diese Erwartungen erwiesen sich als zutreffend. Nach einigem Probiren fand ich, dass die gesuchte kritische Expositionsdaucr für Ävenci ungefähr 4r) Minuten beträgt; ich sage ,, ungefähr", weil diese Dauer individuell variirt; daher ist es auch kaum möglich ein vollkommen reines Resultat zu erzielen : immer erweist sich die Expositionsdauer für einzelne Keimlinge entweder als zu kurz (einzelne der Vergleichskeimlinge krümmen sich nicht), oder als zu lang (einzelne Keimlinge mit verdunkelt gewesener Spitze krümmen sich). Immerhin ergaben die drei ausgeführten Versuche ein genügend klares Ge- sammtresnltat. Es folgt beispielshalber ein solcher Versuch. Versuch 8. Avena sativa. 14 etiolirtcn, 3 — 6 cm hohen Keimlingen wurde eine Tuschmarke T'/a wm unter der Spitxe angebracht. o) 7 Keimlinge ohne Stanniolkappen. h) 7 Keimlingen wird die Spitze bis zur Tusehmarke mittels Stanniolkappen verdunkelt. Die Keimlinge werden 45 Minuten exponirt, wonach sie noch keine Spur von heliotropisdier Krümmung zeigen. Nun werden sie, naelidem die Richtung zur Licht- quelle durch Zeichen auf den Töpfen markirt worden, im Dunkelschrank in aufrechter Stellung aufgestellt. Nach 11/4 Stunden (nach der Verdunkelung".: a) Keimlinge mit zum Tlieil sehr schwacher, aber überall unverkennbarer Krümmung in der Richtung zur Lichtquelle. /)) 6 Keimlinge ganz gerade, einer mit zweifelhafter Kiümmung. Nach 3 Stunden: o) Einige Keimlinge noch mit deutlicher Krümmung in tieferer Region, andere schon durch Geotropismus aufgerichtet. b) Wie oben. Jetzt werden die Stanniolkappen von den h abgenommen und den a aufgesetzt, ebenfalls bis zur Tuschmarke. Darauf werden die Kcindinge nochmals einseitis be- o O leuchtet, aber von der entgegengesetzten Seite als das erste Mal, und nach 45 Minuten werden sie, in ganz geradem Zustande, im Dunkelschrank aufgestellt. Diese zweite 46 Hälfte des Versuches soll als Controlc dafür dienen, oh die oben beohachteten Differenzen nicht etwa imi' in individuellen Unterschieden iliron Grund hatten. Nach l'/4 Stunden: a) (mit Kappen): 6 Keimlinge ganz gerade, der siebente mit zweifeiliaftcr Krnnunuiig. h) (ohne Kappen): Mehrere Keimlinge schwach, aber ganz, deutlich in Richtung der Lichtquelle gekrünnut; die übrigen gerade geblieben. Leider habe ich versäumt die Zahl der zuletzt in der Gruppe /; gekrümmten Keimlinge zu notiren, ebenso wie Zeichnungen zu diesem und den anderen ent- sprechenden Versuchen anzufertigen ' ). Schliesslich sei nocli darauf hingewiesen, dass wir an anderer Stelle (§ 68) noch einen weiteren Beweis für die bevorzugte heliotropische Em- pfindlichkeit der Spitze des Cotyledo kennen lernen werden. Nachdem nunmelir mehr als ausreichende Beweise dafür beigebracht worden sind, dass die Spitze des Cotyledo in hohem, der Untertheil desselben in relativ geringem Grade heliotropisch empfindlich ist, wende ich mich zu den Versuclien, welche eine nähere Präcisirung der Vertheilung der helio- tropischen Empfindlichkeit im Cotyledo bezweckten. § 18, Zunächst fragt es sich, ob der Untertheil des Cotyledo nur in einer begrenzten oberen Partie oder in seiner fianzen Länge heliotropisch empfindlich ist; und in letzterem Falle, ob die Empfindlichkeit im ganzen Untertheil gleich gross (oder vielmehr gleich gering) ist, oder ob sie, von dem Maximum in der Spitze an, basalwärts allmälig abnimmt. Ein Vorversuch mit bis 3 cm hohen Cotyledonen von Avena^ deren ganze obere Hälfte durch lange Stanniolkappen verdunkelt war, zeigte, dass jedenfalls die untere Hälfte der Cotyledonen noch heliotropisch empfindlich ist, denn diese Keimlinge erreichten in 4M-i Stunden eine Neigung von 5 — 15" (im Mittel 10*'), und in 7V2 Stunden eine solche von 10—25" (im Mittel 16"). Näheren Aufschluss ergab der folgende Versuch: Versuch 9. Avena sativa. 23 etiolirte, 2,3 — 4,8 cm hohe Keimlinge wurden durch Tuschmarken in l^j-^mm lange Querzonen getheilt. 6 kleinere Keimlinge umfassten je 3 Zonen, 8 mittlere je 4, 9 grössere je 5 — G Zonen. 1) Bei dieser Gelegenheit will ich bemerken, dass die heliotropisehe Naehwirkungs- krümmung den normalen Gang einhält: sie beginnt an der Spitze des Cotyledo und dehnt sich dann allmälig basalwärts aus. Nach ^/4 stündiger Exposition wird im Dunkeln die Nachwirkungskrflmmung bald bemerklich und verstärkt sich im Laufe von ea. 2 Stunden; dann beginnt der Geotropismus zu überwiegen, und der Cotyledo kehrt allmälig wieder zur Verticalstellung zurück. Die hierbei erreichte heliotropische Neigung ist nur gering; stärkere Nachwirkungskrümmung würde sich natürlich bei Ausschluss des Geotropismus am Klinostaten erzielen lassen. Darwin (5,395 und 396) giebt an, dass Keimlinge von Fhalaris cunariensu nach 1 '/a — 2 stündiger Beleuchtung sich im Dunkeln noch '/4 — V-2 Stunde zu krünuncn fortfuhren, und auf Grund dieser entweder unvollständigen oder irrthümlichen Angabe wird rhalaris in der Literatur wiederholt als Beispiel ausnahmsweise kurzdauernder heliotropiseher Nachwirkung angeführt. Dies sei hiermit richtiggestellt: Fhalaris verhält sieh so, wie oben gesagt. 47 Die verschieden grossen Keimlinge wurden gleichmässig unter die drei Gruppen a, h, c verthcilt. o) Ohne Stanniolkappen. b) Die oberste Zone durch Stanniolkappen verdunkelt. c) Die zwei oberen Zonen durch lange Stanniolkappen verdunkelt. Ich habe also 9 Untergruppen, von denen jede aus 2 — 3 Keimlingen von gleicher Höhe und mit gleich langem beleuchtetem Theil besteht. In drei Untergruppen ist der Cotyledo in ganzer Länge beleuchtet, in den 6 übrigen Untergruppen variirt die Länge des beleuchteten Untcrtheils von V3 bis % der Gesammtlänge (^wenn man von dem kurzen Basalstück absieht, welches ausserhalb der Zonen bleibt). Bei Schluss des 6 Stunden dauernden Versuchs sind alle Keimlinge gekrümmt: die folgende Tabelle giebt die mittlere Neigung für die 9 Untergruppen: Gruppe Kleine Keimlinge Mittlere Keimlinge Grosse Keimlinge Gesammtmittel a h c 65" 35 <• 30« 60" 30" 33" 62" 40" 35" 62" 35« 33" Während sich der Einfluss der Spitzenverdunkelung wieder sehr deutlich dooumcntirt (a — 6 = 27"), ist die Verdunkelung einer weiteren Zone ohne Einfluss geblieben {b — c = 2"; eine solche DilTerenz ist = zu setzen). Auch die relative Länge des verdunkelten Theiles des Cotyledo ist ohne Einfluss, wie die folgende Zusammenstellung zeigt: Untergruppe Verdunkelter Theil der Gesammtlänge Mittlere Neigung Grosse b V6-V5 40" Mittlere b V4 30" Kleine b V3 35" Grosse c V3-% 35" Mittlere c V2 33" Kleine c ^Is 30" Wie man sieht, variiren die Wcrthe für die einzelnen Untergruppen in unregcl- mässiger Weise, ohne Beziehung zu der relativen Länge des verdunkelten Theiles; in Anbetracht dessen, dass die Untergruppen nur aus je 2 — 3 Keimlingen bestanden, dürften die geringen DifTcrcnzcn der Mittelwerthe wohl auf die nicht ganz aus- geglichenen individuellen iMlTcrcnzcn der Krüinmungstähigkeit zurückzuführen sein Wir sehen also, dass nur die Verdunkelung der Spitze von grossem Einfluss auf den Grad der Krümmung ist; ist einmal die Spitze verdunkelt, so bleibt die Verdunkelung weiterer Querzonen des Cotyledo ohne merkliciien Einfluss, wofern nur ein gewisser Theil der wachsenden Region, — sei es auch nur das untere Drittel — beleuchtet bleibt. Da auch ein zweiter der- artiger Versuch das nämliche Resultat ergab, so dürfen wir folgende Schlüsse formuliren : 1. Alle wachsenden Zonen des Cotyledo sind heliotropisch empfindlich. 2. Die heliotropische Empfindlichkeit nimmt nicht allmälig in basipetaler Richtung ab, sondern sie ist im ganzen Cotyledo 48 gleich gross rait Ausnnlinie einer kurzen Spitzeniogion, welcher bedeutend stUrkere Empfindlichkeit eigenthiiinlicli ist. § 10. Wenn die besonders starke lieliotropische Empfindlichkeit nur einer begrenzten Spitzenrogion zukommt, so ist es weiter von Interesse zu bestimmen, wie lang diese Region ist, und ob sie auch die äusserste Spitze rait umfasst, oder unterhalb derselben aufhört. Diese Aufgaben wurden (für Avena) auf zwei verschiedenen Wegen gelöst. Versuch 10. Avena sativa. 26 etiolirtc, 1,5 — 4,5 cm holie Keiinliiigc. Die verschieden hulien Keimlinge werden gleichmässig auf 3 Gruppen vcrtheilt. a) 9 Keiuilingc olnie Kappen. /)) 8 Keimlinge mit ganz ideinen, nur 1 ^l^mm Spitze verdunkelnden Stanniolkäppchen. c) 9 Keindingc mit 7'/.2 mm Spitze verdunkelnden Stannlolkappen. Schon vom Beginn der Krümmung an maelit sieh ein deutlicher Unterschied zwischen den drei Gruppen geltend: es ist unverkennbar, dass die Verdunkelung einer nur 1 '/z »»"» langen Si)itze nicht ohne Einfluss ist, wenn sie auch die Krümmung weniger stark vermindert als die Verdunkelung einer längeren Region. Der Obertheil krümmt sich, nach Erreichung einer gewissen heliotropischen Neigung, bei den b ebenso deutlich aufwärts wie bei den c. O/ b c Fig. 14. Nach 6V2 Stunden (vgl. Fig. 14): a) Keimlinge meist sehr stark gekrümmt, ihr Obertheil ganz geradegestreckt; Neigung 50—80", ittel M64'/.2°. i) Keimlinge im unteren Theil abwärts, im oberen aufwärts coneav; maximale Neigung in dem mittleren geraden Theil 25 — 60*>, Mittel 44 '/z". c) Form im Ganzen wie bei den b, doch die Abwärtskrümmung schwächer, die AufwHrtskrümmung der Spitze stärker; maximale Neigung 20 — 40**, Mittel 30 •*. Die b stehen in jeder Hinsicht in der Mitte zwischen den beiden anderen Gruppen, jedoch den c deutlich näher. Die Verdunkebmg einer nur l'/a mm langen Spitze vermindert die heliotropische Neigung stärker, als die Verdunkelung der folgenden, 6 mm langen Zone. Darausfolgt, dass die obersten 1 '/2 »""• <^in/a mm langen Spitze eine Steigerung der heliotropischen Neigung um BlV^". d- '• eine Ver- doppelung derselben bewirkt hat; werden ausserdem noch die folgenden l'/^nim be- ieuclitct (Gi'uppe h), so hat dies eine weitere Steigerung der Neigung zur Folge, die zwar wesentlich geringer (141/.2"), aber doch zu gross ist, um für zufällig gehalten werden zu liöiinen. Hiermit ist aber das mögliche Maximum der Krümmungsfiihigkeit bereits erreicht: werden noch weitere 4'/2 mm beleuchtet (Gruppe a), so hat dies keinen Einfluss mehr; denn eine Differenz von 3", wie sie zwischen den h und den a besteht, liegt innerhalb der Fehlergrenze der Messungsmethode und kann überdies auch von den individuellen Differenzen der Krümmungsfähigkeit her- rühren. Folglich beträgt die Länge der vorzugsweise empfindlichen Spitzenregion nicht mehr als 3 wm; innerhalb dieser Region dürfte die Empfindlichkeit in akropetaler Richtung zunehmen, da offenbar die oberen 1 V2 mm bedeutend empfindlicher sind als die unteren. — Derartiger Versuche wurden noch zwei mit gleichem Resultat ausgeführt. Beaierkenswerth ist die gute üebereinstimmung der Ergebnisse, welche mittels einander gerade entgegengesetzter Versuchsanstellungen gewonnen wurden. Das Resultat dieses Paragraphen können wir so formuliren: Die mit starker heliotropischer Empfindlichkeit ausge- stattete Spitzenregion ist nicht länger als 3 mm\ sie umfasst auch die äusserste Spitze, und zwar ist gerade in der äussersten Spitze von nicht mehr als 1 — IV2 mm Länge die heliotropische Empfindlichkeit ganz besonders gross. Cohn, Boiträge zur Biologie rier Pflanzen, Bd. VIT. Tieft I. ^ 50 § '20. Es erübrigt noch eine Frage zu erörtern. Nicht nur bei den Cotyledonen der Gramineen, sondern, wie man unten sehen wird, auch bei allen anderen untersuchten Objecten, welche eine ungleichraässige Vertheihiug der heliotropischen Emplindliclikeit aufweisen, hat die stärkste Empfindlichkeil ihren Sitz immer im obersten Thcil des betrefTeuden Organs, unabhängig von dessen morphologischer Natur. Vielleicht noch frappirender ist die folgende, an den Cotyledonen von Avena beobachtete und weiter unten (§ 81) näher darzulegende Thatsache: wenn die durch Abschneiden der Spitze zeitweilig aufgeliobene heliotropische Empfindlichkeit sich wieder einstellt, so ist sie ebenfalls ungleichmässig vertheilt, und zwar ist es wieder die oberste Zone, welche stärker als die übrigen empfindlich ist. Angesichts dieser Thatsachcn drängt sich die Frage auf, ob die ungleich massige Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit niclit vielleicht durch eine Gravitationswirkung bedingt ist. A priori lässt sicli nichts gegen die Möglichkeit einwenden, dass die Gravitation in irgendwelcher Weise etwa eine besondere Ansammlung oder Difi'erenzirung speciflsch heliotropisch em- pfindlichen Protoplasmas (oder nach NoH's Vorstellung, eine besonders aus- geprägte heliotropisch empfindliche Structur) gerade im obersten Theil der Organe bewirken könnte. In solchem Fall mUsste, wenn die ganze Ent- wickelung bei Ausschluss einseitiger Gravitationswirkung vor sich geht, die lieliotropische Empfindlichkeit im Organ gleichmässig vertheilt sein. Zur Prüfung dieser Annahme wählte ich die Keimlinge von Avena als das bequemste Object. Samen, welche in horizontaler Lage die ersten An- zeichen von Keimung zeigten, wurden in mit Sägespähnen gefüllte Thouzellen gepflanzt und diese von nun an ununterbrochen im Dunkelzimmer am Klinostaten in verticaler Ebene rotiren gelassen. Es dauerte unter solchen Umständen relativ lange, bis die Cotyledonen aus dem Substrat hervortraten, und die meisten thaten dies in sehr schräger Richtung (einige Cotyledonen traten überhaupt nicht hervor, sondern drangen in die Tiefe des Substrates ein). Nachdem die Cotyledonen sich genügend entwickelt hatten, versah ich einen Theil derselben mit Stanniolkappen und setzte, bei fortdauernder Rotation, die ganze Cultur einseitiger Beleuchtung aus. Das Resultat war ein vollkommen negatives: es ergab sich genau die gleiche Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit, wie bei den unter normalen Bedingungen erzogenen Keimlingen. Folglich ist die ungleichmässige Vertheilung der heliotropischen Empfind- lichkeit von der Gravitation unabhängig und rauss durch innere Ursachen bedingt sein C. Fortpflanzung der heliotropischen Reizung, § 21. Schon aus den im vorigen Abschnitt mitgetheilten zahlreichen Versuchen ergab sich die Schlussfolgerung, dass die starke heliotropische Reizung der Spitze des Cotyledo sich auf den Untertheil desselben fortpflanzen 51 muss, da sie eine weit stärkere Krümmung des Untertheiles hervorruft, als dessen eigener heliotropischer Empfindlichkeit entspricht; und da diese starke Krümmung allmälig die ganze Länge des Cotyledo umfasst, so muss sich der heliotropische Reiz von der Spitze aus bis an die äuserste Basis fortpflanzen, d. i. über eine bis zu 6 cwi erreichende Strecke, wozu freilich mehrere Stunden Zeit erforderlich sind: je kürzer der Cotyledo, desto schneller er- reicht die durch Reizfortpflanzung bedingte starke Krümmung seine Basis. Der so gefundene Beweis der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes ist freilich nur ein indirecter, er ist aber, wie mir scheint, so unzweideutig, dass, selbst wenn directe Beweise nicht vorlägen, an der Existenz besagter Fortpflanzung nicht gezweifelt werden dürfte. An der unter normalen Verhältnissen stattfindenden heliotropischen Krüm- mung des Untertheils eines Cotyledo ist nun aber, ausser dem von der Spitze ans übermittelten Reiz, zweifellos auch die directe Reizung des Untertheils durch einseitige Beleuchtung in gewissem Grade betheiligt, deren Existenz ebenfalls im vorigen Abschnitt nachgewiesen worden ist. Ausserdem fragt es sich, welcher Art die Wirkung des transmittirten Reizes ist; derselbe könnte direct die zu einer Krümmung führenden Vorgänge anregen, in welchem Falle der Untertheil sich auch in vollkommener Dunkelheit (resp. bei ringsum gleichmässiger Beleuchtung) heliotropisch krümmen mUsste, — seine Wirkung könnte aber auch nur darin bestehen, die heliotropische Empfind- lichkeit des Untertheils zu steigern, und alsdann würde die directe einseitige Be- leuchtung des Untertheils Bedingung für dessen heliotropische Krümmung sein. Es ist daher eine neue, für sich experimentell zu lösende Frage, ob und inwieweit der von der einseitig beleuchteten Spitze transmittirte Reiz allein im Stande ist eine heliotropische Krümmung im Untertheil des Cotyledo zu veranlassen, wenn einseitige Beleuchtung des Untertheils ausgeschlossen ist. Der Lösung dieser Cardinalfrage und einiger sich anschliessender Special- fragen ist der gegenwärtige Abschnitt gewidmet. Schon bei den bisher beschriebenen Versuchen machte ich mehrfach ge- legentliche Beobachtungen, welche es wahrscheinlich machten, dass die obige Hauptfrage in positivem Sinne zu beantworten sei. Nach längerer Exposition nicht zu hoher Keimlinge, wenn die Krümmung sich nur mehr auf eine kurze Basalregion beschränkt, bemerkt man häufig, dass die Basis nicht unter rechtem Winkel, wie anfänglich, sondern unter einem merklich spitzen Winkel aus dem Erdboden hervortritt (siehe z. B. Fig. 10, S. 37 und Fig. 11, S. 37)-, dies ist nur dadurch zu erklären, dass sich auch der unter- irdische Theil des Cotyledo ein wenig nach der Lichtquelle zu gekrümmt hat (vgl. hierzu Versuch 3 auf S. 37). Es kommt sogar vor, dass der ganze oberirdische Theil des Cotyledo vollkommen geradegestreckt ist und unter einem oft sehr spitzen Winkel aus dem Boden hervortritt; alsdann befindet sich offenbar die gesammte Krümmung im unterirdischen Theil. Fälle der letzteren Art sind besonders schön an sehr jungen Keimlingen zu beobachten, deren Cotyledo nur um wenige WM aus der Erde hervor- 4* 52 ragjt; liier ist die Strecke, welche die heliotropisclic Reizung zu durch- wandern hat, eine nur geringe, und es genügt schon eine kurze Exposition, damit der ganze oberirdische Theil sich völlig geradestreckt und die Krümmung ganz in den unterirdischen Theil übergeht. Gräbt man solche Keimlinge aus, so findet man den unterirdischen Theil des Cotyledo, oft bis zum Samen hinab (d. i. in einer Strecke von 1 cm oder selbst mehr), ziemlich stark lichtwärts gekrümmt (Fig. IT)). Dass bis zu solcher Tiefe unter die Erde das Licht nicht eindringen kann, liegt auf der Hand. Fi^'. 15. Junge Cotyledoncii von Arena sn/iva, iiadi 4'/2Sti"nidigcr einseitiger Beleuelitnng ausgegraben inul didit am Samen al)ges('liiiitteii. an IJodeii- oberfläclie. Derartige Beobachtungen hat schon Darwin an den Cotyledonen von Phalaris und Avena und auch an den Hypocotylen von Brassica oleracea gemacht (5, 405, 406, 409, 411); er beobachtete aber auftallenderweise unterirdische Krümmungen nur dann, wenn die Keimlinge in sehr feinem feuchtem Sande, nicht aber wenn sie in gewöhnlicher massig feuchter Garten- erde cultivirt wurden (I.e., 407), während meine Beobachtungen sich gerade auf in Gartenerde cultivirte Keimlinge beziehen. Merkwürdig ist ferner, dass die von Darwin erwähnten Krihnranngen sich immer nur auf eine sehr unbedeutende Tiefe unter die Erdoberfläche erstreckten : bei Phalaris betrug diese Strecke 2 Vi mm (nur ein einziges Mal 5 mm), bei Brassica Vk bis 3'/4 wm') (für Avena macht Darwin keine Zahlenangaben). Da der Sand, in dem die Keimlinge wuchsen, erst in einer 2^2 mm dicken Schicht für Licht ganz undurchlässig war (1. c, 405—406), so sind diese Be- obachtungen keineswegs sehr beweisend für die heliotropische Krümmung völlig verdunkelter Theile der Keimlinge; bringt man nämlich die 2V2 mm in Abzug, innerhalb deren die Verdunkelung zweifelhaft war, so ist die Länge des sicher verdunkelten und doch lichtwärts gekrümmten Stückes in den meisten Fällen genau = (was wohl eher dafür sprechen würde, dass die heliotropische Krümmung gerade so weit reicht als der Lichtzutritt); nur bei drei Keimlingen beträgt die Länge dieses Stückes V4, 1 V4 resp. 2'/2 mm ') Die von Darwin in englischen Zoll angegebenen Masse sind hier in Meter- mass umgercehnct ( 1 Zoll gleich fast genan 25 mm). 53 (letzeres bei Phalaris, die beiden ersten Fälle bei Brassica) ; um so kleine Wertlie kann man sich bei der begreiflicherweise unsicheren Taxirung des Punktes, bis wohin die Krümmung reicht, sehr leicht irren, — und wenn wir davon auch absehen wollen, so sind jedenfalls die fraglichen Strecken allzu kurz und die Zahl der positiven Fälle allzu gering, um einen sicheren Schluss zu gestatten. Ferner hat Darwin mit Keimlingen von Phalaris canariensis und von Brassica oleracea Versuche angestellt mit dem Zweck, durch einen von dem beleuchteten Obertheil übermittelten Reiz heliotropische Krümmung in dem künstlich verdunkelten Untertheil hervorzurufen. Diese Versuche er- gaben jedoch mit Phalaris ein unbefriedigendes und mit Brassica ein geradezu negatives Resultat. Bezüglich der ersteren sagt Darwin nur Folgendes: ,, . . . 80 scheinen einige Beobachtungen es doch wahr- scheinlich zu machen, dass die gleichzeitige Reizung des unteren Theiles durch das Licht dessen gut ausgesprochene Krümmung bedeutend begünstigt oder zu einer solchen beinahe notJuuendig ist" (1. c, 408). Bei Brassica umwickelte Darwin die imtere Hälfte des Hypocotyls mit Goldschlägerhäutchen (welches der Krümmung kein mechanisches Hinderuiss bietet) und schwärzte dasselbe von aussen mit Tusche ; über diesen Versuch äussert er sich folgendermassen (1. c, 412): ,,Dies Resultat scheint zu beiveisen, dass der vom Obertheil aus übergeleitete Einfiuss nicht hin- reicht, die Biegung des unteren Theils zu verursachen, wenn dieser nicht in der yiämlichen Zeit beleuchtet luird^ Diese Angaben stehen in olFenbareni Widerspruch mit des Autors Be- hauptung, dass der Untertheil der fraglichen Keimlinge gar nicht heliotropisch empfindlich ist, und dass seine Krümmung ganz und gar durch den Einfluss der Spitze bedingt wird (die auf S. 51 erwähnte zweite Möglichkeit, welche den Widerspruch allerdings losen würde, Hess Darwin ausser Acht. Die negativen Resultate Darwin 's können nur auf ungeeigneter Ver- suchsanstellung beruhen, denn, wie ich im folgenden Paragraphen für die Grrtwuneen-Keimlinge und weiter unten auch für diejenigen von Brassica zeigen werde, gelingt es ganz leicht und mit fast unfehlbarer Sicherheit, eine ausgesprochene heliotropische Krümmung des künstlich verdunkelten Untertheils zu erzielen. § 22. Nachdem die angewandten Verdunkelungsmethoden schon oben (§ 7) beschrieben und discutirt worden sind, kann ich mich direct zu den Versuchen wenden. fr Versuch 12. Avena sativa. 12 etioliite, 2 — 3 mm hohe Keimlinge. a) 5 Vei-glciclislieiniliiige (der ganzen Länge nach beleuclitct). b) 7 Versuchskcinilinge in Papierröhrchen mit Deckel eingeschlossen, so dass autäuglich die Länge der beleuchteten Spitzen 1 — 3 mm beträgt. 54 Nacli 7 StiiiKlcii: a) Alle in der Basalrcgion sclir scliaif gekrüiuiiit, der Obeitlieil vi)llkuniiiioM oder iialu/.ii viillkuniiiKii geiadcgcst reckt. (Zeiclimmgcn aiizuCortigcii wurde leidervcr.säumt.) b) (Fig. 16): Alle sehr deutlich in langer Region liclitwärts gekrüniiut, einige liis zur äusseisten Basis liinal); die ganze Krnninning helindet sieh im verdunKcIton 'riieil der Keind-nge, das Krinnnnnigsniaxinnnn liegt in der Mitte ihrer Länge oder tiefer. Fig. 16. 3 Keindinge b am Sehluss des Versuches, Versuch 13. Avena sativa. 22 halbotiolirte Keindinge in 3 Töpfen, In zweien der Töpfe befindet sieh die Erdoberfläche ca. 2 c?u unter dem Topfrandc; die Spitzen der Keindinge ragen thcils etwas über den Topfrand hervor, theils erreichen sie dessen Niveau nicht ganz. tt) 8 Keimlinge in einem Topf dienen als Verglcichskcimllnge. /)) Die genannten zwei Töpfe mit znsannnen 14 Keindingen werden i)is an den Rand mit feingesiebter trockener Erde gefüllt, wobei einige Keimlinge ganz verschüttet werden, während bei der Mehrzahl eine 2 mm lange oder etwas längere Spitze am Lieht Ideibt. Nach 6 Stunden: a) Die Keimlinge sind meist bis zur Basis gekrümmt und der Obertheil ist i)ei der Mehrzahl geradegestreckt; doch ist im Ganzen die Krümmung relativ schwach (a, Fig. 17). a. l Fig. 17. 3 Keimlinge a und 4 Keimlinge b am Sehluss des Versuches. Bei den zwei kleineren b trat die Spitze erst im Laufe des Versuches aus der Erde hervor, b) Bei 10 Keimlingen befindet sich eine mehrere wjm lange Spitze am Licht (bei einigen ist sie erst im Laufe des Versuches aus der Erde hei vorgetreten); die übrigen 4 Keindinge sind noch ganz verschüttet. Alle jene 10 Keimlinge sind fast in ganzer Länge gekrümmt {b, Fig. 17) und stehen in Bezug auf den Grad der Krümnnuig den Vergleichskeimlingcn nur wenig nach; der Unterschied besteht hauptsächlich darin, dass das Krünunungsmaxinumi höher liegt als bei den Verglciehskeimlingen, und da.ss der Obertheil sieh bei den Versuchskeiinlingcn nicht oder nur nnvollkonujicn gerade- gestreckt hat. 55 Diese zwei Beispiele') zeigen zur Geniige, dass sich dei üntertheil des Cotyledo, auch wenn er vollständig verdunkelt ist, unter dem alleinigen Einfluss der von der beleuchteter, Spitze ü b e !• m i 1 1 el t e n Reizung sehr wohl und zwar z i c ra 1 i cl i stark krümmen kann; sie bieten also einen directen Bewei^s der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes und sie be- stätigen zugleich, dass sich der Reiz bis an die Basis des Cotyledo fortpflanzt. Um nun aber den schon in der Einleitung angeführten Einwänden Wiesner's, denen zufolge die Krümmung des verdunkelten Untertheils über haiipt nicht auf Ileliotropismus, sondern auf ,,Zugwachsthum" beruhen könnte, allen Boden zu entziehen, war es erforderlich sich zu überzeugen, ob die- selbe Erscheinung auch bei Rotation am Klinostat, also bei Ausschluss der einseitigen Schwerkraftwirkung und folglich auch des „Zugwachsthums" statt- findet. Zu diesem Zweck wurden 4 Versuche mit Ävena angestellt, welche alle das gleiche Resultat ergaben, nämlich dass der verdunkelte Üntertheil bei den rotirenden Keimlingen sich stärker krümmt als bei den aufrecht - stehenden Keimlingen desselben Versuches, — wie es zu erwarten war; zur Verdunkelung dienten in diesen Versuchen Papierschür/en, welche auf den Keimlingen so fest aufsitzen, dass sie auch bei Rotation in verticalei' Ebene sich nicht im Mindesten verschieben. Die Details der Versuche an- zufuliren ist wohl überHüssig, und ich begnüge mich mit einem Hinweis auf Fig. 18, welche die Form zweier Keimlinge mit verdunkeltem üntertheil nach Gstüudiger Rotation wiedergiebt. Fi^. 18. Heliotropischc Krümiming im verdunkelten Üntertheil zweier Keim- linge von Avena sativa nach 6stiindiger Rotation am Klinostaten um horizontale Achse. Ursprünglich waren die Keimhngc nicht unheträchtlich von der Lichtquelle weggeneigt. Im Ganzen wurden zur Constatirung der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes, unter Anwendung der drei bereits beschriebenen Methoden, 14 Ver- suche mit Ävena und zwei Versuche mit Phalaris angestellt, in denen 79 Versuchskeimlinge der ersteren und 13 der letzteren Species zur Be- obachtung gelangten. Die Länge der beleuchteten Spitze betrug (bei Beginn •) Weitere Beispiele liefern die Keimlinge a in Vers. 15 \^§ 24) und Vers. 16 (§ 25). 56 des Versuchs) stets nur einige mm. Die Dauer der Exposition variirte von dV-i bis 8 Stunden; meist betrug sie siclierlieitslialbcr (5 bis 8 Stunden, das ist erlieblich mehr als zur Er/Zielung eines Idaren Resultates nothwendig ge- wesen wäre. Die Höhe der Keimlinge variirte in ziemlich weiten Grenzen. Bei allen 13 Keimling(;n von Plialaris und bei 74 Keimlingen von Avena war das Resultat ein ausgesprochen positives, d. h. es kam im verdunkelten Untertheil eine zweifellose, mehr oder weniger starke Krümmung in Richtung der Lichtquelle zu Stande. Nur in 3 Versuchen mit Avena wurden einzelne zweifelhafte Fälle (im Ganzen 5) beobachtet, die sich aber sämmtlich auf bestimmte Ursachen zurückführen lassen : einmal krümmte sich bei einem unter 6 Versuchskeimlingen auch die beleuchtete Spitze nur schwach, und im Untertheil war die Krümmung zweifelhaft; der ganze Satz von Keimlingen, welcher zu diesem Versuch diente, war schon ziemlich alt und daher wenig krümmungsfahig, bei den meisten wurde im Laufe des Versuchs der Cotyledo durchbrochen, und bei dem einen in Rede stehenden Keimling war das Laubblatt am weitesten hervorgetreten. Ein anderes Mal war bei 3 unter 13 Versuchskeimlingen die Krümmung des verdunkelten Untertheils sehr schwach und ziemlich undeutlich; diese 3 gehörten ebenfalls zu einem Satz von Keimlingen, die sich sämmtlich (mit Einschluss der in ganzer Länge beleuchteten) als ungewöhnlich wenig krümmungsfähig er- wiesen. In einem dritten Versuch endlich krümmte sich einer unter 4 Ver- suchskeimlingen überhaupt nicht, es war dies aber ein abnorm gestalteter Keimling mit grossem Längsriss im Cotyledo. Der Vergleich der Versuchskeimlinge mit den in ganzer Länge beleuchteten Keimlingen giebt in verschiedenen Versuchen etwas verschiedene Resultate: bald ist die Krümmung der ersteren relativ schwach, während die Vergleichs- keimlinge stark gekrümmt sind, — bald ist der Unterschied im Grade der Krümmung nur unbedeutend. Ein gewisser Unterschied zu Gunsten der Vergleichskeimlinge ist immer vorhanden, wie auch zu erwarten ist in An- betracht dessen, dass bei ihnen der Untertheil des Cotyledo auch eine directe heliotropische Reizung erfährt. — Die Länge der gekrümmten Region des verdunkelten Untertheils betrug im ungünstigsten Fall etwas weniger als 1 cm, während in den günstigsten Fällen sich der ganze verdunkelte Theil bis zur äussersten Basis hinab krümmte, d. i. eine Strecke von 3 — 4 cm Länge. Die beleuchtete, mehr oder weniger stark geneigte Spitze war fast immer ganz geradegestreckt, so dass sich die gesaramte Krümmung im ver- dunkelten Theil befand; in den günstigen Fällen begann die Krümmung erst in einiger Entfernung unterhalb der Lichtgrenze. Im Ganzen überwogen die günstigen Fälle bedeutend, und ich habe mehrere Versuche zu verzeichnen, in denen der verdunkelte Untertheil sich bei sämmtlichen Keimlingen sehr stark krümmte. Schliesslich sei noch ein Versuch mit Avena erwähnt, der in anderer Weise als die bisher besprochenen ausgeführt wurde. Auf die Keimlinge wurden lange, eng anschliessende Stanniolröhrcheu so aufgeschoben, dass sie 57 nur die äiisserste Basis und eine 5 mm lange Spitze freiliesscn. Die Keim- linge wurden 3 Stunden lang exponirt und dann, nacli Entfernung der Stanniolröhrchen, im üunkelschrank aufgestellt. Der Versuch gab ein aus- gesprochen positives Resultat: nach 1 Vi Stunden erwies sich bei allen Keim- lingen die von dem Stanniolröhrchen umschlossen gewesene Strecke in ganzer Länge deutlich in Richtung der früheren Lichtquelle gekrümmt; die helio- tropische Reizung der Spitze hatte sich also auf die verdunkelte Strecke fortgepflanzt und hatte in ihr heliotropische Nachwirkung hervorgerufen. § 23. Mehrere der oben besprochenen Versuche (z. B. der Versuch 12 mit Fig. 16) haben gelehrt, dass der von der Spitze aus übermittelte Reiz im verdunkelten Untertheil so starke heliotropisclic Krümmung hervorrufen kann, wie sie durch directe Reizung des Untertheils nie erzielt wird. Um jedoch völlig zuverlässigen Aufschluss über die relative Stärke der beiden heliotropischen Reizungen zu erhalten, welche unter den normalen Be- dingungen gleichzeitig im Untertheil wirken müssen, ist es erwünscht, deren Effecte an ein und denselben Keimlingen mit einander vergleichen zu können. Dies lässt sich erreichen, wenn man Spitze und Untertheil der Keimlinge gleichzeitig, aber von entgegengesetzten Seiten einseitig beleuchtet, so dass z. B. die Spitze nur von rechts, der Untertheil nur von links beleuchtet wird, und zwar mit Licht von gleicher Intensität. Es ist zu erwarten, dass unter solchen Bedingungen anfänglich jeder der beiden Theile, in Folge directer Reizung, sich nach derjenigen Seite krümmen wird, von welcher er Licht erhält, also dass der Untertheil sich schwach nach links, die Spitze stärker nach rechts krümmen wird. Dann, wenn der von der Spitze ausgehende Reiz bereits Zeit gehabt hat sich basalwärts fort- zupflanzen, werden im Untertheil des Cotyledo die beiden Reizungen, welche ihn in entgegengesetztem Sinne zu krümmen streben, mit einander in Antagonismus treten. Sind beide genau gleich stark, so wird sich der Untertheil schliesslich wieder vertical aufrichten müssen. Ist aber (was nach den bisherigen Erfahrungen das Wahrscheinliche ist) die von der Spitze über- mittelte Reizung bedeutend stärker als die directe, so muss erstere die letztere überwinden, und die anfängliche Linkskrümniung des Untertheils wird in eine Rechtskrümmung übergehen müssen, d. i. also in eine von der den Unter- theil beleuchtenden Lichtquelle gerade weggerichtete Krümmung. Da ferner die Reizung sich von der Spitze nach unten allmälig und zwar ziemlich langsam fortpflanzt, so wird diese Umkrümmung nicht im ganzen Untertheil gleichzeitig stattfinden, sondern sie wird sich allmälig in basipetaler Richtung ausbreiten. Zur Ausführung solcher Versuche^) wurde ein Topf mit Keimlingen mitten zwischen zwei Argandlampen aufgestellt, möglichst genau in deren ') Diese Versuche, ebenso wie auch die anderen in diesem Kapitel nocli zu be sprechenden, wurden mir mit den Keimlingen von Avena sativa angestellt. 58 Verbindungslinie und in solcher Hölie, dass sich die Keimlinge in gleichem Niveau mit den beiden Gasllammcn befanden. Vor allem nuiss vermieden werden, dass die die Spitze beleuchtende Flamme auch nur ganz wenig lichtstärker sei als die andere, denn dies würde die Beweiskraft eines etwaigen positiven Resultates iu Frage stellen ; da es nun kaum möglich ist absolut gleiche Lichtiutensität der beiden Flammen zu erzielen, so regulirte ich sicherheitshalber die Flammen so, dass der Untcrtheil der Keimlinge zweifellos etwas stärkeres Licht erhielt als die Spitze ; wird trotzdem ein positives Resultat erzielt, so ist dasselbe offenbar nur um so beweisender. Einige Keimlinge wurden beiderseits in ganzer Länge beleuchtet gelassen, um als Photometer zu dienen. Im ersten derartigen Versuch wurde einseitige Heleuchtung der Spitze und des Untertheils von entgegengesetzten Seiten dadurch erzielt, dass auf die Versuchskeimlinge die uns bereits bekannten Papierschürzen aufgesetzt wurden; vgl. Fig. 1 (S. 17), welche genau die gegenwärtige Versuchs- anstcUung illustrirt, wenn man sich vorstellt, dass das Licht nicht blos von links, sondern auch von rechts einfällt ; die von der Schürze nicht bedeckte Basis wurde vor dem Licht der rechten Lampe durch einen auf der rechten Seite an den Topf befestigten, 1 cm über dessen Rand vorragenden Streifen mattschwarzen Papiers geschützt. Der Topf mit den so vorbereiteten Keim- lingen wurde in einem beiderseits offenen Kasten aufgestellt, welcher dem Licht beider Lampen Zutritt gestattete, seitliches Licht aber abhielt. Dieser Versuch gab ein positives Resultat; noch schlagender war aber das Resultat eines zweiten, etwas anders eingerichteten Versuches. Um die einzelnen Keimlinge wurden in die Erde Röhren aus mattschwarzem Papier gesteckt, die im Ganzen so beschaffen waren wie die in § 7 be- schriebenen Papierröhrcheu, aber auf zwei entgegengesetzten Seiten mit circa 7 mm breiten Längsausschnitten versehen waren : in der linken Wand unten war ein langer, in der rechten Wand oben ein kurzer Ausschnitt gemacht; das obere Ende des ersteren befand sich auf gleichem Niveau mit dem unteren Ende des letztei-en. Die ganze Einrichtung wird durch die schematische Fig. 19 1 1 7?-^ 1 *- 1 1 — > • — > 1 o ^ 1 Jl^ 1 Fig. 19. 1. Papierröhre mit zwei Ausschnitten, mit eingeschlossenem Keimling von Avena sativa, im schematischen Längsschnitt; die Stellen der Papier- röhre, wo sich die Ausschnitte befinden, sind punktirt dargestellt. Die Spitze des Keimlings erhält Liclit nur von rechts, der Untcrtheil nur von links. II o und 116. Querschnitte durch Papierröhre und Keimlinge in den Niveaus a und der Zeichnung I. 59 veranschaulicht. Dasjenige Niveau, in welchem die beiden Ausschnitte endigen, bildet gleichzeitig die Grenze der beiden entgegengesetzten Be- leuchtungen (die Lichtgrenze). Die Röhren wurden so angefertigt, dass diese Grenze wenige mm unter der Spitze des Keimlings zu liegen kam, und dass der obere Rand der Röhre die Spitze des Keimlings ziemlich bedeutend überragte. Unten wurden die Röhren ringsum mit etwas Erde umschüttet. Bei dieser Einrichtung erhielt eine kurze Spitzenregion des Keimlings Licht nur von der rechten Lampe, durch den Ausschnitt oben rechts; dann folgte eine kurze Zone (nicht mehr als 1 mm)^ die sich im Halbscliatten befand und von beiden Seiten schwaches zerstreutes Licht erhielt ; der ganze übrige Cotyledo erhielt directes Licht von der linken Lampe, durch den linken unteren Ausschnitt. Versuch 14. Avena sativa. Ein kleiner Topf mit 6 ctiolirteu, 2,0 — 3,7 cm hohen Keimlingen wird im Dunkel- zimmer zwischen zwei Lampen aufgestellt; die Mitte des Topfes ist 45 cm von dem Vorderrande der Flammen entfeint. Die Keindinge sind in die oben beschriebenen Papierröhren eingeschlossen; die Lichtgrenze befindet sich 3 — 6 mm unter deren Gipfel. Die Papierröhren beschatten einander nicht. — Dicht daneben und ebenfalls genau in der Mitte zwischen beiden Flammen ist ein zweiter kleiner Topf mit mehreren jungen etiolirten ^yeiia-Keimlingen aufgestellt, welche beiderseits in ganzer Länge beleuchtet sind. Diese Photometer-Keimlinge bleiben lange Zeit vollkonunen gerade, doch am Schluss des Versuches ist die Mehrzahl leicht nach links gekrüimnt, — zum Beweis, dass das Licht der linken (den Untertheil der Versuchskeindinge be leuchtenden) Lampe ein wenig stärker ist, wie es auch beabsichtigt war. Nach IV4 Stunden: Bei allen Versuchskeimlingcn der Unterdieil merklich nach links, die Spitze ziemlich stark nach rechts gekrümmt, die Keindinge deutlich S-förmig. Die Grenze der beiden Krünnnungen fällt, soweit sich beurtheilen lässt, mit der Lichtgrenze zusauuuen. Nach 3 Stunden: Die Grenze der beiden Krümmungen ist bereits deutlich basalwärts verschoben, und in einer gewissen mittleren Region der Keimlinge (von bei verschiedenen Individuen verschiedener Länge) ist die anfängliche Linkskrünnnung bereits in eine unverkennbare Rechtskrümmung übergegangen; eine untere Region, die vorläufig noch mindestens die halbe Länge der Keimlinge umfasst, ist noch deutlich nach links gekrünnnt. Fig. 20. Nach 5 Stunden wird der Versuch abgeschlossen: die Lichtgrenze wird durch eine Tuschmarke bezeicluiet und die Papierröhren werden abgenonnnen. Es zeigt 60 sich, dass bei allen Keimlingen die Reclitskrümmmig eine lange, meist weit unter die Lichtgrenze liinabieiehciuh.' Region uin(;\sst. Bei mehreren Keimlingen erstreekt sie sieh fast an die Krdoberlläclie, so dass von der Linkskiünimnng nur noeh eine Spur an der änssersten Basis eriialten ist (2, Fig. 20); bei längerer Kxpositionsdaner wäre sieherlieh aneh diese Spur versehwunden. Bei den übrigen Keimlingen (nämlieli iiei den höheren) ist eine deutliche Linkskrümmung noeh in einer längeren Basal- region erhalten, die aber höchstens die halbe Länge des Keimlings ausmacht (/, Fig. 20). Die von der Spitze aus übermittelte heliotropische Reizung; erweist sich also als diebedeutend stärkere: in dem Masse wie sie sich basalwärts fortpflanzt, überwindet sie vollkommen den directen Einfluss einseitiger Beleuchtung des Untertheils der Keimlinge. Der augeführte Versuch 14 scheint mir überhaupt in jeder Hinsicht lehr- reich zu sein; alle die Hauptpunkte, die wir bisher durch eine Reihe be sonderer Versuche beweisen mussten, niiralich die Erapfindlichheit des Unter- theils der Keimlinge, die weit stärkere Emplindlichkeit einer kurzen Spitzen - region, endlich die ausgiebige Fortpflanzung des heliotropischen Reizes, — alles dies wird hier mit einem Schlage in eleganter Weise ad oculos demonstrirt. § 24, Kann sich der heliotropische Reiz nur von der besonders empfind- lichen Spitze, oder auch von anderen, weniger empündlichen Zonen des Cotyledo aus fortpflanzen? Zur Entscheidung dieser Frage wurde sowohl die Spitze der Keimlinge (mittels Stanniolkappen), als auch der untere Theil (auf eine der üblichen Weisen) verdunkelt, so dass nur eine unter der Spitzenregion gelegene Zone von geringer Länge beleuchtet blieb ; es sollte sich zeigen, ob der ver- dunkelte Untertheil sich aucii unter Umständen krümmen wird. Hierbei muss man berücksichtigen, dass die Reizung der beleuchteten Zone schon an sich schwach ist und nur geringe Krümmung zu bewirken vermag; wenn sie sich auf den verdunkelten Untertheil fortpflanzt, so kann sie hier begreiflicherweise nur eine noch schwächere Wirkung haben, und daher kann das Resultat einer solchen Fortpflanzung, wenn sie auch that- sächlich stattfindet, für uns leicht unmerklich oder doch zweifelhaft bleiben. Daher wäre es unzulässig aus negativen Befunden zu schliessen, dass keine Fortpflanzung stattfindet, und entscheidende Bedeutung darf man nur positiven Resultaten beimessen, da diese anders als durch Fortpflanzung der hello tropischen Reizung nicht zu erklären sind. Die zwei ersten Versuche ergaben in der That ein im Ganzen zweifel- haftes und nur für einzelne Keimlinge positives Resultat. Ein entscheidendes positives Resultat lieferte erst ein dritter Versuch, der mit aussergewöhnlich rasch wachsenden und höchst krümraungsfähigen Keimlingen ausgeführt wurde. 61 Versuch 15. Avena sativa. 3 Töpfe mit 21 otiolirten Keimlingen verschiedener Höhe, tlieilweise mit mehr oder weniger entwickeltem, bis zu 8 mm hohem Ilypocotyl. Die Erdoberfläche in den Töpfen befindet sieh tiefer als deren Rand; zum Versuch werden alle 3 Töpfe bis an den Rand mit feiner trockener Erde gefüllt, wodurch der Unterthcil der Keim- linge in einer Strecke von 1,5 — 1,8 cm verdunkelt wird. — Zur Beleuchtung dient Tageslicht. o) Ein Topf mit 6 Keimlingen von 2,8 — 3,7 cm Höhe dient zur Controle, wie stark iil)erhaupt l)ei dem gegebenen Material die Krümnning des veidunkelten Unter- theils werden kann; der über die Erde vorragende, 2^j^ — 12 vmi lange Theil der Keimlinge bleibt voll beleuchtet. Der Topf enthält überdies noch 4 jüngere Keimlinge, die anfänglieh ganz verschüttet sind. h) Ein zweiter Topf enthält 6 Keimlinge von 2,8 — 3,9 cvi Höhe, der dritte fiinf Keimlinge von 2,1 — 2,8 cm Höhe; mittels Stanniolkappen werden den ersteren T'/^? den letzteren 4'/^ mm Spitze verdunkelt. In beiden Töpfen variirt die Länge der beleuchtet bleibenden mittleren Zone zwischen 21/2 'ind 12 vmi\ die Länge der be- leuchteten Zone ist also diesell)e wie bei den Vergleichskeimlingen, und nur deren Lage ist eine andere. Nach 6V2 Stunden: a) Bei fast allen älteren Keimlingen ist inzwischen das Laubblatt hervorgetreten; ihr oberirdischer Theil ist jetzt T/2 — 20 w) 7» lang. Derselbe ist ganz geradegestreckt und stark geneigt, und hinter jedem Keinding befindet sich in der Erde ein sehr deutliches flaches Grülichen, was von vornherein auf die Existenz einer unterirdischen KrüuMUung hinweist. In der That zeigt sich im verschütteten Theil aller Keimlinge eine starke Krümmung, welche eine wenigstens 12 — 15 i)im lange Strecke umfasst. — Bei den 4 jüngeren Keindingen ist die Spitze des Cotyledo im Laufe des Versuches über die Erde hervorgetreten, und jetzt ist deren oberirdischer Theil 9 — 18 mm lang (ungemein raj)ides Wachsthum!); derselbe ist ebenfalls ganz gerade und stark geneigt, und der unterirdische Theil ist bis zur Basis hinab sehr stark gekrümmt. Ueberhaupt liefern die Keimlinge a dieses Versuches eins der besten Beispiele für die heliotrof)ische Krünuuung des verdunkelten Untertlieils infolge Reiz- fortprtanzung. Fig. 21. h) Die Länge der beleuchteten mittleren Zone beträgt jetzt 10 — 20 mm. Dieselbe ist mehr oder weniger liehtwärts geneigt und entweder ganz geradegestreckt oder leicht aufwärts gekrümmt. Der unterirdische Theil ist bei 4 Keimlingen nicht merklich oder nur zweifelhaft gekrümmt; bei den übrigen 7 ist er hingegen deutlich gekrümmt, imd bei der Mehrzahl erstreckt sich die Krümmung bis zur Basis des Cotyledo. Im Vergleich mit den a sind die Krümmungen schwach, — wie zu erwarten war. Fig. 21 stellt zwei Keimlinge der Gruppe b dar, der linke ist derjenige, dessen unterirdischer Theil sieh am stärksten gekrümmt hat. 62 Wir sehen, dass auch von einer Zone des wenig empfind- lichen Theils des Ootyledo aus der iieliotropische lieiz sich auf andere Zonen fortpflanzen und günstigenfalls in letzteren eine sehr deutliche Krümmung hervorrufen kann. Angesichts dessen müssen wir es für wahrscheinlich halteo, dass über- haupt jede, heliotropisch empfindliche Zone des Cotyledo den empfangenen Kciz auch den benachbarten Zonen übermittelt. i^ 25. Kann sich der heliotropische Heiz auch in acropetaler llichtung fortpilanzenV Factisch pflanzt sich der lieiz stets in basipetaler Richtung fort, da ja die Spitze des Cotyledo weit stärker gereizt wird als der Untertheil. Doch hat es gewisß ein theoretisches Interesse zu untersuchen, ob auch in um- gekehrter Richtung eine Fortpflanzung möglich ist. In den gewöhnlichen Bedingungen liisst sich diese Frage überhaupt nicht entscheiden, denn durch die Krümmung des unteren Theiles des Cotyledo wird dessen oberer Theil, auch wenn er selbst verdunkelt ist, passiv in die Gleichgewichtslage gebracht, in der eine heliotropische Krümmung natürlich nicht mehr stattfinden kann. Man muss also die Versuche so anstellen, dass der Untertheil der Keimlinge zwar heliotropisch gereizt wird, aber sich nicht krümmen kann. Um dies zu erreichen, wurden die Versuchskeimlinge in Glasrölirchcn eingeschlossen, deren Durchmesser gerade gestattete, sie mit ganz leichtem Druck auf die Keimlinge aufzuschieben; das untere Ende der Röhrchen wurde in die Erde gesteckt, das obere überragte mehr oder weniger be- trächtlich den Gipfel der Keimlinge. Auf den Keimlingen wurde vorher mit Tusche die Stelle markirt, bis zu welcher der Obertheil verdunkelt werden sollte (die Länge des verdunkelten Obertheils betrug Va — V2 der Gesammt- läuge der Keimlinge), und bis zu dieser Stelle wurde der obere Theil der Glasröluchen entweder mit Stanniol in mehrfacher Lage umwickelt, oder mit dickem schwarzem Lack bemalt. Die Vergleichskeimlinge wurden in gleicher Weise in Glasröhrchen eingeschlossen, blieben jedoch in ganzer Länge be- leuchtet. — Auf diese Weise können die Keimlinge sich zwar nicht krümmen, aber bei einseitiger Beleuchtung muss in ihnen eine heliotropische Spannung zu Stande kommen, welche nach Befreiung aus den Glasröhrchen sich in die entsprechende Krümmung umsetzt. Bei den Vergleichskeimlingen muss sich der Obertheil in seiner ganzen Länge krümmen, bis zur äussersten Spitze — was auch thatsächlich geschieht. Bei den Versuchskeimlingen mUsste, falls eine Fortpflanzung des heliotropischen Reizes vom beleuchteten Untertheil zum verdunkelten Obertheil stattfindet, dasselbe eintreten, nur müsste die Krümmung in ihrer ganzen Ausdehnung schwächer sein; wenn hingegen Reizfortpflanzung in acropetaler Richtung nicht stattfindet, so müsste der verdunkelt gewesene Obertheil ganz gerade bleiben und nur passiv (durch die Krümmung des Untertheils) eine gewisse Neigung annehmen. 63 Es wurden im Ganzen 4 solche Versuche gemacht, in denen die Keim- linge 5 — 7' 2 Stunden lang hellem, horizontal einfallendem Tageslicht aus- gesetzt wurden; in ihnen gelangten zusammen 18 Versuchskeiralinge zur Beobachtung. Bei 1 1 von diesen Keimlingen blieb der Obertheil unzweifel haft vollkommen gerade (beim Anlegen an ein Lineal war nicht die geringste Abweichung zu erkennen); bei 4 Keimlingen war er zwar merklich ge- krümmt, aber nicht in der Richtung zur Lichtquelle, so dass die Krümmungen wohl autonome gewesen sein dürften ; nur bezüglich dreier Keimlinge konnte ein Zweifel bestehen, ob nicht im Obertheil eine sehr geringe Krümmung in Richtung der Lichtquelle vorhanden ist (welche nb. trotzdem auch autonomen Ursprungs sein könnte), dieselbe war aber so schwach, dass einige unbetheiligte Personen, denen ich die Keimlinge zeigte, sie meist nicht ent- decken konnten. Die Versuche fuhren also zu dem merkwürdigen und meinen Erwartungen ganz entgegengesetzten Resultat, dass die heliotropische Reizung sich in akropetaler Richtung nicht fortpflanzt. Wenn auch gegen diese Möglichkeit sich a priori keine zwingenden Gründe anführen lassen, so ist jedenfalls das obige pjrgebniss mit Vorsicht aufzunehmen, denn, wie leicht verständlich, können auch in diesem Falle negative Resultate nicht vollkommen beweis- kräftig sein; mit Sicherheit dürfen wir also nur soviel sagen, dass sich die Möglichkeit der Fortpflanzung der heliotropischen Reizung in akropetaler Richtung experimentell nicht hat nachweisen lassen. Der Weg der Reizfortpflanzung. § 2(>, Da der Cotyledo nur zwei opponirte, ohne jegliche Anastomosen in verticaler Richtung verlaufende Leitstränge enthält (vgl. § 9), so kann man schon a priori sagen, dass die Leitstränge jedenfalls nicht die einzigen Bahnen für die Fortpflanzung des heliotropischen Reizes sein können; denn sonst wäre bei einer bestimmten Stellung der Symmetrie-Ebene (nämlich wenn dieselbe mit der Ebene des Lichteinfalls zusammenfällt, wenn also das Licht senkrecht zu der beide Leitstränge in sich aufnehmenden Ebene ein- fällt) ein Einfluss der Beleuchtung der Spitze auf die Krümmung des Unter- theils nicht gut denkbar, wiihrend thatsächlich dieser Einfluss sich immer in gleicher Weise geltend macht, unabhängig davon, wie die Symmetrie-Ebene zur Lichtquelle orientirt ist. Die Abwesenheit der Anastomosen erlaubt uns aber auch experimentell zu entscheiden, ob die Leitstränge überhaupt eine wesentliche Rolle bei der Reizfortleitung spielen. Es genügt, den Cotyledo an zwei opponirten Stellen, wo die Leitstränge liegen, zu durchschneiden, den ganzen Untertheil so zu verdunkeln, dass auch die operirte Stelle bereits im Dunkeln ist und darauf die Spitze einseitig zu beleuchten. Alsdann ist eine Verbindung zwischen der Spitze und dem unterhalb der Operationsstelle liegenden Theil nur noch durch parenchymatische Gewebe vorhanden, und wenn der letztere Theil 64 sich auch jetzt kriiinmt, so ist klar, dass der heliotropische Reiz sich im Parenchyra des Griindgewebes (incl. Epidermis) fortgepflanzt hat. Dieses Experiment wird Jedoch durch den Umstand etwas erschwert, dass die Leitstriinge, obgleich in dem isolirten, durchscheinenden Cotyledo leicht mit blossem Auge sichtbar, an den unverletzten Keimlingen selbst mit der Lupe schwer zu erkennen sind, so dass man darauf angewiesen ist aus der Form der Spitze des Cotyledo auf ihre Lage zu schliessen. Um also mit Wahrscheinlichkeit darauf rechnen zu können, dass die Leitstränge wirklich vollständig durchschnitten sind, darf man die Quereinschnitte in den Cotyledo nicht zu kurz machen; in meinen Versuchen wurde (durch beide Einschnitte zusammengenommen) stets mindestens '/:; der Gesammtperipherie des Cotyledo durchschnitten. Sicherheitshalber wurde überdies nach Schluss des Versuches die operirte Stelle aller Cotyledonen mikroskopisch darauf geprüft, ob wirklich die Leitstränge ganz durchschnitten waren, — eine Vorsichtsmassregel, die sich als keineswegs überflüssig erwies. Durch solche ausgedehnte Einschnitte werden nun aber nicht blos die Leitstränge, sondern es wird auch ein bedeutender Theil (bis zur Hälfte) des Grundgewebes durchschnitten. Daher muss durch die Operation die Krümmung des verdunkelten Untertheils unvermeidlich mehr oder weniger vermindert werden, und aus einem negativen Resultat dürfen wir folglich nicht ohne weiteres schliessen, dass die Leitstränge zur Portleitung des lieliotropischen Reizes nothwendig sind; falls aber, trotz des bezeichneten Umstandes, positive Resultate erzielt werden, so werden dieselben um so beweisender für die Reizleitung im Grundgewebe sein (ohne natürlich die Möglichkeit auszuschliessen, dass im intacten Cotyledo nebenher und ohne wesentliche Aenderung des Resultates der Reiz sich auch im lebenden Gewebe der Leitstränge fortpflanzen kann). Nachdem ich mich zunächst durch Vorversuche überzeugt hatte, dass die Operation an sich keine die Krümmungsfähigkeit wesentlich vermindernde Wirkung hat, führte ich 4 Versuche aus, in denen 12 operirte Keimlinge und 8 nicht operirte Vergleichskeimlinge untersucht wurden. Versuch 16. Avena sativa. 6 etiolirtc, 3 — 4 cm 1io1r' Keimlinge. — Beleuehtung mit Tageslicht. a) 3 Verglcieli.skcimlinge. b) 3 Versuchskeimlinge. Diesen wird der Cotyledo an zwei Stellen, wo voraus- sichtlich die Leitstränge liegen, mit der Spitze eines scharfen Skalpells quer durch- schnitten. Die Einschnitte sind etwas wcnigoi' als 1 cm vom Gipfel des Cotyledo entfernt; der eine Einschnitt befindet sicli ein wenig höhei' als der andere. Allen Keimlingen werden Papierschürzen aufgesetzt, welche den Untertheil mit Einsciduss der operirtcn Stelle verdunkeln; die beleuchtete Spitze ist 4^/^ bis T/2 mm lang. Nach 6 Stunden wird der Versuch abgeschlossen; inzwischen ist bei allen Keimlingen mit vVusnahme eines b der Cotyledo durchbrochen worden, die Keim- linge waren also schon etwas alt, und es sind folglich nur massige Krümmungen zu erwarten. 65 «) Bei allen drei Keiiuliiigeii eine ausgesprochene, wenn auch nicht gerade starke Krüinaiung im verdunkelten Untertheil (a, Fig. 22J. Die Zeichen > <; bei den Keimlingen h bezeichnen das Niveau, wo die Leitstränge durchschnitten sind. h) Bei zwei Keimlingen ist die Krümmung des verdunkelten Untertheils nur wenig schwächer als bei den o [b, Fig. 22), bei dem dritten ist sie sehr zweifelhaft. — Die mikroskopische Untersuchung ergiebt, dass bei allen Keimlingen die Leitstränge des Cotyledo ganz durchschnitten sind. Ein zweiter Versuch, in dem zur Verdunkelung des Untertheils trockene Erde benutzt wurde, gab überhaupt kein branchbares Resultat, die operirten Keimlinge krümmten sich nämlich gar nicht, auch nicht in der beleuchteten Spitze; dieses abnorme Verhalten dürfte vielleicht darin seinen Grund haben, dass die operirten Keimlinge in Folge der ihnen beigebrachten Wunden unter der austrocknenden Wirkung der Erde leiden. — In den übrigen zwei Ver- suchen wurde der Untertheil der Keimlinge mittels Papierröhren mit Deckel verdunkelt; beide Versuche lieferten sehr gute Ergebnisse: alle Versuchs- keimlinge (zusammen 6) krümmten sich recht stark, nur wenig schwächer als die Vergleichskeimlinge. Ich führe die zu einem dieser Versuche ge- hörige Zeichnung an (Fig. 23), um zu zeigen, dass die Krümmung des Fig. 23. Zwei Keinüinge von Avena sativa mit durch- schnittenen Leitsträngen und verdunkeltem Untertheil, nach 6 stündiger Exposition, Bedeutung der Zeichen wie in Fig. 22. verdunkelten Untertheils bei den operirten Keimlingen auch stärker sein kann, als es in Versuch 1 6 der Fall war. Die mikroskopische Untersuchung Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bd. VII. Heft. I. 5 66 ergab, dass bei drei von den sechs Keimlingen beide Leitstränge ganz durclisclinilten waren, bei zwei weiteren Keimlingen war nur der eine Leit- strang durclischnitten, und beim sechsten Keimling war der eine Leitstrang intact und der andere nur angeschnitten; diese Verhältnisse hatten aber auf den Kriimmuugsgrad keinen merklichen Einfluss. Es ist hiermit bewiesen, dass der lieliotro pische Reiz sich im Parenchym des Grundgewebes fortpflanzt. § 27. Von den Keimlingen der zahlreichen anderen Gramineen, welche ich geprüft habe (abgesehen von den im folgenden Kapitel zu besprechenden Paniceen), erwiesen sich die meisten als für meinen Zweck unbrauchbar» wegen allzu geringer heliotropischer Krümmungsfähigkeit. Die übrigen, welche nb. ebenfalls bedeutend weniger krümmungsfähig sind als Avena sativa und Plialaris canariensis, verhalten sich in den wesentlichen Punkten gerade so wie die eben genannten Species, so dass eine eingehendere Untersuchung überflüssig war. Es waren das folgende fünf Species: Ehrharta panicea, Avena hrevis, Bromus inermis, Seeale cereale, Hordeum hexasticJmm. Mit den Keimlingen dieser Arten wurden 10 Versuche über die Ver- theilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo ausgeführt: überall fand sich schwache, aber unverkennbare Empfindlichkeit des Untertheils, er- heblich stärkere Empfindlichkeit einer kurzen Spitzenregion, und ein be- deutender Einfluss der letzteren auf die heliotropische Krümmung des Unter- theils. Beispielshalber sei angeführt, dass in einem Versuch mit Hordeum hexasticJmm die erreichte mittlere Neigung betrug: bei den Vergleichs- keimlingen 45'*, bei den Versuchskeimlingen (4 — 6 mm Spitze ver- dunkelt) 23". Ferner überzeugte ich mich in drei Versuchen (mit Ehrharta panicea, Avena hrevis und Bromus inermis), dass der mittels trockener Erde ver- dunkelte Untertheil der Keimlinge sich unter dem Einfluss eines von der beleuchteten Spitze transmittirten Reizes heliotropisch krümmt. Mit den anderen Species habe ich solche Versuche nicht gemacht. Unter den Keimlingen aus anderen Familien der Monocotylen habe ich vergeblich nach geeigneten Versuchsobjecten gesucht. 67 IV. Versuche mit Keimlingen von Paniceen ' ). Eingebend habe ich die Keimlinge von drei Species untersucht, nämlich von Pmiicum sanguinale, Paniciim mlUaceum und Setaria viridis; einige wenige Versuche habe ich ferner mit Eleusine Coracana angestellt. Die Keimlinge dieser vier Species verhalten sich in allen wesentlichen Punkten völlig gleich, und können daher zusammen besprochen werden. Anders verhalten sich hingegen die Keimlinge von Sorghum vulgare, welche am Schluss des Kapitels gesondert behandelt werden sollen. Bau und Eigenschaften der Keimlinge. § 28. Für alle untersuchten Paniceen ist es charakteristisch, dass das Hypocotyl sich stark entwickelt, während der Cotyledo kurz bleibt, — also gerade umgekehrt wie bei den anderen untersuchten Gramineen, wo das Hypocotyl meist sogar überhaupt nicht zur Entwickelung gelangt. Bei den Paniceen entwickelt sich das Hypocotyl auch dann, wenn die Keimung am Licht stattfindet; es wird alsdann so lang, meist sogar mehrere Mal länger als der Cotyledo. V'erdunkelung, insbesondere continuirliche Ver- dunkelung von Beginn der Keimung an, steigert bedeutend die Wachsthums- intensität des Hypocotyls und verlängert überdies die Dauer seiner Wachs- thumsfähigkeit (sie hat also hier dieselbe Wirkung auf das Hypocotyl, wie bei den anderen Oramineen auf den Cotyledo). Unter solchen Bedingungen kann das Hypocotyl bei Panicum sanguinale bis zu 3 cm, bei Panicum miUaceiim und bei Setaria selbst bis zu 5 oder 6 cm lang werden, — das ist eine relativ sehr bedeutende Länge, da der Durchmesser des Hypocotyls kaum V2 mm beträgt. — Die anatomische Structur des Hypocotyls bietet nichts, was für uns von Belang wäre. Der Cotyledo wird bei Panicum miliaceum 6 — T'/a mm (ausnahmsweise bis 9 mm), bei Panicum sanguinale und Setaria nur 3 — 6 mm lang. Er ist etwas dicker als das Hypocotyl und von spindelförmiger Gestalt: von der Mitte aus nimmt sein Durchmesser nach beiden Seiten ab, basal- wärts allmälig, apicalwärts etwas schneller {a, Fig. 24, auf S. 69), Der anatomische Bau des Cotyledo (bei Setaria untersucht) ist in der Hauptsache der gleiche wie bei Aveyia und Phalaris (§ 9), nur ist hier natürlich alles entsprechend dünner und zarter. An den Flanken, wo die Leitstränge eingeschlossen sind, besteht der Cotyledo, ausser den beiden Epidermen, aus zwei (selten drei) Schichten Mesophyll; auf der Dorsalseite ist nur eine Schicht Mesophyll vorhanden, und in der Mitte der Ventralseite fehlt das Mesophyll ganz, so dass hier, auf einer mehrere Zellen breiten Strecke, die beiden Epidermen direct aneinander grenzen. Auch bei den Paniceen ist 1) Die Paniceen sind hier im weiteren Sinne gefasst, d, 1. als Unterfamilie, nicht als Tribus. 5* (JS somit der diinnc Läiigsstrcif auf der Vcntralscite des Cutylodo vorhanden; auch hier wird derselbe schliesslich an seinem oberen Ende, unterhalb der äussersten Spitze desCotyledo, von dem liervortretenden Laubblatt durchbrochen. Der Cotyledo wächst einigermassen schnell nur in der ersten Zeit seiner Entwickelung; bald nach seinem Hervortreten über die Erdoberfläche wird sein Wachsthum so unbedeutend, dass die Messung mit Maassstab in 24 Stunden keinen merklichen Zuwachs ergiebt; am intensivsten bleibt das Wachsthum an der äussersten Basis des Cotyledo, an seiner Grenze gegen das Hypocotyl, wie man zwar nicht durch directe Messung, aber aus der Verzerrung eines hier angebrachten Tuschfleckchens sich überzeugen kann. Die Folge eines so schnellen Erlöschens des Wachsthums ist, dass der Cotyledo sehr früh von dem Laubblatt durclibrochen wird. Namentlich bei Panicum sanf/uinale erfolgt die Durchbrechung oft schon, wenn der Cotyledo kaum aus der Erde hervorgetreten ist; bei Setaria pflegt sie etwas später zu erfolgen, und am längsten bleibt der Cotyledo bei Panicum miliaceum geschlossen, wo auch sein Wachsthum am längsten andauert. — Selbst durch vollkommene Verdunkelung kann der Zeitpunkt der Durch- brechung des Cotyledo nur um ein Geringes hinausgeschoben werden. Im Gegensatz hierzu ist das Wachsthum des Hypocotyls sehr intensiv, wenn es auch nicht gerade viel länger als dasjenige des Cotyledo andauert. In seiner ganzen Länge wächst das Hypocotyl nur in der ersten Zeit, solange es erst wenige mm misst ; dann beschränkt sich das Wachsthum mehr und mehr auf eine relativ kurze Spitzenregiou, nach einiger Zeit wächst nur noch eine apicale Zone von nicht mehr als 1 mm Länge, und schliesslich, etwa eine Woche nach der Keimung oder wenig später, erlischt das Wachsthum des Hypocotyls ganz. Die Vertheilung der Wachsthumsintensität im Hypocotyl ist eine streng acropetale. Markirt man auf jungen Hypocotylen Querzonen von IV2 mm Länge, so findet man, dass in der ersten (obersten) Zone das Wachsthum sehr intensiv ist und in basipetaler Richtung rapid abnimmt. Als Beispiel mag die folgende Tabelle dienen. In zwei Töpfen mit zahlreichen halb-etiolirten jungen Keimlingen von Setaria viridis wählte ich vier resp. sechs Keimlinge mit geradem Hypocotyl und theilweise schon hervorgetretenem Laubblatt aus, und markirte auf den Hypocotylen, von deren Spitze aus, je drei bis vier 1 1/2 »»» lange Zonen. Das Wachsthum geschah im Dunkeln, die Messung erfolgte nach 23 Stunden. Die Zahlen geben den Zuwachs in Procenten der Anfangslänge der Zonen an. Zonen Erster Topf Mittel Zweiter Topf Mittel 1. 490 490 460 420 485 löO 110 140 130 130 100 127 H. 130 80 150 120 l'>0 40 60 70 60 60 40 55 ni. 20 10 50 30 28 10 20 10 10 8 IV. 20 5 — — — — — — Cietamuit- ziiwache des Uypocotylo in mm 9,6 8.7 1 10,2 1 8,6 9,3 3,0 2,6 1 3.4 3.0 2.9 2,3 2,9 69 Die Tabelle zeigt auch, wie verschieden die Wachsthumsintensität in verschiedenen Kulturen ausfallen kann; nb. waren die Keimlinge im zweiten Topf nicht älter, sondern sogar etwas jünger als im ersten Topf. — Das Hervorbrechen des Laubblattes hat auf das Wachsthum des Hypocotyls keinen merklichen Einfluss. Die heliotropische Krümmungsfähigkeit der Pfmzceen-Keimlinge ist im allgemeinen eine sehr bedeutende. Was den Cotyledo anbetrifft, so ist der- selbe freilich zu starker Krümmung nur in der Jugend befähigt, solange die Keimlinge noch so klein sind, dass sich mit ihnen nicht bequem experimentiren lässt; wenn dagegen der Cotyledo sich schon seiner definitiven Länge nähert, — was ja sehr frühzeitig geschieht — , so wird, entsprechend seinem höchst langsamen Wachsthum, auch seine Krümmungsfähigkeit sehr gering, und es erfordert schon Aufmerksamkeit, zu constatiren, dass der Cotyledo, solange er noch geschlossen ist, an der heliotropischen Krümmung überhaupt theilnimmt. An älteren, schon durchbrochenen Cotyledonen kann man selbst mit Hilfe des Mikroskops keine Spur einer Krümmung bemerken. Die heliotropische Krümmung vollzieht sich also bei jüngeren Keimlingen vornehmlich, bei älteren ausschliesslich im Hypocotyl. Markiren wir auf dem oberen Tlieil jüngerer Hypocotyle kurze Querzonen, so können wir verfolgen, wie die Krümmung zuerst in der Gipfelzone sich einstellt (b, Fig. 24) und nach einiger (relativ langer) Zeit auch eine oder mehrere ^ a. b c Fig. 24. Schematische Zeichnungen von Keimlingen von Setaria viridis, a ein gerader etinlirter Keimling mittleren Alters. b Form des Keimlings nach stattgefundener heliotropisclier Krümmung, c Form des Keimlings nach andauernder Exposition. der folgenden Zonen ergreift, nämlich alle diejenigen Zonen, welche noch in wenn auch nur langsamem Wachsthum begriffen sind; indessen beginnt die Gipfelregion sich geradezustrecken, die Krümmung beschränkt sich mit der Zeit auf eine immer kürzer werdende Strecke, und concentrirt sich zuletzt in der äussersten Basis der wachsenden Region des Hypocotyls (c, Fig. 24). Zu dieser Zeit bildet der Obertheil des Hypocotyls, der sich in Folge des intensiven Wachsthums der obersten Zone mehr oder weniger ansehnlich verlängert hat, mitsammt dem Cotyledo eine vollkommen gerade Linie in der Gleichgewichtslage zwischen Geotropismus und Heliotropismus. Inzwischen hört die Stelle, wo sich die Krümmung befindet, ganz zu wachsen auf, und so bleibt nach genügend langer Exposition die scharfe, fast winkelige Krüm- mung für immer im Hypocotyl fixirt. 70 In einem späteren Entwlckelungsstadiura ist natürlicli nur noch die allein wachsende Gipfelzono des Hypocotyls kriimmungsfähig, und gegen Ende de8 Wachsthunis beschränkt sich die Kriimmungsfähigkeit auf ein ganz kurzes Stück an der Grenze von Hypocotyl und Cotyledo, welches alsdann geradezu wie ein Charnier wirkt. Selbstverständlich ist um diese Zeit die Kriimmungs- fähigkeit bereits stark vermindert, es ist eine relativ lange pjxposition er- forderlich, um eine geringe Neigung des Cotyledo zu bewirken ; und schliesslich erlischt mit dem Wachsthum des Hypocotyls auch die Kriimmungsfähigkeit des Keimlings definitiv. Ich hebe hervor, dass bei den Paniceen-KeimWugen, im Gegensatz zu den Keimlingen der anderen Gramineen, die Durchbrechung des Cotyledo keineswegs einen Wendepunkt darstellt, von dem an die Kriimmungsfähigkeit rapid sinkt; vielmehr kann hier die Kriimmungsfähigkeit selbst dann noch recht ansehnlich bleiben, wenn das Laubblatt sich schon auszubreiten be- gonnen hat. Es hängt dies damit zusammen, dass bei den Paniceen die Krümmung vom Hypocotyl besorgt wird, und dass sie folglich nicht, wie bei den anderen Gramineen, vom Wachöthum des Cotyledo abhängig ist. Dank diesem Umstände sind die Pa7uceew-Keimlinge auch nach dem Her- vorbrechen des Laubblattes noch sehr wohl zu Experimenten brauchbar, und viele meiner Versuche wurden eben mit solchen älteren Keimlingen gemacht. Stört das Laubblatt, so kann man es unmittelbar über der Spitze des Cotyledo abschneiden'), was auf die Krüramungsfähigkeit des Keimlings ohne Eiufluss ist; nur darf dabei der Cotyledo nicht verletzt werden, — warum, wird man aus Kapitel X ersehen. Die geotropische Krümmung verläuft bei den Paniceen, mutatis mutandis, genau so wie die heliotropische. Für diejenigen, welche etwa wünschen sollten, meine Versuche zu wieder- holen, bemerke ich, dass die Keimlinge aller Paniceen sehr capriciöse Objecto sind: die eine Cultur reagirt sehr schnell und stark (z. B.: Krümmung schon nach IV2 Stunden ziemlich stark, definitive heliotropische Neigung 70" oder 80"), eine andere, äusserlich ganz gleiche Cultur reagirt auf die nämliche Beleuchtung weit schlechter (z. B.: die Krümmung wird erst nach 3 — 4 Stunden ansehnlich, und die definitive Neigung übersteigt nicht 40 " oder 50"); will man also vergleichende Versuche mit mehreren Culturen anstellen, so ist es unumgänglich, sich zuvor von deren Vergleichbarkeit zu überzeugen. Es kommt sogar vor, dass eine ganze grosse Ausssaat lauter 1) Noch einfacher wäre es, das Laubblatt herauszureissen, was sehr leicht ge- lingt, — dies hebt aber, soweit ich beobachtet habe, die Krümmungsrähigkeit des Keimlings ganz auf. Man darf hieraus nicht etwa schliessen, dass das Laubblatt eine wesentliche Rolle bei der heliotropischen Krümmung spielt; dasselbe ermangel vollkommen der heliotropischen Empfindlichkeit, und die Aufhebung der Kriimmungs- fähigkeit wird keineswegs durch den Mangel des Laubblattes bedingt, sondern höchst wahrscheinlich dui'ch die mit dessen Entfernung verbundene Vei'wundung seiner An- heftunfirsstelle. 71 Culturen ergiebt, die wegen abnorm geringer Krümmungsfähigkeit nicht zu brauchen sind. Diese Differenzen müssen, da das Aussaatmaterial immer dasselbe war, in irgendwelchen kleinen Verschiedenheiten in der Vor- bereitung der Culturen ihren Grund haben, Näheres vermag ich aber nicht anzugeben. Nachweis, dass nur der Cotyledo heliotropisch empfindlich ist. § 29, Sclion die Vorversuche ergaben in dieser Hinsicht ein ganz ent- scheidendes Resultat, und ein solcher Vorversuch möge hier als Beispiel Platz finden. Versuch 17. Setaria viridis und Eleusine Coracana. Auf feuchtes Fliesspapier in einer Krystallisirschale waren Samen von Setaria, in einer zweiten Krystallisirschale Samen von Eleusine ausgesät worden. Die Schalen standen die ganze Zeit auf dem Tisch in der Nähe des Fensters, nur mit einer zweiten, als Deckel dienenden Krystallisirschale bedeckt. Am 1. Februar hatten sich zahlreiche Keimlinge beider Specics entwickelt ; bei allen Keimlingen von Eleusine war das Laubblatt schon mehr oder weniger weit hervorgetreten, bei den Keimlingen von Setaria war hingegen der Cotyledo noch durchgängig geschlossen; die Länge der Hypocotyle variirte individuell in ziemlich weiten Grenzen. Alle Keimlinge waren in fast gleichem, bedeutendem Grade zum Fenster geneigt. Ich hatte mich schon vorher von der grossen heliotropischen Krümmungsfähigkeit dieser Keimlinge über- zeugt: ich hatte die Krystallisirschalen wiederholt mehr oder weniger stark um ihre Achse gedreht, und jedesmal waren nach wenigen Stunden alle Keimlinge wieder genau zum Fenster geneigt. Am 1. Februar Nachmittags setzte ich zahlreichen Keimlingen beider Species enge Stanniolkappcn auf, welche genau bis zur Basis des Cotyledo hinabreichten, so dass der ganze Cotyledo (bei Eleusine mitsammt dem hervorgetretenen Laubblatt) verdunkelt, das Hypocotyl aber in seiner ganzen Länge beleuchtet war. Daratif wurden beide Krystallisirschalen um 90 o gedreht, so dass die Krümnuingsebene aller Keimlinge dem Fenster parallel stand. Schon nach 2'/^ Stunden waren alle nicht mit Stanniolkappen versehenen Keim- linge (genauer gesagt deren Cotyledo nebst dem wachsenden Obertheil des Hypocotyls) wieder genau zum Fenster gerichtet, während bei allen Keimlingen mit Stanniolkappen die Krümmungsebene ihre anfängliche Lage parallel dem Fenster ganz unverändert beibehalten hatte. Am Morgen des folgenden Tages sind die Keimlinge ohne Stanniolkappen nach wie vor stark fensterwärts geneigt. Von den Keimlingen mit Stanniolkappen haben sich die meisten geotropisch aufgerichtet und stehen genau vertical, ohne Spur einer heliotropischen Krümmung; andere sind ebenfalls zum Fenster geneigt, und zwar sind das durchgängig solche, bei denen das wachsende Laubblatt (welches über Nacht auch bei vielen Keimlingen von Setaria hervorgetreten ist) die Stanniolkappe be- trächtlich emporgehoben hat, so dass etwa die halbe Länge des Cotyledo beleuchtet ist. Bei einigen anderen Keimlingen ist die Stanniolkappe nur sehr wenig empor- gehoben worden, so dass nur die äusserste Basis des Cotyledo dem Licht ausgesetzt ist: diese Keimlinge stehen gerade so vollkommen vertical wie diejenigen, deren Cotyledo in seiner ganzen Länge verdunkelt ist. Es sei noch ausdrücklich hervorgehoben, dass die Krümmung überall, wo vor- handen, im Obertheil des Hypocotyls stattgefunden hatte, und dass dieser Obertheil nebst dem Cotyledo ganz geradegestreckt war. 72 Aus diesem Versuch folgt erstens, dass das Hypocotyl gar nicht helio- tropisch crapiindlich sein kann, da es sich nicht im mindesten heliotropisch krümmte, obgleich es in seiner ganzen Länge ziemlich andauernder ein- seitiger Beleuchtung ausgesetzt war. Dagegen ist der Cotyledo in hohem Grade heliotropisch empfindlich, denn wird ausser dem Hypocotyl auch der Cotyledo, oder selbst nur dessen untere Hälfte, einseitig beleuchtet, so erfolgt schon nach relativ kurzer Zeit eine starke Krümmung. Eine Ausnahme bildet jedoch die äusserste Basis des Cotyledo, deren Beleuchtung keine heliotropische Krümmung zur Folge hat 5 diese äusserste Basis ist also offenbar ebenso- wenig heliotropisch empfindlich, wie das Hypocotyl Da weiter die helio- tropische Krümmung, obgleich nur durch die einseitige Beleuchtung des Cotyledo verursacht, dennoch nicht von diesem, sondern vom Hypocotyl aus- geführt wird, so folgt mit unabweisbarer Nothwendigkeit, dass die helio- tropische Reizung sich vom Cotyledo auf das Hypocotyl fortpflanzt und dessen Krümmung veranlasst. In dem Hypocotyl der Paniceen ist uns somit ein Organ gegeben, dessen heliotropische Krümmung durch den alleinigen Einfluss eines übermittelten Reizes, und zwar eines von einem anderen, morphologisch ganz heterogenen Organ aus übermittelten Reizes, veranlasst wird. Es ist wohl unnöthig noch besonders hervorzuheben, dass diese Verhältnisse ganz eigenartig und von den bei den anderen Oramineen- Keimlingen constatirten wesentlich verschieden sind. Um die Richtigkeit der aus obigem Versuch gezogenen Folgerungen zu prüfen resp. ihnen eine breitere experimentelle Grundlage zu geben, habe ich noch weitere 12 Versuche (die Vorversuche nicht mitgerechnet) ausge- führt, nämlich 5 mit Setaria, 1 mit Eleusine, 2 mit Panicum miliaceum und 4 mit Panicum sanguinnle. Auf diese Versuche wurde mehr Sorgfalt verwandt als auf den mitgetheilten Vorversuch : es wurde möglichst homogenes Material von in Töpfe gepflanzten, etiolirten oder halb-etiolirten Keimlingen benutzt; es wurde für streng einseitige Beleuchtung und streng horizontalen Lichteinfall gesorgt; die Neigung der Keimlinge wurde gemessen (oft mehrere Mal im Laufe eines Versuchs), die Zahl der Keimlinge und die Expositionsdauer notirt. Doch wäre es überflüssig, diese Versuche oder auch nur einige ausgewählte unter ihnen hier mitzutheilen, da sie an Resultaten nichts neues bieten und nur die Ergebnisse des Versuches 17 in allen Punkten vollkommen bestätigen. Ich begnüge mich desshalb damit, die, sozusagen, statistischen Ergebnisse dieser Versuche zusammenzustellen. Die Expostionsdauer variirte von 4 — 8% Stunden. Die definitive Neigung der voll beleuchteten Vergleichskeimlinge war in fast allen Versuchen sehr bedeutend, meist 70 — 80", wenn auch in vielen Versuchen einzelne Keim- linge sich erheblich schwächer krümmten; nur in einem Versuch überstieg die Neigung der Vergleichskeimlinge nicht 50". Im Ganzen gelangten in den 12 Versuchen zur Beobachtung: ä) mehr als 113 Vergleichskeimlinge, J)) 95 Versuchskeimlinge (Cotyledo ganz oder mit Ausschluss der äussersten Basis mittels Stanniolkappe verdunkelt, Hypocotyl in ganzer Länge beleuchtet). Die a krümmten sich ohne Aus- nahme heliotropisch, meist stark oder sehr stark, nur in vereinzelten Fällen massig oder ziemlich schwach. Von den h zeigten 85 nicht die geringste Spur einer heliotropischeu Krümmung, und nur 10 krümmten sich schwach oder sehr schwach. Von diesen 10 sind aber 6 nur scheinbar Ausnahmen von der Regel. In zweien von diesen Fällen war die Stanniolkappe im Laufe des Versuchs von dem sich streckenden Laubblatt soweit emporgehoben worden, dass sich nicht nur die äusserste Basis, sondern auch ein Theil der empfindlichen Region des Cotyledo am Licht befand. Bei vier weiteren Keimlingen war die sehr geringe Lichtwärtskrümmung höchst wahrscheinlich nur durch autonome Nutation hervorgerufen: in den zwei V^ersuchen, wo diese Fälle vorkamen, waren viele der Versuchskeimlinge in verschiedenen Richtungen leicht gekrümmt, es ist daher ein ganz natürlicher Zufall, dass bei einigen Keimlingen die Richtung dieser Krümmung ganz oder nahezu mit der Richtung zum Licht zusammenfiel. — Es bleiben somit nur vier Keimlinge, für deren von der Norm abweichendes Verhalten in meinen Notizen der Grund nicht angegeben ist; dieselben gehören zu zweien meiner ersten Versuche, wo ich noch nicht so genau das Verhalten jedes einzelnen Keimlings verfolgte; ich zweifle kaum daran, dass auch diese vier Ausnahmen von der Regel nur scheinbare sind. Unter anderem liefern diese Versuche mit Paniceen auch den ent- scheidenden Beweis dafür, dass die Bedeckung der Spitze von Keimlingen mit Stanniolkappen vollständigen Schutz vor einseitiger Beleuchtung gewährt (vgl. die Auseinandersetzung in § 6). Würde die möglicherweise durch Reflexion von der Erdoberfläche in's Innere der Stanniolkappen eindringende Lichtmenge die geringste heliotropische Wirkung haben, so könnten die so überaus krümmungsfähigen Paiiiceeti-Keimlinge unmöglich gerade bleiben. Und doch schloss hier der Rand der Stanniolkappen niemals dicht an den Cotyledo an, oft sassen die Kappen sogar ganz lose auf den Keimlingen. Wenn also hier keine heliotropische Wirkung innerhalb der Stanniolkappen stattfand, so ist diese Befürchtung bei den im vorigen Kapitel besprochenen Versuchen ganz und gar ausgeschlossen. Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Cotyledo. § 30. Es erhebt sich nun die Frage, ob der Cotyledo in seiner ganzen Länge gleichmässig heliotropisch empfindlich ist (mit Ausnahme der, wie schon nachgewiesen, gar nicht empfindlichen äussersten Basis), oder ob seine Spitze, ähnlich wie in den Cotyledonen der anderen Gramineen, sich durch stärkere Empfindlichkeit auszeichnet. Zur Entscheidung dieser Frage wurden Versuche angestellt, in denen eine Gruppe von Vergleichskeimlingen (ä) ohne Stanniolkappen belassen wurde, während auf die Keimlinge einer zweiten Gruppe (&) kurze Stanniolkappen aufgesetzt wurden, welche nur das obere Drittel bis höchstens die obere Hälfte des Cotyledo verdunkelten. Ist die Spitze des Cotyledo empfindlicher als dessen Untertheil, so ist zu erwarten, dass 74 die h sich langsamer krümmen und schliesslich eine geringere Neigung er- reiclien werden, als die a; besteht hingegen kein solcher Unterschied zwischen Spitze und Untertiieil des Cotyledo, so werden die /> zwar anfanglich viel- leicht hinter den a zurückbleiben, die definitive Neigung wird aber in beiden Gruppen die gleiche sein müssen, — denn die bei Ävena gewonnene Er- fahrung (§ 18), dass die Länge der beleuchteten Strecke, bei gleich grosser Empfindlichkeit, ohne Einfluss auf die erreichte Neigung ist, dürfen wir wohl auch auf die Paniceen übertragen. Es bestätigte sich die erste der beiden Annalimen. Von 10 Versuclien gaben 3 ein zwar positives, aber nicht genügend schlagendes Resultat; die übrigen 7 Versuche hingegen (2 mit Panicum sangiänale, 2 mit Panicum mUhiccum, 3 mit Setaria) gaben übereinstimmend sehr überzeugende Resultate. In ihnen wurden zusammen G7 Vergleichskeimlinge (a) und 38 Versuchskcimlinge {h) untersucht. Die letzteren erreichten ausnahmslos eine erheblich geringere Neigung als die mittlere Neigung der a im selben Versuch, und in einigen Versuchen wurde auch constatirt, dass sie sich später zu krümmen begannen als die a; 3 Keimlinge der Gruppe h in zwei Versuclien, welche G74 resp. 5^4 Stunden dauerten, blieben sogar völlig ungekrümmt. Von den 67 Keimlingen der Gruppe a wichen nur sehr wenige von der Norm ab, indem ihre Neigung nicht grösser war als die mittlere Neigung der h im selben Versuch ; so verhielten sich nur : in einem Versuch 1 Keimling unter 9, und in einem zweiten Versuch „einzelne" (wieviele ist in meinen Notizen nicht gesagt) unter 21. Beispielshalber (heile ich die Endergebnisse zweier Versuche mit. Ich bemerke, dass die (arithmetische) DitFerenz der Neigungen in Versuch 18 die geringste, in Versuch 19 eine der grössten ist, die überhaupt beobachtet wurden. Versuch 18. Panicum sanguinale. a) 4 VergleioliskeimHiige. b) 5 Keimlinge mit Staimiolkappen, welche uicht mehi als die obere Hälfte des Cotyledo verdunkeln. Nach 5 Stunden, Neigung des Obertheils: a) 30—50", mittel 40". b) 10—20", mittel 16". Versuch 19. Panicum miliaceum. a) 11 Vergleichskeimlinge. b) 4 Keimlinge mit Stanniolkappen, welche '/s— V2 ^^^ Cotyledo verdunkeln. Nach 8 1/2 Stunden, Neigung des Obertheils: a) 40—80", mittel 63". b) 20—25", mittel 21". Wir sehen also, dass im Cotyledo der Paniceen (immer abgesehen von dessen äusserster Basis) im Wesentlichen eine ebensolche Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit besteht wie im Cotyledo von Avena etc.: der Untertheil des Cotyledo ist nur wenig, der Obertheil des- selben stark heliotropisch empfindlich. Ob auch hier die starke 75 Empfindlichkeit nur einer Spitzenregion von begrenzter, relativ sehr geringer Länge eigenthiimlich und der Rest des Cotyledo gleichmiissig empfindlich ist, oder ob die Empfindlichkeit von der Spitze zur Basis continuirlich und allmälig abnimmt, das entzieht sich bei diesen sehr kleinen und zarten Objecten begreiflicherweise der Entscheidung, ebenso wie manche andere Specialfragen, die für Ävena gelöst wurden. Heliotropische Krümmung des künstlich verdunkelten Hypocotyls infolge Reizfortpflanzung. § 31. Wenn es auch nach dem in § 29 Dargelegten keines weiteren Beweises mehr bedarf, dass die heliotropische Krümmung des Hypocotyls durch einen zugeleiteten Reiz bedingt ist, so war es doch auch hier er- forderlich sich zu überzeugen, ob sich auch das vollkommen verdunkelte Hypocotyl heliotropisch zu krümmen vermag. Dass dies der Fall ist, das lehren auch bei den Paniceen schon ge- legentliche Beobachtungen: in Töpfen, die einige Zeit einseitiger Beleuchtung ausgesetzt waren, findet man zuweilen ganz junge Keimlinge, bei denen nur ein kurzes Stück des Cotyledo aus der Erde hervorragt und dabei stark lichtwärts geneigt ist, woraus auf das Bestehen einer starken Krümmung im unterirdischen Theil des Keimlings geschlossen werden muss. Ausserdem habe ich fünf Versuche ausgeführt (zwei mit Setaria, zwei mit Panicum sanguinale, einen mit Panicum miliaceum), in denen das Hypocotyl künstlich, durch Verschütten mit feiner trockener Erde, verdunkelt wurde (die übrigen Methoden, deren ich mich bei den Versuchen mit den anderen Gramineen bediente, sind hier nicht anwendbar). Bei der Kleinheit der Objecte erfordern die Schlüsse aus solchen Versuchen Vorsicht. Es muss natürlich gefordert werden, dass das Hypocotyl in seiner ganzen Länge, mit Einschluss der Spitze, vollkommen verdunkelt sei, folglich dürfen nur solche Keimlinge in Betracht gezogen werden, bei denen auch noch am Schluss des Versuches nur ein Theil des Cotyledo (jedenfalls nicht viel mehr als die Hälfte) über die Erdoberfläche hervorragt; am beweiskräftigsten sind solche Fälle, in denen erst im Laufe des Versuches ein kurzes Spitzchen des Cotyledo über die Erde getreten ist. In den besagten Versuchen wurden zusammen über 63 Keimlinge ge- funden, welche diesen Bedingungen genügten ; bei allen war der oberirdische Theil des Cotyledo mehr oder weniger (bis zu 70") lichtwärts geneigt und dabei völlig gerade, und überall fand sich nach Entfernung der verdunkelnden Erde eine entsprechende Krümmung im Hypocotyl, in einer erst einige mm unter der Erdoberfläche beginnenden Region. Versuche mit Sorghum vulgare. § 32. In Kazan erhielt ich keimfähige Samen einer Panicee, die im Amur- gebiet unter dem Namen Gaolan cultivirt wird und deren botanischer Name angeblich Sorf/Jmm vulgare ist. Die Keimlinge zeichnen sich durch ihre 76 bedeutende Grösse aus: im etiollrten Zustande wird unter Uraständen das Hypocotyl bis 7 cm, der Cotylcdo bis über 3 cni lang, und der Durch- messer beider beträgt 1 — 1 V2 mm. Der Cotyledo bleibt viel länger wachs- thumsfüliig als bei den anderen Panic('en\ die Verthcilung der Wachsthums- iutensität ist eine rein basipetale, und oft wächst der obere Theil schon vor dem Hervortreten des Laubblattcs gar nicht mehr; im Hypocotyl ist die Vertheilung der Wachsthumsintensität eine rein acropctale, und in nicht sehr jungen Hypocotylen wächst nur eine kurze Spitzenregion, hier aber ist das Waehsthura weit intensiver als irgendwo im Cotyledo. Die heliotropische Krümmung beginnt im Cotyledo und erstreckt sich erst später auch auf die wachsende Spitzenregion des Hypocotyls; meist streckt sich schliesslich der Obertheil des Keimlings ganz gerade, zu einer scharfen Krümmung im Hypocotyl, wie bei den anderen Faniceen, kommt es jedoch nicht. Die heliotropische Krümmung vollzieht sich langsam, aber zuletzt wird nichts- destoweniger eine starke oder selbst sehr starke Neigung erreicht. Sorghum zeichnet sich nun vor den bisher besprochenen Objecten da- durch aus, dass sein Hypocotyl unzweifelhaft heliotropisch empfindlich ist. Wird der ganze Cotyledo mittels Stanniolkappe verdunkelt, so findet dennoch eine Krümmung im Obertheil des Hypocotyls statt, die zu einer manchmal nicht unbeträchtlichen Neigung führt (Fig. 25, h). Dieselben Versuche Heliotropische Kriiiuiiuing etiollrter Keimlinge von Sorglmm vidyare, nach 23 stündiger Exposition (mit Einschhiss der Nacht); Beleuchtung mit Tageslicht. a ein in ganzer Länge beleucliteter Keimling. b ein Keimling, dessen Cotyledo mittels Stanniolkappe verdunkelt war. Die Grenze zwischen Cotyledo und Hypocotyl ist durch einen Quer- strich bezeichnet. zeigen aber gleichzeitig, dass die Beleuchtung des Cotyledo einen bedeutenden Einfluss auf die Krümmung des Cotyledo hat. Die Keimlinge mit ver- dunkeltem Cotyledo beginnen sich erst beträchtlich später zu krümmen, als die voll beleuchteten Vergleichskeimlinge, und die schliesslich erreichte Neigung ist bei ersteren bedeutend geringer. So betrug z. B. in einem Versuch die erreichte Neigung der Hypocotylspitze bei 5 Vergleichskeimlingen 65—80", iai Mittel 74", und bei 5 Keimlingen mit verdunkeltem Cotyledo 35 — 55", im Mittel 41" (vgl. die zu diesem Versuch gehörige Fig. 25); in einem anderen Versuch betrugen die entsprechenden Mittelwerthe 62" und 26". Cotyledo und Hypocotyl verhalten sich hier also so zu einander, wie bei Avena etc. Spitze und Untertheil des Cotyledo. Hält man diese Fälle mit dem Verhalten der in den vorausgehenden Paragraphen besprochenen Paniceen zusammen, so zeigt sich, dass die Vertheiluug der heliotropischen Empfindlichkeit weder an die morphologische Diguität der Organe, noch au die systematische Stellung der Objecte sich kehrt. Weitere Untersuchungen habe ich mit Sorghum vulgare nicht an- gestellt, da dieses Object in Folge individuell sehr ungleichen Verhaltens der Keimlinge ein recht ungünstiges ist. V. Versuche mit Dicotylen- Keimlingen. Von den zahlreichen Dicotylenkeimlingen, welche ich geprüft habe, fand ich die Keimlinge von 1 G Species für meine Zwecke mehr oder weniger ge- eignet. Dieselben verhalten sich, wie gezeigt werden wird, in mancher Hinsicht ziemlich verschieden. Eingehend untersucht wurden namentlich vier Species, nämlich Brassica Napus, Ägrostemma Gitliago, Vicia sativa und Tropaeolum minus. A. Eigenschaften der Keimstengel. § 33. In anatomischer Hinsicht bieten die Keimstengel nichts von Belang. Dagegen ist die Kenntniss der Wachsthumsvertheilung für uns von Wichtigkeit. In dieser Hinsicht ist es allen untersuchten Keimstengeln ge- meinsam, dass das Maximum der Wachsthumsintensität nahe der Spitze ge- legen ist; trägt man 4V2 mm lange Zonen auf, so findet man fast stets den stärksten Zuwachs in der ersten Zone (nur ganz ausnahmsweise, bei einzelnen Individuen, in der zweiten), und von hier an in basipetaler Richtung eine mehr oder weniger rapide Abnahme. Als Beispiel diene die folgende Tabelle. Auf den Hypocotylen von 9 etiolirten Keimlingen von Brassica Napus winden, je nach ihrer Länge, vier bis sieben 4'/^ mm lange Zonen markirt. Wachsthum im Dunkeln. Messung nach 25 Stunden. Die Ziffern geben den Zuwachs in Procenten der Anfangslänge der Zonen an, 78 Zonen Keimlinge 1 2 3 4 5 6 7 8 9 I. 11. 111. IV. V. VI. VII. 203 107 G3 33 10 173 löO 103 60 20 13 217 130 .77 23 7 213 140 70 23 7 3 200 147 60 13 190 100 47 20 3 133 97 37 10 3 203 100 27 3 150 83 37 10 Bei einigen anderen Keimstengeln, z. B. bei Vicia sativa (s. die Tabelle auf S. 79, A und B), ist der Abfall der Wachstlmmsintensität noch ein weit plötzlicherer. Wie sich aus der Tabelle und zalilreichen anderen Messungen ergiebt, wächst das Hypocotyl von Brassica Napus^ wenn es 4 — 5 Zonen, d. i. ca. 2 cm lang ist, noch in seiner ganzen Länge; dann hört eine immer länger werdende Basalregion zu wachsen auf, und im Wachsthum begriffen bleibt eine obere Region von eine Zeit lang fast constant bleibender Länge (4 — 6 Zonen =1,8 — 2,4 cm). Aehnlich verhalten sich auch einige andere Keimstengel, bei denen aber die vv^achsende Region meist kürzer. ist; länger als bei Brassica fand ich dieselbe nur bei Troimeolum, wo sie 3 — 4 cm urafasst. Bei Agrostemma wachsen die jungen, nicht über 2 cm langen Hypo- cotyle ebenfalls in ihrer ganzen Ausdehnung, von da an aber stellt nicht nur die Basis ihr Wachsthum ein, sondern die Länge der apicalen wachsenden Region nimmt rapid ab, so dass in ca. 3 cm hohen Keimlingen nur noch eine Strecke von kaum 1 cm Länge im Wachsthum begriffen ist. Eine gerade entgegengesetzte Erscheinung treffen wir bei Vicia sativa, welche eine etwas längere Auseinandersetzung erfordert. Bei den meisten Dicotylen mit unterirdischen Cotyledonen besteht der Keimstengel nur aus einem Internodiura, dem Epicotyl, welches ein Paar Primärblätter trägt und sammt diesen in der äusseren Erscheinung dem Hypocotyl sammt Cotyledonen anderer Keimlinge täuschend ähnlich ist; charakteristisch ist es für beide Fälle, dass zunächst nur dies eine Internodium wächst und die zwischen den Cotyledonen resp. Primärblättern befindliche Endknospe erst dann sich zu entwickeln beginnt, wenn das Hypocotyl resp. Epicotyl sein W^achsthum abgeschlossen hat, — wodurch das Ende der Keimlingsperiode gekennzeichnet wird. Bei Vicia sativa (und anderen Vicieen) ist hingegen das epicotyle Internodium in nichts von den folgenden Internodien des Keim- stengels verschieden; die ersten (ca. 4) Internodien tragen je ein kleines Niederblatt, während weiter allmälige Uebergänge von den Niederblättern zu den Laubblättern führen; der Vegetationspunkt des Stengels ist von 79 Anfang an in continuirlicher Thätigkeit begriffen, und der aus mehreren luteruodien bestehende Keirastengel wächst so, wie bei anderen Keimpflanzen das einzelne Internodium, d. h. er hat nur ein Wachsthumsmaxlmum, von welchem ab das Wachsthum continuirlich, ohne sprungweise Aenderungen an den Knoten fällt. Ein scharf umgrenztes Keimlingsstadium in dem Sinne wie bei den meisten anderen Dicotylen existirt bei Vicia gar nicht, und es ist nicht möglich zu sagen, wann das Pflänzchen aufhört ein Keimling zu sein. Während nun bei den übrigen untersuchten Dicotylenkeiralingen die Wachsthumsintensität von einem gewissen Zeitpunkt an abnimmt und die Länge der wachsenden Region mit dem Alter früher oder später abzunehmen beginnt, finden wir im Keimstengel von Vicia in beider Hinsicht eine continuirliche Zunahme mit dem Alter, wofür die folgende Tabelle ein Beispiel bietet. Auf etiolirten Keimlingea von Vicia naliva wurden von der Spitze') aus 45/2 mm lange Zonen niarkirt. L ä n g e der K e i ni s t e n g e 1 und V e r s i c li s d a u e r Zonen A. B. c. D. V 1-2- 2 cm 3—4 cm 5 — 6 cm 63/4— 8 V4 cm 22 Stunden 22 Stunden 22 Stunden 8'/4 Stunden I. 200g 217g 203g 2.50g 333g 200g 260g 267g 33g 43g 60ö° 40g II. 30g 33g 47g 50g 100g 93g 130g uog 33g 53g 50g 40g III. 10g 10g 33g 20g 33g 57g 30g 37g 33g 40g IV. — — Tg 13g 23g 20g 33g 27g 33g V. — — 10g 20g 23g 23g VI. — — — — — 10g 7g 17g VII. — — — — — 70 Gesammt- zuwachs lOAtnm 11,3 m»« 11, 7 »im 14,0»M» 21,0»)») 14,4»)»n 19,7«)»; 21,9m»; Ö,lmm 8,8niWi9,0r«»i 9,0wm Mittlerer Ge- --^ — ■ .-.*- -^ -*-. — -^ .^-^ — -^ — '»^ ' __^^^ <^ '■^■— sammtzuwachs 10,8 mm 15,6 mm 18,7 Wim 8,1 mm Mittlerer Ge- sammtzuwachs pro Stunde 0,49 mvi 0,71 mm 0,85 vim 0,99 mm Länge der wachsenden Region 0,9 cm .,35 cm 1,8 cm 2, 25—3, 15 cm ») Hier und überall im Folgenden ist unter „Spitze" die Spitze des geraden Thciles des Keimstengels verstanden; wo, wie gerade bei Vicia, das obere Ende des Keimstengels im etiolirten Zustande hakenförmig gekrümmt ist, wird dieser gekrümmte Thell nicht mit in Betracht gezogen. 80 § li-t. Die lieliotropisclic Kriimmungsfäliigkeit ist bei allen untersucliten Keimlingen eine sclir bedeutende. Die erreichte Neigung ist meist sehr beträchtlich, namentlich bei Mria und Tropaeoltun, wo die Gleichgewichts- lage nur wenig von der Lichtrichtung abweichen dürfte, eine genauere Fest- stellung der Gleichgewichtslage wird dadurch erschwert, dass der Obertheil der Keimstengel starke Oscillationen um dieselbe herum auszuführen pflegt (bei den soeben genannten zwei Objecten wird im ersten Anlauf die Licht- richtung oft nicht unbeträchtlich überschritten). Ferner kommen bei allen Dicotylenkeimlingen, wiej ein für alle Mal gesagt sein mag, sehr bedeutende Schwankungen der heliotropischen Krümmungsfähigkeit vor, sowohl unter ganzen Culturen, als auch unter den einzelnen Keimlingen einer Cultur; es wurden z. B. drei Töpfe mit je 4 — 6 gleichgrossen Keimlingen von Vicia gleichzeitig exponirt, und nach einiger Zeit wurde die Neigung der Spitze gemessen, wobei sich folgende Werthe ergaben: lu Topf 1: 20—55», Mittel 41". In Topf 2: 55— 90*», Mittel 72'/2". In Topf 3: 80—130", Mittel 102». Am schnellsten unter allen untersuchten Objecten erfolgt die heliotropische Krümmung bei Vicia: hier ist gewöhnlich schon ^k Stunden nach Beginn der Exposition die Spitze deutlich lichtwärts gekrümmt, und nach 2 Stunden oder selbst noch früher hat sie oft schon nahezu wagerechte Lage angenommen. Der Verlauf der heliotropischen Krümmung hängt einerseits von der Länge der wachsenden Region (welche immer mit der krümmungsfähigen Region zusammenfällt) und von der Vertheilung der Wachsthumsintensität innerhalb derselben ab, andererseits (wie vorgreifend bemerkt sein mag) von der Schnelligkeit und Intensität der Fortpflanzung des von der Spitze aus- gehenden heliotropischen Reizes. Darum haben die untersuchten Keimlinge nur soviel geraeinsam, dass die Krümmung stets in der Spitze des Keim- stengels beginnt, — im übrigen aber ist der Verlauf der Krümmung bei verschiedenen Keimlingen ein ungleicher. Bei Brassica erstreckt sich die in der Spitzenregion beginnende Krümmung successive auf die tieferen Zonen und der Obertheil streckt sich allmälig gerade, so wie bei Ävena'^ aber der starke Abfall der Wachsthumsintensität in basipetaler Richtung bringt es mit sich, dass das Tieferrücken der Krümmung sich hier weit langsamer vollzieht. Der Obertheil kann schon stark gekrümmt sein, während die basalen Zonen der wachsenden Region noch gerade oder erst unbedeutend gekrümmt sind; die Krümmung ist daher schärfer als bei Ävena, es fehlt jenes mittlere Stadium, in dem bei dieser der Cotyledo in langer Strecke ziemlich gleichmässig gekrümmt ist. Erst relativ spät erreicht die Krümmung die äusserste Basis der wachsenden Region, und dann bildet sich hier eine scharfe Krümmung in kurzer Strecke, während der ganze Obertheil gerade vorgestreckt ist. — Ebenso verhalten sich die meisten anderen Keimlinge mit relativ langer wachsender Region, so die übrigen untersuchten Cruciferen, Tropaeolum, Dauciis Carota, Linam usitatissimum und Cannahis sativa. 81 Bei Agrostemma^ Zinnia elegans und Pharhifis liisinda kommt es, wenigstens bei der in meinen Versuchen üblichen Expositionsdauer (bis zu 9 Stunden) überhaupt nicht zu einer Concentration der Krümmung an der äussersten Basis der wachsenden Region*, der untere Theil der letzteren bleibt massig gekrümmt, und die Geradestreckung betrifft nur einen etwa die Hälfte der wachsenden Region umfassenden Obertheil; vgl. Fig. 26, d. Da der Abfall der Wachsthumsintensität bei den genannten Keimlingen nicht rapider ist als bei Brassica etc., so deutet dies Verhalten auf eine relativ langsame Fortpflanzung des heliotropischen Reizes von der Spitze aus hin. Fig. 26. Verlauf der heliotropischen Krümmung zweier Hypoeotyle von Agrostemma Gilhnffo. a nach 3'/4, i nach 4'/.2, c nach 53/^, d nach 7 Stunden. Wieder einen anderen Habitus hat die heliotropischc Krümmung junger Keimstengel von Viria. Hier eilt die Geradestreckung der oberen Region dem Tieferrücken der Krümmung voraus, und daher linden wir schon in ziemlich frühem Stadium der Krümmung folgendes Bild: die Spitze ist in fast horizontaler Richtung gerade vorgestreckt, darauf folgt eine kurze, scharf gekrümmte Zone, und der übrige Theil des Keimlings steht vertical. Man könnte meinen, daas der Krümmuugsprocess bereits beendet und die weitere Längenzunahme des horizontal vorgestreckten Theils nur auf Rechnung des intensiven Wachsthums der Spitzenregion zu setzen ist. Beobachtet man jedoch genauer Keimstengel, auf denen durch Tuschstriche nicht zu lange Qiierzonen markirt sind, so überzeugt man sich, dass die kurze Krümmungsregion sich, allerdings sehr langsam, basalwärts verschiebt, in successive tiefere Querzonen übergeht, während die oberen Querzonen eine nach der anderen in der geradegestreckten Region aufgehen. So er- reicht die fast rechtwinkelig bleibende Krümmung allmälig die äusserste Basis der wachsenden Region. — Dieser charakteristische Verlauf der Krümmung erklärt sich durch die sehr grosse heliotropische Empfindlichkeit des Objects und den überaus rapiden Abfall der Wachsthumsintensität, — in älteren Keimstengeln, wo dieser Abfall nicht so rapid ist, ist auch die KrUmmungsregion ausgedehnter und die Krümmung flacher, vgl. Fig. 37, a auf S. 110 — , ausserdem lässt er aber ebenfalls eine nur langsame Fort- pflanzung des beliotropischen Reizes vermutheu. Einen weiteren Typus bilden endlich diejenigen sehr zahlreichen, in meinen Untersuchungen durch Solanum Lycopersicum und Coriandrum Cohn, Beiträge zur Biologie der Püanzen. Ed. Vll. Heft I. ß 82 safivwn vertreteneu Keimlinge, deren wachsende und krüramungsfähige Region kurz (weniger als 1 cm lang) ist, mit ebenfalls sehr plötzlichem Abfall der Waciisthunisintensität. Hier beschränkt sich die Krümmung lange Zeit auf eine nur wenige mm lange Spitzenregion und erstreckt sich erst spät und ganz allmiilig auch auf den übrigen Theil der wachsenden Region; zu einer Geradestreckung des Obertheils derselben kommt es aber überhaupt nicht, oder kam es wenigstens in meinen Versuchen nicht. Für heliotropische Versuche ist es begreiflicherweise wünschenswerth und eventuell sogar Bedingung, dass die krümmungsfähige Region nicht zu kurz sei; hiernach hat man sich also bei der Auswahl des Alters der Keimlinge zu richten. Bei Brassica und anderen sich ähnlich verhaltenden Objecten, wo die Länge der krümraungsfähigen Region längere Zeit nahezu constant bleibt, sind auch ziemlich alte Keimlinge noch ganz wohl brauchbar. Von Agrostemma u. a. sind nur Keimlinge von höchstens 3 cm Höhe zu Ex- perimenten brauchbar. Bei Vicia, wo die Länge der krümmungsfähigen Region mit dem Alter zunimmt, sind umgekehrt allzu junge Keimlinge un- brauchbar; ich operirte meist mit solchen von 2'/2 — 4 cm Höhe; noch ältere Keimlinge dieses Objects sind aus einem später zu besprechenden Grunde ebenfalls ungeeignet. I?. Die Tertheilung der lieliotropischen Empfludlichkeit im Keimsteugel. § 35. Zunächst seien die Versuche mit Brassica Napus, Agrostemma Gltliago, Vicia sativa und einigen anderen Objecten besprochen, welche sich betreffs der Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Wesent- lichen deich verhalten. ö' Versuch 20. Brassica Napus. 10 halbetiolii'te, 3,3 — 5,8 cwi hohe Keimlinge; dieselben hatten Tags vorher einige Zeit bei einseitiger Beleuchtung gestanden und sich in nahezu gleichem Grade ge- krümmt; seitdem haben sie im Dunkelschrank gestanden und sich vollständig auf- gerichtet. a) 5 Vergleichskeimlinge, b) 5 Versuchskeimlingen die Hypocotylspitze mittels T'/z mm langer Stanniol- röhrchen verdunkelt. Nach 2 Stunden: a) Alle in einer kurzen Gipfeliegion ziemlich stark gekrümmt. b) Theils mit zweifelhafter, theils mit deutlicher, aber schwacher Krümmung unter dem Verbände. Nach 4 Stunden: a) Die Krümmung umfasst eine 12 — 18 mm lange Region; die Spitze ist fast horizontal gerichtet, aber noch nicht ganz geradegestreckt. Ein Keimling bleibt In jeder Hinsicht hinter den anderen zurück. b) Alle deutlich, aber nur schwach gekrümmt. Nach 7 Stunden: a) Bei vier Keimlingen reicht die Krümmung bis zu 18 — 23 mm von der Hypocotyl- spitze, der Obertheil dieser Strecke ist geradegestreckt und unter 80— 90<> geneigt 83 _ (Fig. 27, a). Der fünfte Keimling ist nur in 9 mm langer Gipfelregion gekrümmt. Neigung seiner Spitze 60 f*. Mittel aus allen Keimlingen 82^, b) Der Obertheil der H\'pocotyle geradegestreokt und unter 25—35'^ geneigt; Mittel 30" (Fig. 27, b). b Tis. 27. In diesem Versuch verlief die Krümmung relativ langsam; als zweites Beispiel führe ich noch einen Versuch an, in dem die Keimlinge, bei ausser- ordentlich raschem Wachsthum, sich auch ungewöhnlich schnell krümmten. Versuch 21. Brassica Napus. 20 etiolirte, 1,2 — 1,5 cm hohe Keimlinge. Beleuchtung mit Tageslicht. a) 10 Vergleichskeimlinge. b) 10 Versuchskeimlinge: die obere Hälfte des Hypocotyls mittels Stanniol- röhrchens verdunkelt und überdies weite Stanniolkappen aufgesetzt, welche die Knospe bedecken und bis zur Mitte des Verbandes hinabreichen. Nach IV3 Stunden: a) Ein Keimling ganz gerade, zwei andere erst schwach gekrümmt. Die übrigen sieben Keimlinge schon sehr stark gekrümmt; die Krümmung erstreckt sich ganz oder nahezu bis an die Basis des Hypocotyls, das Krümmungsmaximum befindet sich in dessen Obertheil, der Unterthell nur schwach gekrümmt; die Spitze schon in einiger Ausdehnung geradegestreckt und unter 80 — 90 " geneigt. b) Alle Keimlinge bereits deutlich gekrümmt; die Krümmung reicht meist bis zur Basis; Neigung unter dem Verbände 10 — 30^, Mittel 19". Nach 2% Stunden: et) Ein Keimling noch immer gar nicht gekrümmt; er ist offenbar abnorm und wird weiter nicht mehr berücksichtigt. Die übrigen neun sehr stark gekrümmt, meist bis zur äussersten Basis hinab; die Krümmung befindet sich nur im unteren Thell des Hypocotyls, der mehr als die Hälfte der Gesammtlänge ausmachende Obertheil ist vollkommen geradegestreckt (also die Neigungen der a und b jetzt schon ver- gleichbar); Neigung 75—90", Mittel 84". b) Form der Krümmung wie früher, nur hat sich bei einigen Keimlingen der Obertheil etwas aufwärtsgekrümmt. Maximale Neigung im Unterthell 15 — 40", Mittel 26". Nach 43/4 Stunden: o) Die neun normalen Keimlinge sind nur an der äussersten Basis sehr scharf gekrümmt; der Obertheil (bis über 3/4 der Gesammtlänge ausmachend) geradegestreckt. Neigung 75— 90», Mittel SOVa". b) Obertheil fast aller Kelndlnge in längerer Strecke deutlich aufwärtsgekrümmt, die heliotropische Krümmung nur In der Nähe der Basis erhalten. Neigung an dieser Stelle 20—60°, Mittel 48". 6* 84 Man sieht, dass die Differenz der Neigung beider Gruppen sich auffallend vermindert hat, im Laufe der letzten 2 Stunden ist sie von 58" auf 32 '/i" zurückgegangen. Und dies ist im Grunde genommen ganz verständlich. Die a haben schon nach 27^ Stunden die Gleichgewichtslage erreicht, von nun an concentrirt sich die Krümmung mehr und mehr in der Basalregion, aber der Obertheil kann sich nicht weiter neigen und oscillirt nur noch um die Gleichgewichtslage herum. Die h hingegen, welche sich weit langsamer krümmen, waren um dieselbe Zeit noch ziemlich weit von ihrer Gleich- gewichtslage entfernt, und daher nimmt die Neigung ihres Obertheils noch zu. So muss die Difterenz zwischen beiden Gruppen anfänglich bis zu einem gewissen Zeitpunkt zunehmen und von da an wieder abnehmen, jedoch nur bis zu einer gewissen Grenze. Es leuchtet nun ein, dass nur das Maximum der Neigungsdifferenz als Maass für die Differenz der heliotropischen Empündlichkeit beider Gruppen von Keimlingen benutzt vi^erden darf; nach- her sind die beiden Gruppen nicht mehr vergleichbar, da sie sich in un- gleichen Bedingungen befinden: die h werden noch heliotropisch gereizt, während der Ileliotropismus der a nach Erreichung der Gleichgewichtslage sozusagen elimiuirt ist. Wenn also der Versuch zu lange dauert, so wird die Neigungsdifferenz zu gering gefunden. Versuch 22. Agrostemma Githago. 12 Inilbetiülirte, 2,0—2,7 an hohe Keimlinge. u) 6 Vergleichskcimlinge. b) 6 Versucliskeimlinge mit Stanniolröhrchcn, welche eine 4'/2 inm lange Spitze des Hypocotyls verdunkeln. Naeh 3 Stunden: a) Der Obenheil stark gekrümmt, aber nieht geradegestreckt. l) Keimlinge in ziemlich langer Strecke, aber nur schwach gekriimnit. Nach 4Y4 Stunden (aligemeine Hebung): a) Obertheil der Keimlinge geradegestreckt, Krümmung In der unteren Hälfte. Neigung des Obertheils 30—40", Mittel 36". h) Form der Keimlinge wie bei den a. Neigung des Obertheils 10—25**, Mittel 17 Vj**. Nach 6^/4 Stunden (allgemeine starke Senkung): a) Keimlinge In ganzer Länge gekrümmt. i) Beleuchteter Theil der Keimlinge in ganzer Länge gekrümmt, jedoch viel schwächer als bei den a. Weder bei der ersten noch bei der dritten Beobachtung sind die Keim- linge beider Gruppen bezüglich ihrer Neigung quantitativ mit einander ver- gleichbar; dies ist nur bei der zweiten Beobachtung möglich, also während der maximalen Hebung, da nur hier der Obertheil der Keimlinge vollkommen geradegestreckt ist (vgl. hierzu die Auseinandersetzung in § 13). So musste auch in den übrigen Versuchen mit Agrostomma und anderen in ähnlicher Weise oscillirenden Keimlingen immer der Zeitpunkt der Hebung ausgewählt werden, um den Einfluss der Verdunkelung der Spitze auf die heliotropische Neigung zu bestimmen. 85 Versuch 23. Vicia sativa. 14 etiolirte, 2,1 — 3,6 cm hohe Keimlinge. a) 7 Vergleichskeimhnge. b) 1 Versuchskeimlinge mit Stanniolröhrchen, welche eine G mm lange Spitze des Keimstengels verdunkeln. Nach 43/4 Stunden: o) Keimlinge sehr stark gekrümmt, Spitze in einer Ausdehnung von mehr als 6 mm geradegestreckt, Neigung 90— 105 0, Mittel 93°. b) Neigung 5— 45°. Mittel 28". Nach 73/4 Stunden: a) Ein 10—12 mm langer Obertheil geradegestreckt, Neigung 80- 95 ", Mittel 89". b) Neigung 5—70", Mittel 44''. Aus diesen Beispielen geht hervor, dass in den Keimstengeln der betreffenden Dicotylen eine im Wesentlichen ebensolche ungleichmässige Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit besteht, wie wir sie schon im Cotyledo der Oramineen kennen gelernt haben. Auch hier ist nicht nur die Spitze, sondern auch der Untertheil des Keimstengels heliotropisch empfindlich, doch ist dessen Empfindlichkeit relativ gering, diejenige der Spitze erheblich stärker, — wenn auch der Unter- schied im Grossen und Ganzen wohl nicht so gross ist wie etwa bei Auenci'^ die stärkere heliotropische Reizung der Spitze überträgt sich auch hier allmälig auf den Untertheil des Keimstengels und bewirkt eine bedeutende Verstärkung der Krümmung des- selben. — Einige nähere Details werden die folgenden Paragraphen bringen. In vielen Versuchen, ganz besonders mit Vicia sativa, — sehr deutlich auch in dem soeben angeführten Versuch 23 — , fällt es auf, dass die Neigung der Vergleichskeimlinge ziemlich constant ist, während bei den Keimlingen mit verdunkelter Spitze die Neigung innerhalb weiter Grenzen schwankt. Hieraus kann man schliessen, dass, bei ungefähr gleicher Gesammtempfindlichkeit, die Vertheilung derselben über den Keimstengel individuell verschieden ist: die Differenz der Empfindlichkeit zwischen Spitze und Basis ist bei dem einen Keimling grösser, bei dem anderen kleiner; je geringer diese Differenz, in desto geringerem Grade wird natürlich die Neigung des Keimstengels durch Verdunkelung seiner Spitze vermindert. — Dass gerade bei Vicia die Schwankungen besonders gross sind, das hängt überdies auch mit der verschiedenen Höhe der Keimlinge zusammen, deren Einfluss auf die Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit wir weiter unten kennen lernen werden. § 36. Darwin (5, 409 — 411) hat mehrere den obigen analoge Ver- suche mit Brassica oleracea ausgeführt. Er umwickelte den Obertheil des Hypocotyls mit durchsichtigem Goldschlägerbäutchen, welches theils aussen mit Tusche oder einem Gemisch von Russ und Oel geschwärzt wurde (Ver- suchskeimlinge), theils ungeschwärzt blieb (Vergleichskeimlinge). 20 jungen, nicht viel über 1 V4 cm hohen Keimlingen verdunkelte Darwin auf diese 86 Wei«.e diu ^•;auze obere lliiUte ilc« Hypocotyls: von ilnien bliebeu bei ein- seitiger Beleuchlimg 14 vollkommen aufrecht, und Ci krilmmtcn sich „un- bedeutend". !> älteren, '2''/ — 3 cm liehen Keimlingen wurde eine 7 Vi mm lange Spitze des Hypocotyls verdunkelt: diese krümmten sich sämmtlich lichtwärts, und zwar 7 ,, unbedeutend", und 2 fast so stark wie| die Ver- gleichskeimlinge. Der Versuch mit den älteren Keimlingen ergab also ein Resultat, welches mit dem meinigen übereinstimmt und mit der allgemeinen Scldussfolgerung Darwin 's in Widerspruch steht (vgl. § IG). Darwin erklärt das durch die Annahme, dass in diesem Versuch nicht die ganze heliotropisch empfind- liche Region verdunkelt war, — ein Einwand, den man auch gegen die Mehrzahl meiner Versuche erheben könnte. Nun habe ich aber unter anderem auch 2 Versuche mit Brassica Xa2)HS ausgeführt, in welchen, ganz nach dem Vorgange Darwin 's, sehr jungen, nur 1,0 — 1,5 cm hohen Keimlingen (im Ganzen 33) die ganze obere Hälfte des Hypocotyls verdunkelt wurde, wo also sicher die ganze nach Darwin allein heliotropisch empfindliche Region verdunkelt war; diese Keimlinge krümmten sich ausnahmslos licht- wärts, und zwar gleichzeitig mit den Vergleichskeimlingen, nur erheblich schwächer als diese. Es sei hervorgehoben, dass die Verdunkelungsmethode in diesen Versuchen (einer von ihnen ist oben als Versuch 21 aufgeführt) der von Darwin benutzten nicht nur nicht nachstand, sondern zweifellos zuverlässiger war. Auch in mehreren anderen Versuchen war ein Theil der Versuchskeimlinge nur 1,2 — 1,8 cm hoch, und diese Keimlinge krümmten sich ebenfalls ohne Ausnahme lichtwärts Ich muss somit auf's Bestimmteste behaupten, dass sehr junge Keimlinge, denen die ganze obere Hälfte des Hypocotyls verdunkelt ist, sich genau so verhalten wie ältere Keimlinge, bei denen die verdunkelte Spitze nur einen relativ kleinen Theil des Hypo- cotyls ausmacht; die Annahme, dass die Verdunkelung einer 7 V-z mm langen Spitze ungenügend sei, ist also durch nichts gerechtfertigt. Viel weiter darf man überhaupt mit der Verdunkelung nicht gehen, um nicht fast die ganze krUmmungsfähige Region zu verdunkeln. Meine im vorigen Paragraphen formulirten Ergebnisse stützen sich namentlich für Brassica Napus auf ein recht grosses Versuchsmaterial. Es wurden mit dieser Species 14 Versuche ausgeführt (darunter einer am Klinostaten), mit im Ganzen 130 Vergleichs- und 153 Versuchskeimlingen. Die Höhe der Hypocotyle betrug 1 — 6 (meist 1,5 — 4) cw, die Länge der verdunkelten Spitze 3,0 — 7,5 (meist 6) mm, die Dauer der Exposition 4'/4 — 8 Stunden. Von den Vergleichskeimlingen verhielten sich im Ganzen 6 abnorm, nämlich einer (im oben angeführten Versuch 21) krümmte sich überhaupt nicht, und 5 Keimlinge in 2 Versuchen krümmten sich bedeutend schwächer als die übrigen, so dass sie weniger geneigt waren als die am stärksten gekrümmten Versuchskeimlinge in den gleichen Versuchen. Unter den Versuchskeimlingen wichen im Ganzen 20 von der Norm ab. Nnr zwei (in 2 Versuchen) verhielten sich der Meinung Darwin 's ent- 87 sprechend, d. h. sie krümmten sich garuicht. Die anderen 18 krümmten sich umgekehrt abnorm stark: sie erreichten eine stärkere Neigung als die am schwcächsten gekrümmten Vergleichskeimlinge in denselben Versuchen. Von diesen 18 Keimlingen entfallen jedoch 10 auf 2 Versuche, in denen die Länge der verdunkelten Spitzenregiou 3 mm betrug, — was, wie noch gezeigt werden soll, zu wenig ist; es können also nur die restireudeu 8 Keimlinge als wirkliche Ausnahmen von der Regel gelten. Die übrigen 133 Versuchskeimlinge verhielten sich normal, d. h. sie krümmten sich sämmtlich deutlich, aber schwächer als alle Vergleichskeim- linge im gleichen Versuch. Die mittlere Neigung der Versucliskeimliuge (sogar wenn für alle Keimlinge, ohne Ausschluss der abnormen berechnet) erwies sich in allen Versuchen erheblich geringer als die mittlere Neigung der Vergleichskeimlinge. Ganz so wie Brassica Napus verhalten sich in Bezug auf die Ver- theilung der heliotropischen Empfindlichkeit auch die anderen, flüchtiger untersuchten Cruciferen, nämlich Brassica oleracea, Sinapis alba, Cramhe hispanica, Biscutella auriculata und Lepidium sativum. Von ihnen verdienen die Versuche mit Brassica oleracea deshalb besondere Beachtung, weil mit diesem Object Darwin seine von den meinigen ab- weichenden Resultate erhalten hat; darum ist es nicht überflüssig, hervor- zuheben, dass diese Art nicht von Brassica Napns abweicht. In 2 Ver- suchen wurden 11 Vergleichs- und 11 Versuchskeimlinge beobachtet; bei letzteren war eine 4V2 resp. 6 mm lange Hypocotylspitze verdunkelt; jede beider Gruppen enthielt unter anderen auch 4 junge, nur 1,5 — 1,8 cm hohe Keimlinge. Von den Versuchskeimlingen Qj) blieb kein einziger gerade; sie erreichten eine Neigung von 25 — 50", ein Keimling krümmte sich abnorm stark (Neigung 65"). Bei den Vergleichskeimlingen {a) betrug die Neigung 60 — 80", nur bei einem 40". Die Mittelwerthe der Neigung aller Keim- linge sind folgende: a 70", h 41". Mit Afjrostemma wurden 4 Versuclie mit 39 »Vergleichs- und 24 Ver^ Suchskeimlingen gemacht; die Länge der bei letzteren verdunkelten Spitze des Hypocotyls war 4V2— 6 mm. Alle Keimlinge ohne Ausnahme verhielten sich normal; die Neigung der Versuchskeimlinge betrug wenigstens 10"; die Differenz der mittleren Neigungen war in den übrigen Versuchen noch grösser als in Versuch 22. Die Zahl der mit Vicia angestellten Versuche beträgt 1>, mit 63 Ver- gleichs- und 56 Versuchskeimlingen; fast durchgängig wurde den letzteren eine 6 mm lange Spitze des Keirastengels verdunkelt. Die Vergleichskeim- linge erreichten sämmtlich eine sehr starke Neigung des Obertheils, der ge- ringste beobachtete Werth war 60". Auch die Versuchslvcimlinge krümmten sich sämmtlich, die Neigung betrug bei 4 Exemplaren 5 — 15", bei den übrigen wenigstens 20"; nur 3 Keimlinge in 2 Versuchen neigten sich ebenso stark oder etwas stärker als die am wenigsten gekrümmten Ver- gleichskeimlinge in denselben Versuchen, — die übrigen 53 Versuchskeimlinge 88 verhielten sich normal, — Zwei von den *.) Versuchen wurden ara Klinostaten ausgefülirt; auch hier trat die übliche Differenz zwischen den Vergleichs- und Versuchskeimlingen hervor, nur erreichten die rotirenden Keimlinge beider Gruppen eine stärkere Neigung als die aufrecht stehenden (letzteres zeigt, dass bei der heliotropischen Krümmung der aufrechtstehenden Keim- linge der Geotropismus derselben keineswegs ganz aufgelioben ist, entgegen der Meinung Wiesner's [21, 50]). Endlich sei noch kurz erwähnt, dass auch in den Hypocotylen von Pharhitis liispida, Zinnia elegans und Cannabis sativa, mit denen nur einige wenige Versuche ausgefülirt wurden, sich die gleiche Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit ergab, wie bei den bisher besprochenen Arten. § 37. Die in den vorhergehenden Paragraphen mitgetheilten Versuche bedürfen noch einer gewissen Controlirung, denn gegen das zur Verdunkelung der Spitze der Keimstengel benutzte Verfahren lassen sich nach zwei ent- gegengesetzten Richtungen hin Einwände erheben, welche nicht a priori ab- weisbar sind. 1. Das Umwickeln des Keimstengels mit einem Stanniolstreifen und das Hinaufschieben des Stanniolverbandes an die Spitze kann zwar bei der nöthigen Vorsicht ohne Verletzung, nicht aber ohne ein gewisses Drehen, Drücken und Zerren bewerkstelligt werden; es ist nun sehr wohl denkbar, dass durch diese mechanischen Insulte die Krümraungsfähigkeit der zarten Keimstengel wesentlich herabgesetzt werden könnte. Ausserdem wäre es möglich, dass die Verdunkelung eines Theiles des Keirastengels dessen helio- tropische Krümmung vermindert, auch wenn dieser Theil sich nicht durch eine grössere heliotropische Empfindlichkeit auszeichnet. Wenn diese beiden Einwände oder einer von ihnen zutrifft, so wäre es offenbar unzulässig, aus der Verminderung der heliotropischen Neigung bei den Versuchskeimlingen auf eine bevorzugte Empfindlichkeit der Spitze des Keimstengels zu schliessen. Beide Einwände erfordern auch denselben Control- versuch. Es fragt sich, kurz gesagt, ob die Wirkung des Stanniolverbandes darin ihren Grund hat, dass der Stanniolverband eben die Spitze des Keim- stengels verdunkelt, oder ob sie durch irgendwelche Nebenumstände bedingt wird. Trifft letzteres zu, so muss das Anlegen des Stanniolverbandes den gleichen Effect haben, einerlei ob derselbe sich an der Spitze oder an einer beliebigen anderen Stelle der wachsenden Region des Keimstengels befindet. Zur Entscheidung dieser Frage stellte ich drei Versuche mit Brassica Napus an. In jedem derselben waren die Keimlinge in drei Gruppen ge- theilt: a) Keimlinge in ganzer Länge beleuchtet, h) die oberste Zone durch Stanniolverband verdunkelt, c) die zweite Zone durch Stanniolverband ver- dunkelt; die Länge der Zonen betrug in den drei Versuchen 3, 6 resp. 7V2 mm. Die Resultate sind in der folgenden Tabelle zusammengestellt (die eingeklammerten Ziffern in den drei ersten Rubriken geben die Zahl der Keimlinge an). 89 Mittlere Neigung der Keimlinge Verminderung der Neigung durch Stanniolverband Versuch an der Spitze unterhalb der Spitze a h c («-&) (a—c) 1 (10) 87° (11) 35° (10) 76 Va** 52° 10 V2" 2 (9) 78° (9) 46° (9) 65° 32° 13° 3 (12) 77° (11) 47° (10) 76V-2° 30° Vz" Die letzte Rubrik zeigt, dass ein Stanniolverband, wenn er nicht gerade die Spitze des Keimstengels verdunkelt, entweder gar keine (Versuch 3) oder eine zwar nicht zu vernachlässigende, aber doch nur geringe Verminderung der heliotropischen Neigung im Vergleich mit den Keimlingen a zur Folge hat; während hingegen, wie aus der vorletzten Rubrik ersichtlich, ein genau ebensolcher, aber an der Spitze angebrachter Staniolverband die Neigung beträchtlich vermindert. Mit anderen Worten: wenn die oben bezeichneten Nebenumstände möglicherweise auch nicht ohne einigen Einfluss sind, so reichen sie jedenfalls bei weitem nicht aus, um die Wirkung eines an der Spitze des Keirastengels angebrachten Stanniolverbandes zu erklären, und wenn nicht die einzige, so doch jedenfalls die hauptsächliche Ursache dieser Wirkung muss darin gesehen werden, dass durch den Stanniolverband die holiotropische Reizung der besonders empfindlichen Spitzenregion ausge- schlossen wird. — Zu dem gleichen Ergebniss führten auch zwei Versuche mit Ägrostemma und je ein Versuch mit Brassica oleracea, Sinapis alba und Vicia: hier bewirkte ein unter der Spitze applicirter Stanniolverband eine Verminderung der Neigung um nur 5", 5 Vi", 3", 6", resp. 5V2**. 2. Man kann einwenden, dass das von mir benutzte Verfahren vielleicht keine vollkommene Verdunkelung der Spitze des Keimstengels bewirkte, und dass somit die beobachtete Krümmung der Versuchskeimlinge vielleicht gar nicht auf die von mir gefolgerte heliotropische Empfindlichkeit des Unter- theils, sondern nur auf den unvollständigen Ausschluss einseitiger Beleuchtung von der allein empfindlichen Spitze zurückzuführen ist. Es ist nun allerdings nicht zu leugnen, dass der in der Mehrzahl meiner Versuche mit Dicotylenkeimlingen angewandte Verdunkelungsmodus mittels einfachen Stanniolverbandes keineswegs so zuverlässig ist, wie die bei den Grami7ieen-Ke[m\mgen benutzten Methoden. Am Anfang des Versuches, solange das Licht noch rechtwinkelig auf den Keimstengel auffällt, ist freilich kaum Gefahr vorhanden ; sowie der Keimstengel sich aber zu neigen beginnt, kann etwas einseitiges Licht am oberen Rande des Stanniolverbandes ein- dringen, und je stärker die Neigung, desto grösser wird diese Fehlerquelle. Ausserdem hat das sehr intensive Wachsthum gerade der Gipfelregion der Keimstengel noch eine zweite Fehlerquelle zur Folge: oft schiebt sich nämlich 90 die äusserste Spitze allmälig aus dem Staiiniolverbaiidc hervor und tritt an's Licht, so dass es erforderlich wird, im Laufe des Versuchs den Stanniolverband aufwärtszuschieben, damit er wieder bis ganz zum Gipfel des Keirastengels reiche. Zweifellos rauss in Folge dieser Fehlerquellen die endliche Neigung der Versuchskeimlinge grösser ausfallen, als der heliotropischen Eraplindlichkeit des Untertheils ihrer Keimstengel entspricht; es fragt sich aber, ob der Fehler gross genug ist, um die Beweiskraft meiner Versuche zu Gunsten der Empfindlichkeit des Untertheils zu gefährden. Ich stellte zur Entscheidung dieser Frage 3 Versuche an, davon 2 mit Brassica Na2)us und 1 mit Vicia sativa. Die Keimlinge wurden in drei Gruppen getheilt, nämlich: a) Keimlinge in ganzer Länge beleuchtet, h) mit Stanniol verband an der Spitze des Keimstengels, c) desgleichen und über- dies nocli weite Stanniolkappen aufgesetzt (wie in Fig. 2 auf S. 19). Bei den Keimlingen c sind die oben genannten Fehlerquellen ausgeschlossen, indem der obere Rand des Stanniolverbandes, sowie auch die eventuell sieb aus demselben hervorschiebende äusserste Spitze des Keimstengels durch die Stanniolkappe beschattet sind, und zwar um so vollkommener, je mehr sich die Keimlinge lichtwärts krümmen. Es ist folglich zu erwarten, dass die Neigung der c geringer ausfallen wird, als diejenige der h. — Ich führe einen solchen Versuch als Beispiel an. Versuch 24. Brassica Napus» 32 halbetiolirte, 2,4 — 3,7 cvi hohe Keimlinge. o) 10 Vergleichskeimlinge. 6) 11 Keimlinge mit Stanniolröhrchen von 6 mm Länge. c) 11 Keimlinge mit ebensolchen Stanniolröhrchen nnd überdies mit Stanniolkappen welclie bis zur Mitte der ersteren hinaln'cichen. Gewicht der Kappen durchschnittlich 30 nigr. Beleuchtung mit ziemlich trübem Tageslicht. Nach 5 Stunden: Die Keimlinge mit verdunkelter Spitze haben sich ungcwoiüilicli stark gekrümmt 1), aber doch deutlich schwächer als die Vergleichskeimlinge. Bei den c ist der Ober- theil mehr oder weniger aufwärtsgekrümmt, was bei den b nicht der Fall ist. a) Neigung des geradegestreckten Obertheils 80—100", Mittel 87". b) - ' ' " 45—85», - 67". c) Maximale Neigung 45 — 90", » 65". Zwischen den h und den c besteht also nur der verschwindende Unterschied von 2 " ; es mnss jedoch die Möglichkeit in Betracht gezogen werden, dass bei den c die Neigung durch die Stanniolkappen mechanisch vcrgrössert sein kann, welche, da sie bei Schluss des Versuchs an einem ziemlich langen Helielarm wirken, ein relativ an- sehnliches statisches Moment repräsentiren. In der That zeigt sich die Neigung der c, als sie nach Abnahme der Kappen neuerdings gemessen wird, im Mittel um 7 " kleiner. c) Maximale Neigung 35 — 80", Mittel 58". Die zu berücksichtigende Difterenz der Neigung der h und der c, zu Gunsten der ersteren, lieträgt somit 9 ". 1) Mehrere derselben sind in der Zusammenstellung in i^ a6 zu den sich abnorm verhaltenden gezählt. 91 Im zweiten Versuch mit Brassica bewegte sich die Neigung der Keim- linge in den normalen Grenzen; die Mittelwerthe für die drei Gruppen be- trugen: a78", &30'\ 6'28", — also zufcälligerweise wieder eine Differenz von 2" zu Gunsten der h'^ nimmt man an, dass auch in diesem Versuch die Neigung der c mechanisch um 7 " vergrössert war (was wohl sicher zu hoch gegriflen ist, da das statische Moment der Stanniolkappen diesmal be- deutend kleiner war), so ergiebt sich ebenfalls eine Differenz um 9 '*. — In dem Versuch mit Vicia endlich betrug die gefundene Differenz der b und c 6", während die Neigung der a und der h um 32*' differirte. Diese 9 " resp. 6 *' stellen den Betrag dar, um welchen in meinen Ver- suchen mit Brassica und Vicia die Neigung der Versuchskeimlinge, in Folge unvollkommener Verdunkelung der Spitze, zu gross ausgefallen sein mochte. Bringt man diese Correctur in den Versuchen an, so wird das Resultat der- selben nur unbedeutend modilicirt, da z. B. bei Brassica die mittlere Neiguni:; der Versuchskeimliuge in keinem der zu corrigirenden Versuche weniger als 30 '• betrug; dazu ist noch in Betracht zu ziehen, dass die oben unter 1. be- sprochene Fehlerquelle eine gerade entgegengesetzte Correctur erfordert, und dass diese beiden Correcturen einander nahezu aufheben. Endlich war in vielen Versuchen die jetzt in Rede stehende Fehlerquelle ausgeschlossen, so z. B. in dem oben angeführten Versuch 21. — Alles in allem wird also die Beweiskraft meiner Versuche durch die Einwände, welche sich gegen sie erheben lassen, nicht vermindert. Die eben besprochenen Versuche mit Anwendung von Stanniolkappen entscheiden gleichzeitig eine andere Frage, sie beweisen nämlich, dass die Beleuchtung der Cotyledonen sammt ihren Stielen, resp. der hakenförmig gekrümmten Spitze des Keimstengels sammt Endknospe, ohne Einfluss auf die heliotropische Krümmung des Keimstengels ist. Die bevorzugte helio- tropische Empfindlichkeit ist in der That, wie wir das bisher stillschweigend voraussetzten, nur der Spitze des Hypocotyls resp. des geraden Theils des Keimstengels eigenthümlich. Dasselbe habe ich für Brassica Napus auch noch auf anderem Wege gefunden. Ich habe mich nämlich überzeugt, dass das Abschneiden der Cotyledonen sammt ihren Stielen, wofern es ohne Verletzung des Hypocotyls ausgeführt wird, die heliotropische Neigung des letzteren zunächst nicht be- einflusst. Erst am folgenden Tage vermindert sich die Krümmungsfähigkeit der operirten Keimlinge, dies hat jedoch vermuthlich nur in dem sich ein- stellenden Mangel an Nährstoffen seinen Grund. § 38. Einfluss der Spitzenverdunkelung bei schon ge- neigten Keimlingen. Versuch 25. Brassica Napus. 26 halhetiolirtc Keimlinge von mittlerem Alter. Sie haben seit Mittag des vor- hergehenden Tages liei schwacher einseitiger Beleuchtung gestanden und am Morgen 92 ist ilir gcradcgestreektcr Obcrtlicil unter ca. 50° geneigt. Nun weiden zwei Töpfe mit 17 Keimlingen so aufgestellt, dass die vorhandene Neigung der letzteren der Lampe zugekehrt ist. a) 9 Vergloicliskeimiingr, in ganzer Länge beleuchtet. b) 8 Vcrsuchskcinilingen werden Stanniolkappen aufgesetzt, welche die Coty- Icdoncn und die mehrere mm lange Spitze des Ilypocotyls verdunkeln. Unter der Last der Kappen ninunt die Neigung der Keimlinge merklieh zu. Der dritte Topf mit 9 Keimlingen wird mittels schwarzen Papiers verdeckt, so dass die Keimlinge ganz verdunkelt sind. a'j 5 von diesen Keimlingen ohne Kappen. Z»') 4 Keimlinge mit ebensolchen Stanniolkappen, wie die Keimlinge b. {Der Vergleich mit den a' und // wird gestatten zu entscheiden, inwieweit das Vorhalten der h durch die Last der Stanniolkappen und inwieweit dnrch die helio- tropische Empfindlichkeit des Untcrtheils der Kcimstengel bestimmt wird.) Nach 4 Stunden: a) Mittlere Neigung 59 '/a", also deutliche Senkung. b) (Nach Abnahme der Stanniolkappen gemessen) : Mittlere Neigung 39'/^", also deutliche Hebung. a) Mittlere Neigung 19", also weit stärkere Hebung als bei den b. b') (Nach Abnahme der Kappen gemessen): Mittlere Neigung 21*'. Der ganz unwesentliche Unterschied von 2 " gegen die o' ist wahrscheinlich nur zufällig. Die Last der Stanniolkappen hält also die geotropisehe Hebung der Keimlinge niclit in merklichem Grade auf, und folglich ist der Umstand, dass sich die Keimlinge b be- deutend weniger gchol)en haben als die ganz verdunkelten Keimlinge, ganz auf Rechnung der heliotropischen Empfindlichkeit dos Untcrtheils zu setzen. Der Versuch beweist schlagend sowohl den Einfluss der Spitze des Ilypocotyls auf die Krümmung des Untcrtheils, als auch die heliotropische Empfindlichkeit des letzteren. Ein ebensolcher Versuch (jedoch ohne die Gruppen a' und h') wurde mit Keimlingen von Arjrostemma ausgeführt, wo sein Resultat durch die starken Oscillationen (vgl. § 12) etwas complicirt wurde. Zu- fällig begann gleich nach der Ansetzung des Versuchs eine allgemeine Hebung, und nach 2 Vi Stunden war die mittlere Neigung in beiden Gruppen die gleiche und betrug nur 26 — 27". Von nun an begann aber die Wirkung der Stanniolkappen sich zu manifestiren: während die a sich zu senken anfingen, fuhren die h noch fort sich zu heben; nach einer weiteren Stunde betrug die mittlere Neigung bei den a schon 34", bei den h nur noch 19". Jetzt erst fingen auch die h sich zu senken an, aber sie senkten sich viel langsamer als die «, und am Schluss des Ver- suches war das Verhältniss der beiden Gruppen ein solches, als wenn bei den h die Hypocotylspitze von Anfang an verdunkelt gewesen wäre. Mit Vicia wollten mir derartige Versuche nicht gelingen. Die Länge der besonders empfindlichen Spitze. § 39. Es wurde bereits bemerkt, dass bei Brassica Napus die Ver- dunkelung einer nur 3 mm langen Hypocotylspitze ungenügend ist. Diese Behauptung stützt sich auf folgenden Versuch. 93 Versuch 26. Brassica Napus. 33 etlolirte, 2,0—4,3 cm hohe Kehnlinge. a) 11 KelmHnge in ganzer Länge beleuchtet. b) 11 Keimlinge mit Stanniolverband, welcher eine 6 mm lange Hypocotylspitze verdunkelt. c) 11 Keimlinge mit Stanniolverband, welcher eine nur 3 mm lange Hypocotyl- spitze verdunkelt. Die c halten von Beginn der Krümmung an die Mitte zwischen den a und den b. Die Messungen ergeben folgende Mittelwerthe der Neigung: a) Nach 3V4 Stunden SOV^", nach Q% Stunden 78°. h) ' ' = 20°, . = =340. c) » = = 470, . = =58». Es ergiebt sich hieraus, dass bei den c noch ein beträchtlicher Theil der besonders empfindlichen Spitze sich am Licht befand, diese Spitze muss also jedenfalls länger als 3 mm sein. Weitere Details habe ich mit diesem Object nicht zu eruireu versucht. Bei Vicia ist hingegen die besonders empfindliche Spitze nicht länger als 3 mm, wie der folgende Versuch zeigt. Versuch 27. Vicia sativa. 21 etiolirte, 2,1 — 3,6 an hohe Keimlinge. Drei Gruppen von je sieben Keim- lingen, wie in Yer.such 20, bei den l und c ist eine 6 resp. 3 nnn lange Spitze des Keimstengels mittels Stanniolverband verdunkelt. Mittlere Neigung nach 4^/4 Stunden: o 93", t 28°, c 32°. Die Geringfügigkeit der Diflerenz zwischen den b und den c, welche innerhalb der P'ehlergrenze liegt, zeigt, dass schon bei den c die ganze Kcglon, welche die Krümmung des Untertheils becinllusst, verdunkelt war. Dieser Versuch bestätigt überdies die schon melirfach gemachte Erfahrung, dass die Länge des verdunkelten Theiles der kriimmungsfähigen Region ohne Einfluss auf die erreichte Neigung bleibt, wenn einmal die besonders empfindliche Spitze verdunkelt ist. Aufhebung der ungleichmässigen Vertheilung der helio- tropischen Empfindlichkeit im Keimstengel von Vicia sativa mit dem Alter. § 40. Stellt man mit den nämlichen Keimlingen von Vicia an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in der üblichen Weise Versuche über die Ver- theilung der heliotropischen Empfindlichkeit an, so fällt es auf, dass die Differenz zwischen den Versuchs- und Vergleichskeimliugen am zweiten Tage sich verringert hat, was durch das veränderte Verhalten der ersteren bedingt ist. So war z. B. in einem solchen Versuclispaar am ersten Tage (Keimlinge 2,0 — 3,5 cm hoch) der am stärksten gekrümmte Versuchskeimling immer noch bedeutend weniger geneigt (40"), als der am schwächsten ge- krümmte Vergleichskeimling (60"), und die Differenz der Mittelwerthe be- trug 43"', am folgenden Tage hingegen (Keimlinge auf 3,7 — 6,0 cm heran- gewachsen) existirte keine scharfe Grenze mehr zwischen den beiden Gruppen, 94 ein Versucliskelmling war stärker (75"), ein anderer nur wenig schwächer (65") geneigt als der am wenigsten gekrümmte Vergleichskeimling (70'*), und die DitTerenz der Mittelwerthe betrug nur 22" ; nb. waren es gerade die grössten Versuchskeimlinge, welche sich am zweiten Versuchstage un- gewöhnlich stark krümmten. Ganz dasselbe wurde auch in einem zweiten solchen Versuchspaar gefunden. Diese Beobachtungen deuten darauf hin, dass mit dem zunehmenden Alter des Keimstengels der Einfluss der Spitze auf die Krümmung des Unter- theih sich vermindert, oder mit anderen Worten, dass die Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit im Keimstengel eine weniger ungleichmässige wird. Um dies näher zu verfolgen, beschloss ich, mit den nämlichen Keim- lingen mehrere Tage hintereinander Versuche auszuführen. Versuch 28. Vicia sativa. 10 fast vollkommen gleiche, halljetiolirte Keiniliiigc. a) 5 Vei'gleichskeimlinge. b) 5 Vcrsuchskeimlinge : eine 6 mm lange Spitze des Keimstengels mittels Stanniolverband verdunkelt, und überdies Stanniolkappen aufgesetzt. A. 19/11. Länge der Keimlinge 3,7 — 4,5 cm. Nach 5 Stunden ist der Obertheil in genügender Länge geradegestreckt, o) Neigung 85 — 90", Mittel 88°. h) Neigung 25—75«', Mittel 57°.. Hierauf werden die Keimlinge im Dunkelschrank untergebracht und sind am folgenden Morgen vollkommen aufgerichtet. JJ. 20/n. Länge der Keimlinge 6,7—8,2 cm. (Ein Keimling der Gruppe b hat aus unbekannten Gründen die Krümmungs- fähigkeit ganz cingebüsst, er bleibt bis zum Schluss des Versuches ungekrümmt Er wird im Folgenden nicht mit in Betracht gezogen.) Nach 41/2 Stunden ist der Obertheil in genügender Länge geradegestreckt. Die INIessung ergiebt keinen Unterschied der Neigung zwischen beiden Gruppen: bei allen Keimlingen ist der Obertheil nahezu horizontal gerichtet. Dasselbe ist auch nach 8V4 Stunden der Fall. Eine Fortsetzung des Versuches war überflüssig, da es sich, wie man sieht, herausgestellt hat, dass schon in 6,7 — 8,2 C7n hohen Keimstengeln die Verdunkelung der Spitze die Neigung nicht mehr vermindert, also die Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit bereits eine gleichmässige geworden ist. Nach den vorliegenden Versuchen zu schliessen, findet dies ungefähr dann statt, wenn der Keimstengel eine Höhe von ca, 6 cm er- reicht, und der Uebergang von der ungleichmässigen zur gleichmässigen Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit vollzieht sich mit zunehmendem Alter allmälig, bis zu dem eben genannten Zeitpunkt. Versuche mit Daucus Carota und Linum usitatissimum. § 41. Der folgende Versuch kann als charakteristisches Beispiel des Verhaltens der beiden genannten Species dienen. 95 Versuch 29. Daucus Carola. 14 etiolirte, 1,2—2,0 cm hohe Keimlinge, a] 7 VergleichskeiiiiHnge. h) 1 Versuchskcimlinge: eine 3-4 mm lange Spitze des Ilypncotyls mittels Stanniolverband verdunkelt. Nach 3V4 Stunden: Alle Keimlinge sind schon in langer Strecke gekrümmt, und ihr Obertheil ist ganz geradegestreckt. a) Neigung 60", 60", 70", 70", 70", 75", 90", Mittel 71". h) Neigung 30", 35", 50", 50", 60", 60", 70", Mittel 51". Nach 7 Stunden: Alle Keimlinge nur an der Basis scharf gekrümmt. a) Neigung 55", 60", 60", 70", 75", 75", 80", Mittel 68". h) Neigung 40". 45", 50", 60", 60", 60", 75", Mittel 56". Man sieht, dass hier auch der Untertheil des Keimstengels in recht hohem Grade heliotropisch empfindlich ist, und dass die Beleuchtung der Spitze die Neigung nur wenig steigert; hiermit im Zusammenhang steht es, dass etwa die Hälfte der VersucLskeimlinge nicht minder stark geneigt ist, als die Mehrzahl der Vergleichskeimlinge, — mit anderen Worten, dass der Einfluss der Beleuchtung der Spitze durch die individuellen Variationen der Krümmungsflihigkeit verdeckt wird, — was wir bisher nur als sehr seltene Ausnahme angetroffen haben. Bei Daucus ist das eine normale Erscheinung, welche auch in den zwei übrigen Versuchen mit diesem Object im gleichen Grade stattfand. Nichtsdestoweniger ergab sich in allen Versuchen eine Differenz der Mittelwerthe, zu Gunsten der Vergleichskeimlinge, um min- destens 12", d. i. um eine Grösse, die ausserhalb der Grenzen der Messungs- fehler liegt. In Anbetracht dessen können wir nicht umhin, zu schliessen, dass auch bei Daucus die Spitze des Keimstengels sich gegen- über dem Untertheil durch eine merklich grössere helio- tropische Empfindlichkeit auszeichnet, jedoch ist hier der Unterschied weit weniger bedeutend, als bei den Objecten die wir bisher kennen gelernt haben. Im Wesentlichen ganz ebenso verhält sich auch das Hypocotyl von Linum., mit welchem Object sechs Versuche gemacht wurden: durchgängig war die mittlere Neigung bei den Vergleichskeimlingen grösser als bei den Versuchskeimlingen, aber nur um einen geringen Betrag. Versuche mit Tropaeolimi minus. § 42. Von diesem durch seine lange krümmungsfähige Region sehr günstigen Object hatte ich leider, in Folge schlechter Keimfähigkeit der Samen, nicht genügendes Material zur Verfügung, um meine vergleichenden Versuche in ebenso grossem Massstab ausführen zu können wie mit meinen anderen Hauptobjecten; meist musste ich mich für jeden Versuch mit 6 bis 8 Keimlingen begnügen, die noch dazu ungleich weit entwickelt waren; doch wurden wenigstens die Keimlinge so ausgewählt, dass sie paarweise ziemlich gleich waren, und von jedem Paar diente der eine Keimling als Vergleichs-) 96 der andere als Versuclisobject. Auf diese Weise gelang es jedoch nicht, die individuellen Differenzen der Krünimungsfähigkeit in dem erwünschten Grade auszugleichen, und so gaben denn namentlich die ersten Versuclie ein nicht ganz klares Resultat. Es folgt einer von drei solchen Versuchen. Versuch 30. Tropaeolum minus. 6 paarweise glcli-lio, 2'/2 — 4 cm liolie Kciuilingc. a) 3 Vergleichskeinilinge. /)) 3 Versiichskeinilinge; die Spitze des Epicotyls mittels 6 jum langen Stanniol- verhandes verdunkelt. Beleuchtung mit Tageslicht. — Die Messungen ergaben die folgenden Wertlie für die Neigung des geradegestreckten Obertheils des Epicotyls: Nach 4^4 Stunden Paar I 1 Paar II 1 Paar III Nach 7 V4 Stunden I Paar I I Paar II 1 Paar III a h 85" 50« 85" OD' 90» 90» 70° 70" 85" 45" 90» 90" Es fällt auf, dass relativ häufig die Versuchskeimlinge sich gerade so stark krümmen, wie die entsprechenden Vergleichskeimlinge, und man gelangt unwillkürlich zu der Vermuthung, dass hier die Spitze des Keimstengels wohl keine solche Rolle bei der Krümmung des Untertheils spielt wie sonst; ein sicherer Schluss ist aber offenbar nicht zulässig, weil man bei der ge- ringen Zahl der Keimlinge und den starken Schwankungen im Zweifel bleibt, ob die starke Krümmung der Versuchskeimlinge die Regel und die schwächere der Ausnahmefall ist, oder umgekehrt. Diesen Zweifel löst der folgende Versuch, welcher unter allen das meiste Zutrauen verdient, da er mit dem grössten und homogensten Material aus- geführt ist. Versuch 31. Tropaeolum minus. 12 junge etiolirte Keimlinge, 2,0 — 2,8 cm hoch, o) 6 Vergleichskeinilinge. h) 6 Versuchskeimlinge: die Epicotylspltze mittels 4'/.2 mm langen Stanniol- verbandes verdunkelt. Nach 4V4 Stunden: a) Neigung 80", 80», 85", 90», 90», 100», Mittel 87 V2». b) Neigung 80", 85", 85«, 90", 90", 90", Mittel 87». Nach 6 Stunden: a) Neigung 50», 65», 70", 70», 80", 90", Mittel 71". h) Neigung 60", 60", 60», 65", 70», 80», Mittel 66". Hier sind die Differenzen der einzelnen Vergleichs- und Versuchskeim- linge ganz unbedeutend und fallen theilweise sogar zu Gunsten der letzteren aus. Die Differenz der Mittelwerthe kann für beide Beobachtungen gesetzt werden, da 5 " innerhalb der Fehlergrenze der Messung liegen. Von ferneren drei Versuchen ergaben zwei, mit zusammen sechs Paaren von Keimlingen, dasselbe Resultat wie der eben angeführte, während in 97 einem dritten, mit drei Paaren von Keimlingen, freilich eine nicht unbedeutende Differenz zu Gunsten der Vergleichskeimlinge gefunden wurde. Die grosse Mehrzahl der Beobachtungen führt somit zu dem Schluss, dass im Epicotyl von Tropaeohtm im Allgemeinen die heliotropische Empfindlichkeit eine gleichmässige ist. Die vorkommenden abweichenden Fälle nöthigen jedoch zu der Annahme, dass ausnahmsweise, bei einzelnen Individuen, auch hier eine kurze Spitzenregion des Keimstengels sich durch stärkere Empfindlichkeit auszeichnet. Dass meist keine NeiguugsdifFerenz zwischen den Vergleichs- und Ver- suchskeimlingen gefunden wurde, liegt nicht etwa an einer ungenügenden Verdunkelung der Epicotylspitze; denn einerseits wurden in einigen Ver- suchen 9 ^iim, lange Stanniolröhrchen verwandt, andererseits wurden öfters den Versucliskeimlingen auch noch Stanniolkappen aufgesetzt; beides blieb ohne Einfluss auf das Resultat der Versuche. Mit dem Ergebniss, dass die Krümmung des Epicotyls durch die Be- leuchtung der Spitze im Allgemeinen nicht beeinflusst wird, stehen auch Versuche im Einklang, in denen bei einem Theil schon heliotropisch ge- neigter Keimlinge die Spitze mittels Stanniolkappen verdunkelt wurde: das Verhalten dieser unterschied sich in nichts von dem der ohne Kappen be- lassenen Vergleichskeimlinge. Versuche mit Corianclrum sativum nnd Solamim Lycopersicnm. § 43. Die krümmungsfähige Region des Hypocotyls ist bei diesen beiden Species, wie schon bemerkt wurde, sehr kurz, und in Folge dessen sind dieselben für meine Zwecke durchaus keine günstigen Objecto; da ich aber beabsichtigte, eine Reihe von Keimlingen mit möglichst verschiedenen heliotropischen Eigenschaften zu untersuchen, so habe ich auch mit ihnen einige Versuche ausgeführt, welche auch ganz klare Resultate ergaben. Da es hier zu einer Geradestreckung des gekrümmten Obertheils, selbst in beschränkter Ausdehnung, meist gar nicht kommt, so musste das übliche Verfahren der Messung der Neigung modificirt werden. Auf den Hypo- cotylen aller Keimlinge wurden von der Spitze aus zwei Zonen von 3 oder 4V-2 mm Länge markirt, von denen bei den Versuchskeimlingen die obere mittels Stanniolverband verdunkelt wurde; am Schluss des Versuches wurde die Neigung der Sehne der zweiten Zone gemessen; falls die einseitige Be- leuchtung der ersten Zone die Krümmung des übrigen Theils des Hypocotyls beeinflusst, so muss offenbar diese Neigung bei den Vergleichskeimlingcü grösser ausfallen als bei den Versuchskeimlingen. Das war nun, wie gleich gesagt sein mag, nicht der Fall. In allen (drei) Versuchen mit Solanimi wurde bei beiden Gruppen von Keimlingen die gleiche mittlere Neigung gefunden. Bei Corianclrum wurden allerdings Differenzen gefunden, aber nur unbedeutende und inconstante: in drei Ver- suchen war die mittlere Neigung bei den Vergleichskeimlingen etwas grösser Colin, Beiträge zur liinlogie der Pflanzen. Band Vll. Heft I. "J n (um 5 ", 5 ", 11 "j, im vierten Versuch hingegen war sie etwas kleiner (um 6") als bei den Versucliskeimlingen. Folglich müssen wir schliessen, dass bei Solanum und allem An- schein nach auch bei Corianärum die heliotropische Empfind- lichkeit in der krümmuugsfähigen Kegion des Keimstengels gleich massig vertheilt ist. Die Beleuchtung der Spitzenregion hat freilich eine lokale Wirkung, indem sie dieselbe zu starker Krümmung ver- anlasst; der Rest der krümmungsfähigen Region erreicht aber auch bei Ver- dunkelung der Spitze das für ihn überhaupt mögliche Älaximum der Krüm- mung. Das ist um so bemerkeuswerther, als die verdunkelte Spitze hier einen rcclit bedeutenden Theil (Va — Vz) der ganzen krümmungsfähigen Region ausmacht, — ein neues Beispiel dafür, dass die Verdunkelung eines Theils der krümraiingsfähigen Region den Grad der heliotropischen Krihnraung an sich nicht beeinÜusst, wenn nicht DiiTcrenzen der heliotropischen Empfind- lichkeit mit im Spiele sind. - In Bezug auf die Vertheiluug der heliotropischen Empfindlichkeit im Keimstengel verhalten sich somit die beiden besprochenen Species, trotz im Uebrigeu recht verschiedener heliotropischer Eigenschaften, ebenso wie Tro2)aeolum minus. Werfen wir einen kurzen Rückblick auf die mit den Dicotylenkeirasteugeln ausgefülirten Versuche, so finden wir bei der Mehrzahl der untersuchten Objecte (Criicifercn, Ar/yostenima, Viria. und noch einigen anderen) ein ähnliches Verhalten wie bei den Cotyledonen der Oraminccn, nämlich starke heliotropische Empfindlichkeit einer relativ kurzen Spitzenregion und bedeutend schwächere, aber doch zweifellos vorhandene heliotropische Empfindlichkeit der ganzen übrigen wachsenden Region; im Allgemeinen scheint die relative Empfindlichkeit des Untertheils bei den Keimstengeln der Dicoty- ledonen etwas grösser zu sein als beim Cotyledo der Oramineen. Anderer- seits haben wir in den Keimstengeln von Tropaeolum, Solanum und Corianärum, Objecte gefunden, bei denen die heliotropische Empfind- lichkeit in der Spitze und im Untertheil gleich gross zu sein scheint. Einen Uebergang zwischen diesen beiden Extremen bilden endlich Daucus und Linnm, bei denen die heliotropische Empfindlichkeit in der Spitze des Keimstengels nur um ein Geringes grösser ist als in dessen Untertheil. Wir sehen also, dass bei den Keimlingen der Dicotylen die heliotropische Empfindlichkeit sowohl gleichmässig, als auch mehr oder weniger ungleich- massig vertheilt sein kann. Zu der systematischen Verwandtschaft zeigt die Art ihrer Vertheilung auch hier keine Beziehungen. 99 C. Forlpflauzuiig der liellotropisclicii Reiznug. Versuche mit Criiciferen-Keimlingen. § 44r. Es wurde schon oben (§ 21) erwähnt, tlass Darwin sich ver- geblich bemüht hat, im verdunkelten üntertheil des H.ypocotyls von Brassica oleracea eine auf Reizfortpflanzung beruhende heliotropische Krümmung her- vorzurufen. Ich werde hingegen im Folgenden zeigen, dass dies bei ver- schiedenen Dicotylenkeimlingen, und insbesondere auch bei Cruciferen, unschwer gelingt. Zunächst sei bemerkt, dass man bei ganz jungen Keimlingen, die eine Zeit lang bei einseitiger Beleuchtung gestanden haben, nicht selten den unter- irdischen Theil des Hypocotyls sehr deutlich lichtwärts gekrümmt findet, und zwar in viel grösserer Ausdehnung als Darwin bei Brassica oleracea fand; günstigenfalls erstreckt sich die Krümmung bis an die Grenze von Ilypocotyl und Keimwurzel, d. i. mitunter bis über 1 cm unter die Erd- oberfliiche. Solche Beobachtungen machte ich, ohne auf dieselben zu fahnden, bei Brassica Ä\q)us^ Siiuq^is alba, Craiuhe hispanica und Biscutella, auriculata. Vgl. Fig. 28. Il3'popotylo dreier junger Keimlinge von Brassica Kajnis, nacii 4 stiindiir;er einseitiger Belenclitunsr anso;e£jral)cn nnd In ganzer Länge gezeichnet, aa Bodenoberüäehe. Noch überzeugender sind die Versuche, in denen das ganze Ilypocotyl, mit Ausnahme einer anfänglich nur wenige imn langen Spitze, künstlich verdunkelt wurde; es gelangten dabei die drei in § 7 beschriebenen Methoden zur Anwendung, am häufigsten die einfachste derselben, nämlich das Ver- schütten mit feiner trockener Erde. Ich führe einen der ersten und gleich- zeitig gelungensten Versuche als Beispiel an. Versuch 32. Brassica Napus. Zwei Töpfe mit etiolirtcn, 2 — S'/^ cm hohen Keimlingen. a) Der eine Topf, welcher ganz mit Erde gefüllt ist, enthält 10 Vergleichskeimlinge. h) In dem zweiten Topf, mit ebenfalls 10 Keimlingen, befindet sich die Ei'd- oberfläche ea. 2 cm unterhalb des Randes. Er wird bis zum Rande mit Erde voU- geschiittet, worauf bei nenn Keimlingen eine ver.sehledcn lange Spitzenregion am Liciit bleibt, während der zehnte Keimling ganz verschüttet ist. Nach 7 1/4 Stunden: a) Alle Keimlinge sind stark gekrümmt, viele bis fast an die Basis hinab; das Krümmnngsmnximum befindet sich ungefähr In der Mitte der Hypoeotyle, der gerade- gestreckte Obertheil ist fast horizontal gerichtet. b) Von dem Ilypocotyl ragt bei acht Keimlingen ein 4 — 9 ?»?», beim neunten ein 16 mm langes Stück über die Erdoberfläche hervor. Bei allen ist der unterirdische 7* 100 Tlieil des Ilypocotyls selir deutlieh gekn'iiimit die Kiümniung reicht ebensoweit basal- vvärts wie l)oi don Vei'gleichskeiiulingeii, und das Krünmuingsniaxinunn befindet sich meist im verdunkelten Thcil. AVie nicht anders zu erwarten, ist die Kriininuing weniger scharf als bei den Verglciehskeimlingen, und der Obertheil ist nicht ganz sreradcgestreckt. Bcachtcnswerth ist auch das Verhalten des zehnten, anfänglich ganz verschütteten Keindings. Im Laufe des Versuchs schob er die Spitze seiner Cotyledonen über die Erdoberfläche hervor, wurde nochmals ganz verschüttet, aber zum Schluss des Ver- suches hatte er sich wieder etwas hervorgeschoben. Die besonders lichteuipiindliche Ilypocotylspitze befand sieh also bei ihm lange Zeit in nächster Nähe der Erdoberfläche, und ilcnnoch war der Kcinding vmUIumumk ii gerade geblieben. Dies zeigt, dass die \'er(hinkclung eine sehr vollkonunene war. Leider habe ich /u diesem Versuch keine Zeichnungen angefertigt; die als Beispiel gegebene Fig. 20 gehört zu einem anderen ebenso ausgeführten Versuch, in dem die Krümmung des verdunkelten Theiles der Keimlinge zwar ebenfalls anselinlich, aber doch geringer war als in Versuch 3i*. Fig. 29. Heliotropisehe Krünunung eines Hypoeotyls von Brassica Kapns, dessen Unterthcil mittels trockener Erde verdiuikelt war. Expositions- dauer 5 Vi Stunden. In einem Versuch wurde die Verdunkelung mittels Papierrühren mit Deckel vollzogen; das Resultat war ebenfalls gut. Weit schlechtere Resultate ergaben drei Versuche, in denen die für Dicotylenkeimlinge construirten PapierschUrzen (vgl. Fig. 4, S. 20) verwandt wurden; bei den meisten Keimlingen war die Krümmung des verdunkelten Theiles so schwach, oder beschränkte sich auf eine so kurze Strecke, dass ich sie uicht als genügend beweisend gelten lassen konnte. Da so un- befriedigende Resultate indess eben nur mit diesem einen Verduukeluugs- modus erlialten wurden (dem nb. die anderen Modi in Bezug auf die Voll- kommenheit der Verdunkelung keineswegs nachstehen), so sprechen dieselben nicht gegen die Fortpflanzung des heliotropischen Reizes, sondern zeigen nur, dass die Krümmungsfähigkeit der Keimlinge durch das Aufsetzen der Papier- schürzen beeinträchtigt wird; vermuthlich ist es der Druck der scharfen Papierräuder, unter dem die Keimlinge leiden. Im Ganzen wurde in G Versuchen mit Brassica Najnis bei 35 Ver Suchskeimlingen der Unterthcil verdunkelt. Die Resultate waren folgende: Bei einem Keimlinge (Verdunkelung mittels Papierschürze) fand eine merkliche Krümmung im verdunkelten Theil überhaupt nicht statt. Bei 12 Keimlingen (darunter bei 9 Verdunkelung mittels Papierschürzen) war die Krümmung zwar merklich, aber nicht genug beweisend. Bei den tibrigen 101 22 Keimlingen war die Krümmung des verdunkelten Tlieiles sehr deutlich und tlieihveisc ziemlich stark; sie erstreckte sich wenigstens ca. 1 on unter die Liclitgrenzc hinab, meist aber noch weiter, und bei einigen Keimlingen sogar bis zur !»asis des Hypocotyls. Lässt man die mit Papierschiirzen ausgeführten Versuche bei Seite, so bleiben 20 Versuchskeimlinge, von denen 17 ein ausgesprochen positives und nur 3 ein zwar nicht negatives, aber nicht genügend sclilagendes Re- sultat ergaben. Ferner wurden zwei Versuclie mit Brassica oleracea und Slnapls alba ausgeführt (in beiden Verdunkelung mittels Erde), welche ebenfalls ausge- sprochen positive Resultate gaben. § 45. Wiesner (213, 73) hat mit Brassica oleracea einen Versuch ausgeführt, welcher nach seiner Meinung den directen Beweis liefert, dass die einseitige Beleuchtung eines Theiles des Hypocotyls in dem benachbarten verdunkelten Theil desselben keine Krümmung hervorzurufen vermag, wo- fern durch Rotation der Keimlinge in verticaler Ebene das „Zugwachsthum" ausgeschlossen ist. Die sehr jungen (1 cm hohen) Keimlinge wurzelten in kleinen cylindrischen Gefassen mit Erde; ein Theil der Keimlinge wurde in ganzer Länge beleuchtet, bei einem anderen Theil wurde die untere Hälfte des Hypocotyls verdunkelt, und zwar geschali die Verdunkelung mittels kleiner mattschwarzer Metallpliittchen, welche vor dem Keimling sowie rechts und links von ihm in die Erde gesteckt wurden, in solcher Entfernung vom Keimling, dass für eine eventuelle Krümmung seines Untertheils ge- nügend Raum blieb. Auf die weitereu Details der Versuchsanstellung Wiesner's, welche im Priucip mit denen der meinigen übereinstimmten, ebenso wie auf eine zweite, nur unwesentlich abweichende Modiücation des Verdunkelungsmodus, brauche ich hier nicht einzugehen. — Der Versuch dauerte 1 V2 Stunden. Am Schluss desselben „waren die frei beleuchteten Keimlinge bis auf den Grund gegen die Lichtquelle hin gelirümmt, die halb verdunkelten standen im unteren Theil aufrecht, tvährend der obere gegen die Flamme hin gerichtet war'. Auch mit Lepidium sativum gab ein solcher Versuch dasselbe Resultat. Dieser Versucli leidet an Mängeln, welche seine Beweiskraft gänzlich aufheben. Der wesentliche und hier allein zu berücksichtigende Mangel besteht in der zu geringen Versuchsdauer. Es wurde schon gesagt, dass bei Brassica die heliotropische Krümmung im Obertheil des Hypocotyls beginnt, und wenn dieser bereits stark geneigt ist, kann der Unterlheil erst sehr schwach oder selbst noch gar nicht gekrümmt sein. So war im Ver- such 21 (§ 35), welcher mit ganz jungen, ungewöhnlich krümmungsfähigeu Keimlingen ausgeführt wurde, der Obertheil der Versuchskeimlinge schon nach IV3 Stunden unter 80 — 90" geneigt, während der Untertheil um diese Zeit nur sehr unbedeutend gekrümmt war und sich erst nach 2% Stunden ebenfalls stark krümmte. Es versteht sich, dass die Verdunkelung des 102 Unteithcils dessen Krüinmmig noch melir aufhalten miiss, da die Krümmung des Uuterthcils anfanglich nur unter dem Einfluss der directeu heliotropischeo Reizung erfolgt und die Zuleitung des von der Spitze ausgehenden Reizes Zeit erfordert; folglich war in Wies n er 's Versuch zu erwarten, dass der Untertheil bei den verschiedenen Keimlingen sich zu verschiedener Zeit krümmen Avürde, nämlich bei den Versuchskeimlingen später, — vielleicht sogar bedeutend später — , als bei den Vergleichskeimlingen. Nun sind IV2 Stunden eine so kurze Zeit, dass man sich darüber wundern muss, dass die Vergleichskeimlinge sich auch im Untertheil bereits stark gekrümmt hatten; den Versuchskeimlingen hätte mindestens die doppelte Zeit gegönnt werden müssen, — alsdann hätte sich wohl zweifellos auch ihr verdunkelter Untertheil gekrümmt. Ich habe schon gezeigt (§ 22), dass bei Ävena sativa der verdunkelte Untertheil des Cotyledo sich auch bei Rotation am Klinostat sehr wohl unter dem Einfluss eines zugeleiteten Reizes heliotropisch zu krümmen vermag. Durch den Wi es ner 'sehen Versuch sah ich mich veranlasst zu prüfen, ob sich das Hypocotyl von Brassica Napus ebenso verhält (dass ich mit einer anderen Species experimentirte, als Wiesuer, ist nb. nicht von Belang, da sich beide Species in heliotropischer Hinsicht völlig gleich verhalten). Den von Wies ner angewandten Verdunkeluugsmodus hielt ich nicht für angezeigt, da er nur eine starke Beschattung, nicht aber eine vollkommene Verdunkelung ermöglicht, in Folge dessen ein eventuelles positives Resultat nicht völhg beweiskräftig sein würde. Von den zuverlässigen Vorrichtungen ist bei Rotation am Klinostat nur eine anwendbar, nämlich die Papierschürzen. Diese haben nun aber, wie wir gesehen haben, die schlechte Seite, dass sie die Krümmungsfähigkeit der Keimlinge beeinträchtigen, so dass meist nur eine sehr unbedeutende Krümmung derselben zu Staude kommt. Daher werden wir auch von dem Kliuostatenversuch kein sehr glänzendes Resultat erwarten dürfen und werden uns damit begnügen müssen, wenn auch nur bei einem Theil der Keimlinge im verdunkelten Untertheil eine unverkenn- bare Krümmung, sei es auch nur in ziemlich kurzer Region'), sich ergiebt. — Da auf so junge Keimlinge, wie sie Wies ner verwandte. Papierschürzen sich nicht gut aufsetzen lassen, so musste ich ferner mit älteren, nicht mehr in so hohem Grade krümmungsfähigen Keimlingen operiren. 1) VViesner wh'd allerdings vielleicht nicht zugeben, dass eine nur eine ziemlich kurze Strecke umfassende Krümmung im verdunkelten Untertheil beweisend für die Fortpflanzung des heliotropisclien Reizes ist, da nach ilun (23, 73) ein „heliotropischer Pflanzentheil bei seiner Krümmung den benachbarten nothwendigerweise etwas mit- krümmen muss". Es ist schwer zu begreifen, was sich Wies ner bei diesem merk- würdigen Ausspruch eigentlich gedacht hat. Wai'um soll sich denn der benachbarte Pflanzentheil mitkrümmeu? Die blosse Nachbarschaft ist doch keine genügende Ur- sache, wenn, was ja Wiesner kategorisch behauptet, eine Beeinflussung des einen Theilcs durch den anderen im Sinne einer heliotropischen Reizfortpflanzung aus- geschlossen sein soll. 103 Versuch 33. Brassica Napus. Zwei Thonzellen mit je fünf etiolirten, 2,4 — 3,4 cm hohen Keinih'ngcn. Allen Keimlingen sind Papierschürzen aufgesetzt ; beleuchtet bleibt mir eine anfanglich 5 min lange Spitzenregion des Hypocotyls. a) Eine Thonzelle steht aufrecht. b) Die zweite Thonzelle rotirt am Klinostat in verticaler Ebene. Die Thonzelle a dient zur Controle. Sie wird zeigen, was für eine Krümmung des verdunkelten Untcrtheiles man bei dem gegebenen Material von Keimlingen und bei Anwendiuig von Papicrschürzen überhaupt erwarten kann; das Resultat des Ver- suches wird offenbar als in positivem Sinne entscheidend anzusehen sein, wenn die Krümmungen in beiden Thonzellen ungefähr gleich ausfall.n. Nach 7 Vi Stunden: a) Bei einem Keimling ist der verdunkelte Untertheil nicht merklich gekrümmt. Fei den übrigen vier Keimlingen befindet sich im verdunkelten Untertheil eine zwar schwache, abi^r unverkennbare Krümmung, welche sich mindestens 5 mm unter die Liclitgrcnze hinab erstreckt; bei einigen Keimlingen liegt das Krümmungsmaximum unter der Lichtgrenze (d. h. die obere Zone des verdunkelten Theiles ist stärker ge- krümmt als die beleuchtete Spitzenregion). Vgl. Fig. 30, a. b) Auch hier ist ein Keimling im verdunkelten Theil niciit merklich gekrümmt. Bei den übrigen vier Keimlingen ist der verdunkelte Untertheil ganz in derselben Weise gekrümmt wie bei den entsprechenden Keimlingen der Gruppe a, nur ist die Krümmung bei einem Theil der Keimlinge ein klein wenig schwächer (was wohl auf individuellen Differenzen beruht). Vgl. Fig. 30, b. Fig. 30. Man sieht aus diesem Versuch jedenfalls soviel, dass die Rotation der Keimlinge in verticaler Ebene die Krümmung des verdunkelten Untertheils keineswegs verhindert. Ich zweifle nicht, dass, wenn es möglich wäre, bei den rotirendeu Keimlingen ein anderes, unschädliches Verdunkelungsmittel anzuwenden, man am Klinostat auch weit stärkere Krümmung des ver- dimkelten Theiles erzielen würde*, doch habe ich leider kein diesen Be- dingungen genügendes und gleichzeitig zuverlässiges Verdunkelungsverfahren ersinnen können. § 46. Beleuchtung der Spitze und des untertheils von entgegengesetzten Seiten, [üebcr Einrichtung und Zweck dieser Ver- 104 suche, die gauz so wie die entsprechenden Versuche mit Avena ausgeführt wurden, vgl. § 23 und die schematisclie Fig. 19 (S. 58).] Versuch 34. Brassica Napus. Ein Uciuer To[)r mit fünf ctiolirteu, 2,1 — 2,7 cm holiou Keilulinffen; dieselben werden in PapieiTÖhren mit zwei Ausseinlitten eingesehlossen. Der Topf stellt im Dnnkelzinnuer zwisehen zwei nni 130 cm von einander entfernten Lampen mit mög- liehst gleieher Flamme; der Unteithcil der Keimlinge erliält Lielit von der linken, die (anfänglich nur 1 '/^ — 3 •mm lange) Spitze — von der rechten Flanniie. Die Syninietrle- cbene aller Keimlinge steht niögllchst genau senkrecht zu der Lichtriehtung. Damit die Spitze ja nicht stärker beleuchtet sei als der Untertheil, wird der Topf absichtlieh der linken Lampe etwas näher aufgestellt, sodass die einzelneu Keimlinge der linken Flamme um 1 — 9 cm näher sind als der rechten. Nach 2V2 Stunden: Bei allen Keimlingen ist der Untertheil deutlich nach links und die Spitze mehr oder weniger nach reclits gekrümmt. Ein Keimling wird geopfert, um eine Zeichnung dieses Stadiums anzufertigen: es zeigt sich, dass die Kechtskriinnnung schon merklich unter die Liehtgrenze hinab sich erstreckt (Fig. 31, a), folglich hat sich der helio- tropische Reiz von der Spitze aus schon etwas nach unten fortgepflanzt. a h Fig. 31. o) P'orm eines Keinüings nach 2 Stunden. h) Form eines anderen Keimlings am Schluss des Versuchs. Nach 51/4 Stunden (Schluss des Versuchs): Bei einem von den übriggebliebenen vier Keimlingen ist die anfängliche Links- krümmung des Untertheils fast vollkommen überwunden und mehr als die Hälfte dieses Theiles ist deutlich nach rechts gekrümmt (Fig. 31, b). Bei den übrigen drei Keim- lingen ist zwar die Linkskrümmung des Untertheils noch in grösserem Grade erhalten, aber nur in der Basalregion, während die mittlere Region ebenfalls nach rechts ge- krümmt ist; auch bei ihnen hat also die von der Spitze aus transmittirte Reizung die directe Reizung des Untertheils auf einer gewissen Strecke überwunden. (Dass die Ueberwindung nicht in der ganzen Länge des Untertheils stattgefunden hat, er- klärt sich durch die ungenügende Länge der von rechts beleuchteten Spitze, was zur Folge hatte, dass im Beginn des Versuchs ein Theil der stark cmptindlichen Spitzen- region von derselben Seite beleuchtet war wie der Untertheil.) Ein ebenso schlagendes Resultat lieferte auch ein zweiter, in derselben Weise mit Brassica Napus angestellter Versuch. — Die aus diesen Ver- suchen zu ziehenden Schlussfolgerungen brauche ich wohl nicht nochmals zu formuliren (vgl. § 23). 105 Versuche mit Tropaeolum minus und einigen anderen Species. § 47. Während bei den meisten anderen Keimhngen schon aus den Versuchen über die Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit sich in- direct, aber mit Nothwendigkeit der Schluss ergiebt, dass ein heliotropischer Reiz sich von der stärker empfindlichen Spitze zu dem weniger empfindlichen üntertheil fortpflanzen muss, ist bei Tropaeolum, wo sich ein Einfluss der Spitze auf die Krümmung des üutertheils nicht ergeben hat, die Fort- pflanzung des heliotropischen Reizes auf diesem Wege nicht erweisbar. Man darf aber aus dem Mangel eines solchen Einflusses der Spitze auch nicht etwa schliessen, dass hier keine Fortpflanzung eines heliotropischen Reizes stattfindet; denn auch zwischen zwei heliotropisch gleich empfindlichen Zonen eines Organs kann eine Uebertragung des Reizes von der einen zur andern stattfinden, und wir haben sogar schon ein Beispiel dafür kennen gelernt (vgl. § 24). Es ist also sehr wohl möglich, dass im Epicotyl von Tropaeolum eine heliotropische Reizung sich von der Spitze aus zum Ünter- theil fortpflanzt, ohne indess hier unter normalen Bedingungen einen sicht- baren Eflcct hervorzurufen, da der üntertheil schon direct in nicht minder starkem Grade gereizt ist; der Einfluss einer solchen zugeleiteten Reizung müsste sich aber geltend machen, wenn die directe heliotropische Reizung des Untertheils durch Verdunkelung desselben ausgeschlossen wird. Das in diesem Paragraphen Mitzutheilende wird zeigen, dass es sich in der That so verhält, und dass das Epicotyl von Tropaeolum sogar ein exquisites Beispiel für die Fortpflanzung des heliotropischen Reizes darbietet. Dies zeigte mir zunächst eine gelegentliche Beobachtung. Ein Topf mit 6 jungen Keimlingen von IV2 cm Höhe über der Erde hatte einen Tag lang auf einem Tisch in der Mitte des Zimmers gestanden, und es fiel mir auf, dass die fast horizontal gerichteten Epicotyle ganz gerade gestreckt oder nur an der Basis schwach gekrümrat waren und sämmtlich aus der Erde unter sehr spitzem Winkel hervortraten •, hinter jedem Keimling befand sich in der Erde eine breite sichelförmige Furche. Die Keimlinge wurden aus- gegraben und es zeigte sich, dass die heliotropische Krümmung sich aus- schliesslich oder hauptsächlich in dem 1,2 cm langen unterirdischen Theil der Epicotyle befand; sie war recht scharf und erstreckte sich durchgängig bis zur äussersten Basis des Epicotyls hinab. Weiter führte ich 4 Versuche aus, in denen bei insgesammt 20 Keim- lingen, deren Höhe von 2V2 bis 8 cm variirte, das ganze Epicotyl bis auf eine anfänglich nur wenige mm lange Spilzenregion verdunkelt wurde. Die Verdunkelung wurde in zwei Versuchen mittels Erde, in zwei anderen mittels Papierröhren mit Deckel bewerkstelligt. Alle 20 Keimlinge ergaben ein sehr ausgesprochen positives Resultat. Die Krümmung umfasste eine ebenso lange Region, wie bei den Vergleichs- keimlingen, d. i. sie erstreckte sich so weit basalwärts als es überhaupt möglich war (vgl. Fig. 32, a und &); im verdunkelten Theil des Epicotyls 106 umfasste sie eine Strecke von 1 — 2 cm Länge oder selbst noch etwas mehr; meist befand slcli die Krümmung ganz im verdiinl^elten Theil, während der Fig. 32. Heliotropischc Krümmung vuii Epicotylen von Tropaeoluni minus. a) Epicotyl des am stärksten gekriunniten Vcrglclchskeinilings in dem betr. Versuch. b) Drei Epicotyle, deren Untertheil mittels trockener Erde verdunkelt war. Fiff. 33. Heliotropischc Krüm- mung zweier Epicotyle von Tropaeolumminus, deren Untertheil mit- tels Papierröhren mit Deckel verdunkelt war. Expositionsdauer 53/4 Stunden. Expositionadauer 5^/4 Stunden. beleuchtete Obertheil vollkommen geradegestreckt war. Mit Ausnahme eines der ältesten, nur noch schwach krümmungsfähigen Keimlinge (der linke Keimling in Fig. 33) war die Krümmung stets eine scharfe und stand nur unbedeutend hinter der Krümmung der in ganzer Länge beleuchteten Vergleichskeimlinge zurück. Bei den übrigen Keimstengeln mit gleichraässiger Vertheilung der helio- tropischen Empfindlichkeit, nämlich denen von Solanum Lyco}}ersicum und Corianclrum sativum, ist es in Folge der Kürze ihrer krümmungsfähigen Region schwer, sich von der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes zu überzeugen; denn wenn auch in dem mittels Erde verdunkelten Theil des Hypocotyls eine Krümmung sich einstellt, so beschränkt sie sich im Allge- meinen nothgedrungen auf eine so kurze Region, dass ein Zweifel an der Beweiskräftigkeit des Resultates nicht ausgeschlossen ist. Doch fanden sich bei beiden Arten einzelne Keimlinge mit längerer krümmungsfähiger Region, und solche Exemplare lieferten ganz überzeugende positive Resultate. Bei dieser Gelegenheit sei gleich erwähnt, dass ich mich auch bei Dauciis Carola und Linum nsitatissimum durch directe Versuche von dem Bestehen der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes überzeugte. Versuche mit Agrostemma Oitliago. § 48. Es wurde bereits hervorgehoben, dass bei diesem Objcct die starke heliotropische Krümmung sich nur langsam basalwärts verschiebt und dass der untere Theil der krümmungsfähigen Region bis zum Schluss der 107 (bis zu 9 Stuiuleu daueniclen) Versuche nur schwach gekrümmt blieb. Schon aus dieser Thatsache können wir schliessen, dass hier der von der Spitze ausgehende heliotropische Keiz sicli weit langsamer und, sozusagen, weniger leicht fortpflanzt als bei Brassica Napus, da er in so langer Zeit die Basis der nur 1 — 2 cm langen krümmungsfähigen Region offenbar nicht erreicht. Die directen Versuche bestätigten diesen Schluss. In 3 Versuchen (Ex- positionsdauer 5 Vi — 7 "4 Stunden) wurde in der üblichen Weise der Unter- theil von 16 Keimlingen theils mittels Erde, theils mittels Papierröhren mit Deckel verdunkelt. Von diesen Keimlingen krümmte sich ein offenbar ab- normer überhaupt nicht (auch in der beleuchteten Spitzenregion nicht). Die übrigen 15 Keimlinge krümraten sich sämmtlich auch im verdunkelten Theil des Hypocotyls ganz deutlich, aber die Krümmung erstreckte sich relativ nur wenig (nicht mehr als ca. 1 cm) unter die Lichtgrenze und war durch- gängig nur schwach; vgl. Fig. 34. Fig. U. Heh'otropisclie Krümmung dreier Hypocotyle von Agrosiemma Githago, deren Untertheil mittels trockener Erde verdunkelt war. Ex- positionsdauer G'/^ Stunden. In einem vierten Versuch mit G Keimlingen (Verdunkelung mittels Papier- röhren mit Deckel) gab nur ein Keimling ein zweifellos positives Resultat; bei den übrigen 5 Keimlingen erstreckte sich die Krümmung nur wenige mm unter die Lichtgrenze hinab, was ich nicht als genügend beweiskräftig gelten lasse. Der letzte Versuch endlich, in dem die Verdunkelung mittels Papier- schürzen vollzogen wurde, gab ein negatives Resultat; hierauf darf jedoch, aus dem schon früher (§ 44) besprochenen Grunde, kein Gewicht gelegt werden. Die besten Beispiele einer nur durch transmittirten Reiz hervorgerufenen Krümmung findet mau bei Är/rostemma im unterirdischen Theil des Hypo- cotyls ganz junger, nur wenig über die Erde hervorragender Keimlinge (Fig. 35); hier ist günstigenfalls das Hypocotyl bis zur Grenze der Keim- Fi^. 35. Hypocotyle zweier junger Keimlinge von Aijrostevima Oithago, nach 6 ständiger einseitiger Beleuchtung ausgegraben und in ganzer Länge gezeichnet, aa Erdoberfläche. 108 Wurzel hinab fiekriimmt. Doch auch hier fand ich nie so starke Krümmungen, wie in den entsprechenden Fällen bei manchen anderen Objecten. In der Voraussetzung, dass möglicherweise nicht blos die Papierschiirzen sondern auch die beiden anderen Verduidvclungsvorrichtungen, — durch den Druck der Papierriinder, die Berührung mit der Erde oder die austrocknende Wiikung der letzteren — , einen schädigenden und die Krümraungsfähigkeit vermindernden Einfluss auf die Keimlinge haben könnten, ersann ich eine neue Versuchsanstellung, bei der solche störende Factoren jedenfalls ausge- schlossen sind. Dieselbe bestand darin, dass auf den Keimling eine Stanniol- kappe aufgesetzt wurde, welche mit einem Längsausschnitt versehen war, und der so vorgerichtete Keimling mitten zwischen zwei gleich starken Lampen aufgestellt wurde, so dass der Ausschnitt in der Stanniolkappe gerade nach der einen Lampe gerichtet war. So war der Untertheil des Cotyledo von beiden Seiten gleich intensiv beleuchtet und wurde somit heliotropisch nicht gereizt; eine mehrere mm lange Spitze des Hypocotyls hingegen erhielt Licht nur von der einen Seite, dui-ch den Ausschnitt in der Kappe. Wenn sich die heliotropische Reizung der Spitze basalwärts fortpflanzt, so ist zu erwarten, dass die Krümmung sich nicht auf die direct gereizte Spitzenregion beschränken, sondern sich mit der Zeit auch mehr oder weniger weit auf den beiderseits beleuchteten Untertheil ausbreiten wird. Ist bei zwei be- nachbarten Keimlingen der Ausschnitt in der Kappe nach entgegengesetzten Seiten gerichtet, so wird sich auch der Untertheil der betreffenden Keimlinge nach entgegengesetzten Richtungen krümmen müssen, und dies wird uns als Controle dafür dienen, dass die Krümmung des Untertheils thatsächlich durch einen von der Spitze ausgehenden Einfluss und nicht durch irgendwelche unvorhergesehene Mängel der Versuclisanstellung bedingt ist. Versuch 35. Agrostemina Githago. Sechs etlolirte, 1,8 — 2,8 cm hohe Keiiiih'iige sind in einem grossen Topf in eine Reihe gepflanzt, mit der auch die Richtung der Symmetrle-Ehene aller Keimlinge zusammenfiillt. o) Zwei Controle-Keimlinge (Photometer); der eine ohne Stanniolliappe, der andere mit einer Stanniolkappe ohne Ausschnitt. b) Auf zwei Keimlinge sind weite Stanniolkappen aufgesetzt, welche die Coty- ledonen und überdies eine 41/2 mm lange Spitze des Hypocotyls verdunkeln; ein circa l'/2 '"^^ breiter Längsausschnitt, welcher nach links gekehrt ist, gestattet jedoch dem von links einfallenden Licht Zutritt zu der Hypocotylspitze. c) Zwei Keimlinge sind ganz so wie die b vorgerichtet, nur ist der Ausschnitt in den Kajipen nach rechts gekehrt. Der Topf steht im Dunkclzimmer, mitten zwischen zwei Lampen: die Reihe der Keimlinge (und folglich auch die Synnnetrie-Ebene der letzteren) steht senkrecht zu der die beiden Lampen verbindenden Linie, 40 cm von jeder derselben entfernt und in gleichem Niveau mit den Flammen. Nach 2 Stunden: o) Beide Keindinge ungckriimmt. b) und c) Bei allen Keimlingen ist die Spitze mehr oder weniger stark nach ihrer respectiven Lichtquelle geneigt; ob die Krümmung auch schon unter die Grenze der einseitigen Beleuchtung hinabreicht, ist vorläufig noch schwer zu sagen. 109 Nach 3V4 Stunden: a) Wie ohen, b) und c) Die Keimlinge sind jetzt auch im Untei'theil zwar schwach, aber ganz deutlich gekrümmt. Nach 6V4 Stunden: a) Die beiden Keimlinge sind immer nocli vollkommen gerade. Folglich ist die Differenz der Lichtintensität der beiden Lampen (falls überhaupt vorlianden) jedenfalls nicht gross genug, um heliotropische Krümmung hervorzurufen. h) Der Untertheil beider Keimlinge ist in ziemlich ausgedehnter Region nacli links gekrümmt. Die Krümmung ist nicht stärker, eher etwas schwächer, als sie bei der vorigen Beobachtung war; walirscheinlich befinden sich die Keimlinge gerade in der Phase der Hebung. Vgl. Fig. 36, b. c) Genau wie die h, nur ist die Krümmung nach rechts gerichtet; Fig. 36, c. Die beiden in Fig. 38 dargestellten, in entgegengesetzten Riclitungen gekrümmten Keimlinge, sowie ein garnicht gekrümmter Controlkeimling, standen unmittelbar neben einander, und die verschiedene Form ihres Untertheils. der sich doch bei allen dreien in den nämlichen Belenchtungsbedingungen befand, war ungemein augenfällig. ¥ig. 36. Dieser Versuch bietet einen sclilagcnden Beweis für die Fortpflanzung des heliotropischen Reizes. Versuche mit Vicia safiva. § 49, Der directe Nachweis der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes trift't bei diesem Object auf solche Schwierigkeitenj dass ich anfangs nur negative Resultate erhielt, ebenso wie Wiesner '). Später aber überzeugte ich mich, dass die Misserfolge hauptsächlich in störenden Nebenwirkungen der angewandten Verdunkelungsvorrichtungen ihren Grund hatten. Meine Erfahrungen in dieser Hinsicht sind insofern lehrreich, als sie zeigen, wie vorsichtig man sich gegenüber negativen Resultaten verhalten muss. 1) Wiesner (23,74 — 76) stellte die Keimlinge mit der Spitze nach unten, oder aber horizontal und senkrecht zum Lichteinfall, und verdunkelte ihren Basaltheil mittels mattschwarzer Schirme. Die Keimlinge krümmten sich „knajjp'^ unter der Lichtgrenze, während Vergleichskeimlinge sich in einer tieferen Region krümmten. — Diese Versuche sind schon deshalb nicht beweiskräftig, weil Wiesner kein Wort über die Expositionsdauer sagt, auf die es hier sehr ankommt; und wir wissen von dem Versuch mit Brassica her (vgl. § 45), dass Wiesner die Nothwcndigkeit einer genügend langen Expositionsdauer nicht zu würdigen wusste. 110 _ 1. \'cidiinkclung durch Papicrsoli iirzen. Auf allen Keimlingen wurden melirere 4V2 mon lange Zonen niarkirt und darauf auf die Versucbs- keimlinge Papierscliiirzen so aufgesetzt, dass deren oberer Rand mit der Grenze der ersten uiul zweiten Zone zusammenfiel, also nur die Zone I be- leuchtet war. In allen (fünf) derartigen Versuchen, welche 5'/^ — SV-i Stunden dauerten ergab sich Folgendes. Die Vergleichskeimlinge (a) krümmten sich in einer meist nicht weniger als drei Zonen umfassenden Region, und ein aus einer bis zwei Zonen bestehender Oberthcil streckte sich in nahezu horizontaler Richtung ganz gerade (Fig. 37, a). Bei den Vcrsuchskeimllngen (1)) hingegen a T'ig. 37. HellotropIscliP Krümmung der Kcimstcngol von V'icia satlra (auf denselben sind Querzonen von ursprünglieh 4'/^ mvi Länge bezeichnet). a) Ein in seiner ganzen Länge bcleuelitetei' Keinistengel. h) Ein Keinistengel mit .,Papierschiiize" s. krümmte sich nur die Zone I; dieselbe blieb entweder in ganzer Jjüngo gekrümmt, oder ihre Spitze streckte sich schliesslich gerade, so dass eine kurze und selir scharfe Krümmung zu Stande kam, deren untere Grenze gewülinlich genau mit der Lichtgrenze zusammenfiel (Fig. 37, ?>); nur zu- weilen reichte die Krümmung 1 — 2 mm unter die Grenze der directeu Be- leuchtung hinab. Durch einen besonderen Versuch überzeugte ich mich, dass das Aufsetzen von Papierscbürzen diese Wirkung auch bei solchen Keimlingen hervorbringt, welche am Tage vorher, als sie in ganzer Länge beleuchtet wurden, sich in normaler Weise und in einer mehrere Zonen umfassenden Region gekrümmt hatten. Die Vermuthnng, dass die Papierschürzen möglicherweise das Wachsthum der Keimlinge hemmen, erwies sich als unzutreffend: wenn die Schürzen vorsichtig und ohne Verletzung des Keimstengels aufgesetzt werden, so wachsen die 1> in allen Zonen ebenso stark wie die a. Hiernach schien es, trotz verschiedener dagegen sprechender Argumente, unzweifelhaft, dass der Keimstengel von Vicia in der That nur insoweit sich heliotropisch zu krümmen vermag, als er direct einseitig beleuchtet ist. Sicherheitshalber führte ich aber noch das folgende Experiment aus: Nach- dem die Versuchs- und Vergleichskeimlinge die in Fig. 37 dargestellte Form erreicht hatten und bereits eine Zeit lang in ihr verharrten, nahm ich die 111 Papierscbürzen vou einigen Versucbskeimlingen ab und setzte sie ibnen als- bald wieder auf, aber um eine Zone tiefer. Falls die Zone II sieb bisber darum nlcbt krümmte, \veil sie verdunkelt war, so wird sie jetzt, wo sie beleucbtet ist, sieb krümmen und sebliesslicb die gleicbe Form annebmen müssen, welcbe bis dabin die Zone I batte; die Krümmung wird sieb basal- wärts verscbieben und von Neuem an der Licbtgrenze concentriren. In- dessen werden andere Versucbskeimlinge, welcbe zur Controle in den früberen Bedingungen belassen wurden, unverändert bleiben müssen. Bezeicbneu wir der Kürze balber die letzteren mit h' und die Versucbskeimlinge, denen die Papierscbürzen um eine Zone tiefer aufgesetzt wurden, mit l)'\ Das Resultat dieses Versucbes war ein ganz unerwartetes. Die jetzt dem Liebt ausgesetzte Zone II der Keimlinge //" begann sieb zwar zu krümmen, aber langsam und sebr scbwacb ; die stärkste Krümmung blieb an der früberen Stelle, und von Geradestreckung und Horizontalstellung des beleucbteten Obertbeiles war keine Rede, obgleicb der Versucb uocb drei Stunden fortgesetzt wurde. Aucb nocb am Morgen des folgenden Tages blieb die Form der Keimlinge &" die gleicbe. — Ein zweiter ebensolcbcr Versuch gab dasselbe Resultat, nur nocb insofern prägnanter, als bei den V gar keine Krümmung stattfand und am Scbluss des 3V4 Stunden dauernden Versucbes ibre Form von derjenigen der Keimlinge // nicbt zu unterscbeiden war. — leb babe raicb in beiden Versuchen überzeugt, dass weder ein Stillstand nocb eine Verlangsamung des Wacbstbums vorlag. Diese Versuche werfen ein neues Licht auf alle früheren Versuche, in denen zur Verdunkelung des Untertheils Papierscbürzen benutzt wurden. Wie sich herausstellt, blieb die Zone II der Versucbskeimlinge nicht darum (genauer: nicht blos darum) ungekrümmt, weil sie verdunkelt war, sondern darum, weil durch die Papierschürze ihre Krümmungsfäbigkeit aufgehoben oder doch wesentlich vermindert war. Da constatirt worden ist, dass das Wacbsthum durch die Papierscbürzen nicht afficirt wird, so bleibt nur die eine Möglichkeit, dass die Papierscbürzen die beliotropiscbe Reiz- barkeit des ihrer Befestigungsstelle benachbarten Theiles des Keimstengels aufheben oder bedeutend herabsetzen; diese Wirkung, welche noch ziemlich lange Zeit nach Entfernung der Papier- schürze andauern kann, machte sich häufig auch in der Zone I der Ver- sucbskeimlinge deutlich geltend, indem dieselbe sich bedeutend später zu krümmen begann und eine viel geringere Neigung erreichte als die Zonel bei den Vergleichskeimlingen, obgleich doch beide in gleicher W'eise beleucbtet waren. Diese eigentbümliche und merkwürdige Reizwirkung, welcbe durch die Papierscbürzen ausgeübt wird, ist vermutblicb auf den Druck der scharfen Papierränder zurückzuführen. Eine nähere Untersuchung dieser jedenfalls beachtenswertben Erscheinung lag übrigens nicbt in meiner Absiebt. Für meinen Zweck genügte es, zu constatiren, dass man aus negativen Resultaten, die in Versuchen mit Anwendung von Papierscbürzen erhalten werden, keinen Schiusa auf Abwesenheit einer Fortpflanzung des heliotropiscbeu Reizes _ '^2 ziehen darf; die negativen Resultate rühren von den Mängeln der Methode her, welche ausser der vom Experimentator gewollten Wirkung auch noch unbeabsichtigte und unvorhergesehene Nebenwirkufigen auf die Pflanze hat. Mit dieser Möglichkeit niuss man auch bei den anderen Methoden und auch in dem Falle rechnen, wenn es nicht gelingt die Existenz der störenden Nebenwirkungen nachzuweisen. Darum können, in Fragen wie die vor- liegende, negative Resultate kaum absolut beweisend sein, und jedenfalls fallen hunderte von negativen Resultaten einem einzigen zweifellos positiven Resultat gegenüber nicht in's Gewicht. Jetzt können wir auch verstehen, warum die Verdunkelung mittels Papier- schiirzen auch bei anderen Dicotylenkelmlingen negative oder doch viel schlechtere Resultate lieferte als die anderen Methoden (vgl, § 44, 48). Dass die Papierschürzen bei Brassica die Krüramnngsfähigkcit des Unter- theils nur vermindern, hingegen bei Agrostemma und bei Yieia sie ganz aufheben, das deutet auf eine grössere Empfindlichkeit der beiden letzteren Objecte für derartige Einwirkungen hin. § 50. 2. Verdunkelung durch Papierröhreu mit Deckel. In zwei solchen Versuchen wurde ein negatives resp. zweifelhaftes Resultat erhalten: die Krümmung der Versuchskeimlinge erstreckte sich ent- weder ebenfalls genau bis zur Lichtgrenze, oder nur ganz wenig unter dieselbe. In einem von diesen Versuchen waren zur Controle drei Keimlinge in Papier- röhren eingeschlossen, welche iu der Vorderseite mit einem breiten Längsaus- schnitt versehen waren •, bei diesen Keimlingen war also auch der Untertheil be- leuchtet, im übrigen befanden sie sich in den gleichen Bedingungen wie die Versuchskeimlinge; von diesen drei Keimlingen krümmte sich nur einer norm.al, ebenso wie die frei beleuchteten Vergleichskeimliuge, — die beiden anderen krümmten sich ebenso wie die Versuchskeimlinge, d. h. nur in der über dem Deckel befindlichen Spitze. Diese Beobachtung machte es wahr- scheinlich, dass auch bei der gegenwärtigen Versuchsanstellung das negative Verhalten der Keimlinge weniger durch die Verdunkelung ihres Untertheils, als vielmehr durch die Reibung des Keimstengels am scharfen Rande des Deckelausschnittes bedingt sein dürfte, an den sich der Keimstengel bei der geringsten Krümmung anpressen rauss. Um diese Vermuthung zu prüfen, schloss ich fünf Keimlinge in Papier- röhren ein, welche den Untertheil verdunkelten, setzte jedoch keine Deckel auf, so dass die Keimstengel keinem Druck und keiner Reibung ausgesetzt waren. Am Schluss des TV-z Stunden dauernden Versuches reichte die Krümmung bei allen Keimlingen deutlich unter die Lichtgrenze hinab, und zwar bei dreien nur wenig (3 mm)^ bei zweien ziemlich weit. Dies köimte man als positives Resultat ansehen, wenn nicht der (allerdings wahrscheinlich unzutrefifeude) Einwand möglich wäre, dass die Verdunkelung der Keimlinge unter der Lichtgreuze keine vollkommene war. Im Ganzen geben diese Versuche auch kein entscheidendes Resultat. 113 3. Vorduiikeluuj; mit Erde. Von drei solchen Versuchen eij^ab einer ein negatives Resultat, im zweiten erstreckte sich die Krünamung bei mehreren Keimlingen zwar deiitlicli unter die Lichtgreuze, aber nur um wenige 7mn. Der dritte Versuch gab endlich ein ausgesprochen positives Resultat. Versuch 36. Vicia saiiva. In zwei in der üblichen ^Veisc vorgerichteten Töpfen befindet sich eine Anzahl etlolirter, bis zu 2,8 cm liohei- Keimlinge. Nach dem Vollschütten der Töpfe mit Erde ragt bei 13 Keimlingen eine meist ganz kurze Spitze des Keinistengels über die Erde hervor. Nach 5 Stunden: Der oberirdisclie Tlieil der I^oimstengcl ist stark geneigt, meist der Erde an- gedrückt; hinter vielen von ihnen beiluden sicli in der Erde deutliche kleine Grübchen. Nach dem Wegschütten der verdunkelnden Erde zeigt sich bei allen Keimlingen, mit Ausnahme zweier, eine deutliche Krümmung unter der Lichtgrenze. Bei vier Keimlingen ist diesell)e recht schwach oder umfasst nur eine recht kurze Strecke (zwei solche Keimlinge sind in Fig. 38, h dargestellt); bei den übrigen sieben Keim- lingen ist die Krümmung stärker und umfasst eine längere Strecke des verdunkelten Untertheils, bei einigen Keimlingen etwas über 1 cm (vgl. drei solche Keimlinge in Fig. 38, a); berücksichtigt man, wie kurz die krümmungsfähige Region bei Keimlingen solchen Alters überhaupt zu sein pflegt, so erscheint es sehr wahrscheinlich, dass bei diesen Keimlingen die Krümmung bis zur Basis der krümmungsfähigen Region hinabreicht. Bei allen 11 Keimlingen liegt die Krümmung ganz oder grösstentheils im verdunkelten Theil des Keimstengels. Dass die beiden anderen Versuche nicht ein ebenso klares Resultat er- geben haben, liegt vermuthlich wiederum an der Methode. Es ist wahr- scheinlich, dass ein stundenlanger Aufenthalt in trockener Erde nicht ohne schädigenden Einfiuss auf zarte Keimstengel bleibt und speciell auch deren Krümmungsfähigkeit vermindert; die Keimlinge von Vicia aber scheine» gegen alle derartigen schädigenden Einwirkungen ganz besonders empfindlich zu sein. Dadurch würde es sich erklären, dass der verschüttete Theil der Keimstengel sich nur unter besonders günstigen Umständen und nur bei besonders kräftigen und krümmungsfähigen Keimlingen deutlich und in längerer Strecke krümmt. 4. Beleuchtung des Untertheils von beiden Seiten. Wenn die Annahme richtig ist, dass die grösstentheils unbefriedigenden Resultate der bisher besprochenen Versuche ihren wesentlichen Grund in der Cohn, Beiträge zur Biologie der Püanzen. ßd. VII. Haft I. g m groBfieii Em|)(iii(lliclikcit der Keiin.steiif^el voti Vicia gegen Druck, Reibung und austrocknende Wirkung liaben, so waren bessere Ergebnisse von der Versuchsanstellung zu erwarten, welche bereits bei Agrostemma mit Erfolg angewandt worden ist und bei welcher alle solche störenden Nebenwirkungen ausgeschlossen sind. Indem ich bezüglich des Prinzips und der Details dieser Versuchsanstellung auf § 48 verweise, gehe ich sogleich zur Be- schreibung eines Versuches über. Versuch 37. Vicia sativa* Zehn etiolirte, 1,8—3,0 cm hohe Keimlinge. a) Vier Keimlinge ohne Kappen (Photometer-Keimllnge). h) Drei Keimlinge mit 6 mvi langer Stanniolkappe mit nach der linken Lampe gekehrtem Ausschnitt. c) Drei Keimlinge desgleichen, nnr Ausschnitt der Stanniolkappe nach der rechten Lampe gekehrt. Alles übrige genau wie in Versuch 35 (§ 48). Nach 5 Stunden : a) Alle Keimlinge durchaus ungekrümmt, also Lichtintensität von beiden Seiten gleich. b) und c) Zwei h haben sich überhaupt nicht gekrümmt (bei einem hat sich der Keimstengel so tordirt, dass die Spitze gar kein Licht erhält; der andere muss aus irgend einem Grunde nicht krümmungsfähig sein). Der dritte b und alle drei c sind ^emhch stark gekrümmt, ersterer nach links, letztere nach rechts; bei dreien von diesen Keimlingen (vgl. Fig. 39, i) erstreckt sich die Krümmung nur wenig unter den Rand der Stanniolkappe hinab; bei einem c aber (Fig. 39, c) umfasst sie eine lange Strecke des beiderseits beleuchteten Untertheils. Li allen Fällen liegt die vorhandene Krümmung ganz oder grösstentheils in eben diesem Theil des Keimstengels, während die einseitig beleuchtete Spitze wenigstens nahezu geradegestreckt ist. : Es wurden noch zwei weitere derartige Versuche ausgeführt, mit zusammen neun Versuchskeimlingen (fünf &, vier c), welche sich sämmtlich im beider- seits beleuchteten Untertheil nach derjenigen Seite krümmten, von welcher die Spitze Licht erhielt ; in einem dieser Versuche war bei drei Keimlingen (zwei/; und ein c) das Resultat noch ausgesprochener als in den in Fig. 39 dargestellten Fällen. Diese Versuchsanstellung hat in der Praxis ebenfalls ihre Mängel, welche das Resultat beeinträchtigen. Der wesentliche Mangel besteht darin, dass, in dem Masse wie sich die Spitze des Keimlings, sagen wir, nach links krümmt, auch die Stanniolkappe sich nach links neigt und in Folge dessen durch ihre weite untere OeiFnung Licht auch von der rechten Lampe ein- dringt, so diass die nur von links beleuchtete Spitzenregion des Keimstengels 115 im Jjaul'e des Versuchs immer kürzer wird*, dieser Umsland vermindert be- greidicherweise sowohl den Grad der Kriimraimg als auch die Länge der gekrüQimten Region. [Allerdings fällt aus demselben Grunde auch die Grenze der einseitigen Beleuchtung am Schluss des Versuches nicht mehr mit dem unteren Rande der Stanniolkappe zusammen (was in Fig. 39 angenommen ist), sondern liegt um einige mm höher, und um denselben Betrag ist folglich auch die gekrümmte Strecke des beiderseits beleuchteten Theiles länger, als es nach der Figur den Anschein hat.] Dadurch erklärt es sich, dass das Resultat nicht immer gerade glänzend ausfällt. Immerhin hat sich aber bei allen Keimlingen, wofern überhaupt eine Krümmung eintrat, auch der nicht direct heliotropisch gereizte Unter- theil in grösserer oder geringerer Ausdehnung ganz unverkennbar gekrümmt, und da bei dieser Versuclisanstellung jede andere Erklärung einer solchen Krümmung ausgeschlossen ist, so können wir es nunmehr als endgiltig be- wiesen ansehen, dass auch bei diesem so exceptionell ungünstigen Object eine Fortpflanzung des heliotropischen Reizes stattfindet. Dabei soll freilich nicht geleugnet werden, dass sie hier keineswegs so leicht und so schnell vor sich geht wie bei manchen anderen Objecten, — w^as übrigens schon aus dem Verlauf der normalen heliotropischen Krümmung im Keimstengel von Vir/ia satlva zu entnehmen war. VI. Versuche mit Blättern und Blattstielen. § 51. Es ist keineswegs leicht, unter den Organen entwickelter Pflanzen (d, i, solcher, welche das Keimlingsstadium überschritten haben) für meine Zwecke brauchbare Objecte zu finden. Solche Objecte müssen folgenden Anforderungen genügen : 1 . Sie müssen eine zieml ch lange krümmungsfähige Region haben, damit, bei Versuchen über Fortpflanzung des heliotropischen Reizes, die Krümmung sich genügend weit in den verdunkelten Untertheil hinab erstrecken könne. 2. Die heliotropische Krümmung rauss sich schnell vollziehen, weil sonst die Lage der krümmungsfähigen Region sich noch vor Erzielung eines deutlichen Resultates wesentlich ändern könnte. 3. Die heliotropische Krümmung muss ziemlich stark sein, damit die zu erwartende Krümmung im verdunkelten Theil, wo sie natürlich schwächer ausfallen muss, als bei directer Beleuchtung, dennoch vollkommen deutlich sein könne. Besonders die letztere Bedingung ist nur sehr selten erfüllt, denn ob- gleich sehr viele Organe heliotropisch sind, so überwiegt in ihnen doch meist der Geotropismus bedeutend, so dass die heliotropische Krümmung nur schwach ausfällt. Das Ausschliessen des Geotropismus durch Rotation am Klinostat ist aber mit der anzuwendenden Untersuchungsmethode unvereinbar 8* IIG Nacli Diircliinohiicii ciii(;r grossen Roilic von IMlanzcii r.-iiid ich HcliliesHlidi eine Anzahl verschiedenartiger, mehr oder weniger geeigneter Objecte, die in diesem und dem folgenden Kapitel besproclien werden sollen. Während ich die Keimlinge stets vor allen Dingen auf die Vertbeilung der lieliotropischen Empfindlichkeit untersuclite, liess ich bei der Untersuchung der Organe entwickelter Pflanzen diesen Punkt nothgedrungen in den Hinter- grund treten, weil es bei den meisten Objecten geradezu unmöglich wäre, eine für sichere Schlussfolgcrung genügend grosse Zahl von in gleicher Ent- wickelungsphase befindlichen Individuen zusammenzubringen. Uebrigens ist diese Frage auch von keinem prinzipiellen Interesse mehr, nachdem sich bei den Keimlingen gezeigt hat, dass die heliotropische Empfindlichkeit in den Organen sowohl ungleichraässig als auch gleichmässig vertheilt sein kann, und dass die Art ihrer Vertheilung in keiner Beziehung zu der Fort- pflanzung des heliotropischen Reizes steht; es könnte sich also nur noch um Entscheidung der ziemlich nebensächlichen Frage handeln, welcher von den beiden Fällen der häufigere ist. Ich habe dementsprechend nur einige w^enige Objecte auf die Vertheilung der heliotropischen Empfindlichkeit ge- prüft, hingegen meine ganze Aufmerksamkeit auf den directen Nachweis der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes concentrirt, da die Frage, ob eine solche Fortpflanzung von allgemeiner oder nur von beschränkter Ver- breitung im Pflanzenreiche ist, gewiss ein bedeutendes Interesse hat. Versuche mit Sämlingsblättern von Allium Cepa. § 52. Die auf den Cotyledo folgenden Blätter der Sämlinge sind cylindrisch (abgesehen von dem scheidenförmigen Untertheil, der für uns nicht in Betracht kommt, und von der ganz allmälig konisch sich zu- schärfenden Spitze), orthotrop und physiologisch radiär. Die ersten Blätter sind kaum V-z mm dick und nur wenige cm lang, die folgenden werden successive dicker und länger; im Frühling geht dieser Erstarkungsprocess schnell vor sich, im Winter hingegen sehr langsam. Von einer im Januar geraachten Aussaat erhielten sich sieben Sämlinge, mit denen im April und Mai die unten zu besprechenden Versuche ausgeführt wurden ; obgleich diese Sämlinge bereits zahlreiche Blätter gebildet hatten und fortfuhren in kurzen Zwischenräumen neue zu produciren, wurden die Blätter doch nur etwa 1/2 — 1 mm dick und nicht über 10 cm lang; darauf stellte jedes einzelne Blatt sein Wachsthura ein und begann von der Spitze aus allmälig zu vertrocknen. Die Wachsthumsvertheilung in den Blättern ist eine rein basipetale. Von sehr jungen Entwickelungsstadien abgesehen, wächst eine Spitzenregiou, deren Länge mit dem Alter des Blattes zunimmt, überhaupt nicht; der mittlere Theil zeigt ein ziemlich geringes, basipetal zunehmendes AVachsthuni (4 — 10% Zuwachs in 24 Stunden), und erst an der Basis des cylindrischen Blatttheils finden wir ein intensiveres Wachsthum (27—36% Zuwachs). Solange die Blätter jung sind (am günstigsten sind solche von ca. 3 cm Länge), gehören sie zu den heliotropisch krUmmungsfähigsten Objecten, 117 welche mir vorg:ekotnraen sind. Mit deni Alter nimmt die Krümmungs- fäbigkeit ab, bleibt aber in gewissem Grade bis fast zum Absterben des niattes erhalten. — Die heliotropische Krümmung beginnt meist ziemlich gleichzeitig in der ganzen wachsenden Region des Blattes; mit der Zeit concentrirt sie sich immer mehr im basalen Theil, während der Obertheil sich allmälig vollständig geradestreckt. Bezüglich der Vertheilung der heliotropischen Emptindlichkeit ist so viel sicher, dass die Spitze sich nicht durch verstärkte Empfindlichkeit auszeichnet, da die Verdunkelung einer selbst recht langen Spitzenregion die Neigung der Blätter nicht beeinflusst; wohl scheint es aber, dass eine kurze Basal- regiou weniger empfindlich ist als das ganze übrige Blatt, doch habe ich dies nicht mit voller Sicherheit constatiren können ' ). Versuch 38. Allium Cepa. In eiiuMii iiK'lirorc Säiiilinge ciitlialfoiidon To[)t" hcliiuli-n .sich ii, A. zwei junge, ca. 3 cm hohe Blätter. Der 'ru[)l" wird .soweit mit Krde vcr.seiiiittei, (hi.s.s \i)ii den beiden Blättern nur die wenige mnt langen Spitzen hervorragen. Die Expo.sition dauert von einem Morgen bis zum Iblgenden. Am Sehlu.s.s de.s Versuchs ist der über die Erdoberfläche vorragende Theil bei Blatt I 10 mm lang, bei Blatt II 6 mm lang. Derselbe ist ganz gerade und vertieal gerichtet, äussere Anzeichen einer unterirdischen Krümmung fehlen. Beim ^Veg- schütton der verdunkelnden Erde krünnnt sieh aber der verdunkelt gewesene Theil l)eider Blätter sofort ziemlich stark, und die Spitze derselben nimmt eine entsprechende Neigung an (Fig. 40). Ein Streben zur heliotropischen Krümmung bestand al.su im unterirdischen Theil der Blätter, nur waren diese zarten Organe nicht im Stande, den Widerstand der Erde zu überwinden. Bei Blatt I begimit die Krümmung ca. 7 nun unter dei' Lichtgretr/.e und erstreckt sich bis zur Basis; bei Blatt II beginnt sie. l cm unter der Lichtgrenzc und hört Fig. 40. ') Der ausgesprochene I'ioslieiiotropismus der Blätter \'on Allium Cepa bietet ein schlagendes Beispiel dafür, dass keineswegs Alles in der Natur ,, zweckmässig" ist. Es leuchtet ein, dass es für die Pflanze am vortheilhaftesten wäre, wenn sich ihre Assimilationsorgane senkrecht zur Richtung des einfallenden Lichts stellen würden, d. h. wenn sie diaheliotropisch wären, wie das ja bei flachen Blattorganen der Fall zu sein pflegt; dass sie nicht mir dieser nützliehen Eigenschaft ermangeln, sondern sogar im Gegentheil sieh nahezu in die Richtung der Lichtstrahlen einstellen, ist, wenn man einmal von „Zweck" bei Pflanzen sprechen will, geradezu unzweckmässig. Gegenüber dem üblichen einseitigen Hervorheben des „zweckmässigen" Ist es nützlieh, auch auf das Vorkommen derartiger Fälle aufmerksam zu machen. 118 etwa» olieilialli der Basis auf. Di-i' licliotioiiisclw I\ci/. li;it sich hei Blatt I 2,5 cm, bei Blatt II l,H rm weit milcr dir Liclilurcii/.c lortgC[)(laii/.t. Es ist Ijciiierkenswerth, dass die Spitzciircgioii der beiden Hlätter, welche die hcliotropischo Heizung empfing und dem verdunkelten Tlieil übermittelte, selber ganz gerade geblieben ist, (il)gl('ich sie senkrecht zum einfallenden Licht stand; ich mache hier nur auf diese Thatsaehc aufmerksam, aus der wir erst an anderer Stelle einen Schluss ziehen werden. In diesem Versucli (meinera ersten mit Ällmm) hatte ich sicherheits- halber die Exposition recht lange dauern lassen. Gleich der zweite Versuch, mit fünf Blättern von 2,0 — 6,7 cm Länge ausgeführt, zeigte indessen, dass eine weit kürzere Exposition zur Erzielung eines prägnanten Resultates hinreicht. Schon nach 4 7-2 Stunden war nämlich der oberirdische Theil der Blätter mehr oder weniger lichtwärts geneigt (meist auch gekrümmt), und hinter mehreren Blättern befanden sich deutliche Grübchen in der Erde. Beim Wegschütten der Erde zeigte sich im unterirdischen Theil aller Blätter eine deutliche Krümmung, welche sich sofort bedeutend verstärkte, — auch hier war also der Widerstand der Erde nur theilweise überwunden worden. Die Krümmung des unterirdischen Theiles war durchgängig stärker als die des oberirdischen, und bedeutend stärker als die in Fig. 40 abgebildete. Der heliotropische Reiz hat 1,8 — 2,2 cm weit unter die Lichtgrenze hinab seine Wirkung geäussert. Ein dritter Versuch, mit drei jungen Blättern, gab ein ebensolches Resultat, und nur in einem Versuch, mit zwei Blättern, war das Resultat nicht ganz befriedigend. ^ Versuche mit den Blättern austreibender Zwiebeln von Allium CejM. § 53. Mehrere Zwiebeln wurden in kleine Töpfe gepflanzt und im Dunkeln keimen gelassen. Nachdem schon einige Laubblätter sich entwickelt hatten, wurde ein Theil der Töpfe an's Licht gebracht; die im Dunkeln flach bleibenden, ca. 5 wm breiten Blätter blähten sich am Licht im Laufe mehrerer Tage bedeutend auf, ohne jedoch ganz cylindrisch zu werden, indem ihre morphologische Oberseite mehr oder weniger abgeflacht blieb. Ich operirte mit jüngeren Blättern, die entweder ganz etiolirt, oder zwar ergrünt aber noch nicht aufgebläht waren; solche Blätter sind meist stark heliotropisch, krümmen sich aber, ihrer grösseren Dicke entsprechend, viel langsamer als die Sämlingsblätter. Sie sind, infolge des in verschiedenen Richtungen ungleich grossen Durchmessers, nicht physiologisch radiär: die Krümmungsfähigkeit ist bedeutend grösser, wenn das Blatt mit der Fläche, als wenn es mit der Kaute der Lichtquelle zugekehrt ist. Die individuellen Differenzen der heliotropischen Empfindlichkeit sind so bedeutend, dass sie selbst den Einfluss des Alters verdecken können: es kommt hier entgegen der allgemeinen Regel vor, dass ein älteres Blatt sich stärker krümmt, als ein jüngeres schneller wachsendes. Aus demselben Grunde sind diese Blätter ziemlich ungünstige Versuchsobjecte, da man nicht voraussehen kann, 119 ob die für einen Versuch ausgewählten Blätter genügend krümmungsfähig sein werden. Von den Versuchen über Fortpflanzung des heliotropischen Reizes blieb einer resultatlos infolge zu geringer Krümmungsfähigkeit der Blätter; ein zweiter gab ein zweifelhaftes Resultat. Die übrigen drei Versuche Heferteu ein überzeugendes positives Ergebniss. Versuch 39. Allium Cepa. Eine Pflanze mit fünf orgi-iinten, flachen Blättern von 5,8-13,8 cm Länge wird partiell verschüttet, so dass bei den einzelnen Blättern ein Stüci; von folgender Länge über die Erdoberfläche hervorragt: I, II und III: 8 — 9 cm, IV: 3 cmj V: 1 CHI. Versuchsdaiier von 12 Uhr Mittags bis 10 Uhr Morgens des folgenden Tages. Nach 5 Stunden war der oberiidischc Theil aller Blätter bereits in ganzer Länge gekrümmt, und hinter dem Blatt V befand sich ein deutliches Grübchen in der Erde. Nach Schhiss des Versuches und Wegschütten der verdunkelnden Erde zeigt sieb im unterirdischen Theil der Blätter I, IV und V eine sehr deutliche Krümmung (Fig. 41), welche sich mehrere cm weit unter die Lichtgrenze hinab erstreckt und der Fig. 41. Krümmung des oberirdischen Theiles an Stärke kaum nachsteht. — Auch die Blätter H und III sind in ihrem unterirdischen Theil merklich gekrümmt, aber schwächer als die anderen und in kürzerer Strecke; dies erklärt sich durch das (constatirte) erheblich langsamere Wachsthum dieser beiden Blätter, sowie dadurch, dass sie tordirt waren und in ihrem unterirdisciien Theil der Licht:iuclle die Kante zukehrten während die anderen Blätter in ihrer gairzcn Länge mit der Ihiclien Seite lichtwärts gewandt waren. In den zwei übrigen Versuchen, welche ebenfalls fast einen ganzen Tag dauerten, krümmte sich eines von vier Blättern im verdunkelten Theil nicht merklich, die anderen aber krümmten sich ebenso wie die in Fig. 41 dar- gestellten Blätter, theilweise sogar erheblich stärker. "■• 120 Versuche mit den Hlattßticlcii von Tropae.olimi minus. § 54. Unter den in Stiel und Laraina gegliederten Blättern wählte ich für meine Versuche nur solche aus, bei denen die Laraina ungefähr senk- recht zum Stiel steht, wo also die Lichtlage der ersteren bei jeder beliebigen Lichtrichtung durch einfache heliotropische Krümmung des Blattstiels, ohne Mitwirkung von Torsion, erreicht werden kann. Unter solchen Blättern stellen diejenigen von IVopneoluni, namentlich die Primärblätter, ein ganz besonders gtlnstiges Object dar. Die (nicht zu alten) Blattstiele sind ausser- ordentlich heliotropisch; bei einseitiger Beleuchtung stellen sie sich gewöhnlich genau in die Lichtrichtung ein, und zwar auffallend schnell. In einem Versuch z, B. richteten sich die Stiele der Primärblätter zweier Ptlänzchen schon nach '2 stündiger Exposition genau nach der Lichtquelle, obgleich sie zu diesem Zwecke einen Bogen von über 90** (der eine sogar einen solchen von 135") hatten beschreiben müssen: in einem anderen Versuch hatten die Stiele sogar schon im Laufe einer Stunde die Lichtrichtung erreicht. Freilich erfolgt die Reaction lange nicht bei allen Exemplaren mit derartiger Schnelligkeit. Ich bemerke, dass die Blattstiele, entsprechend ihrer cylindrischen Form, sich auch physiologisch wie radiäre Organe verhalten: sie krümmen sich lichtwärts mit gleicher Schnelligkeit und Genauigkeit, von welcher Seite sie auch beleuchtet sein mögen; Epinastie macht sich dabei nicht im geringsten bemerklich. Ebenso hat aber auch die Gravitation keinen merklichen Ein- fluss auf die heliotropische Krümmung. Ich gab in einem Versuch den Blattstielen mehrerer Ptlänzchen eine verschiedene Lage gegen das Erd- eentrum: die einen waren aufwärts, die anderen abwärts, die dritten horizontal gerichtet, alle aber senkrecht zu dem in horizontaler Richtung einfallenden Licht; alle erreichten die Lichtlage gleich vollständig und in der gleichen Zeit. Die Vertheilung der Wachsthumsintensitä.t ist acropetal; von mehreren raarkirten, T'/a mm langen Zonen wächst die oberste sehr schnell (100 bis 200 % Zuwachs in 24 Stunden), und basalwärts nimmt die Wachsthums- intensität ziemlich rasch ab. Die Länge der wachsenden Region beträgt ca. 3 cm:, Blattstiele, welche dieses Mass noch nicht überschritten haben, wachsen also in ihrer ganzen Länge. Der Verlauf der heliotropischen Krümmung ist derselbe, wie im Epicotyl von Tropaeohwi. Die ganze wachsende und krümmungsfähige Region streckt sich allmälig vollkommen gerade; folglich nehmen junge, nicht über 3 cm lange Blattstiele schliesslich ganz und gar die Richtung der Lichtstrahlen an, so dass jemand, der die Anfangsstadien der Krümmung nicht gesehen hat, meinen könnte, der Blattstiel habe sich ohne Krümmung wie an einem Gelenk bewegt. In älteren Blattstielen kann sich nur noch der wachsende Obertheil krümmen, und an seiner äussersten Basis bildet sieh zuletzt eine fast winkelige Krümmung aus. 121 In Anbetracht dessen, dass durch die heliotropische Kriimtnuns? des Blattstiels die Laraina eo ipso in die Lichtlage gebracht wird, tragt es sich, welcher von den beiden Blatttheilen hier der ausschlaggebende ist. Obgleich die Bewegung nur von dem Blattstiel ausgeführt wird, ist es doch sehr wohl denkbar, dass die diaheliotropische Lamina allein empfindlich sei, dass sie die empfangene Reizung dem Blattstiel übermittele und ihn veranlasse sich so lange prosheliotropisch zu krümmen, bis sie selbst die Gleichgewichtslage erreicht hat ' ) (ein solches Verhältniss besteht , wie wir gesehen haben, rautatis mutandis, zwischen dem Cotyledo und dem Hypocotyl der Paniceeii). Oder, wenn überdies auch der Blattstiel selbst heliotropisch empfindlich ist, so könnte doch die Mitwirkung einer Reizung der Lamina zur Erreichung der vollen Bewegungsamplitude unentbehrlich sein (wofür, wieder mutatis mutandis, das Verhältniss von Spitze und Basis vieler heliotropischer Keim- linge ein Analogon bietet), oder eine solche Mitwirkung könnte wenigstens die Schnelligkeit der Krümmung des Blattstieles wesentlich erhöhen. Es fragt sich also zunächst, ob der Blattstiel überhaupt heliotropisch empfindlich ist, und, falls ja, ob die gleichzeitige Beleuchtung der Lamina seine Krümmung in nachweisbarer Weise beeiuflusst. Die Oberseite der Lamina wurde mit einer wenig grösseren Stanniol- lamelle bedeckt, die vorstehenden Ränder der letzteren umgebogen und der Unterseite der Lamina angedrückt. So lange das Blatt jung und die Lamina noch ziemlich klein ist, führt diese Art der Verdunkelung keine übermässige Belastung des Blattes herbei. Die Versuche wurden mit Priraärblättern gemacht; bei dem einen Blatt (b) jedes Paares wurde in der bezeichneten Weise die Lamina verdunkelt, das andere Blatt (a) diente zum Vergleich. In einem Versuch wurde bei den Blättern h auch die ganze Unterseite der Lamina mit Stanniol verdunkelt. Alle Versuche zeigten übereinstimmend, dass die Beleuchtung der Laraina ohne Einfluss auf die Krümmung des Stieles ist, denn die Blätter a und die Blätter h erreichten die Lichtlage gleich schnell und 1) Nach Frank (7, 4811 soll Cli. Darwin angehen, dass bei den Kliitteni nnr die Lamina heliotropisch cmplindlich ist, und zwar soll dies daraus hervorgelien, dass der Stiel sieh nur im Verbände mit der Lamina heliotropisch krümmt und nach Abschneiden der Lamina die Kriimmungsfahigkeit verliert. Das ist ein sonderbares Versehen von Seiten Frank 's — doppelt sonderbar in einem Lehrbuch — , denn Darwin hat nichts derartiges behauptet und keinen solchen Versuch gemacht (welcher nb. die genannte Behauptung auch keineswegs beweisen würde; vgl. § 78 dieser Arbeit). Vielmehr spricht Darwin auf Grund eines anderen Versuches die entgegengesetzte Ansicht aus, dass nämlich die Lamina die heliotropische Krümmung des Stiels nicht becinflusst (vgl. die folgende Anmerkung, S. 122), was auch ich finde. Versuche mit Abschneiden der Lamina hat Voechting ausgeführt (19, 523) und zwar mit 3/a/i;aceeji-Blättcrn, doch findet er das gerade Gegentlieil von dem, was Frank angiebt, nändich, dass der Blattstiel sich auch nach dem Abschneiden der Lamina heliotropisch krümmt. 122 _ mit gieiclKM' Vallkoninieiiheit ' }. — Dass der Blattstiel selbst, unabliängig von der Laraina, heliotropisch ist, kann man übrigens auch schon aus der einfachen Thatsache schliessen, dass er in ganz der gleichen Weise ira etiolirten Zustande der Blätter reagirt, wo die Lamina noch nicht entfaltet und zum Blattstiel nicht senkrecht gerichtet ist. Endlich stellte ich noch fest, dass auch die Verdunkelung einer 6 bis 7 ','2 mm langen Spitze des Blattstiels selbst (ohne und mit gleichzeitiger Verdunkelung der Lamina) ohne Einfluss auf dessen Krümmung bleibt, — dass somit die heliotropische Empfindlichkeit im Blattstiel von Tropaeoliim, ebenso wie im Epicotyl derselben Pflanze, glcichmässig verthcilt ist. Dies hindert nicht, dass in den Blattstielen, gerade so wie im Epicotyl von Tropaeolum, der heliotropische Reiz sich in ausgezeichneter Weise fortzupflanzen und im künstlich verdunkelten Uutertheil eine sehr aus- gesprochene Krümmung zu veranlassen vermag. Versuch 40. Tropaeolum minus. Ein 'J'opf cntliält sieben am Licht entwickelte Pdänzchen. Die schon 7 — 10 cm langen Priniärblatt-Stiele sind aufwärts gerichtet, dabei aber ein wenig nach der einen Seite geneigt. — Der Topf wird soweit verschüttet, dass von den Blattstielen sich nur (;ine Spitzeni'egion von N'crscli'edener Länge am Licht befindet. Nacli S'/^ Stunden: Der oberirdische Tlicil der Blattstiele ist jetzt 0,9 — 3,0 cm lang; mit Ausnahme eines Stieles, der aus irgend einem Grunde ganz gerade geblieben ist, ist derselbe durchgängig gekrümmt, meist so stark, dass die Lamina fast vertical steht. Hintei mehreren Blattstielen befinden sich kleine Grüljchen in der Erde. 1) Derartige Versuche, mit etwas anderer Versuchsanstellung aber mit dem gleichen Ergebniss, hat auch schon Darwin l5, 414) mit den Blättern von Tropaeolum majus und Batmnculus Ficaria ausgeführt. Mit Unrecht schliesst al)er Darwin aus diesen Versuchen, dass die Lamina die Krümmung des Stieles überhaupt nicht be- einflussen kann (denn dies ist wohl der Sinn seiner Worte: ,,E's ist äusserst zweifel- haft, ob bei vollstänclhj entwickelten Pflanzen die Beleuchtung eines Theils jemals die Krümmumj eines anderen Theils hceivflusst"). Es ist nämlich sehr wohl möglich, dass auch die Lamina heliotropisch gereizt wird und ihre Reizung auf den Stiel überträgt; aber wenn die direete Reizung des letzteren so gross ist, dass sie allein schon das mögliche Ausmass der Bewegung veranlasst, so wird natüriicli die hinzukommende, von der Lamina zugeleitete Reizung ohne erkennbare Folgen bleiben müssen; die Folgen derselben werden nur dann sich zeigen, weim die direete Reizung des Stieles ausgeschlossen ist, etwa durch Verdmikclung des letzteren. Ein solches Verhältniss der nur bedingt hervortretenden Reeinllussung eines Organtheils durch den anderen besteht thatsächlich im Epicotyl von Tropaeolum tninus (vgl. § 47 dieser Arbeit). Die Frage, ob ein soielu-s Verhältniss faetisch besteht, lässt sich für das Blatt von Tropaeolum, in Folge technischer Schwierigkeiten, niclit in der einfachen Weise lösen, wie es beim Epicotyl geschah. Vocch ti ng (19), welcher diese Frage an den Blättern der ^falvaceen untersuchte und zu dem Resultat gelangte, dass die Lamina dem Stiel einen hcliotropisclien Reiz zu übermitteln vermag, nuisste zu einer complieirten und doch nicht einwurfsfreien Versuchsanstellung seine Zuflucht nehmen. 1^3 Beim Wegsschütten der Erde vergrössert sich die Neigung des Obertheils etwas. Der unterirdisclie Tlieil erweist sich bei allen 13 Blattstielen lirhtwärts gekrümmt, und zwar bei dreien .merklich, bei dreien sehr deutlich, und bei den sieben übiigen ist die Krüniminig stark oder sehr stark und erstreckt sich mehrere cm oder doch wenigstens über 1 cm unter die Lichtgreuze hinab. In Fix- 42 ist der obere Theil zweier Paare von Fij?. 42. Blattstielen al)gebildet; bei dem Paar a war die Krümmung des unterirdischen Theils mit am stärksten. — Der verschiedene Grad der Krümmunü; hängt vor allem von der Länge des oberirdischen Theiles der Stiele ab : wo dieser 3 cm oder nicht viel weniger lang war (also fast die ganze wachsende Region umfasste), konnte sich natürlich vom unterirdischen Theil nur eine kurze Zone krümmen. Die Wiederholung dieses Versuchs mit Blättern älterer, schon viele Internodien zählender PHanzen gab anfänglich nicht ganz befriedigende Resultate; doch musste das wohl nur an der ungenügenden Kriimmungs- fähigkeit der ausgewählten Blattstiele gelegen haben, denn schliesslich gelang ein Versuch ausgezeichnet. Mit Uebergehung der Details bemerke ich nur, dass alle (4) Versuchsblattstiele sich sehr scharf krümmten, wobei die Krümmung sich ganz im unterirdischen Theil befand und nicht weniger als 1 cm unter die Lichtgrenze hinabreichte (Fig. 43;; bei zwei darauf unter- Fig. 43. Der obere Theil zweier Blattstiele von Tropaeolum minus, a der am schwächsten, h der am stärksten gekrünnnte Blattstiel in dem be- treffenden Versuch. suchten Blattstielen fand sich, dass diese Krümmung definitiv fixirt war, also war sie bis an die äusserste Basis der wachsenden Region gerückt, welche darauf im Laufe des Versuchs ihr Wachsthum einstellte; das ist das mögliche Maximum des Effects. Allerdings hatte die Exposition, infolge der geringeren KrümmungstVihigkeit der lUattsticle, viel länger gedauert als in Versuch 40. 124 Versuche mit Blattstielen anderer Pflanzen. § 55. Hei Pharhifis lilspiäa erreichen die uiclit zu alten Blätter im liaufe einiger Stunden, durch heliotropische KriimniUDg des Blattstiels, eine fast vollständige Lichtlage; das Object ist also ziemlich günstig, wenn auch lange nicht so wie Trojxieohiin, da die Blattstiele nur 3—4 cm. lang werden und viel laugsamer wachsen. Da die Internodien hier sehr laug sind und die Blattstiele nicht vertical stehen, konnte nicht mit ganzen Pflanzen operirt werden; vielmehr wurden Stengelstiicke mit je einem daran sitzenden Blatt abgeschnitten und in kleinen Schalen theilweise mit Erde verschüttet, wobei den Blattstielen eine verticale Richtung gegeben wurde; die verdunkelnde Erde liess ich in diesem Falle sich mit Wasser vollsaugen, da sonst die zarten Blätter welken und eine Krümmung nicht stattfindet. — Ein Vorversuch ergab, dass die auf ihrer Oberseite rinnigen Blattstiele deutlich epinastisch sind ; die cpinastische Krümmung combinirt sich in hier nicht näher zu beschreibender AVeise mit der heliotropischen, und um beide Krümmungen unterscheiden zu können, muss man sie in aufeinander senk- rechten Ebenen stattlinden lassen, — was dann geschieht, wenn der Blatt- stiel mit einer Flanke der Licht(iuelle zugekehrt ist. In zwei Versuclien wurden drei Blattstiele' in dieser Weise untersucht, und bei allen ergab sich ein positives Resultat, wenn auch die heliotropische Krümmung des verdunkelten Theiles ziemlich schwach war. Vgl. Fig. 44; (beim dritten Blattstiel war nb. die Krümmung stärker als bei den zwei in dieser Figur dargestellten). //■ // Fig. 44. Heliütropische Kriimtmuig zweier Hlalfstiele von Pharbilis hispida; dieselben waren itiifänglieh etwas von der Li<'lit»nielle weggekrümmt. Expositionsdaucr von 6 Uhr Abends bis 10'/^ Uhr Morgens. Ferner stellte ich je einen Versuch mit den vertlcalen Gruudblättern folgender Species an: Althaea ficifolia (zwei an der Basis abgeschnittene Blätter), Viola sppc. (zwei Blätter) und FetroseJhium sativum (drei Blätter). Bezüglich der Resultate, welche durchgängig positiv waren, ver- weise ich auf Fig. 45. Die Blattstiele von Viola und namentlich von Petrosplimtm sind ziemlich günstige Objecte; die dicken Blattstiele von Althaea gehören hingegen zu den ungünstigsten: sie krümmen sich sehr langsam, und selbst nach andauernder Exposition bleibt die heliotropische 125^ Krüinuuiu-^ unbedoutciul ; ich habe mit Absicht auch ein derartiges Objcct in Untersuchung genommen // Die in Fig. 45^ dargestellte Krümmung im eine» Blattstiels. Expositionsdauer I JJ- m Fig. 45. I. Aliiaea ficifolia. Oberer Theil (ca. 1/4) Expositionsdauer 24 Stunden. II. Viola spec. Ein l^lattstiel in ganzer Länge 53/4 Stunden. III. Fpfroselimtm salivinn. Alle drei Blattstiele in fast der ganzen Länge (mit Ausnahme der äussersten Basis). Expositionsdauer 53/4 Stunden. verdunkelten Theil des Blattstiels mag allerdings sehr schwach" erscheinen ; man ziehe aber in Betracht, dass die in ganzer Länge beleuchteten Blatt- Stiele sich nur sehr wenig stärker krümmten. VII. Versuche mit Stengelorganen. A. Allgemeines. § 56. In Stengeln, die aus mehreren oder vielen Internodien bestehen, kann die Vertheilung und Periodicität des Wachsthums, soweit ich beobachtet habe, von zweierlei Art sein (natürlich sind beide Arten miteinander durch Uebergänge verknüpft). Im einfacheren Falle wächst der ganze Stengel so, als ob er aus einem einzigen Internodium bestände: er enthält ein einziges Wachsthumsmaxiraum, von dem an die Wachsthumsintensität nach beiden Richtungen, schneller oder langsamer, aber jedenfalls continuirlich fällt. Die grosse Wachsthumsperiode durchläuft solch ein Stengel als ein ganzes: die Gesamratwachsthumsintensität und die Gesammtlänge der wachsenden Region, — ob diese nun ein, mehrere oder viele Internodien umfasst — , nehmen mit dem Alter zunächst continuirlich zu, dann continuirlich ab (Constanz der äusseren Bedingungen vorausgesetzt)-, da indess diese Veränderungen nur langsam vor sich gehen, so können wir in kurzen Zeiträumen, z. B. inner- halb 24 Stunden, beide Grössen als constant betrachten. Solche Stengel möchte ich als Stengel mit nicht individualisirten Internodien bezeichnen. 126 Den Gegensatz hierzu bilden die Stengel mit individualisirlen Internodien, zu welchen die grosse Mehrzalil der Stengel mit erheblich gestreckten inter- nodien zu gehören scheint, liier wächst jedes Internodium, sozusagen, wie ein besonderes Individuum und durchläuft für sich die grosse Wachsthuras- periode: es wächst zuerst in seiner ganzen Länge, mit (meist) in der Nähe der Spitze befindlichem AVachsthumsmaximum, — dann hört die Basis zu wachsen auf, und das Wachsthum concentrirt sich mehr und mehr in der Spitzenregion, Wenn im Stengel mehrere Internodien in dieser Weise im Wachsthum begriffen sind, so enthält derselbe ein hauptsächliches und mehrere sekundäre Wachsthumsmaxima, zwischen denen die Wachsthums- inteusität geringer oder theilweise selbst =: ist, — wobei aber die Zu- resp. Abnahme der Gesararatwachsthumsintensität des ganzen Stengels mit dem Alter doch eine continuirliche sein kann. In gewisser Hinsicht com- plicirter gestaltet sich die Sache, wenn, was häufig der Fall ist, die wachsende Region des Stengels im wesentlichen nur ein einziges Internodium, nämlich das oberste entwickelte Internodium, umfasst: solange dieses uocli stark wächst, bleiben die folgenden Internodien unentwickelt in der Gipfel- knospe; erst wenn das Wachsthum des ersteren erloschen oder im Erlöschen begriffen ist, beginnt das folgende Internodium sich zu strecken ; dieses wächst anfangs langsam, dann schneller, dann wieder langsamer und nur noch in seinem oberen Tlieil; jetzt erst kommt die Reihe an das dritte Internodium, u. s. w. In diesem Falle hängt die Gesammtwachsthums- intensität des ganzen Stengels davon ab, in welcher Phase sich das eben in Streckung begriffene Internodium befindet: sie ist beträchtlich, wenn das Internodium im Maximum seiner grossen Periode ist, — sie wird viel ge- ringer zu der Zeit, wo das eine Internodium sein Wachsthum schon einstellt, während das folgende sich erst zu strecken beginnt. Die grosse Periode des ganzen Stengels wird alsdann, auch bei Constanz der äusseren Factoren, nicht eine einfache, sondern eine geschlängelte Curve darstellen, indem die Wachsthumsintensität in kurzen Perioden steigt und fällt. Mit der gleichen Periodicität schwankt dann auch die Länge der wachsenden Region, so dass wir also in solch einem Stengel abwechselnd bald eine längere stark wachsende, bald eine kurze langsam wachsende Strecke vorfinden ' ). 1) Die oben besprochenen Verhältnisse scheinen bisher nicht in gebührendem Masse beachtet worden zu sein. Die übliche Wachsthunismessung mittels Auxano- meter giebt nur über den Gang der gesammten Wachstlunnsintensität eines Stengels, nicht aber über die Vertlieilung derselben Aufschluss, und mittels Massstabes wurde die Vertheilung der Wachsthumsintensität im Allgemeinen nur bei einzelnen Inter- nodien und nicht bei aus mehreren Internodien bestehenden Stengeln untersucht. Eine nähere Untersuchung (die ausserhalb des Planes meiner Arbeit lag) wäre hier, wie mir scheint, am Platze, und würde vielleicht auf manches Licht werfen. So wäre es z. B. nicht unmöglich, dass die Schwankungen der Wachsthumsintensität von Stengeln, die man, in nicht immer befriedigender Weise, durch die Einwirkiuig resp. Nachwirkung äusserer Factoi'en zu erklären pflegt, zum Theil auf individualisirtem Wachsthum der Internodien beruhen. 127 Unter den zu meinen Versuchen benntztf^n Stengeln liai (soweit icli, ohne eingehende Untersuchungen darüber anzustellen, beobachtet habe), nur derjenige von Linum tisitatisshnwn nicht individnalisirte Internodien, während bei allen übrigen die Internodien mehr oder weniger individualisirt sind. Letzteres gilt auch für den entwickelten Stengel von Vicia safiva, während der Keimstengel dieser Pflanze nicht individnalisirte Internodien hat (vgl. § 33); die betreffenden Wachsthumsverhältnisse können sich also mit dem Alter des Stengels ändern, wofür ein zweites Beispiel, nur in um- gekehrtem Sinne, Linum usitatissimiim bietet: hier hat nämlich das Hypocotyl individualisirtes Wachsthum, welches in späterem Entwickelungs- stadium (ob allmälig oder plötzlich, habe ich nicht beachtet) durch nicht individualisirtes Wachsthum der Internodien ersetzt wird. Da nun die krümniungsfähigc Region mit der wachsenden zusammenfällt und die Krümmungsfähigkeit unter anderem von der Wachsthumsintensität abhängig ist, so folgt, dass bei Stengeln mit individualisirten Internodien die heliotropische KrUmmungsfähigkeit mit der Wachsthumsphase in mehr oder weniger hohem Grade variirt. Der nämliche Stengel, welcher sich gestern stark und in ziemlich langer Strecke krümmte, kann heute sich viel schlechter krümmen oder selbst ganz unbrauchbar für heliotropische Versuche sein, während er morgen oder übermorgen, wenn ein neues Internodium stark zu wachsen begonnen hat, für eine Zeitlang wieder die früheren Eigenschaften annimmt. In welcher Phase sich der Stengel gerade befindet, kann nur experimentell entschieden werden, denn man sieht es den Internodien nicht an, welche Länge sie noch erreichen werden; eine experimentelle Ent- scheidung ist aber, praktisch genommen, zwecklos, denn wenn wir auch heute eine starke Krümmungsfähigkeit bei unserem Stengel constatiren, so bleibt es fraglich, ob dieselbe bis morgen andauern wird, und ebenso fraglich bleibt es, wie laug morgen die krümmungsfähige Region sein wird. Selbstverständlich kann eine Krümmung im verdunkelten Theil eines heliotropischen Stengels nur dann und nur insoweit überhaupt erwartet werden, als dieser Theil während des Versuches noch im Wachsthum be- griti'en ist, und deshalb ist es erwünscht sich in jedem einzelnen Falle zu überzeugen, ob dies zutrifft. In Ermangelung eines besseren Mittels ver- fuhr ich folgenderraassen. Bei Beginn des Versuches markirte ich die Licht- grenze an jedem Object durch einen Tuschstrich, und vor Schluss des Ver- suches überzeugte ich mich, um wieviel dieser Strich über die gegenwärtige Lichtgrenze (die vor dem Wegschütten der verdunkelnden Erde ebenfalls markirt wurde) emporgerückt ist; die Differenz der ursprünglichen und der definitiven Lichtgrenze ergiebt den Gesammtzuwachs des verdunkelten Unter- theiis für die Zeit der Versuchsdauer. Diese Methode giebt leider keinen Aufschluss über die Länge der wachsenden Region im unterirdischen Theil des Stengels; doch erlaubt sie wenigstens annähernd zu schätzen, ob in diesem Stengeltheil überhaupt Wachsthum stattfand und ob dasselbe stark oder schwach war. Ergab sich kein merklicher Zuwachs, so musste der 128 Versiicli iiocli ft)r(}j;e.sclzl werden, und wenn aucli nneh längerer Kxjjositions- dauor kein Fortschritt zu constatircn war, so war es klar, dass das Object unl)rauclil)ar und der Versuch zu verwerfen ist. Derartige Fälle wurden natürlich nicht weiter in Betraclit gezogen. Als negativ darf ein Versuchsrcsulfat nur dann angesehen werden, wenn der verdunkelte Stengeltheil, trotz zweifellosen Wachstliums und bei ziemlich langer Versuchsdauer, keine deutliche Krümmung aufweist. Andererseits Hess ich das Ilesultat nur dann als positiv gelten, wenn der verdunkelte Stengeltheil am Schluss des Versuchs in einer Ausdelinung von wenigstens ca. 1 cm ganz unverkennbar lichtwärts gekrümmt war. (Vgl. hierzu § 7, über den Grad der Liclitdurclilässigkeit der zur Verdunkelung benutzten Erde.) Ich bemerke im N'oraus, dass bei mehreren Objecten oft negative oder zweifelhafte Resultate erhalten wurden, was wohl wesentlich der schädigen- den Wirkung des Verschüttens mit trockener Erde zuzuschreiben ist. Bei entwickelten, beblätterten Stengeln, und insbesondere bei den dünnen zarten Objecten, mit denen ich zumeist operirte, muss schon wegen ihrer relativ viel grösseren Oberfläche diese schädigende Wirkung sich bemerklicher machen^ als bei Keimlingen, — ferner auch in Anbetracht der meist bedeutend längeren Versuchsdauer. Oefters war die schädigende Wirkung der Ver- schüttung direct zu sehen, besonders bei Vicia sativa: nach dem Versuch waren die Blätter etwas erschlafft und eingerollt, der Stengel wuchs auf- fallend schwach, und es vergingen mehrere Tage bevor die Pflanze völlig wiederhergestellt war. In Anbetracht dessen ist es nicht zu verwundern, wenn die Krümmuugsfähigkeit eines verschütteten Pflanzentheils wesentlich vermindert oder selbst aufgehoben wird, und unter solchen Umständen eine deutliche und ausgedehnte Krümmung nur dann zu Stande kommt, wenn das Organ besonders kräftig ist und sich in einer besonders günstigen Wachsthumsphase befindet. Man wird also selbst ausgesprochen negative Resultate nicht als un- bedingt entscheidend in der Frage nach der Fortpflanzung des heliotropischen Reizes ansehen dürfen, vrähreud ausgesprochen positive Resultate allerdings beweisend sind, da sie anders als durch Reizfortpflanzung sich nicht in befriedigender Weise erklären lassen. Um zu beweisen, dass eine heliotropische Reizübertragung nicht existirt, hat Wiesner (23, 76) unter anderem auch Versuche mit halbetiolirteu Laub- und Blüthenstengeln zahlreicher Pflanzen angestellt, von denen er Saxifraga sarmentosa und Peperomia trkliocarpa nennt. Er fand, dass diese Organe, wenn sie der ganzen Länge nach beleuchtet sind, sich in flachem Bogen lichtwärts krümmen, wenn aber die untere Partie verdunkelt wird, dieselbe „fast ganz aufrecht" bleibt. Wenige Zeilen weiter spricht Wiesner schon direct von der „sich einstellenden schivaclien Krümmung in der oberen Hälfte des verdunkelten Stengeltheils" . Der verdunkelte 129 Theil der Stengel hat sich also unzweifelhaft gekrümmt, — anscheinend sogar in ziemlich ausgedehnter Region — , und wir könnten somit die W i e s n e r'schen Versuche ohne weiteres als beweisend zu gunsten der Reiziibertragung acceptiren, wenn nicht die Vollständigkeit der Verdunkelung zweifelhaft wäre (da Wiesner über die Methode der Verdunkelung nichts aussagt). — Wiesner selbst, für welchen der Heliotropismus keine Reiz- erscheinung und folglich die Fortpflanzung eines heliotropischen Reizes ein Absurdum ist, wird natürlich durch seine eigenen Versuche nicht bekehrt, sondern hat für dieselben eine Erklärung auf Grund seines „Zugwachsthums" bereit, doch werden wir bald sehen, was von diesem „Zugwachsthum" zu halten ist. B. Verthellnn^ der heliotropischeu Empfindlichkeit. § 57. Will man bei entwickelten Stengeln entscheiden, ob die Verdunkelung einer Spitzenregion die heliotropische Neigung des ganzen Stengels beeinfliisst, so genügt es nicht durch Vergleichung zweier aus mehreren Exemplaren bestehender Gruppen die individuellen Differenzen der heliotropischeu KrUmmungsfähigkeit annähernd auszugleichen; man muss überdies auch noch den Einfluss der Wachsthumsphase der einzelnen Objecte eliminiren, mit der, wie wir sahen, die Krümmungsfähigkeit periodisch in weiten Grenzen schwanken kann. Hierzu ist es erforderlich, mit den nämlichen Objecten mehrere Tage hintereinander Versuche anzustellen, indem man am ersten Tage bei den Exemplaren der einen Gruppe die Spitze verdunkelt, am zweiten Tage bei denen der anderen Gruppe, am dritten Tage wieder bei denen der ersten u. s. w. abwechselnd, und dann aus allen Beobachtungen die Mittel zu nehmen. Dieses zeitraubende Verfahren habe ich nur einmal durchgeführt, nämlich mit Stengeln von Dahlia variahilis (forma Juarezii). Versuch 41. Dahlia variahilis. Ein grosser Topf mit fünf halbetiolirten, aus Knollen austreibenden Sprossen, die aus 2 — 6 entwickelten Internodien bestehen und 10 — 27 cm hoch sind. Alle Sprosse sind im allgemeinen stark heliotropisch; meist krümmt sich nur das obere Internodium, zuweilen auch die obere Hälfte des zweiten; im günstigen Fall streckt sich nach einigen Stunden das ganze erste Internodium in der Gleichgewichtslage gerade. Im Laufe des Versuches variirt bei jedem Spross sowohl die Länge der wachsenden Region, als auch der Grad der erreichten Neigung bedeutend, und die Phasen fallen bei den verschiedenen Sprossen nicht zusammen. Täglich wird der Topf für 4^2 — 6 Vi Stunden einseitig beleuchtet, die übrige Zeit steht er im Dunkeln, so dass sich die Sprosse bis zum folgenden Morgen geotropisch aufrichten. Da die Aufrichtung mitunter keine ganze vollständige ist, so wird der Topf bei jeder folgenden Exposition von der entgegengesetzten Seite beleuchtet als bei der vorhergehenden. Am ersten, dritten und fünften Tage werden die Sprosse I, II in ganzer Länge beleuchtet, und bei den Sprossen III, IV, V wird die Spitze des obersten entwickelten Indernodiums mittels 9 mm langen Stanniolverbandes verdunkelt; am zweiten, vierten und sechsten Tage geschieht das umgekehrte. Cohn, Beiträge zur Biologie der Ptlanzen, Bd. VII. Heft I. 9 130 Bei einem der Sprosse, wo die Wirkung der Spitzenverdunliehing am regel- niässigsten hervortrat, wurden beispielsweise die folgenden Neigungen an den ver- schiedenen Tagen beobachtet (unterstrichen sind die Tage, an denen die Spitze ver- dunkelt war): 75", 50'», 65», 20», 45", 5". — Die Gesammtresultatc des Versuchs sind aus der folgenden Tabelle ersichtlich. a) Bei Beleuchtung in l>) Bei Verdunkelung Diüerenz Sprosse ganzer Neigung Länge Mittel der Spitze Neigung Mittel der Mittel I 20-40" 30» 10-25» 17V-2" l-3'/2" II 45—75" 63» 5—50» 25" 38» III 40-75" 60" 5-40" 22» 38» IV 5— SO» 41» 0-50" 25» IG» V CO -SO» 721/2« 40-80» 00» 12V2*' Gesammtmittel aus allen Be- obachtungen. . 55" 29" 2G» So ergiebt sich bei sämmtlichen Sprossen eine deutliche, mehr oder weniger be deutende Verminderung der heliotropischen Neigung infolge Verdunkelung der Spitze. Wir dürfeu also schliesseu, dass es auch unter den entwickelten Stengeln solche giebt, bei denen die heliolropische Empfindlichkeit in ähnlicher Weise ungleichmässig vertheilt ist, wie bei vielen Keimlingen, wo also eine relativ kurze Spitzenregion stärker empfindlich ist als der übrige Theil der kriimmungs- fähigen Region und dementsprechend die heliotropische Reizung der ersteren die Kriimmungsfähigkeit des letzteren steigert. Dass aber nicht alle entwickelten Stengel sich so verhalten, haben wir bereits gesehen, denn es wurde gezeigt (§ 40), dass bei Yicia sativa die im Keimstengel ungleichmässige Vertheilung der heliotropischen Empfind- lichkeit mit fortschreitender Entwickelung des Stengels schon früh einer gleichmässigen Vertheilung weicht. Ferner fand Darwin (5^ 414), dass bei jungen Stengeln von Asparagus officinalis die Verdunkelung der Spitze ohne Einfluss auf den Grad der heliotropischen Krümmung bleibt. C. Fortpflanznug- der heliotropischeii Beiznug*. § 58. Ich beginne mit den weniger günstigen Objecten, unter denen wiederum Vicia sativa^ trotz der grossen heliotropischen Krümmungsfähigkeit ihres Stengels, bei weitem das ungünstigste ist. Von dieser Pflanze gelangten Sämlinge zur Untersuchung, welche aus 3 — 6 Internodien (ohne die basalen, nur Niederblätter tragenden zu rechnen) bestanden und 18 — 29 cm hoch waren. Versuch 42. Vicia sativa. Vier kräftige, sehr intensiv wachsende Exemplare, o) 2 Vergleichsexemplare, in ganzer Länge beleuchtet. 131 //) 2 VersuL-hsexeiiiplare werden soweit verschüttet, dass nur ein 12 resp. 9 mm langer Obertheil des ersten •) Internodiums am Licht bleibt. Nach 4 Stunden: a) Das erste Internodium bogenförmig gekrümmt, der Obcrtiicll desselben sehi- stark geneigt und in einer gewissen Ausdehnung geradegestreckt. Die Krümmung er- streckt sich bei der einen Pflanze ganz, bei der andern fast bis zur Basis des Internodiums. b) Der oberirdische Theil ist geradegestreckt und liorizontal gericlitet, nur diclit über der Erdoberfläche scharf gekrümmt. P]in kleines Grül)clicn in der Erde hinter den Stengeln, namentlich hinter dem einen, deutet auf das Bestehen einer Krümmung auch im unterirdischen Thcil. Nach Wegschütten der Erde zeigt sich in der Tliat, dass der etwas über l^j., cm lange verdunkelte Untertheil des ersten Internodiums bei beiden Pflanzen in seiner ganzen Ausdehnung zwar nur schwach, aber ganz unver kennbar lichtwärts gekrümmt ist (Fig. 46); die Krümmung steht dem Grade nach nur wenig hinter der Krümmung des entsprechenden Thelles der Vergleichsexemplare zurück. Fig. 46. Das Resultat dieses Versuches (des ersten den ich mit Vicia ausführte) ist ein ausgesprochen positives, — es blieb aber das einzige in seiner Art; mehrere andere Versuche blieben entweder resultatlos, oder sie lieferten negative Ergebnisse; nur einmal noch erzielte ich eine deutliche Krümmung im verdunkelten Stengeltheil, aber dieselbe erstreckte sich diesmal nur 5 mm weit unter die Lichtgrenze. Dass und warum die negativen Resultate die Beweiskraft der positiven nicht in Frage stellen können, wurde unlängst dargelegt. Es ist also nach Obigem bewiesen, dass im Keimstengel von Vicia eine Fortpflanzung des heliotropischen Reizes von einem beleuchteten zu einem verdunkelten Theil der krümmungsfähigen Region stattfinden kann. Andererseits muss aber zugegeben werden, dass sich hier (ebenso wie im Keimstengel von Vicia) diese Fortpflanzung sozusagen schwieriger oder in geringerem Grade voll- zieht als bei allen anderen noch zu besprechenden Objecten; das lässt schon der plötzliche Uebergang von der starken Krümmung des direct beleuchte- ten zu der schwachen Krümmung des verdunkelten Stengeltheiles (Fig. 46) annehmen. Man möchte meinen, dass hier die Reizung beim Uebergang in den verdunkelten Theil des Stengels wesentlich an Stärke verliert. Von Dahlia variahilis wurden junge Knollentriebe einer unter dem Namen Dahlia Juarezii cultivirten Form benutzt; dieselben sind dünner und zeichnen sich durch grössere heliotropische Krümmungsfähigkeit aus, als die Triebe der Hauptform. 1) Ich bemerke ein für alle mal, dass ich die Internodien von der Spitze des Stengels an zähle, wobei aber die unentwickelten Internodien, welche die Gipfelknospe bilden, nicht mitgezählt werden. 9* 132 Versuch 43. Dahlia variabilis. Ein zurückgosrhriittener Stengel mit zwei oppouirteii Seitensprossen, die aus je zwei Internodieii bestellen: Länge des Internodiuni I 2*/2 '"esp. 3 cm, des Inter- nodiuni II G'/j resp. 6 cm. In beiden Sprossen ist von einem früheren Versuch her eine geringe Krümmung im Internodium II verblieben, so dass ihr oberer Theil ein wenig geneigt ist. Naeh der Verschüttung ragt nur ein 13 resp. 10 mm langer Obertheil des Inter- nodium I über die Erdoberfläche. Versuchsdauer von l'/2 Uhr Nachmittags bis 9 Uhr Morgens. Bei Schluss des Versuchs beträgt der Gesammtzuwachs des unterirdischen Theils bei Spross A weniger als 4 mm, bei Spross B 4'/.2 mm. A ist im oberirdischen Theil leicht lichtwärts gekrümmt, im unterirdischen Theil hat keine Krümmung stattgefunden, vielmehr ist die anfängliche Neigung von der Lichtquelle weg unverändert erhalten. B (Fig. 47) ist im oberirdischen Theil ziemlich stark geneigt, aber nur schwach gekrümmt; im unterirdischen Theil hingegen ist nicht nur der l'/.j cm lange Unter- theil des Internodium I, sondern auch der Obertheil des Internodium II in einer 2 cm langen Strecke deutlich lichtwärts gekrümmt; nur im nicht mehr wachsenden Untertheil des Internodium II ist die anfängliche entgegengesetzte Krümmung er- halten geblieben. Fig. 47. Während also der Spross A ein negatives Resultat ergeben hat, hat bei Spross B der heliotropische Reiz bis zu einer Entfernung von .3 V2 cm unter- halb der Lichtgrenze und anscheinend bis zur Basis der kriimmungsfähigen Region seine Wirkung geltend gemacht; beachtenswerth ist hierbei, dass der Reiz sich von einem Internodiura aus durch den Knoten hindurch zum folgenden Internodium fortgepflanzt hat. Drei weitere Versuche gaben positive Resultate; die Krümmung des verdunkelten Theils war in einigen Fällen stärker als in Fig. 47, beschränkte 133 sich aber meist auf ein Internodium; die Expositionsdauer war geringer als in Versuch 43, in einem der Versuche betrug sie z. B. 7^/4 Stunden. — Einige andere Versuche ergaben unbefriedigende Resultate; in mehreren der- selben trat der schädigende Einfluss des Verschiittens mit Erde darin deut- lich zu Tage, dass auch die KrUmmungsfähigkeit des eleuchteten Stengel- theils auffallend vermindert war. Weiter experimentirte ich mit jungen Stengeln von Urtica dioica, (Sämlinge, und aus vorjährigem Rhizora austreibende Sprosse), Lopliospermum scandens, Alonsoa mcisifolia und Eupliorhia lieteropli)jUa : mit allen diesen Objecten wurden, wenigstens in einem Theil der Versuche, zweifellos positive Resultate erzielt, bezüglich deren ich auf die Figuren 48 und 49 verweise; von Eupliorhia (bei der die Krümmung des verdunkelten Stengel- theils einen ähnlichen Character hatte wie in Fig. 49 a) habe ich keine Zeichnung angefertigt. Fig. 48. Urtica dioica. I. Die beiden obersten ent- wickelten Internodien eines jnngen Sämlings. Expositions- dauer 51/4 Stunden. II. Die beiden obersten ent- wickelten Internodien eines jungen aus vorjährigem Rhizom austreibenden Sprosses. Ex- positionsdauer 6^/4 Stunden. a, Fig. 49. a) Alonsoa incisifolia. Oberer Theil eines jungen Stengels. Expositionsdauer 9 Stunden. h) Lophoapervmin scandens. Das erste entwickelte Inter- nodium eines jungen Stengels. Expositionsdauer 23 Stunden. § 59. Nunmehr gehe ich zu den günstigeren Objecten über, welche in allen Versuchen (es wurden mit jedem Object wenigstens zwei ausgeführt) ausgesprochen positive Resultate lieferten. Die Sämlinge von Liniim usitatissimum (ich verwandte solche von 9 — 13 cm Höhe) bestehen aus mehr oder weniger kurzen, im oberen Stengeltheil nur wenige mm langen Internodien mit nicht individualisirtem Wachsthum; die krümmungsfähige Region des Stengels ist 2 — 3 cm lang und umfasst folglich eine ganze Reihe von Internodien. 134 Versuch 44. Linum usitatissimum. Ein Topl" juii drei ril.ur/.cii wird dciarl vi rscliiitlcl, dass wuf eine 5 — 7 mm lange 8tengclsj)it7.c (olmc die CiipCclknospe 7.n leclinen) sicli am Licht befindet. Versuc'lisdaucr von l'/.2 Uhr Naclnnittags l)i,s l()'/.^ Uhr Morgens. Am Schhiss dos Versuches ist der ohciirdisclie Theil aller Stengel stark ge- neigt, nur dicht üher der Erdol)er(lächc geivrüniint und im Uchrigen geradegestreckt. Beim AVegschütten der Erde kriinnnt sich der unterirdische Stciigcltheil, infolge dessen die Stengelspitze sich unter die Horizontale neigt. Die Krümmung im ver- dunkelten Stengelthcil erstreckt sieh l'/2 1''^ fast 3 cm weit unter die Lichtgrenze und unifasst 4 — 7 Intei'uodien; sie ist ziemlich stark — namentlich bei einem der Stengel — und erreicht ihr Maximum erst in einer anselin'ichcn Eutfei'iuuig von der Lichtgrenzc. Vgl. Fig. 50. Fig. 50. Oberer Theil aller drei Stengel. Ein nicht weniger günstiges Object bilden die Stengel von ColeihS spec. Ich begnüge mich damit die einen der Versuche illustrirende Fig. 51 anzu- führen, die keines Commentars bedarf. Ich füge hinzu, dass in einem zweiten Versuch die Krümmung des verdunkelten Stengeltheils (die freilich etwas flacher war als in Fig. 51) 6,8 cm unter die Lichtgrenze hinab- reichte und drei Internodien umfasste, in deren unterstem sie erst ihr Maximum erreichte. Fig. 51. Coleus spec. Die obere Hälfte eines jungen Stengels (die römischen Zahlen bezeichnen die entwickelten Internodien). Expositionsdauer 2 1 '/^ Stunden. 135 _ Der Schaft (Inflorescenzstiel) von Brodiaea congesta, einer schönen Allium-'3\m\\Q\\ 53/4 Stunden: a) Iieide Vergleichssprosse sind massig lichtwärts gekrünnut, die Krümnumg um- fasst nur das Liternodium II rcsp. einen Theil desselben. l) Der oberirdische Theil der Versuchssprosse stellt naliczii vcrtical und ist aufTallenderweise nicht merklich gekrümmt. Der Gcsammtzuvvaehs des unterirdischen Stengeltheiis beträgt l'/-2 — 2 mm. — Beim Wegschütten der Erde neigt sich der Obertheil aller Sprosse in grösserem oder geringerem Grade lichtwärts, und im unterirdischen Stengelthcil kommt eine Krümmung von individuell verschiedenem Charakter zu Stande. Ich werde dieselbe für jeden Spross besonders beschreiben, unter Verweisung auf Fig. 53, welche den oberen Theil (die ersten zwei ent- wickelten Internodien sammt einem Theil des dritten) aller vier Versuchsstengel darstellt. Spross 1 (ein 12 vim langer Obertheil des Internodiiim I beleuchtet gewesen): Der ganze unterirdische Theil vollkommen gerade, nur das 3,5 cm unter der Licht grenze befindliche Basalgelenk des Internodium II schwach aber sehr deutlich gekrümmt, so dass dieses Internodium unter einem Winkel von wenigstens 10" ge neigt ist. Spross 2 (ein 8 m7n langer Obeitiieil des Internodium I beleuchtet gewesen): Das 2,5 cm lange Internodium II ist in seiner ganzen Ausdehnung, besonders aber in seiner basalen Hälfte ziemlich stark gekrümmt. 139 Spross 3 (das ganze Internodiuni I und der Obeitheil des Internodium II, zu- sammen eine 2i mm lange Strecke, beleuchtet gewesen): Der 1,9 cni lange verdunkelte Untertlieil des Internodium II ist nur in seiner Basalregion, hauptsächlich (aber nicht ausschliesslich) im Basalgeleiik gekrümmt. Spross 4 (das Internodiuni I und die Spitze des Internodium II, zusammen eine 21 mm lange Strecke, beleuchtet gewesen): Der 2,0 cm lange verdunkelte Theil des Internodiuni II ist in seiner ganzen Ausdehnung schwach aber deutlich gekrümmt. Der lieliotropiache Reiz hat sich also auf eine Entfernung von 1,9 bis 3,5 cm unter die Lichlgrenze hinab fortgepflanzt, bis zur Basis des Inter- nodiuni II, d. i., wie das Verhalten der Vergleichssprosse lehrt, bis an die Grenze der krümmiingsfähigen Region. Die Krümmung im verdunkelten Stengeltheil ist bei drei Sprossen freilich nur schwach, das ist aber natürlich in Anbetracht dessen, dass auch die Vergleichssprosse sich nur massig ge- krümmt haben; der vierte Spross hat sich hingegen sogar stärker ge- krümmt als beide Vergleichssprosse. Der verschiedene Grad und Ort der Krümmung bei den vier Versuchssprossen erklärt sich dadurch, dass sich bei ihnen das Internodium II in verschiedener Wachsthumsphase befand. Besondere Beachtung verdient das Verhalten des Versuchssprosses 1, bei dem das Internodium II gerade geblieben und nur dessen Basalgelenk sich gekrümmt hat; dieser Fall wird weiter unten noch näher besprochen werden. Ein zweiter Versuch, mit zwei Vergleichs- und mit zwei Versuchs- sprossen, ergab ein noch schlagenderes Resultat als der Versuch 46; uo leider ist mir die zu demselben gehörige Zeichnung verloren ge gangen ' ). ') Ausser den verschiedenen besprochenen Stengel- und Blattorganen, welche sännnt- lich prosheliotroi)isch sind, wäre es aus verschiedenen Gründen von grossem Inte- resse gewesen, auch apheliotropische Wurzeln zu untersuchen und sich zu überzeugen, ob auch hier eine lokale heliotropischc Reizung sich fortzupflanzen vermag, und ins- besondere, ob die Wurzelspitze sich durch bevorzugte oder gar ausschliessliche heliotropische Empfindlichkeit auszeichnet (letzteres hat Darwin (5, 412—414) für Sinapis alba zwar behauptet, aber, wie an anderer Stelle gezeigt werden soll, keines- wegs bewiesen). Leider konnte ich keine für meinen Zweck geeigneten aphcliotropischcn Wurzeln finden. Diejenigen von Sinapis alba sind viel zu dünn und zart, als dass man mit ihnen die erforderlichen Versuche in ei nwurfs freier AVeise ausführen könnte. Die in meiner Verfügung befindlichen Luftwurzeln von Orchideen und Aroideen wurden mehrere 1 age bei einseitiger Beleuchtung gehalten, ohne eine Spur von Aphelio- tropisnuis zu zeigen. Am meisten versj)rachen noch die Wurzeln von Chloropliytum Sternhergianum (= Hartwegia comosaj; sehneidet man die Triel)e, welche sich auf den Ausläufern dieser Pflanze bilden, ab, taucht sie mit der Basis in Wasser oder noch besser in Knop'sche Nährlösung und verdunkelt das die Flüssigkeit enthaltende Gefäss, so bilden sieh nach 1 — 2 Wochen die Wurzeln; dieselben sind bis l'/.^ mm dick, wachsen ziemlich rasch und krümmen sich bei einseitiger Beleuchtung günstigen- falls schon nach einigen Stunden recht stark apheliotropiseh. Diese Wurzeln haben aber einen in praktischer Hinsicht sehr wesentlichen Nachtheil, und das ist die Kürze ihrer wachsenden und krümmungsfähigen Region. Dieselbe ist nur 3 — 4 mm lang; das Wachsthumsmaximum befindet sich in der zweiten (selten in der zweiten und dritten) Millimeterzone, die folgende Millimeterzone zeigt nur noch ein kaum merkliches Wachsthum und nimmt an der Krümmung fast gar keinen Anthcil mehr. Bei Versuchen über den Einfluss der Wurzelspitzc auf die heliotropische Krümmung darf man also, zur Vermeidung eines sehr groben Fehlers (nämlich der Verdunkelung der ganzen stark krümmungsfähigen Region), nur eine ganz kurze Spitze, nicht über l mm oder höchstens (in bestimmten Phallen) 1 '/^ mm, verdunkeln. Ich versuchte dies durch Aufsetzen ganz kleiner, eylindrischer oder konischer Stanniolkäppchcn zu er- leichen, aber vergeblich, denn an der ziemlich stumpf konischen Wurzelspitze finden die Stanniolkäppchen keinen Halt und fallen entweder sofort oder doch sehr bald ab; vermeidet man aber das Abfallen der Käppchen dadurch, dass man sie auf die Wurzelspitze mit leichtem Druck aufsetzt, so hat dies regelmässig einen voU- konnnenen Stillstand des Waehsthums zur Folge. Ich habe diese Schwierigkeiten verschiedentlich zu umgehen versucht, aber ohne Erfolg. — Ebenso erfolglos blieb auch der Versuch, die ganze wachsende Region der Wurzel mit Ausnahme einer 1 mm langen Spitze zu verdunkeln; es gelang mir nicht eine zu\erlässige Ver- dunkelung zu erzielen, ohne eine Schädigung der Wurzel herbei zuführen^ die sich im Aufhören des Waehsthums documentirte. 141 VIII. Ueber das „Zugwachsthum". § 61. Weun ein Organ eine solche Lage hat, dass ein Theil desselben als Last an einem bestimmten Hebelarm wirkt, so kann diese Last- wirkung in anderen Theilen des Organs oder in anderen Organen, sowohl in noch wachsenden wie in schon ausgewachsenen, unter Umständen eine gewisse rein mechanische, passive Krümmung hervorrufen. Noch vor nicht sehr langer Zeit pflegte man viele nach abwärts gerichtete Krümmungen ohne weiteres auf Rechnung solcher mechanischer Lastwirkung zu setzen. Seitdem in einer ganzen Reihe von concreten Fällen die Activität der früher für passiv gehaltenen Krümmungen bewiesen worden ist, wird man in dieser Hinsicht grössere Vorsicht walten lassen müssen und eine Krümmung nur dann als durch mechanische Lastwirkung verursacht ansehen dürfen, wenn dies streng experimentell für den gegebenen Fall erwiesen worden ist. Immerhin ist eine (wenn auch gegen die früher herrschende Meinung stark zusammengeschrumpfte) Anzahl von sicher in diese Kategorie gehörigen Fällen bekannt. Jede solche KelastungskrUmmung rauss sich anfänglich durch einfaches Umkehren des Organs ausgleichen resp. in die entgegengesetzte Krümmung überführen lassen; später aber kann die Krümmung, falls sie sich in einem noch wachsenden Organtheil befindet, durch Wachsthum der Zellmembranen fixirt und, mit der Einstellung des Wachsthums, in eine nicht mehr ausgleichbare Krümmung verwandelt werden. Ganz etwas anderes versteht nun aber Wiesner unter seinem „Zugwachs- thum", wie besonders klar aus Folgendem hervorgeht. Beim Kritisiren der Schlussfolgerung Darwin 's, dass die starke Lichtwärtskrümmung des Untertheils der Keimstengel von Brassica oleracea auf einer zugeleiteten heliotropischen Reizung beruht, sagt Wiesner (23, G8): „BeacMet man die grosse Biegungsfähig'kcit und die geringe Biegimgselasticität dieser jungen, zarten Stengel3ien, so muss man es für sehr rvahrsclteinlich halten, dass die durcli den Heliotropis77ius erzeugte Biegung des Organs sich auch auf die nächstbenachharte Partie des Stengels über- tragen wird^). Aber auch die vorgebogene Last des gekrtlmmten Theiles wird höchst wahrscheinlich aiif den darunterliegenden Stengeltheil einen Einfluss ausüben. Die Biegung, welche Folge der Belastung sein würde, iväre gewiss nur eine geringe. Nun müsste aber diese Last die Schattenseite dehnen und die Lichtseite drüchen. Dies aber würde ein ungleichseitiges Wachsthum (Zugivachsthum) her- ') Wie schon in der Anierkinig auf S. 102 hervorgehoben wurde, ist diese An- nahme, die Wiesner bald darauf (1. c., 73) schon als positive Behauptung ausspricht, mir nicht verständlich; denn aus den folgenden Worten des Citats geht hervor, dass W. hier nicht eine mechanische Lastwirkung im Sinne hat, und eine Reizübertragung meint er erst recht nicht; vvelclie Ursache „die Uebertragung der Biegung auf eine nächstbenachbarte Partie des Stengels" haben soll, bleibt hiernach räthselhaft. U2^ vorrufen, welches in diesem Falle zu einer der heliotroinschen Krmnmuuf/ (jleichsinnUjen Biegung des Stengels führen ynüsste."' Durch eben diesen vorausgesetzten Einfluss von Dehnung und Druck auf das Wachstlium des Untertheiles des Keimstengels erklärt Wiesner die starke Krümmung desselben. Mau ersieht aus diesem Citat, dass Wiesner der Last der zuerst sich kriimmeudeu Spitze des Keimlings zwei principiell ganz verschiedene Wirkungen zuschreibt: erstens eine rein mechanische Wirkung, welche dem statischen Moment proportional und folglich, wie Wiesner selber zugiebt, unbedeutend ist', zweitens eine sehr bedeutende Wirkung, die in einer indirecten Beeinflussung des Wachsthums des Untertheils des Keimstengels besteht und folglich den Character einer Reizwirkung hat (im allgemein- gebräuchlichen, nicht im Wiesner'schen Sinne des Wortes). Diese letztere Erscheinung ist es nun, welche Wiesner hinfort als „Zugwachsthum" be- zeichnet; dass dieselbe eine Reizerscheinung ist, giebt Wiesner selber in- direkt zu, indem er wiederholt von „Inducirung" des „Zugwachsthums" redet. Ein solcher Einfluss der gekrümmten Spitze, wie ihn Wiesner annimmt, setzt offenbar voraus, dass die Dehnung eines wachsenden Organs, ausser ihrer mechanisch verlängernden Wirkung, noch eine erhebliche Beschleunigung seines Wachsthums zur Folge hat, und dass ebenso die Compression in der Längsrichtung, wieder abgesehen von ihrer mechanischen Wirkung, das Wachsthum des Organs verlangsamt; diese unentbehrliche Voraussetzung wird von Wiesner freilich weder ausgesprochen, noch auch irgendwie auf ihre Richtigkeit geprüft. Wie SU er 's Annahme stützt sich auf folgenden Versuch. Keimlinge von Lepidiwn sativum rotirten am Klinostaten in verticaler Ebene, bei einseitiger Beleuchtung und der für heliotropische Krümmung optimalen Lichtintensität; andere Keimlinge der gleichen Aussaat standen caeteris paribus aufrecht. Das Resultat sei mit des Autors eigenen Worten an- geführt (21, 57): „Vergleicht mmi die am Rotations apparat befindlich gewesenen Keimlinge mit denen, ivelche gerade aufgestellt waren, so sieht man sehr deutlich, dass die erster en, wenn sie nicht allzu jung zum Ver- such genommen luurden, im unteren Theile völlig vertical stellen, der obere Theil im scharfen Bogen der Lichtquelle zugeneigt ist; ferner dass die letzteren, ivenn sie im Beginne des Versuches nicht schon zu alt waren, bis auf den Grund gegen die Lichtquelle hin concav gekrümmt sind. . . . Offenbar ist diese untere Krümmung gar keine heliotropische, sondern kommt durch die continuirliche Belastung, mit der das heliotropisch vorgebeugte Stengelende auf das untere Stengel- ende wirkt, zu Stande, ist aber gleich der heliotropischen Krümmung eine Wachsthumser scheinung, welche durch den Zug, der auf die Schattenseite und durch den Druck, der auf die Lichtseite des Stengels ausgeübt ivird, inducirt ivird. Es ist selbstversttmdlich, dass an den 143 rotirenäen Keimlingen diese einseitige Zug- und Druchivirhnng durch das heliotroinscli vorgeneigte Ende des Stengels auf das untere Ende gar nicht ausgeübt werden kann, da jeder einseitige Zug hei der um 180^' veränderten Stellung in einseitigen Druck umgewandelt ivird. . . . Diese mit der Kresse angestellten Versuche lehren mithin noch iveiter: dass die jüngsten Stengeltheile stärker heliotropisch sind, als die älteren noch u-achsenden, und dass die ältesten noch ivachsenden Theile der Keimstengel gar nicht mehr heliotropisch sind, ivohl aher durch einseitig ivirkenden Zug scheinbar heliotropische, übrigens auf Waclisthum beruhende Krümmungen annehmen." Weiter (S. 57): ,, Keimlinge der Erbse zeigen bei einseitiger Be- leuchtung ein anderes Verhalten; hier bleiben die unteren Theile verticalj ob sie r'uhig stellen, oder ob sie durch Rotation um eine horizontale Achse der einseitigen Wirkung der Schiverkraft entzogen sind. Aehnlich so verhält sich auch die Wicke. Bei beiden Pflanzen erlöschen Heliotroinsmus und Wachsthumsfähigkeit des Stengels auf einmal; Zug- und geotropisclie Krümmimgen können in diesen Stengeltheilen nach Erlöschen des Heliotropismus somit nicht statt- haben. . . . Die Keimstengel, und wohl alle positiv heliotropischen und dabei negativ geotropischen Organe verhalten sich entweder so tvie das hypocotijle Stengelglied der Kresse oder ivie die Keimstengel der Erbse." In seinem „Bewegungsvermögen" (23, 70 — 72) beruft sich Wiesner auf den oben citirten Versuch mit Lepidium und fügt hinzu, dass er das gleiche Resultat auch mit Keimlingen von Brassica oleracea erhalten hat. Hier drückt er sich jedoch merkwürdig unbestimmt aus; er sagt (1. c, 72): ,,Ich bemerke noch, . . . dass die Kohlkeimlinge kein anderes Ver- halten als die ebenerwähnten Kressekeimlinge zeigten, tvenn sie um horizontale Achse bei einseitigem Lichte rotirten. . . . Hatten die Stengelchen eiyie Höhe von 1 — 1,5 cm, so krümmten sie sich bei der Rotation bis auf den Grund oder bis zu 7a hinab: ivaren sie 2 — 4 cm hoch, so krümmte sich der obere Theil bis zur Hälfte oder bis zu einem Drittel." Ob gleich alte, nicht rotirende Keimlinge sich in wesentlich grösserer Ausdehnung krümmten, davon sagtWiesner kein einziges Wort, und doch könnte eben nur ein solches Plus von Krümmung bei den nicht rotirenden Keimlingen als auf „Zugwachsthum" beruhend in Anspruch ge- nommen werden; ich habe Grund daran zu zweifeln, ob das der Fall sein konnte, denn da im Hypocotyl von Brassica die wachsende Region im Allgemeinen ca. 2 cm lang ist, so kann sich bei bis zu 4 cm hohen Keimlingen eben nur der obere Theil überhaupt krümmen, einerlei ob dieselben rotiren oder aufrecht stehen. So erscheint also die Beweiskraft von Wiesner's Versuch mit Brassica schon a priori recht zweifelhaft, und dasselbe gilt für seine Versuche mit anderen Keimlingen, worüber er nur soviel sagt (i.e., 72): „Aehnliche Versuche habe ich noch mit zahlreichen Keim- 144 lingen angestellt, wobei ich stets mit den schon angeführten über- einstimmenäe Ergebnisse erhielt."' üass die Keimlinge der Erbse, der Wicke und anscheinend nocli verschiedene andere Organe sich nach seinen eigenen rntersuchungen anders verhalten (vgl. das Citat auf S. 143), das übergeht Wiesner an dieser Stelle und überhaupt in diesem Buche ganz mit Schweigen. Endlich erwähnt Wiesner auch noch des Cotyledo von Phalaris canariensis (23, 74): ,,Dic Rotationsversuche ergaben das gleiche Resultat wie die Dicotylenheimlinge. Der Unterschied zwischen der Krümmung der ruhend und der rotirend dem Lichte ausgesetzten ist aber nicht so erheblich n-ie bei den Dicotylenheimlingen, u-eil die heliotroinsch vorgeneigte Stengelspitze durch die Cotylen stark belastet wird und mithin ein viel stärkeres Zugwachsthum eintreten muss, als dies bei Phalaris- Sämlingen möglich ist, deren vorgeneigte Enden ja geradezu in eine Spitze auslaufen.^' Also auch bei Phalaris soll Zugwachsthum stattfinden, obgleich hier das Resultat ein vom Wiesner'schen Standpunkt zum mindesten nicht ganz befriedigendes ge- wesen zu sein scheint. Das ist buchstäblich alles, worauf Wiesner seine Zugwachsthums- theorie stützt. Im Grunde genommen ist nur der Versuch mit Lepidium 80 beschrieben, dass bei einem aufmerksamen Leser keine wesentlichen Zweifel erweckt werden. In Anbetracht dessen muss gesagt werden, dass das ganze ,, Zugwachstimm" auf ziemlich schwachen Füssen steht. Wiesner aber geht damit wie mit einer zweifellos constatirten Thatsache um und erklärt durch dasselbe, unter Zuhilfenahme verschiedener anderer Annahmen, eine Reihe von Erscheinungen ohne weitere Prüfung; dabei lässt er einmal das Zugwachsthum den Geotropismus, dann wieder in demselben Organ den Geotropismus das Zugwachsthum überwinden, ja schliesslich soll das Zug- wachsthum sogar eine Aufwärtskrümmung bewirken können (bei den nutirenden Sprossspitzen von Ampelopsis: 23, 137). Die Existenz einer derartigen und dabei so starken Beeinflussung des Wachethums durch Zug, wie sie Wiesner's „Zugwachsthum" erfordern würde, ist nun schon a priori höchst unwahrscheinlich und mit verschiedenen That- sachen nicht gut vereinbar; irgendwelche Anhaltspunkte für deren Existenz liegen nicht vor. Hingegen ist in neuester Zeit (abgesehen von aus früheren Arbeiten schon zu entnehmenden Andeutungen) durch Hegler (8) gezeigt worden, dass ein Zug allerdings ausser seiner mechanisch dehnenden Wirkung auch noch in anderer, indirecter Weise das Längenwachsthum verschiedener Organe und speciell auch der Keimstengel beeinflusst, aber im gerade ent- gegengesetzten Sinne als das Wiesner'sche „Zugwachsthum" verlangt, nämlich im Sinne einer Hemmung; bei empfindlichen Objecten genügt schon ein ganz geringer Zug, der noch lange keine physikalisch messbare Dehnung zur Folge hat, um in den ersten Stunden eine geradezu colossale Hemmung de« Längenwachsthums hervorzurufen (8, 389 — 390). 145 Trotz all ihrer Unwahrscheinliclikeit kann immerliin die Wiesner'sche Zugwachsthumstheorie (welcher übrigens, soweit mir bekannt, bisher noch von Niemanden direct widersproelien worden ist) nicht ohne Weiteres als widerlegt gelten, und ich musste mit derselben rechnen, denn falls that- sächlich „Zugwachsthum" nicht ausgeschlossen ist, so würde das die Be- weiskraft eines grossen Theiles meiner in den vorausgehenden Kapiteln an- geführten Versuche zu Gunsten einer Fortpflanzung des heliotropischeu Reizes in Frage stellen. Ich habe daher auf diesen Punkt von Anfang an mein ganz besonderes Augenmerk gerichtet und mit meinen Hauptobjecten eine Reihe von Versuchen ausgeführt, an der Hand welcher ich in den folgenden Paragraphen zeigen werde: erstens, dass die von mir bisher als heliotropische behandelten Krümmungen thatsächlich auf Heliotropisraus und nicht auf ,, Zugwachsthum" beruhen, und zweitens, dass ein ,, Zugwachsthum" über- haupt nicht existirt. Mancher Leser wird vielleicht geneigt sein, die ein- gehendere Widerlegung einer ohnehin nicht lebensfähigen Hypothese, an die vielleicht Niemand ausser ihrem Autor glaubt, für eine überflüssige Raum- verschwendung zu halten; doch abgesehen von der Nothwendigkeit, die möglichen Zweifel an der Richtigkeit meiner Schlussfolgerungen zu beseitigen, halte ich es für nicht minder verdienstlich, eine von den unbegründeten Behauptungen, die oft so lange in der Wissenschaft fortspuken und Ver- wirrung anrichten, rechtzeitig aus der Welt zu schaffen, als neue Thatsachen festzustellen. Ich werde mich aber möglichst kurz zu fassen suchen. § 62. Dass bei den Keimlingen der Heliotropismus an der Lichtwärts- krüramung des Untertheils zum mindesten mitbetheiligt sein muss, bedarf keines besonderen Beweises mehr, seitdem sich gezeigt hat, dass, entgegen der Behauptung Darwin 's, der Untertheil derselben auch dann sich krümmt, wenn die Spitze vollkommen verdunkelt ist, wenn sie also gerade bleibt und einen einseitigen Zug auf den Untertheil nicht ausübt. Das gilt für alle von mir untersuchten Keimlinge mit Ausnahme der Paniceen^ bei denen sich ja das Hypocotyl nur dann krümmt, wenn der Cotyledo heliotropisch gereizt wird; aber wir haben gesehen, dass bei älteren Pcmiceen-Keimlingen der Cotyledo selbst an der Krümmung keinen Antheil nimmt, — also sind auch hier die Bedingungen für „Zugwachsthum" wenigstens anfänglich nicht gegeben und die Krümmung des Hypocotyls muss eine heliotropische sein. — Ferner verweise ich noch auf die Versuche, in denen Spitze und Untertheil der Keimlinge von entgegengesetzten Seiten beleuchtet wurden und sich anfänglich in entgegengesetzten Richtungen krümmten (§ 23, Versuch 14 mit Avena sativa, und § 46, Versuch 34 mit Brassica Napus)\ hier waren die Bedingungen für das „Zugwachsthum" freilich gegeben, aber unter dessen Einfluss hätte sich der Untertheil der Keimlinge gerade in der ent- gegengesetzten Richtung krümmen müssen als es thatsächlich der Fall war. In allen diesen Fällen wäre es aber denkbar, dass der Heliotropismus nur den ersten Anfang der Krümmung verursacht; wenn der Untertheil sich Cohn, Hftitr.igo zur Hinlogie der Pflanzen. Bd. VII. Heft. I. JQ 146 ein wenig gekrümmt hat und die Spitze passiv in eine geneigte Lage ge- langt ist, könnte das „Zugwaciistlium" beginnen und von nun an die alleinige Ursache der fortschreitenden Krümmung des Untertheils darstellen. Dass diese Voraussetzung nicht zutrifft, zeigen die folgenden Versuche. Cotyledonen von Ävena satlva wurden in enge Glasrohrchen einge- schlossen und einseitig beleuclitet; während des Versuches war eine Krüm- mung mechanisch verhindert, also auch kein „Zugwachsthum" möglich; trotzdem krümmten sich die Cotyledonen unmittelbar nacli der Befreiung aus den Glasröhrclien in einer langen Strecke. In vier solchen Versuchen v/urden neun Cotyledonen beobachtet; zwei derselben sind in Fig. 54 ab gebildet. — Mit Dicotylenkeimlingen und mit Organen entwickelter Pflanzen ist ein solcher Versuch natürlich nicht ausführbar; doch kann ich mich liier auf eine ganze Reihe principiell analoger Beobachtungen berufen. Icli meine alle diejenigen Fülle, in denen, bei Versuchen über Fortpflanzung des heliotropischen Reizes, der mit Erde verschüttete Untertheil der Organe mechanisch an der Ausführung der angestrebten Krümmung verhindert war; selbst dann, wenn der oberirdische Theil sich lichtwärts krümmte, konnte er hier keinen wirksamen einseitigen Zug auf den Untertheil ausüben, und die nach Beseitigung des Hindernisses sich realisirende Krümmung des letzteren muss eine heliotropische sein; besonders instructiv sind solche Fälle, wie die in Versuch 38 (Sämlingsblätter von Allium Cepci, § 52) und Versuch 46 (Stengel von Oalium 'purpureum, § 60) beschriebenen, wo der oberirdische Theil der Organe gerade und aufrecht blieb. Fig. 54. Zwei Keimlinge von Altena satira, die, in enge Olasröhrehcii eingesehlossen, 7^/4 Stunden lang einseitig beleuchtet wurden. Ein anderes Verfahren besteht darin, horizontal gerichtete Keimlinge einseitiger Beleuchtung auszusetzen. Alsdann wirkt sowohl die mechanische Last der sich krümmenden Spitze, als auch das eventuell durch dieselbe inducirte „Zugwachsthum" in einer auf die P^bene der heliotropischen Krüm- mung senkrechten Richtung, und beide können folglich auf den Gang der heliotropischen Krümmung keinen Einfluss haben. Solche Versuche habe ich mit den folgenden Keimlingen ausgeführt: Avena sativa, Phalaris canariensis, Äcjrosfpmma Oithago. Stets erwies sich der Verlauf der Krümmung bei den horizontalgelegten Keimlingen vollkommen normal: der allmälige Uebergang der Krümmung in den Untertheil, die Geradestreckung des Obertheils und die Verstärkung seiner Neigung zum Licht, alles das 147 fand in ganz der nämlichen Weise statt wie bei den aufrechtstehenden Ver- gleicliskeimlirigen. — Wie ich später gewahr wurde, ist ein solcher Versuch (mit Phalaris) schon von Darwin (5, 401), und zwar mit im wesentlichen gleicher Fragestellung und mit gleichem Resultat, ausgeführt worden; auf- fallenderweise wurde dieser Versuch, welcher die von Wiesner geübte Ki'itik, wenigstens soweit es sich um Darwin's Versuche mit Phalaris handelt, im voraus fast ganz gegenstandslos macht, von Wiesn er völlig ignorirt. § 63. Wenn somit die heliotropische Krümmung auch ohne ,,Zugwachs- thum" ihren normalen V^erlauf nimmt, so kann es sich nur noch fragen, ob nicht vielleicht die Betheiligung des letzteren die Krümmung merklich verstärkt oder eine merkliche Verlängerung der sich krümmenden Region zur Folge hat. Ich werde zeigen, dass auch dies nicht der Fall i^t. Zunächst Hess ich Keimlinge von Avena sativa und Brassica Napus sich unter Wasser heliotropisch krümmen. Zwei Töpfe mit möglichst gleichen Keimlingen wurden auf den Boden hoher cylindrischer Glas- gefässe hinabgelassen*, in das eine Gefäss wurde soviel Wasser gegossen, dass es nur bis zur Basis der Keimlinge reichte (Vergleichskeimliuge), in das andere soviel, dass sich die Keimlinge ganz unter Wasser befanden (Versuchskeimlinge). Wenn nun die Lastwirkung der sich krümmenden Spitze im Untertheil der Keimlinge „Zugwachsthum" hervorruft, so müsste dieses bei den Vergleichskeiralingen die heliotropische Krümmung verstärken, bei den Versuchskeimlingen hingegen (infolge des Auftriebes) ihr entgegenwirken. Die letzteren müssteu sich also weniger stark lichtwärts krümmen als die ersteren, und mit der Zeit müsste sich die Differenz zwischen beiden Gruppen vergrössern, in dem Masse wie mit fortschreitender Krümmung das statische Moment des vorgeneigten Obertheils zunimmt. Das Resultat war, dass sich die Versuchskeimlinge in einem Versuch (Avena) ein klein wenig schwächer, in zwei Versuchen (Avena und Brassica) deutlich stärker, und endlich in einem Versuch (Avena) genau in gleichem Gerade krümmten, wie die Vergleichskeimlinge; die Länge der gekrümmten Strecke war ent- weder in beiden Gruppen die gleiche, oder sie war (im Versuch mit Brassica) bei den Versuchskeimlingen im Mittel etwas grösser. — Von dem Bestehen eines Auftriebes bei den Versuchskeimlingen überzeugte ich mich nb. am Schluss der Versuche, indem ich die Spitze einiger Keimlinge in verschiedener Ausdehnung (bei Brassica u. A. auch die Cotyledonen allein) abschnitt: die abgeschnittenen Tlieile stiegen sofort an die Oberfläche des Wassers. Es leuchtet ein, dass bei der Lichtwärtskrümmung gar kein „Zugwachs- thum" betheiligt ist. Aber nicht nur die geringe Last der sich krümmenden Spitze des Keimlings, sondern selbst eine um das vielfache grössere Last vermag die heliotropische Krümmung desselben nicht in merklicher Weise zu beeinflussen. Ein Satz von Keimlingen von Avena sativa wurde so lange einseitig beleuchtet, bis der Obertheil schon eine ansehnliche, aber noch nicht die 10* 148 definitive Neigunt; annalim. Nun wurden einigen Keimlingen (den Versuchs- keinilingcn) auf die Spitze duiclisielitigc (llaska])pen aufgesetzt, walireiul andere (die Vergleicliskeindinge) oline solclie Kappen belassen wurden. Eine Glaskappe wog durchsclinittücli 37 imfr und die in ihr eingeschlossene Keinilingss})itze 8 7>i//r, — also wurde das statische Moment der Spitze durch das Aufsetzen der Kappe auf das TiV-i fache gesteigert. Dass die Kappen relativ schwer waren, konnte man daraus ersehen, dass die mit ihnen versehenen Keimlinge bei der leisesten Ersclnitterung des Topfes stark hin- und herschwankten. — Die Exposition wurde nacli dieser Vorbereitung imch einige Stunden fortgesetzt, und von Zeit zu Zeit wurden die Keim- linge beider Gruppen mit einander verj^lichen. Solcher Versuche habe ich zwei gemacht, den einen mit 2 — 3 cm hohen, den anderen mit 5 — 6 cm hohen Keimlingen; zusammen wurden 12 Ver- gleichs- und 12 Versuchskeimlinge mit einander verglichen. In beiden Versuchen konnte niclit der geringste Unterschied zwischen beiden Gruppen von Keimlingen bemerkt werden: der weitere Verlauf der lieliotropischen Krümmung war normal, die Länge des geneigten Obertheiis war die gleiche, die individuellen Schwankungen der Neigung hielten sich bei beiden Gruppen in gleichen Grenzen. — Auch ein ähnlicher Versuch mit Plialarw canariensis ergab dasselbe Resultat. Ganz analog diesen sind zwei Versuche mit Brasmca Napus, die zunächst einen anderen Zweck verfolgten und schon oben (§ 37) besprochen worden sind. In diesen Versuchen wurden die Keimlinge in drei Gruppen a, h, C getheilt: die a wurden in ganzer Länge beleuclitet, beiden h wurde die Hypocotylspitze mit einem Stanniolstreif umbunden, bei den c wurden über- dies Stanniolkappen auf die Cotyledonen aufgesetzt. Die Gruppen h und c sind mit einander vergleichbar, denn da die heliotropisch besonders empfind- liche Hypocotylspitze bei beiden verdunkelt ist, so besteht der Unterschied nur in der ungleichen Belastung der Spitze. Namentlich in einem der Versuche (oben als Vers. 24 aufgeführt) war dieser Unterschied ziemlich bedeutend: eine Stanniolkappe wog im Durchschnitt 30 mgr, ein Stanniol- streifen 3,5 Wf/r, und die vom Letzteren umhüllte, 6 mm lange Hypocotyl spitze mitsammt den Cotyledonen wog 10 mfjv^ folglich war bei den c das statische Moment der Spitze mit Stanniol ca. 3V4 mal grösser als bei den h, und fast 4V2 mal grösser als das statische Moment der Spitze ohne Stanniol. Die relative Schwere der Stanniolkappen war so bedeutend, dass die mit ihnen versehenen Keimlinge bei jeder Erschütterung zitterten, und dass deren Neigung (beim Schluss des Versuches, als die Keimlinge schon stark geneigt und folglich der Hebelarm ziemlich lang war) mechanisch um 5 — 10" vergrössert war. Trotzdem hatten die Kappen keinerlei Einfiuss auf den Gang der heliotropischen Krümmung und vergrösserten die Neigung der Keimlinge nicht (abgesehen natürlich von der eben erwähnten, rein mechanischen und durch Abnehmen der Kappen rückgängig zu machenden Vergriisserung 149 derselben). Warum die schliessliehe Neigung bei den c sogar etwas geringer austiel als bei den //, das ist in § 37 auseinandergesetzt. Weiter wurden in zwei Versuchen ebensolche Stanniolkappen ?i\\^ Brassica Keimlinge aufgesetzt, die sich schon in gewissem Grade lichtwärts gekrümmt hatten 5 Vergleicliskeimlinge blieben caeteris paribus ohne Kappen, und beide Gruppen von Keimlingen wurden im Dunkeln der Einwirkung des Geotropismus überlassen. Die geotropische Krümmung erfolgte bei beiden gleich schnell und gleich stark, die schweren Kappen vermochten sie nicht in merkliche) Weise aufzuhalten. (Einer von diesen Versuchen ist ebenfalls schon obei; beschrieben worden: Vers. 25 (§ 38), Gruppen «' und />'.) Hierher gehören endlich auch noch die in § 54 besprochenen Versuche in denen die Lamina der Blätter von Tropaeohmi minns durch Üedeckun; mit Stanniol verdunkelt wurde, was ohne den geringsten Einfluss auf di< heliotropische Krümmung des Blattstiels blieb; die durch das Hedecken mi^ Stanniol bewirkte Vergrösserung des statischen Moments der Lamina wurd' /.war in diesem Falle nicht bestimmt, dürfte aber wohl auch ziemlich bedeutend gewesen sein. Die Kraft, mit welcher heliotropische und geotropische Krümmungen ausgeführt werden, ist, wie die in diesem Paragraph angeführten Versiiclii übereinstimmend zeigen, so gross, dass der Eintluss einer selbst relativ bedeutenden Belastung, welche der Krümmung entgegenzuwirken oder mit- zuwirken strebt, dagegen einfach nicht in Betracht kommt. Falls eine ehi- seitig wirkende Belastung überhaupt im Stande wäre „Zugwachsthum" hervorzurufen, so hätte dasselbe in den beschriebenen Versuchen unbedingt hervortreten müssen; wenn es aber hier nicht im geringsten hervortrat, wie kann es denn durch die viel geringere Last der sich krümmmendeu Spitze eines Keimlings hervorgerufen werden V Wir sind schon jetzt zu dem Schlüsse vollkommen berechtigt, dass es überhaupt kein „Zugwachsthum" und also auch keine aul „Zugwachsthum" beruhenden pseudo - heliotropischen Krüm- mungen giebt. § 64. Tritft der obige Satz zu, so muss das Ergebniss des in § 61 citirteu Wiesner'schen Klinostatenversuchs entweder sich anders erklären lassen, oder es muss unrichtig sein. Ich habe diesen Versuch mit einigen meiner Hauptobjecte wiederholt und bin zu ganz anderen Resultaten gelangt als Wie SU er. Der erste in dieser Richtung mit Avena sativa gemachte Versuch bildet einen Theil des schon in § 14 unter No. 7 beschriebenen Versuchs-, ich führe hier die wesentlichen Punkte desselben an, von denen einige an der genannten Stelle, wo es sich um eine andere Frage handelte, übergangen worden sind-, bezüglich der Details der Versuchsanstellung ver- weise ich auf Versuch 7. 2ü etiolirte, 1,6—2,7 om liohe Keimlinge von Avena saiiva, auf denen von dei' Spitze aus A'^/.ymm lange Zonen niarldrt sind. 10 Kehnlinge rotiren am Klinostateii in verticaler Ebene (IIJ, 10 andere stehen aufrecht (I), in gleicher Entfernung von 150 der Lichtquelle und auf j»leielicui Niveau niil dcui oberen Rande der Klinostaten- sclieibe. Die verschieden holieii Kciinliniie sind j^leiehniässiff auf die beiden druppen vcrtheilt. Naeh Verlauf vtui 1 74. 3, 4, 5'/4 und T/4 Stunden werden diejenigen Zonen der einzelnen Keimlinge notirf, welche die Krünunung bereits unifasst, sowie die Zonen, iu denen sieh das Krüunnungsniaxiniuni befindet. Die rotireudcn und die ruhenden Keimlinge verhalten sieh nur darin verschieden, dass die ersteren sich stärker krümmen, und dass die (leradestreckung des Obertheils bei ihnen später l)eginnt (welch letzterer Unterschied sich ül)rigens zum Schluss des Versuches vollständig ausgleicht). Dagegen vollzieht sich das allmälige Fortschreiten der Krünunung uach der Basis bei den Keindingen beider Gruppen in gleicher Weise und gleiehcni Tempo. Bei Schluss des Versuches (uach 7 1/4 Stunden) sind alle Keinüinge ohne Ausnahme bis an die Basis hinab gekrümmt; hier l)elindct sich auch das Krünuniuigsmaxinuim, nur bei einzelneu Keimlingen (aus beiden (Iruppen) liegt es eiuige mm höher. Vgl. Fig. 55, Ja und IIa. Fig. 55. Heliotropische Krümmung von Keimlingen von Avena sativa, nach 7'/4Stündiger Exposition. I, a: Aufrecht stehende Keimlinge. n, «: Am Klinostaten um horizontale Achse rotirende Keindingc. Noch in drei weiteren Versuchen, die in erster Linie andere Zwecke verfolgten, hatte ich Gelegenheit in gleicher Weise rotirende und aufrecht stehende Keimlinge von Avena sativa mit einander zu vergleichen ; die- selben waren zum Theil bedeutend älter als in dem eben angeführten Versuch. Es geschah nicht ein einziges Mal, dass, entsprechend den Angaben Wiesner's, die nicht rotirenden Keimlinge sich in grösserer Ausdehnung krümmten, als die rotirenden; im Gegentheil, die Krümmung umfasste stets bei beiden Gruppen die genau gleiche Anzahl von Zonen. In der nämlichen Weise führte ich ferner drei Versuche mit Keimlingen von Brassica Napus und einen Versuch mit denen von Ägrostemma 151 Githago aus. Auch hier wurde in allen Fällen das gleiche Resultat er- halten: der Uutertheil des Ilypocotyls krümmte sich bei den Keimlingen beider Gruppen gleichzeitig (oder allenfalls waren es die rotirenden Keim- linge, welche in dieser Hinsicht den aufrecht stehenden ein klein wenig vorauseilten), und schliesslich umfasste die Krümmung bei allen Keimlingen eine im Mittel gleichlange Strecke, nämlich die ganze wachsende Region. Zur Illustration führe ich die zu einem solchen Versuch gehörige Fig. 56 an. — Dasselbe fand ich endlich auch in zwei Versuchen mit Vicia sativa, bezüglich deren auch Wiesuer früher angab (21, 57), dass auch bei Rotation am Klinostaten die ganze wachsende Region des Keimstengels sich heliotropisch krümmt. et Fig. 56. Heliotropische Krüininung der liypocotyle von Brassica Napus, nach 8 stündiger Exposition. a) Aufi'echt stehende Keimlinge. b) Am Klinostaten um horizontale Achse rotirende Keimlinge. So geht also auch die Grundlage selbst, auf der Wiesner seine Zug- wachsthumstheoric aufgebaut hat, verloren. Man könnte allenfalls einwenden, dass ich mit anderen Species experimentirt habe, als VViesner; aber von ihnen entspricht Ävena vollkommen Phalaris^ und Brassica Napus — Brassica oleracea; beide Paare von Objecten haben untereinander ganz gleiche heliotropische Eigenschaften, und der Unterschied besteht nur darin, dass die von mir gewählten sich gleichmässiger verhalten oder aus praktischen Gründen bequemer zu verwenden sind; es liegt nicht der geringste Grund zur Annahme vor, dass eben nur am Klinostaten die ersteren Species sich anders verhalten sollten als die letzteren. Was endlich Lepidium sativum anbetrifft, so verhält sich auch dieses Object in heliotropischer Hinsicht ebenso wie Brassica Napus; es hat aber den Nachtheil, dass die Keimlinge (wenigstens diejenigen, welche ich in vier Versuchen geprüft habe) nur so lange zu Versuchen brauchbar sind, als sie die Höhe von ca. 2 cm noch 152 uicht überschritten li.-ibeii ; spiiicr wird ihre kriiinauiiij^afjlhige Region sehr kurz. Die schnelle Abn.-ihnie iler Länge der krüinnunigsfiihigen Region mit dem Alter mag wohl auch eine der Fehlerquellen in Wiesner's Versuchen mit Lcindimn gewesen sein: ein nur wenig grösseres Alter der rotirenden Keimlinge könnte hier schon die Ursache werden, dass dieselben sich in geringerer Ausdehnung krümmen als die aufrecht stehenden Keimlinge. Eine zweite Fehlerquelle könnten die individuellen Differenzen bilden, die bei geringer Anzahl von Keimlingen nicht in genügeiulem Grade ausgeglichen gewesen sein mögen (soweit man nach Wiesner's Beschreibung seiner Versuche vermuthen kann, enthielten die von ihm verglichenen Gruppen nicht mehr als je vier Keimlinge). Sicher zu sagen, worin die Fehlerquelle be- standen hat, ist niclit möglich, da Wiesner keine Details angiebt: die Zahl der Keimlinge, ihre Höhe, die Versuchsdauer etc., — alles das bleibt unbekannt. Jedenfalls Ist es aber kaum zu bezweifeln, dass der Unterschied, den Wiesner bei Lepidium gefunden hat, nur ein zufälliger war. IX. Ueber die Beziehungen zwischen Wachsthnmsintensität, Krümmungsfähigkeit, Reizbarkeit und Empfindlichkeit. § 65. Ist die ganze wachsende Region krümmungsfähig? Diese Frage ist von Sachs für geotropische Stengelorgane, von H. Müller für die Mehrzahl der heliotropischen Organe ' ) auf Grund ihrer Unter- suchungen ausdrücklich bejaht worden; Sachs sagt (15, 324): ,^An der Aufwärtskrümmung hetheiligen sich alle im Wachsen begriffenen Theile eines horizontal oder schief gelegenen Stengels", und H. Müller sagt (11, 5): „An der heliotropischen Krümmung hetheiligen sich hei genügender Dauer des Versuches sämmtliche im Stadium der Streckung I) Anders verhält es sich nach H. Müller (11, 11) bei einigen apheliotropischcn Stengelorganen (wenigstens einem Theil derselben dürfte, wie ich vernmtlic, wohl eher Diahcliotropisnuis znkonimcn) und bei den Ranken der Amj^elideen: hier soll die Kriiniminig nur im unteren, langsamer wachsenden Thcil der wachsenden Region ausgefiilu't werden. Diese Fälle, über die der Autor fast gar keine näheren Angaben macht und die auch l>isher inuner noch seiir ungenügend bekannt geblieben sind, halte ich für einer erneuten eingehenderen Untersuchung bedürftig; wenn es sich bestätigt, dass sieh hier nur der untere Theil der wachsenden Region krünunt, so wäre es von grossem Interesse festzustellen, woran das liegt, und ob hier viel- leicht weitei-e Fälle lokalisirter heliotropischer Elmpfindliclikeit, ohne Möglichkeit einer Fortpflanzung des Reizes in acropetaler Richtung, vorliegen; mit einer A))trcnnung dieser Fälle von den Erscheinungen des „eigentlichen negativen Heliotropismus", wie H. Müller thut, ist die Sache jedenfalls weder erschöpft, noch ihrer Aufklärung näher gerückt. 153 befindliche Zonen.'' H. Müller führt als Beispiel einen Versuch mit dem Stengel von Valeriana officinalis an; andere Belege zur Bekräftigung der ausgesprochenen Thesen werden nicht angeführt, da beide citirten Arbeiten nur lakonische vorläufige Mittheilungen sind, während die in Aus- sicht gestellten ausführlichen Arbeiten, zum grossen Schaden der Wissenschaft, von den Autoren überhaupt nicht publicirt worden sind. Eine ganz andere Meinung spricht Wiesner aus. Er sagt (23, 45): „Nicht jede ivachsthums fähige Zone eines Organs ist auch heliotroinsch . . . Nehme ich einen positiv heliotroinsch krümmungsfähigen Stengel her, so kann ich mich leicht davon überzeugen, dass sein jüngster Theil, die Spitze, dem Lichte gegenüber noch nicht reagirt. Erst in einem tieferen, scho7i stärker in die Länge wachsenden Theile ist positiver Heliotropismus möglich." — Und an einer anderen Stelle heisst es (23, 96): „Häufig ist die Eeactionsfähigkeit der Organe gegen Licht und Scliwere je nach dem Älter verschieden. So ist die Stengelspitze des Hypocotgls vieler Keimlinge (z. B. der Kresse) iveder heliotropisch noch geotropisch. Die tiefer liegende, etwas ältere Stengelzone ist im günstigen Lichi nur tvenig (negativ) geotropisch, hingegen stark positiv heliotroinsch, eine tiefer liegende^ noch ältere Zone hingegen noch deutlich geotropisch aber gar nichi mehr heliotropisch." Aus welchem Grunde Wiesner den Heliotropismus des Untertheils der Keimstengel läugnet, haben wir bereits gesehen (§ 61), doch sahen wir auch schon, dass dieser einzige Grund in Wirklichkeit nicht besteht. Die Behauptung hingegen, dass die Spitze der Keimlinge und Stengel des Heliotropismus und Geotropismus entbehrt, ist ganz neu, und da sie zu den oben augeführten und wohl ziemlich allgemein acceptirten Ergebnissen von Sachs und H. Müller in directem Wiederspruch steht, so wäre es jedenfalls erwünscht zu erfahren, worauf sie sich eigentlich stützt. Vergeblich suchen wir aber in Wiesner 's Arbeiten nach Beweisen für seine Ansicht oder auch nur nach einer Andeutung, dass irgendwelche Versuche in dieser Richtung überhaupt ausgeführt worden sind, — wir finden nur die einfache kategorische Behauptung. Was die Stengelspitze anbetriift, so könnte Wiesner Recht haben, wenji er denjenigen Theil meinte, welcher sich noch in embryonalem Zustande befindet und in der Gipfelknospe verborgen ist; dieser Theil kann natürlich keinen Heliotropismus aufweisen, schon deshalb, weil das Licht keinen Zutritt zu ihm hat, Dass aber Wiesner nicht die embryonale Region, sondern die Spitze der in Streckung befindlichen Region im Auge hat, welche dem Licht bereits ausgesetzt ist, geht aus einer Steile in einer anderen seiner Arbeiten hervor (22, 63); hier behauptet er nämlich, dass bei zahlreichen nutirenden Blüthenschäften die am stärksten in die Länge wachsende Gipfelzone weich und spannungslos ist, und dass erst eine tiefer gelegene, schon ältere Region „schon" geotropisch und heliotropisch ist. Da es unzweifelhaft eine Frage von grosser Wichtigkeit ist, ob die heliotropisch krümmungsfähige Region mit der in Streckung befindlichen 154 Region zusanimcnftillt oder nur einen Tlieil der letzteren ausmacht, so wird es uiclit übcrHüssig sein, gegenüber der widersprechenden l?ehauplung Wiesuer's zu zeigen, dass die Angabe II. Miiller's zutreffend ist. Obgleich diese Frage nicht zum Programm meiner Arbeit gehörte, verfüge ich doeli über eine grosse Zalil von Beobachtungen, welche es gestatten, dieselbe wenigstens für die prosheliotropischen Stengel- und Blattorgane zu entscheiden. lu sehr zahlreichen Versuchen mit den eingehender untersuchten Keim- lingen {Avcna saüva, Phalaris canariensis, verschiedene Fankeae, Brassica Napits, Agrostemma OitUafjo, Vlcia saüva, Tropaeulum minus)^ ferner auch in einigen Versuchen mit anderen Keimlingen, sowie mit den Blättern von All'mm Cepa und den Blattstielen von Tropaeolum minus, wurden die untersuchten Organe mittels Tuschmarken in Querzonen von mehreren mm Länge getheilt, darauf einseitiger Beleuchtung ausgesetzt, und nach Abschluss des heliotropischen Versuchs wurde, entweder unmittelbar oder erst nach einiger Zeit, der Zuwachs der einzelnen Zonen gemessen. In allen solchen Versuchen, wofern dieselben nicht allzu kurz dauerten, fand ich, dass die heliotropisehe Krümmung in basipetaler Richtung alle diejenigen Zonen umfasste, welche noch einen messbaren Zuwachs erkennen Hessen; von dieser Regel ist mir nicht ein einziger Ausnahmefall vorgekommen. Es giebt ausserdem noch ein zweites Kriterium: wenn die heliotropische Krümmung bereits bis an die äusserste Basis der wachsenden Region gerückt ist, und die Exposition hierauf noch längere Zeit fortdauert, so kommt es bei Organen mit acropetaler Vertheilung der Wachsthumsintensität häufig vor, dass diese äusserste Basis inzwischen ihr Wachsthum einstellt, und alsdann bleibt hier die Krümmung fixirt und wird bei nachfolgender geotropischer Aufrichtung des Organs nicht ausgeglichen. Diese Erscheinung, welche ebenfalls einen Beweis für das Zusammenfallen der unteren Grenze der wachsenden und der krltmmungsfähigen Region liefert, wurde bei den Keimlingen der Paniceen und vieler Dicotylen sowie bei den Organen vieler entwickelten Pflanzen oft genug beobachtet; Beispiele sind in den vorausgehenden Kapiteln mehrfach namhaft gemacht. — Ich füge hinzu, dass meine, freilich weniger zahlreichen geotropischen Versuche auch dasselbe Resultat ergaben. Was nun ferner die obere Grenze der heliotropischen Krümmungsfähig- keit anbetrifft, so haben wir bereits früher gesehen, dass bei allen Keim- lingen ohne Ausnahme die Spitze sich am frühesten krümmt, ja dass bei der Mehrzahl derselben eine kurze Spitzenregion des lieliotropischen Organs sogar heliotropisch empfindlicher ist als dessen übriger Theil. Bei Keim- lingen kann also gar keine Rede davon sein, dass die heliotropische Krümmungs- fähigkeit erst eine gewisse Strecke unterhalb der Spitze beginnen sollte; das Gleiche gilt nb. auch für den Geotropismus. Bezüglich vieler ent- wickelter Stengel kann hingegen wohl ein Zweifel obwalten, denn das erste entwickelte (d. i. nicht in der Gipfelknospe verborgene) Internodium nimmt, solange es noch sehr jung ist, in der That normaler Weise an der lieliotropischen 155 und geotropiachen Krümmung nicht activ Theil (solche, leicht zu constatirende Fälle mag vielleicht Wiesner in der ersten Hälfte des oben angeführten Citates im Auge gehabt haben). Dies wird dadurch bedingt, dass das ^ betreffende Internodium weit langsamer wächst und folglich auch viel lang- samer sich krümmen kann als das folgende; bevor es noch Zeit gehabt hat, sich merklich zu krümmen, ist es daher schon passiv, durch die Krümmung des folgenden Internodiums, in eine geneigte, für die Krümmung ungünstige Lage oder gar in die Gleichgewichtslage gebracht worden. 80 bleibt das erste Internodium factisch ungekrümmt; aber es ist offenbar ganz verfehlt daraus zu schliessen, dass es nicht krümmungsfähig ist; von seiner Krümmungsfähigkeit kann man sich vielmehr leicht überzeugen, wenn man es andauernd einseitig beleuchtet, während, zur Vermeidung der passiven Neigung desselben, die tieferliegenden laternodien meclianisch an der Krümmung gehindert sind. Da dieser Punkt, soweit mir wenigstens bekannt, bisher in der Litteratur nicht berücksichtigt worden ist, so sei es erlaubt, zur Bekräftigung des Gesagten einige Versuche anzuführen. Versuch 47. Vicia sativa. Die Stengel zweier junger Pflanzen werden mittels mehrerer Verbände an Holzstäbchen angebunden und einseitig beleuchtet; der oberste Verband befindet sich unmittelbar unter dem jüngsten Internodium, so dass also nur dieses sich bewegen kann. Die Länge dieses Internodiums beträgt bei Pflanze J i^/^vivi, bei Pflanze 7/ 3 Wim. — Beleuchtung mit trübem Tagelicht. Nach 2 Stunden: Internodium / schon merklich gekrümmt, Internodium II noch nicht. Nach 3V2 Stunden: / stärker gekrümmt, // merklich gekrümmt. Nach 7 Stunden: I unter 65", II unter 45 ** geneigt. Der Zuwachs der beiden Internodien während des Versuchs betrug bei / nicht. über 3/4 mm, bei // nicht über '/-z »i»'- Versuch 48. Dahlia variabiliSi Eccremocarpus scaber. Versuchsanstelhmg wie oben. Länge des ersten Intcrnodiunis, das sich allein bewegen kann: bei Dahlia 3 tum, bei IiJccremocarjms 4 mm. Da die Krünunungsfähigkeit des Stengels bei diesen Pflanzen nicht so ausserordentlich ist wie bei Vicia, so ist eine entsprechend schwächere Krümmung zu erwarten. Nach 3'/.2 Stunden ist noch keine Krümmung bemerkbar; nacii 7 Stunden aber ist das jüngste Internodium beider Pflanzen schwach aber deutlicb (unter 10 — 20") zum Fenster geneigt. Der Zuwachs ist nicht messbar. Also sind selbst sehr junge und nur erst sehr schwach wachsende Internodien schon zweifellos heliotropisch. Ich füge noch hinzu, dass in einem zweiten ebensolchen Versuch mit Dahlia, nach 24 stündiger Exposition, das freie jüngste Internodium, welches am Schluss des Versuchs nur 1 V2 mm lang war, sich ganz deutlich lichtwärts gekrümmt hat. Wir sehen also, dass auch die obere Grenze der krümmungsfähigen Region mit der oberen Grenze der in Streckung befindlichen Region zu sarameufiillt. — Man ilaif luiii zwar nicht mit II. Müller sagen, tlass an der lieliolropisoiien Kriiniinuni;- alle in Sticekunj; belindliclien Zonen fctlieilnelimen; in dieser Form ist der Satz nicht unbedingt richtig, liichtig ist aber, dass bei prosheliotropischen Organen die ganze in Streckung begriffene Region heliotropisch kriimmungsfähig ist. Ich zweiile nicht, dass dasselbe auch für den Geotropismus gilt. iy (W). Fällt der Ort der stärksten Krümmung mit dem Ort des intensivsten Wachsthuras zusammen'? Sachs hat bei seiner Heschreibung der apogeotropischen Krümmung der Stengel (15, 325 bis 328) wohl als Erster hervorgehoben, „dass die Form der Krümmmif/ sicJi, von Beijinn des Vorganges bis zu seiner Beendigung immer- fort ändert und das Krümmungsmaximum auf Tlieile übergeht, die vorher noch gar nicht oder nur wenig gekrümmt ivaren, während vorher stark gekrümmte Tlieile später gerade iverden" (1. c. 325). Er hat auch mit der ihm eigenen Klarheit die Ursachen dieser Erscheinung, welche wesentlich in der ungleichmässigen Ver- thcilung der Wachsthurasintensität über den Stengel ihren Grund hat, auseinandergesetzt. Darauf hat H. Müller dasselbe für die heliotropische Krümmung festgestellt; er sagt (11, 7 — 8): „Die stärkste Krümmung bleibt nicht an derselben Stelle, sondern ruckt allmälig gegen das untere Ende d^s ivachsthumsfähigen Stengeltheils vor." Dass dies richtig ist (und zwar nicht blns für Stengel, sondern für prosheliotropische Organe überhaupt) und dass schliesslich das Krümmungs- maximum (bei acropetaler Waclisthumsvertheilung) in die Zone des lang- samsten Wachstums rückt, das fällt bei der licobachtung des Verlaufes der heliotropischen Krümmung geradezu in die Augen, und in den ersten Kapiteln dieser Arbeit haben wir zahlreiche Beispiele dafür kennen gelernt. Ich füge noch hinzu, dass die Krümmung um so schärfer wird, je mehr sie sich in der langsamst wachsenden Basalzone concentrirt, da nach Erreichung der Gleichgewichtslage die Neigung des Obertheils (von Oscillationen abgesehen) die j^rleiche bleibt, die Geradestreckung des Orgaus aber noch fortschreitet und folglich die gekrümrate Region immer kürzer wird; dasselbe ist auch bei der geotropischen Krümmung der Fall'), ') Es ist sehr beiiierkenswerth, dass Schweudencr und Krabbe (18,32 — 37) eine ganz analoge Erscheinung bei dem Geotortisnms und Ileliotortisnius der Blatt- iind Blüthenstiele festgestellt haben. Die Torsion beginnt regelmässig in der Gipfcl- region des Organs und schreitet allmälig basipetal fort; infolge der (brtdauernden Torsion der basalen Zonen wird die Spitze oft sehr beträchtlich übertordirt (ent- sprechend der geo- und lieliotropisclien Ucbcrlaiinininng), später wird aber ihre Torsion rückgängig gemacht, so dass die Torsion sich mehr und mehr in einer kurzen Basalzone des Organs coneenti'irt. Es ist augenfällig, dass der Verlauf der geotortisclien und lieüotortischen Torsion vollkommen dem Verlauf der geotropischen und heliotropischen Krünmmng entspricht. 157 In Anbetracht alles dieses ist es vollkommen klar nnd selbstverständlich, dass die Frage, ob das Krümmungsmaximum mit der Zone des maximalen VVachsthuras coincidirt oder nicht, keinen Sinn hat, — denn die Coincidenz kann nur eine zeitweilige sein. Trotzdem begegnen wir dieser Frage in der Litteratur wiederholt, und sonderbarerweise unter anderem auch bei H. Müller, auf dessen Autorität hin weiter in verschiedenen Schriften die P>ehauptung wiederholt wird, dass Krümraungsraaxiraum und Wachsthums- raaximura zusammenfallen (auch ich habe früher diesen weitverbreiteten Irrthnm getheilt). H. Müller sagt (11, 5): „Am emjyfincUicJisten (jegen oinseiüge Bpleuchtmifj sind die stärkst wachsenden Tlieile der Stengel, Hu'iJirend die KriimmungsfäJiigJceit nach ohen nnd iinten abnimmt." Abgesehen von der Vermengung der Begriffe,, Empfindlichkeit" und,, Krümmungs- fähigkeit", ist hier die Frage anscheinend ganz richtig gestellt, und der citirte Satz besagt, dass das Maximum der Krümmungsfähigkeit mit dem Maximum der Wachstliurasintensität zusammenfällt, was wohl in der Mehrzahl der Fälle zutrifft (vgl. die folgenden Paragraphen); dass aber der Autor in Wirklichkeit nicht das Maximum der Kriimraungsfähigkeit, sondern das Maximum der Krümmung meint, ergiebt sich daraus, dass er als Beispiel einen Stengel von Valeriana officinalis anführt, in dem nach 5 stündiger Beleuchtung das Krüramungsmaximum mit dem Wachsthumsmaxiraum zusammenfiel; dies ist offenbar nur ein Zufall, und wenn der Autor einige Stunden später nach dem Stengel gesehen hätte, so wäre er zu einem ganz anderen Resultat gekommen. Letzteres ist Wiesner passirt (22, 6 — 7). Derselbe markirte auf Keim- stengeln 2 mm lange Zonen, Hess die Objecto dunkel stehen, bis die Zone maximalen Wachsthums bestimmt werden konnte, Hess sie sich darauf helio- Iiidessen scheinen die Verfasser diese Aehnliehkeit nicht bemerkt zu haben, sie heben vK-lmelir einen Diflerenzpunkt zwischen dem Verlauf der Krümmung und der Torsion hervor. In den Bliitlienstielen von Acouitiim niul Delj^hinium soll nämlich der Ort der geotropisclion Krümmung von dem Alter abhängen und je nach diesem an der Basis, in der Mitte oder in der Nähe der Spitze des Organs liegen, während die Torsion stets im Ohertheil des Blüthcnstiels beginnt, unabhängig von dessen Alter (1. c., 31 — 32). Diese Antithese Ist wohl sicher unrichtig, und der Fehler liegt darin, dass die Verfasser nur den definitiven Ort der gcotroplsclien Kriunmung Im Auge iiahen; wenn sie den Verlauf der Krünnnung von Anfang an verfolgt hätten, so hätten sie zweifelsohne gefunden, dass dieselbe, gerade so wie die Torsion, stets an der Spitze des Blüthcnstiels beginnt, sich allmälig abwärts fortsetzt, und erst zuletzt, infolge Oeradestreckung des Oberthcils, sich an der Basis der wachsenden Region concentrirt; nur von der mit dem Alter al>nchnicnden Länge der letzteren dürfte es, hier ebenso wie anderwärts, ablulngen, wo sich schliesslich die geotropische Krüm- nuing vorfindet. Vermuthlich wird sich auch der Verlauf der Torsion als durch die Verthellung der Waclistliumsintensität im Oi'gan liedingt herausstellen; leldei- hnlien die Verfasser diesen Punkt unbeachtet gelassen. 158 tropisch krümmen, bestimmte die Zone des Krilramungsraaximuras, und scliliesslicli stellte er sie wieder dunkel und bestimmte nochmals die Lage des Wachsthumsraaximums. Auf diese Weise fand er folgendes. Hei Stengeln mittlerer fimplindlichkeit ( Vicia Faha, Heliantlius) fallen beide Maxima zusammen; bei Phaseolus^ welcher stärker heliotropisch ist, liegt das Krümmungsmaximum gewöhnlich etwas höher als das Wachsthumsmaximum- bei jungen Keimlingen von Vicia sativa (1 — 2 C7n hoch) liegt das erstere Maximum ebenfalls höher, hingegen bei älteren (5 — 10 cm liohen) Keim- lingen derselben Species liegt es im Gegentheil tiefer; bei Lepidium sativum endlich liegt das Krümmungsmaximum stets tiefer als das Wachs- thumsmaximum. „Diese Versuche zeigen auf das deutlichste, dass in vielen Fällen, namentlich hei heliotropisch sehr empfindlichen Pflanz entheilen, die günstigsten Verhältnisse für das Zustandekommen des Heliotropismus nicht in der am starlisten wachsenden Region derselben liegen (1. c. 7)." Indessen geht aus Wiesner's Versuclien in Wirklichkeit nur soviel hervor, dass er bei den verschiedenen Objecten ungleiche Phasen der helio- tropischen Krümmung beobachtet hat. Die Keimlinge von Lepidiiim und die älteren Keimlinge von Vicia sativa beobachtete er zu einer Zeit, wo das Krümmungsmaximum schon etwas nach unten gerückt war, die (viel langsamer sich krümmenden) Keimlinge von Vicia Faha und Helianthus hingegen zu einer Zeit, wo dies noch nicht geschehen war. Wie lange die Exposition dauerte, giebt Wiesner nicht an ; doch kann man mit Sicherheit behaupten, dass er bei längerer Exposition bei allen seinen Objecten das Krümmungsmaximum in einer tieferen Zone gefunden hätte als das Wachs- thumsraaxiraum. § 67. Eine andere und wohl berechtigte Frage ist es, ob der Ort der grössten heliotropischen Krümmungsfiihigkeit mit demjenigen der grössten Wachsthumsintensität zusammenfällt. Bevor wir uns aber zu dieser Frage wenden, müssen wir zunächst erörtern, was wir unter dem Ausdruck ,, Krümmungsfähigkeit" verstehen wollen, wie wir die Krümmungsfähigkeit bestimmen können, und welche Factoren auf dieselbe von Einfluss sind. Der Grad der heliotropischen Krümmung hängt zunächst von einer Reihe äusserer Factoren ab, wie von der Intensität des Lichts, von dessen Wellen länge, von dem Winkel, unter dem die Lichtstrahlen auf das Organ auffallen. Aber auch wenn alle äusseren Factoren gleich sind, wenn z. B. eine Anzahl prosheliotropischer Organe sich in gleicher Entfernung von der nämlichen Lichtquelle befinden, unter dem gleichen Winkel von den Lichtstrahlen ge- troffen werden und dabei andere krümmende Einwirkungen ausser derjenigen des Lichts ausgeschlossen sind, krümmen sich die verschiedenen Organe in ungleichem Grade dem Licht zu. Jetzt wird der Grad der Krümmung nur noch durch die inneren Eigenschaften der Organe bedingt; und den Complex der inneren Factoren, welche die heliotropische 159 Krümmung beeinflussen, bezeichnen wir als die heliotropisclie Krümmungsfähigkeit') der Organe. Betrachten wir ein einzelnes heliotropisches Organ, so ist hier wiederum die Krümraungsfähigkeit seiner verschiedenen Querzonen eine ungleiche. Bei der Vergleichung der Krümmungsfähigkeit der einzelnen Zonen eines Organs ist jedoch Vorsicht erforderlich. Es ist klar, dass der Krümmungsgrad der Zonen nur in dem Falle ein Maass ihrer Krümmungsfähigkeit bilden kann, wenn die äusseren Bedingungen der Krümmung vollkommen gleich für alle Zonen sind. Diese äusseren Bedingungen sind aber, genau genommen, nur so lange gleich, als das Organ noch ungekrümmt ist; sobald dasselbe sich zu krümmen begonnen hat, wird ein wesentlicher äusserer Factor, nämlich der Winkel des Lichteinfalls, für die verschiedenen Zonen verschieden; die- jenigen Zonen z. B., welche eine zur Lichtrichtung geneigte Lage annehmen, müssen sich von nun an, bei gleicher Krümraungsfähigkeit, in geringerem Grade krümmen als diejenigen, welche eine zur Lichtrichtung senkrechte Lage behalten haben. Je weiter die Krümmung fortschreitet, um so grösser wird die Differenz, denn der Winkel des Lichteinfalls ändert sich für die verschiedenen Zonen mit ungleicher Schnelligkeit. In Folge dessen kann einige Zeit nach Beginn der Krümmung eine Proportionalität zwischen der Krümmungsfähigkeit der einzelnen Zonen und ihrem Krümmungsgrad factisch unmöglich bestehen. Darum bleibt auch das theoretische Maass der Krüm- mungsfähigkeit, nämlich der in der Zeiteinheit erreichte Krümmungsgrad (bestimmbar durch den reciproken Werth des Krümmungsradius, oder durch die Grösse des Kreisbogens, welchen die Längeneinheit bildet, — zwei Werthe, die sich um den Factor 2 ti von einander unterscheiden) in der Praxis unanwendbar, — um so mehr als die Zeiteinheit offenbar vom Beginn der Krümmung an gerechnet werden müsste, die einzelnen Zonen sich aber ungleichzeitig zu krümmen beginnen und der Zeitpunkt des Beginnes der Krümmung sich kaum mit einiger Genauigkeit feststellen lässt. Auf eine ziffernmässige vergleichende Bestimmung der Krümmungsfähigkeit der einzelnen Zonen eines Organs muss daher von vornherein verzichtet werden. Aber gerade der ungleichzeitige Beginn der Krümmung bietet uns anderer seits ein Mittel, die Krümmungsfähigkeit der verschiedenen Zonen eines Organs untereinander zu vergleichen; denn je weniger krümmungsfähig eine Zone ist, desto später wird dieselbe offenbar anfangen sich zu krümmen, und diejenige Zone, welche sich am frühesten krümmt, ist die krümmungs- fähigste unter allen (natürlich ist hierbei nur eine active Krümmung, nicht aber eine durch die Krümmung anderer Zonen herbeigeführte passive Neigung 1) Es ist das im Princip derselhe Begrill", den Sachs (16,^41) den „ajiecißschen Ilellolropismus" nennt und als „diejenige innere Eigenschaft eines Organs, vermvgf welcher dasselbe von dem rechtwinkelig einfallenden Licht in der Zeiteinheit eine be- stimmte Krümmung erfährt'^ definirt; nur ist die oben gegebene Definition allgemeiner gefasst, als die Sachs'sche. 160 in Betraclit zu ziehen). So können wir also die Reihenfolge der Krünimungs- fähigkeit der Zonen feststellen, wenigstens für die erste Zeit, solange noch keine secundiiren Aendernngen der Krihnmungsfähigkeit stattgefunden haben (dass solche mit der Zeit hinzukommen können, davon wird unten noch die Rede sein) — wobei aber eine zahlenmässige Bestimmung, um wieviel die Krüni mungsfiihigkeit einer Zone die der anderen übertrifft, auch nicht möglich ist. Dasselbe gilt nun im Allgemeinen auch für die Vergleichung der Krümmnngs- fiihigkeit verschiedener Organe, sei es derselben, sei es verschiedener Pflanzen- Weiches von zwei Organen das krümmungsfiihigere ist, können wir daraus entnehmen , welches sich bei ganz gleichen äusseren Bedingungen früher zu krümmen anfängt. Ausserdem kann hier auch der in gleicher Zeit (U-reichte Krümmungsgrad (minimale Krümmungsradius) in der Praxis als Vergleichspunkt dienen, jedoch nur in den Anfangsstadien der Krümmung, weil infolge der beim krümmungsfähigeren Organ schneller erfolgenden Ac.nderung des Einfallswinkels des Lichts der Unterscliied des Krümmungs- grades sich mit der Zeit vermindert und sich schliesslich ganz verwischen kann; aber selbst in den Anfangsstadien kann eine solche Vergleichung nur anuäliernde Ergebnisse liefern, denn eine Proportionalität zwischen Krümmungsfähigkeit und Krümmungsgrad kann practisch nicht existiren, wenn die Krümmungen schon raessbar geworden sind. Nicht ohne weiteres zulässig als Maass der Krümmungsfähigkeit ver- schiedener Organe ist hingegen die in der Zeiteinheit erreichte Neigung der Spitze resp. des Obertheils, sowie die zur Erreiclmng der Gleichgewichts- lage erforderliche Zeit, denn hierauf hat auch die Länge der krümmungs- fähigen Region einen wesentlichen Einfluss: ist die krümmungsfähige Region lang, so bewirkt schon eine geringe Krümmung eine bedeutende Neigung der Spitze, — ist sie hingegen kurz, so führt zu der gleichen Neigung der Spitze erst eine viel stärkere Krümmung. Anders liegen die Dinge, wenn es sich darum handelt, den Einfluss ge- wisser Eingriffe, z. B. der Verdunkelung der Spitze, auf die Krümmungs- fähigkeit gleichnamiger Organe derselben Species zu bestimmen, wie das in einem grossen Theil der in dieser Arbeit mitgetheilten Versuche der Fall war. Hier ist, bei gleichem Entwickelungsstadium der Organe, sowohl die Länge der krümmungsfähigen Region, als der Verlauf der Krümmung, als auch die Dauer der Periode der latenten Reizung die gleiche (individuelle Difterenzen können durch Experimentiren mit zahlreichen Objecten eliminirt werden), und unter solchen Bedingungen bildet die Neigung des Obertheils ein vollkommen zulässiges und gleichzeitig das bequemste Mittel zur Ver gleichung der Krümmungsfähigkeit der verschieden behandelten Objecte. Proportionalität zwischen Neigung und Krümmungsfahigkeit besteht freilich hier auch nicht, doch vermindert das die Beweiskraft der Versuche nicht, sondern erhöht sie vielmehr, denn, wie leicht einzusehen, muss das Verhältniss der Krümmungsfähigkeiten stets ein grösseres sein als das der Neigungen, und diese Differenz vergrössert sich mit zunehmender Krümmung. 161 § 68. Sehen wir nun zu, welches die Factoren sind, aus denen sich die Krümmungsfähigkeit zusammensetzt. Dieselbe muss, soweit es sich um wachsende Organe handelt (und nur solche habe ich hier zu- näclist im Auge), nothwendigerweise von drei Factoren abhängig sein: erstens von der Wachsthumsintensität (worin die Turgorverhältnisse, die Elasticitätsverhältnisse der Membranen etc. einbegriffen sind), zweitens von der Dicke des Organs resp. Organabschnitts (genauer von der Grösse des- jenigen Durchmessers desselben, welcher in der Ebene des Lichteinfalls liegt), und drittens von der Anordnung der verschieden dehnbaren anatomischen Elemente auf dem Querschnitt, oder, kurz ausgedrückt, von dem anato- mischen Bau des Organs. Dass diese drei Factoren die Krümmungs- fähigkeit beeinflussen müssen, ist ohne weiteres klar. Eine Voraussetzung derselben bildet ferner die heliotropische Empfindlichkeit; ob diese jedoch eine ein für alle Mal gegebene, constante Grösse ist, oder ob sie eine variable Grösse ist, welche in verschiedenen Organen und Organtheilen einen ver- schiedenen Werth hat und folglich einen weiteren, vierten Factor der Krüm- mungsfähigkeit bildet, ist a priori nicht zu sagen und kann nur empirisch entschieden werden (die in dieser Arbeit bisher gewonneneu Erfahrungen wollen wir vorläufig ausser Acht lassen). Nehmen wir zunächst einmal den ersteren Fall an. Der anatomische Bau pflegt in den verschiedenen Zonen eines Organs der gleiche zu sein; auch der zweite Factor, die Dicke, ist bei vielen Organen (Blattstielen, Keimstengeln, Grascotyledonen etc.) oft in den verschiedenen Zonen constant oder variirt nur so unbedeutend, dass dies keinen merklichen Einfluss auf die Krümmungsfähigkeit haben kann. In solchen Fällen würde also nur eine Variable bleiben, nämlich die Wachsthumsintensität, die ja stets in den ver- schiedenen Zonen eines Organs verschieden ist; und wenn es in der That keinen vierten Factor der Krümmungsfähigkeit giebt, so kann die Krüm- mungsfähigkeit der Zonen eines Organs nur von deren Wachsthumsintensität abhängen, und die Zone, in der sich das Wachsthumsmaximura befindet, muss sich nothwendigerweise am frühesten krümmen'). Nun habe ich aber gefunden, dass es sich nicht immer so verhält; es kommt vielmehr vor, — ich werde sogleich Beispiele dafür anführen — , dass eine langsamer wachsende Zone eines heliotropischen Organs sich früher krümmt als die Zone des maximalen Wachsthums. Hieraus folgt unmittelbar, dass noch ein vierter Factor der Krümmungsfähigkeit existirt, welcher in verschiedenen Theilen eines Organs einen verschiedenen Werth haben kann. ') Dies ist auoli bisher die allgemein acceptirte Ansicht, und zwar nicht nur be- züglich der heliotropisclieu, sondern auch der anderen durch Waclisthum bedingten Krümmungen. Um nur eine Autorität anzuführen, sagt z. B. Sachs bei Besprechung der geotropischcn Krümnnmg (15, 326): „da die Region des raschesten Zmvachses sich auch am raschesten krümmt", und auch in neuerer Zeit (17, 723): „Je rascher das Wachsthum an einer Stelle ist, eine desto kräftigere Krümmung erfährt dieselbe durch den Geotropismus.'^ Cohn, Beiträge zur Biologie der Pflanzen. Bii. VII. Heft I. \\ 162 und das muss der Grad der Empfindlichkeit des Protoplasmas gegen ein- seitige Beleuchtung oder, kurz ausgedrückt, die heliotropische Empfind- liclikeit') sein. Caeteris paribus (d. i. bei gleicher Dicke und gleichem anatomischem Bau) hängt also die Kriimmungsfiihigkeit der Zonen eines Organs von zwei Variablen ab: von der Wachsthumsintensität und von dem Grade der helio- tropischen Empfindlichkeit. Bei im Organ gleichmässig vertheilter Empfind- lichkeit müssen sich die einzelnen Zonen in der Reihenfolge ihrer Wachs- thumsintensität krümmen; wenn das nicht der Fall ist, so muss die Empfind- lichkeit ungleichmässig vertheilt sein. Krümmen sich z. B. zwei ungleich schnell wachsende Zonen gleichzeitig, so folgt, dass die langsamer wachsende die empfindlichere ist; finden wir aber gar, dass die langsamer wachsende von zwei Zonen sich früher krümmt als die schneller wachsende, so muss die Empfindlichkeit der ersteren bei weitem grösser sein, — um so grösser, je bedeutender die Differenz der Wachsthumsintensität ist. Dieser Schluss bleibt auch in dem Falle zutreffend, wenn die Dicke der ersteren Zone etwas geringer ist als die der letzteren, — wofern nur die Differenz der Dicke kleiner ist als die Differenz der Wachsthumsintensität. Nach diesen Vorbemerkungen wende ich mich zu den concreten Fällen. Das erste Beispiel bietet uns der Cotyledo von Avena sativa. Schon in § 10 haben wir gesehen, dass in sehr jungen Cotyledonen die Wachsthums- vertheilung eine rein basipetale ist, und in älteren ein 6 — 10 mm von der Spitze entferntes Wachsthumsraaximum besteht; markiren wir auf dem Cotyledo von der Spitze aus Querzonen von 3 mm Länge, so finden wir in Zone I ein besonders langsames, in Zone II schon ein wesentlich schnelleres Wachsthum, und von da an eine mehr allmälige Steigerung der Wachs- thumsintensität bis zur Basis resp. bis zu dem in Zone III oder IV gelegeneu Maximum (vgl. die Tabelle auf S. 28). — Gerade die so langsam wachsende Zone I zeichnet sich nun durch die grösste heliotropische Krümmungs- fähigkeit aus. In allen Versuchen, in denen die Anfangsstadien der helio- tropischen Krümmung beachtet wurden, war zu constatiren, dass die Krüm- mung zuerst in einer Gipfelzone von nicht über 6 mm Länge auftrat (vgl. Fig. 7 auf S. 30), und erst nach einiger Zeit sich auf die Region des maximalen Wachsthums ausbreitete. Wurden den Keimlingen 3 7nm lange Zonen aufgetragen (Fig. 57), so fand sich die Krümmung zuerst in den Zonen I und II ein (Fig. 57^, Keimlinge a und b), und wenn es gelaug das allererste Krümmungsstadium anzutreffen, so erwies sich sogar nur die 1) Dass die Krümmungsfähigkeit von der heliotropischen Empfindlichkeit abhängt, ist nur bedingt richtig, trift't aber gerade für die jetzt zu behandelnden Fälle zu; vgl. § 71. Allgemein gefasst, ist es eine andere Grösse, nämlich die heliotropische Reizbarkeit, welche einen Factor der Krümmuugsfähigkeit bildet; docli kann der Unterschied zwischen Empfindlichkeit und Reizbarkeit erst im folgenden Paragraphen besprochen werden. 163 Zone I allein als gekrümmt (Fig. 57^, Keimling c). Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass zu allererst immer nur die Zone I allein sich krümmt; In n Q (J a ö c a Fig. 57. Avena sativa. Anfangsstadien der heliotropischen Krümmung dreier Keimlinge a, b, c, mit markirten Querzonen von 3 mm Länge. I nach 1 Stunde, II nach iS/^, Stunden. da aber dieses Stadium schnell vorübergeht, so ist es leicht zu versäumen, und daher fand ich meist schon die zwei ersten Zonen gekrümmt. Erst nach einiger Zeit war die Krümmung auch auf Zone III übergegangen (Fig. 57^^), doch war diese immer noch nicht stärker gekrümmt, als die mittlerweile schon in ungünstigere Lage gerathene Zone I. Die Wachsthums- vertheilung war bei den in Fig. 57 dargestellten Cotyledonen die normale, es betrug nämlich der durchschnittliche Zuwachs der einzelnen Zonen pro 22 Stunden: I 52V->%, II 122%, III 129%, IV 108%, V 97%; die Zonen II und III wuchsen also ca. 2V2 Mal schneller als die Zone I, und da sich die letztere, bei nur sehr wenig geringerer Dicke, früher resp. mindestens gleichzeitig mit ihnen krümmte, so muss ihre heliotropische Empfindlichkeit eine bedeutend grössere sein. Wir kommen also zu dem Schluss, dass im Cotyledo von Avena eine 3 wm lange Gipfelregion sich durch bedeutend grössere heliotropische Empfindlichkeit auszeichnet, als die tiefer gelegenen, schneller wachsenden Zonen. Dasselbe Resultat hatten wir schon früher (§ 13 — 19) auf anderem, experimentellem Wege gefunden. Diese beiden, von einander völlig unabhängigen Beweisführungen dienen einander als vorzügliche Controle. Ganz dasselbe wie bei Avena j wurde ferner bei Plialaris canariensis gefunden, und weitere Beispiele liefern die Keimlinge der Pamc6'e7^: solange dieselben jung sind und der Cotyledo sich noch deutlich zu krümmen ver- mag, krümmt er sich immer zuerst, erst später beginnt auch das Hypocotyl sich zu krümmen; und doch lehrt hier schon der blosse Augenschein, dass das Hypocotyl bei weitem intensiver wächst als der Cotyledo, und zudem ist der letztere nicht nur nicht dünner, sondern sogar etwas dicker als das erstere. Der aus diesen Thatsachen zu ziehende Schluss stimmt wiederum sehr gut mit dem Resultat der früher (§ 29) besprocheneu Versuche überein, durch die bewiesen wurde, dass bei den Paniceen der Cotyledo allein helio- tropisch empfindlich ist. 11* 1G4 Diese Beispiele zeigen unter anderem auch Folgendes: erstens, dass die heliotropische Empfindlicli keit und die Wachsthnmsin- tensität von einander völlig nnabliiingig sind, und zweitens, dass bei ungleicliniässiger Vert hei hing der hello tropischen Empfindlichkeit im Organ dieselbe einer der Factoren ist welche den Verlauf der heliotropischen Krümmung bestimmen. Während wir aus dem Nichtzusammenfallen der Maxima des Wachsthuras und der Kriimmungsfähigkelt auf eine unglelchmässlge Vertheilnng der helio- tropischen Emptindlichkeit schliessen müssen, folgt aus dem Zusammenfallen beider Maxima nicht, dass die Empfindlichkeit gleichmässig vertheilt ist. Denn wenn z. B. die am schnellsten wachsende Zone auch weniger empfindlicli ist als eine andere, so kann sie dennoch die krllramungsfnhigere sein, wofern die Differenz der Wachsthumsintensitiit diejenige der Empfindlichkeit über- wiegt; ist sie aber gleichzeitig die empfindlichste, wie das ja bei vielen Dicotylenkelmlingen der Fall ist, so ist sie erst recht krümmungsfähiger als^' die übrigen. Darum kann bei Dlcotylenkelralingeu die unglelchmässlge Ver- theilung der heliotropischen Empfindlichkeit nicht auf solchem Wege nach- gewiesen werden, wie es soeben für die Gramiiieeii-KQ^mVmge geschehen ist, denn bei der Unmöglichkeit einer genauen quantitativen Bestimmung der Krümmungsfäbigkeit können wir nicht erkennen, ob die grössere Krümmungs- fähigkeit einer Zone nur durch deren intensiveres Wachsthum oder überdies auch noch durch grössere Empfindlichkeit bedingt ist. § 69, Wir haben oben unter „heliotropischer Empfindlichkeit" die Eigenschaft des Protoplasmas verstanden, einseitige Beleuchtung zu empfinden, d. 1. unter dem Einfluss derselben eine uns nicht näher bekannte Ver- änderung zu erfahren, deren Folgen schliesslich zu einer Krümmung des betreffenden Organs oder Organtheils nach der Lichtquelle bin (im Fall wir es mit prosheliotropischen Organen zu thun haben) führen. Nun haben wir aber gesehen, dass eine directe einseitige Beleuchtung keineswegs eine nothwendige Bedingung für das Zustandekommen einer heliotropischen Krümmung in einem Organthell ist; eine solche kann auch dann stattfinden, wenn ein Organthell vollkommen verdunkelt oder von zwei entgegengesetzten Seiten gleichstark beleuchtet ist und nur von einem anderen, einseitig beleuchteten Theile aus einen gewissen Impuls (heliotropischen Reiz) zugeleitet erhält. Obgleich nun aber der zugeleitete Impuls zu einem qualitativ gleichen Endresultat führt wie die directe einseitige Beleuchtung, so fragt es sich doch, ob die nächste Wirkung beider auf das Protoplasma qualitativ die gleiche oder eine verschiedene ist; denn es erscheint sehr wohl möglich, dass der zugeleitete Impuls nicht am ersten Gliede der Kette von Processen, aus denen sich die Reizerscheinung zusammensetzt, sondern erst an einem der folgenden Glieder angreift. Diese Vermnthung wird zur Gewissheit, wenn wir das Verhalten des Hypocotyls der Paniceen in Betracht ziehen, welches durch directe einseitige Beleuchtung gar nicht, wohl aber durch 165 ienen vom Cotyledo aus übermittelten heliotropischeu Impuls reizbar ist. Hier liegt es auf der Hand, dass der zugeleitete Impuls eine Veränderung im Protoplasma des Hypocotyls hervorruft, welche durch directe einseitige Beleuchtung in diesem Organ nicht bewirkt werden kann; das Hypocotyl ist zwar heliotropisch reizbar, aber nicht heliotropisch empfindlich. Helio- tropische Reizbarkeit und heliotropische Empfindlichkeit sind somit zwei verschiedene Eigenschaften, welche auf verschiedenen, mit einander nicht uothwendig verbundenen Fähigkeiten des lebenden Protoplasmas beruhen. Die Verschiedenheit dieser beiden Eigenschaften zeigt uns auch der Unter- theil des Cotyledo von Äve^ia^ des Hypocotyls von Brassica, etc., welcher für einseitige Beleuchtung nur in relativ geringem Grade empfindlich, durch einen zugeleiteten heliotropischen Impuls aber in hohem Grade reizbar ist. In diesem Falle, wie im Falle der Pa^liceeM und überhaupt immer, ist die Reizung freilich durch eine vorausgehende Empfindung der einseitigen Beleuchtung bedingt; aber die Empfindung kann in einem anderen Theile des Organs oder (wie bei den Paniceen) sogar in einemanderen Organ erfolgt sein. Aber nicht blos da, wo Empfindlichkeit und Reizbarkeit mehr oder weniger vollständig local getrennt sind, sondern auch da, wo sie local zusammenfallen, werden wir sie offenbar als verschiedene Eigenschaften, und Empfindung und Reizung als verschiedene Glieder in der Kette der durch die Reizursache veranlassten Prozesse ansehen müssen. Einen Beweis hierfür werden wir noch im folgenden Kapitel kennen lernen, wo gezeigt werden wird (§ 80), dass bei gewissen Objecten durch einen bestimmten Eingriff die Empfindlichkeit aufgehoben wird, während die Reizbarkeit fortbesteht. Wir müssen uns somit die Vorgänge bei der heliotropiachen Reizung folgendermassen vorstellen. Zunächst wird die einseitige Beleuchtung empfunden oder percipirt, d. i. sie bewirkt im Protoplasma eine bestimmte Veränderung (die primäre Veränderung). Diese bewirkt dann die Reizung, d. i. sie veranlasst ihrerseits eine andere (die secundäre) Veränderung im Protoplasma. Die letztere hat nun nach zwei Richtungen hin weitere Folgen. Einerseits bildet sie an Ort und Stelle die Ursache für eine Kette weiterer Prozesse, deren Endglied die LichtwärtskrUmmung ist. Anderer- seits hat die secundäre Veränderung, wenn sie an einer Stelle eines Organs eingetreten ist, zur Folge, dass in dem Protoplasma der benachbarten Stelle (auch wenn diese nicht einseitig beleuchtet ist oder einseitige Beleuchtung nicht zu empfinden vermag) die nämliche Veränderung eintritt; der gereizte Zustand des Protoplasmas (der Reiz oder die Reizung) pflanzt sich also fort, und überall, wo er sich einstellt, ruft er die gleichen, schliesslich zur Krümmung führenden Folgen hervor; mit zunehmender Entfernung vom Aus- gangspunkt dürfte freilich eine allmälige Abschwächung des Reizes stattfinden. Nunmehr können wir uns auch eine nähere Vorstellung darüber bilden, inwiefern in einem gleichzeitig reizbaren und empfindlichen Organtheil der nächste Erfolg der directen einseitigen Beleuchtung (j[üalitativ verschieden 106 ist von demjenigen eines zugeleiteten heliotropischen Impulses. Einseitige Beleuchtung veranlasst zunächst die primäre und erst als weitere Folge die secundäre Veränderung; der zugeleitete Impuls hingegen veranlasst unmittel- bar die secundäre Veränderung. Letztere leistet also schliesslich qualitativ dasselbe wie erstere, jedoch mit Ueberspringung der primären Veränderung. Darum eben kann in Organtheilen, die reizbar aber nicht empfindlich sind, d. i. deren Protoplasma wohl der secundären, nicht aber der primären Ver- änderung fähig ist, nur ein zugeleiteter Impuls Reizung hervorrufen, und in Organtheilen, deren Protoplasma der secundären Veränderung in höherem Grade fähig ist als der primären, kann er stärkere Reizung hervorrufen als die directe einseitige Beleuchtung. Das Resultat der mitgetheilten, auf empirisch festgestellte Thatsachen gestützten Betrachtungen ist, dass (zunächst im Falle des Prosheliotropismus) die Empfindung (Perception) der Reizursache und die dadurch veranlasste Reizung als ver- schiedene Vorgänge, und die Empfindlichkeit (Perceptions- fähigkeit) und die Reizbarkeit als verschiedene Eigenschaften des Protoplasmas unterschieden werden müssen. Diese beiden Eigenschaften sind nicht nothwendig mit einander verbunden; ein bestimmter Grad heliotropischer Empfindlichkeit geht zwar immer mit einem mindestens entsprechenden Grade von Reizbarkeit desselben Organtheils Hand in Hand (wenigstens liegt kein Grund vor, das Gegentheil anzunehmen), — die umgekehrte Abhängigkeit besteht aber nicht, indem auch ein unempfindlicher oder nur in geringem Grade empfindlicher Pflanzentheil doch in hohem Grade reizbar sein kann. Ich lege auf die Feststellung dieser Verhältnisse Gewicht, weil, wie ich glaube, damit ein weiterer Schritt gethan ist in der Zergliederung der Kette von causal verknüpften Processen , aus denen sich eine Reizerscheinung zusammensetzt. Während man bisher immer nur das erste und letzte Glied, die Perception und die Reaction, unterschieden hat, sind jetzt, zunächst für den Fall des Prosheliotropismus, drei Glieder bestimmt nachgewiesen und präcisirt, das erste, das zweite und das letzte, nämlich die Perception, die Reizung und die Reaction (wobei es natürlich unbestimmt bleibt, wieviele Glieder noch zwisclieu der Reizung und der Reaction eingeschoben sind). Und wenn NoU (12, 15) sagt: ,,Reception und Reaction beruhen auf ganz verschiedenen Grundeicjenschaften der Substanis"^ so müssen wir seine ,,Reception" in zwei verschiedene Vorgänge zerlegen und den obigen Satz dahin erweitern, dass Perception, Reizung und Reaction auf verschiedenen Eigenschaften der Substanz beruhen. § 70. Wir ersehen aus dem vorigen Paragraphen, dass die heliotropische Reizung des Protoplasmas eines bestimmten Organtheils durch zweierlei Ursachen bewirkt werden kann : erstens durch directe einseitige Beleuchtung 167 des betreffeuden Theiles (welche zunächst Empfindung und weiter, als Folge dieser, Reizung hervorruft), — zweitens durch die Fortpflanzung einer Reizung, welche an anderer Stelle und zu anderer Zeit ebenfalls durch einseitige Beleuchtung hervorgerufen worden ist. Da im ersterea Falle die Art und Weise der Wirkung der Reizursache eine mehr unmittelbare ist als ira letzteren, so wollen wir die beiden Fälle von Reizung als directe und indirecte Reizung unterscheiden und dementsprechend auch von directer und indirecter Reizbarkeit reden. Die Veränderung im Protoplasma, welche der Reizung zu Grunde liegt, ist, wie schon hervor- gehoben wurde, qualitativ dieselbe, und die Unterscheidung in directe und indirecte Reizung soll somit nur den verschiedenen Weg kennzeichnen, auf dem diese Veränderung zu stände kommt. Ebenso ist die directe und die indirecte Reizbarkeit im Grunde genommen die gleiche Eigenschaft des Protoplasma; aber die Grösse der ersteren wird durch die Empfindlichkeit des nämlichen, die Grösse der letzteren durch die Empfindlichkeit eines anderen Organtheils bestimmt, von dem aus die Zuleitung der Reizung erfolgt, und wir können nach Belieben, durch künstliche Eingriffe, nur die erstere oder nur die letztere zur Geltung kommen lassen. Unter den natür- lichen Bedingungen, wenn ein Organ in seiner ganzen Länge einseitig beleuchtet ist, werden in einem heliotropisch empfindlichen Theil desselben beide Reizungen zur Geltung kommen können, aber nicht gleichzeitig, da die indirecte Reizung zu ihrer Fortpflanzung Zeit braucht und in einem Organtheil um so später in Action tritt, je weiter derselbe von ihrer Aus- gangsstelle entfernt ist. In der ersten Zeit kommt also nur die directe Reizbarkeit des Organtheils zur Geltung, seine Reizbarkeit wird zunächst nur durch die ihm eigenthümliche Empfindlichkeit bestimmt; erst nach einer mehr oder weniger langen Zeit kommt auch die indirecte Reizung hinzu, welche sich in verschiedener, gleich zu besprechender Weise mit der directen Reizung combinirt, und nun wird die Reizbarkeit des Organtheils von seiner Empfindlichkeit unabhängig. Die zur Geltung kommende Reizbarkeit eines Organtheils ist also eine mit der Zeit veränderliche Grösse: sie kann eventuell mit beginnen und sich allmälig bis zu einer dem betreffenden Organtheil eigenthümlichen Grösse steigern, welche wir als die maximale Reizbarkeit desselben bezeichnen wollen. Was nun die unter natürlicben Verhältnissen möglichen Combinationen anbetrifft, so können wir auf Grund der gewonnenen Erfahrungen vier ver- schiedene Fälle unterscheiden. (Um den realen Boden nicht verlassen zu müssen, wollen wir im folgenden von der Annahme ausgehen, dass die heliotropische Reizung sich nur in basipetaler Richtung fortpflanzt; die in § 25 raitgetheilten Versuche lassen dies zum Mindesten als möglich erscheinen, und unter normalen Verhältnissen geht jedenfalls die heliotropische Krümmung so vor sich/ als wenn eine akropetale Reizfortpflanzung ausgeschlossen wäre.) 1) Der einfachste Fall liegt in der Gipfelregion aller untersuchten heliotropischen Organe vor, wo (nach der obigen Annahme) eine indirecte 168 Reizung ausgeselilosson ist ; liier ist also zu jeder Zeit nur d'w directc Reizbarkeit vorhanden, welche durch die heliotropische Empfindlichkeit gegeben ist. 2) Den geraden Gegensatz hierzu bildet der Fall, dass ein Organtheil selber gar nicht heliotropisch empfindlich ist, aber mit einem anderen, heliotropisch empfindlichen Organtheil in Verbindung steht, von dem aus ihm eine Reizung übermittelt werden kann. Hier ist allein die indirecte Reizbarkeit vorhanden, sie kommt aber erst mit der Zeit zur Geltung, während anfangs, so lange noch keine Reizfortpf^anzung stattgefunden hat, die Reizbarkeit = ist. — Dieser Fall scheint im Pflanzenreich selten zu sein, und die einzigen bekannten Beispiele bietet das Hypocotyl verschiedener Paniceen-Keimlinge ; diese Beispiele sind aber noch dadurch bemerkens- werth, dass es hier nicht nur ein Organtheil, sondern ein ganzes besonderes Organ ist, welches nur iiidirect reizbar ist und von einem anderen, ganz heterogenen Organ aus die heliotropische Reizung zugeleitet erhält. 3) Den dritten Fall bietet der Untertheil des Cotyledo von Ävena^ des Hypocotyls von Brassica und verschiedener anderer Organe. Derselbe ist selber in gewissem Grade heliotropisch empfindlich und folglich auch direct reizbar", überdies wird aber von der in höherem Grade empfindlichen Spitzen- region des Organs aus eine weitere Reizung zugeleitet, es findet somit ausser der directen auch noch indirecte Reizung statt. Die Erfahrung zeigt nun, dass das bei gegebenen äusseren Bedingungen mögliche Maximum der Reizung nur durch Zusammenwirken beider bewirkt werden kann, denn bei Aus- schluss sowohl der indirecten wie der directen Reizung bleibt die Krümmung schwächer, als beim Zusammenwirken derselben; mit anderen Worten, die maximale Reizbarkeit übertrifft sowohl die directe als auch die indirecte Reizbarkeit. In der ersten Zeit kommt nur die (meist geringe) directe Reizbarkeit zur Geltung, später beginnt, infolge des Hinzukommens der indirecten Reizung, die zur Geltung kommende Reizbarkeit sich zu steigern, bis zur Erreichung des möglichen Maximums. Unter normalen Bedingungen findet also eine Summirung der beiden Reizungen statt (allerdings wohl nicht im mathematisch genauen Sinne des Wortes; sicher ist nur soviel, dass bei ihrem Zusammenwirken die Resultante grösser ist als jede der beiden Com- ponenten). Durch geeignete Versuchsanstellung können wir sie auch einander entgegenwirken und sich von einander subtrahiren lassen (§ 23 und 46); in den untersuchten Fällen hat sich dabei die indirecte Reizung als die stärkere erwiesen, doch braucht das nicht immer der Fall zu sein, da die von der Spitzenregion ausgehende Reizung, obgleich ursprünglich stärker als die directe Reizung des Untertheils, sich unterwegs abschwächen kann. 4) Der letzte Fall ist im Untertheil solcher Organe realisirt, in denen die heliotropische Empfindlichkeit gleichmässig vertheilt ist; dahin gehören das Epicotyl und die Blattstiele von Tro]jaeolum und eine voraussichtlich grosse Anzahl anderer Organe. Hier ist; ebenso wie im dritten Fall, der Untertheil sowohl direct als indirect reizbar; aber die maximale Reizbarkeit 169 ist nicht grösser als die direete, mit anderen Worten, der ganze bei den gegebenen »äusseren Bedingungen mögliche Betrag der Reizung wird schon auf dem directen Wege hervorgerufen ; ein später hinzukommender, von der Spitze aus transmittirter Impuls vermag also eine Steigerung der Reizung nicht zu erzielen und bleibt somit wirkungslos; eine indirecte Reizung ist hier nur dann möglich, wenn durch einen künstlichen Eingriff die direete Reizung des Untertheils ausgeschlossen oder herabgesetzt wird. § 71. Die Ergebnisse, zu denen wir in den beiden letzten Paragraphen gelangt sind, erfordern eine gewisse Correctur oder vielmehr Erweiterung dessen, was in § 68 über die Factoren der heliotropischen Krümmungs- fähigkeit gesagt worden ist. Dort hatten wir aus der Thatsache, dass in gewissen F'ällen ein langsamer wachsender Organtheil sich caeteris paribus früher krümmt als ein schneller wachsender, geschlossen, dass ausser den drei a priori anzunehmenden Factoren noch ein vierter variabler Factor der Krümmungsfähigkeit besteht, und als solchen nahmen wir die heliotropische Empfindlichkeit in Anspruch. Nachdem wir aber nun Empfindlichkeit und Reizbarkeit als zwei verschiedene Dinge kennen gelernt haben, müssen wir unsere Ansicht dahin ändern, dass jener vierte Factor nicht die heliotropische Empfindlichkeit, sondern die heliotropische Reizbar- keit ist; denn es leuchtet ohne Weiteres ein, dass das Hypocotyl der Paniceen, welches der heliotropischen Empfindlichkeit ganz ermangelt, die heliotropische KrUmmungsfähigkeit seiner (indirecten) Reizbarkeit verdankt; ebenso klar ist das im Fall der Keimlinge von Avena u. a., wo die Ver- dunkelung der Spitze die Krümmungsfähigkeit des Untertheils bedeutend herabsetzt, obgleich dieser Eingriff nur die Reizbarkeit, nicht aber die Empfindlichkeit des Untertheils vermindert. Dennoch bleiben die in § C8 gezogenen Schlussfolgerungen vollkommen zutreffend, falls wir, wie es dort geschah, nur den Beginn der Krümmung in's Auge fassen. Solange nämlich die heliotropische Reizung noch keine Zeit gehabt hat sich fortzupflanzen, bleibt die indirecte Reizbarkeit latent und jeder Organtheil ist nur auf seine direete Reizbarkeit angewiesen; da nun die direete Reizbarkeit unmittelbar durch die Empfindlichkeit bestimmt wird, 80 ist es im ersten Anfang der Krümmung und überhaupt überall da, wo nur die direete Reizbarkeit in Betracht kommt, vollkommen einerlei, ob wir diese oder die Empfindlichkeit als Factor der Krümmungsfähigkeit ansehen wollen. Thatsächlich ist ja auch das Hypocotyl der Paniceen, so lange noch keine heliotropische Reizung vom Cotyledo aus übermittelt worden ist, oder wenn eine solche Uebermittelung durch Verdunkelung des Cotyledo ausgeschlossen ist, nicht heliotropisch krümmungsfähig. Die Lage der Dinge ändert sich erst dann, wenn die Fortpflanzung der heliotropischen Reizung begonnen hat und wenn, in Folge des Hinzutretens der indirecten Reizbarkeit, die Summe der Reizung in einem Organtheil grösser wird, als dessen heliotropischer Empfindlichkeit entspricht; von nun no^ nn winl die Kriiiniuiingsfähigkeit von der EmpHiidliclikcit unabhängig. Mit zunehmender Reizbarkeit steigt auch die heliotropische Kriiinmungsfähigkeit, der Reihe nacli in den successivcn Zonen des Organs, nacli Maassgabe ihrer Entfernung vom Ausgangspunkt der sich fortpflanzenden heliotropischen Reizung, bis schliesslicli die Kriiniraungsfahigkeit im ganzen Organ ihr mög- liches Maximum erreicht list. Die Krümmungsfähigkeit ist somit eine Grösse, welche sich im Laufe des heliotropischen Processes ändern kann; die durchschnittliche Krümmungsfähigkeit des ganzen Organs beginnt eine Zeitlang nach dem Anfang des Processes zu steigen und steigt continuirlich bis zu einem gewissen Maximum; doch gilt das nur für solche Organe, bei denen eine Summirung der directen und indirecten Reizung möglich ist, also für Organe mit ungleichmässiger Vertheilung der heliotropischen Empfind- lichkeit (die Fälle 2 und 3 in § 70). Das Ergebniss dieser Hetraclitungeu ist, dass die helio- tropische Krümmungsfähigkeit, neben anderen Factoren, von der augenblicklich herrschenden Reizbarkeit abhängig ist; dagegen ist sie, in Organen mit ungleichmässig vertheilter Empfindlichkeit und von dem Augenblick ab, wo die Reizfort- pfianzung in's Spiel tritt, von der hello tropischen Empfindlich- keit unabhängig; unter Umständen kann sogar ein gar nicht heliotropisch empfindliches Organ heliotropisch krUmmungs- fähig sein '). § 72. Nachdem wir uns nunmehr über die Factoren der Krümmungs- fähigkeit hinreichend orientirt haben, wollen wir versuchen die Abhängigkeit der letzteren von den ersteren durch eine mathematische Formel zum Aus- druck zu bringen, aus der wir einsehen könnten, welcher Art der Einfluss der einzelnen Factoren ist. Dies ist freilich nicht vollkommen erreichbar, denn der Einfluss des einen Factors, nämlich des anatomischen Baues, lässt sich nicht allgemein bestimmen, — diesen Factor müssen wir daher bei Seite lassen und uns mit der Aufstellung einer Formel für die übrigen drei begnügen. Von diesen sind wiederum nur zwei, nämlich die Wachsthums- intensität und die Dicke, direct messbare Grössen, für die wir von vornherein bestimmte Ausdrücke einführen können. Die Reizbarkeit hingegen ist etwas, was wir nicht direct beobacliten und bestimmen können, wir erschliessen deren Belheiligung ja erst a posteriori aus der empiriscli festgestellten That- sache, dass die Krümmungsfähigkeit ausser den drei a priori zu fordernden Factoren noch von einem vierten Factor abhängig ist. Wir werden daher als Maass der Reizbarkeit diejenige variable Grösse in der aufzustellenden Formel zu betrachten haben, welcher sich die Krümmungsfähigkeit pro- portional erweist, wenn die übrigen Factoren gegeben sind. ^) Selbstverständlich kann ein ganzes Organ nur in dem Falle unempfindlich und doch krümmungsfähig sein, wenn es mit einem anderen, empfindlichen Organ un- mittelbar verbunden ist, wie das für das Hypocotyl der Faniceen zutrifft. 171 Stellen wir uns eine Querzone eines krümmungsfähigen Organs vor, deren Länge S wir so gering annehmen, dass jeder Factor der KrUmmungs- fähigkeit als constant und folglich die bei der Krümmung gebildete Curve als Kreisbogen gelten könne; die Dicke der Zone nennen wir D. Unter dem Einfluss einer Reizung beginne sich die Zone zu krümmen und ihr medianer Längsschnitt nehme in der Zeiteinheit die Form des in Fig. 58 ^ dargestellten Hogens an. Die Länge der convexen und concaven Seite be- zeichnen wir mit A und _B, die Länge der Mittellinie ( — -4- B\ ^^— jmit M^ die Längendiflferenz der antagonistischen Seiten (A — B) mit L, endlich die zu den Bögen A, J/, B^ gehörigen Krümmungsradien mit Ba, Bm, Bb. B a -m^ Ohne weiteres ist klar, dass B IL Fig. 58. Bb , B = M — ^,Bb=^B. D 2' M Bm' ^'^ 2 Setzen wir die beiden letzteren Grössen für B und Bb in die erstere Gleichung ein, so ergiebt eine einfache Umrechnung: D M Bm = L I). Als Maass der Krümmungsfähigkeit K benutzen wir denjenigen Bogen (ausgedrückt als Theil der Kreisperipherie), zu dem sich die Längeneinheit in der Zeiteinheit krümmt (vgl. S. 159). Die Zone von der Länge S hat sich in der Zeiteinheit zum Bogen M gekrümmt, und der von ihr gebildete M ; für die Längeneinheit beträgt Theil der Kreisperipherie ist gleich aiso der entsprechende Werth M Dieser Ausdruck ist der Krüm- 2 t: Bm o mungsfähigkeit K gleichzusetzen. Setzen wir in dieser Formel den Werth für Bm nach der Formel (I) ein, so ergiebt sich 172 Nunmehr stellen wir uns die in Fig. 58 ^ gekrümmt dargestellte Zone gcradegestreckt vor (Fig. 58 'i). D bezeichnet wieder die Dicke, 8 die ursprüngliche Länge der Zone, und a, m, h bezeichnen den Zuwachs der Convexseite, der Mittellinie und der Concavseite in der Zeiteinheit {A — 8 -\- rt, J/ = S -f >?i, B = S -\- h). Alsdann ist m = ^^^ , L — a— h. Bezeichnen wir ferner mit c das Verhältniss der Zuwachse der beiden antagonistischen Seiten: j^ = c, a =^ h. c, und setzen wir den letzteren Werth für a in die Formeln für m und L ein, so crgiebt sich : m •= ^ : L — h (c — 1): folglich — = — - — , — ^-- , und endlich: L = Ij'Lll^Jl. ,111). C -\- 1 Die Wachsthumsintensität der Zone, F', wird bestimmt durch das Ver- hältniss ihres mittleren Zuwachses in der Zeitinheit (m) zu ihrer Anfangs- länge S'^ also V = -^^ V ist die Wachsthumsintensität während der Krümmung, unter dem Einfluss der Reizung; würde unsere Zone nicht gereizt werden und, caeteris paribus ' ), geradlinig wachsen, so wäre ihre Wachsthumsintensität voraus- sichtlich eine andere, V. Bezeichnen wir mit o das Verhältniss der Wachs- thumsintensität bei der Krümmung und bei geradlinigem Wachsthum, so ist l^ — 0, F' = 0. 7 und 0. Y = ~, folglich m = o. 7. S, und setzen wir diesen Werth für m in die Formel (III) ein, so ergiebt sich: ^ _2. . V. S (c — 1) ^ - T^^i • Setzen wir endlich diesen Werth für L in die Formel der Krümmungs- fähigkeit (II) ein, so resultirt: 1 V c / ^=-. y.. 0. ^-^\. (IV). r. D c -j- 1 *) Ich lege auf das caeteris paribus Gewicht. Will man z. B. den Einfluss dei heliotropischen Reizung auf die Wachsthumsintensität bestinnnen, so darf man den mittleren Zuwachs einseitig beleuchteter Organe nicht etwa mit dem Zuwachs ver- dunkelter Organe vergleichen, sondern nur mit demjenigen von Organen, welche der gleichen Beleuchtung ausgesetzt, aber mit ihrer Längsachse den Lichtstrahlen parallel gerichtet sind. — Bisher liegen, soweit mir bekannt, über den Einfluss der helio- tropischen Reizung auf die Wachsthumsintensität noch gar keine entscheidenden Untersuchungen vor; nur aus einer Angabe H. Müller 's (11, 10) lässt sich mit Wahrscheinlichkeit entnehmen, dass die Verlangsamung des Wachsthums der Concav- seite bedeutender ist, als die Beschleunigung des Wachsthums der Convexseite, dass also die mitdere AVachsthumsintensität vermindert wird. Nach Analogie mit dem Geotropismus ist jedenfalls ein derartiger Einfluss der heliotropischen Reizung von vornherein sehr wahrscheinlich. 173 In dieser Formel sind V und D Grössen, welche mit der Reizung oflenbai nichts zu thun haben. Hingegen sind o und c Grössen, welche erst in Folge der Reizung überhaupt entstehen. Gemäss dem im Beginn des Paragraphen c — 1 Gesagten haben wir somit den Factor o. , . als das Maass der Reiz- *' c -{- 1 c i ') barkeit zu betrachten. Bezeichnen wir diese mit J. so ist J — o. — , — = , c -\- 1 und unsere Formel (IV) erhält die einfache Form d. h.: Die Kriimramungsfähigkeit eines Organtheils ist umge- kehrt proportional seiner Dicke, direct proportional seiner Wach sthurasintensi tat und seiner Reizbarkeit. Der Einfluss des anatomischen Baues bleibt hierbei, wie im Voraus bemerkt, unberücksichtigt. Von den vier Factoren der Krümmungsfähigkeit sind zwei, nämlich die Wachsthumsintensität und die Reizbarkeit, gleichzeitig Bedingungen derselben, indem jeder von ihnen eventuell = werden kann, in welchem Falle auch die Krüramnngsfähigkeit = wird; für die beiden übrigen Factoren trifft das natürlich nicht zu. Im Hinblick hierauf können wir unserer Formel auch die Form geben K = C. Y. J, worin C einen von der Dicke und dem anatomischen Bau des Organs ab- hängigen Factor bedeutet; handelt es sich um Vergleichung der Krümmungs- fähigkeit der verschiedenen Theile eines Organs, in dem Dicke und anatomischer Ban als constant gelten können, so bedeutet C einfach eine Constante. § 73. In unserer Formel wird ^ = 0, wenn ^7" = ist, d. h. ein der heliotropischen Reizbarkeit ermangelndes Organ ist nicht heliotropisch krümmungsfähig, wenn es auch noch so schnell wächst; dies ist ein bekannter, beispielsweise in vielen Wurzeln realisirter Fall, der keiner weiteren Erörterung bedarf. Aber K wird auch dann = 0, wenn V gleich wird, d. h. ein Organ büsst seine heliotropische Krümraungsfähigkeit mit der Einstellung seines Wachsthums ein, auch wenn seine heliotropische Reizbarkeit erhalten bleibt. Dieser Fall verdient näher betrachtet zu werden; seine grosse 1) Hiernach nniss die Reizbarkeit keine einfache, sondern eine znsamniengesetzte Grösse sein, denn sie hängt ihrerseits von zwei verschiedenen Grössen ab, oder richtiger, zwei verschiedene Grössen werden durch sie bestimmt, welche voneinander nicht abhängig sind. Man sieht in der Tliat leicht ein, dass, wenn alle Factoren der Krümmungsfähigkeit gegeben sind, eine bestimmte Krümmung doch auf verschiedene Weise, bei verschiedenen Combinationen der Grössen o und c erzielt werden kann. Es ist unnütz, sich hier über die möglichen Combinationen aufzuhalten, da es noch nicht in genügendem Maasse festgestellt ist, welche von ihnen thatsächlich vor- kommen können. 174 physiologische Bedeutung wird klarer hervortreten, wenn wir den obigen Satz in der veränderten Form ausdrücken : Die heliotropische Keizbarkeit kann auch dann erhalten bleiben, wenn ein Pflanzentheil, infolge Einstellung seines Wachsthums, seine heliotropische KrUmmungsfähigkeit ver- loren hat. Es fragt sich jedoch, ob diese theoretische Möglichkeit, die ja auch ohne Formel a priori nicht geleugnet werden kann, auch wirklich in der Natur realisirt ist. Im Allgemeinen fehlt uns die Möglichkeit zu entscheiden, ob die heliotropische Keizbarkeit gleichzeitig mit dem Wachsthum erlischt oder dasselbe überdauert. Denn wir constatiren die heliotropische Reizbar- keit nicht direct, sondern können ihre Existenz nur aus ihren Folgen, nämlich aus der heliotropischen Krümmung, erscbliessen; wenn daher die Krümmungsfähigkeit, infolge Erlöschens des Wachsthums, eingebusst worden ist ' ), so haben wir mit ihr das einzige Reactiv auf die heliotropische Reiz- barkeit verloren und dieselbe muss uns, auch falls sie unverändert fortbe- stehen sollte, nothwendig verborgen bleiben. Die Unmöglichkeit der Lösung erklärt es auch, dass die obige Frage nie gestellt worden zu sein scheint. Nun habe ich aber ein Object gefunden, welches ausnahmsweise, dank seinen besonderen Eigenschaften, diese Frage zu lösen erlaubt, — das sind die Keimlinge der Paniceen. Bei diesen ist, wie schon mehrfach hervor- gehoben (der Beweis findet sich in § 29), das Hypocotyl heliotropisch voll- kommen unempfindlich und krümmt sich ausschliesslich unter dem Einfluss einer vom Cotyledo aus übermittelten Reizung; wir können somit die Krümmung des Hypocotyls als Reactiv auf die heliotropische Reizbarkeit (und gleich- zeitig natürlich auch auf die heliotropische Empfindlichkeit) des Cotyledo benutzen. Der letztere krümmt sich (wie in § 28 näher dargelegt ist) in merklichem Grade nur solange die Keimlinge jung sind, später, wenn der Cotyledo schon durchbrochen worden ist, findet die Krümmung nur noch in der Spitzenregion des Hypocotyls statt und der Cotyledo wird nur passiv lichtwärts geneigt. Aus dem Geradebleiben des Cotyledo darf man jedoch noch nicht schliessen, dass derselbe sein Wachsthum vollkommen eingestellt hat und gar nicht mehr krümmungsfähig ist; denn das Geradebleiben könnte sich auch dadurch erklären, dass der Cotyledo schon passiv geneigt wird, bevor er noch Zeit gehabt hat sich merklich zu krümmen (vgl. hierzu § 65). Um sich also mit Sicherheit von dem völligen Aufhören des Wachsthums zu überzeugen, ist es erforderlich, directe Messungen am Cotyledo anzustellen, und zwar nicht mittels Maaasstab, was keine genügende Genauigkeit gewährt, 1) Ich habe hier nur die Fälle im Auge, wo die Krümmung durch Wachsthum vermittelt wird, während die Variationsbewegungen, wo die Mechanik der Krümmung eine ganz andere ist, zunächst von der Betrachtung ausgeschlossen sind. Dieselben legen allerdings von vornherein die Vermuthung nahe, dass aucli bei den Organen, wo die Krümmung durch Wachsthum vermittelt wird, die Reizbarkeit auch nach dem Erlöschen des Wachsthums fortbestehen dürfte. 175 sondern mittels des Mikroskops. Ich bediente mich eines horizontalen Ablesemikroskops nach Pfeffer; das Okularmikrometer des Instruments enthält 120 Theilstriche, von denen bei der angewandten, schwächsten Vergrösserung 22 auf 1 7mn kommen. Da ich für eine Genauigkeit der Ablesung bis zu V2 Theilstrich garantiren kann, so wurde eine Genauig- keit der Zuwachsmessung von ca. 0,02 mm erreicht. Es ist noch eine Fehlerquelle zu beachten, welche dadurch gegeben ist, dass die Spitze des Cotyledo (wie man sich mit Hilfe einer Lupe überzeugen kann) bald nach der Durchbrechung allmälig zu schrumpfen beginnt, was mit einer geringen Verkürzung verbunden ist; misst man daher die Gesammt- länge des Cotyledo, so kann diese Verkürzung eventuell ehi im Untertheil noch stattfindendes geringes Wachsthum verdecken. Aus diesem Grunde sind drei Versuche, welche noch vor Entdeckung der in Rede stehenden Fehlerquelle ausgeführt wurden, nicht vollkommen beweisend. Andererseits bleibt an der äussersten (heliotropisch nicht empfindlichen) Basis des Cotyledo ein geringes, an der allmäligen Verzerrung einer Tuschmarke erkennbares Wachsthum auch dann noch erhalten, wenn der übrige Cotyledo schon völlig ausgewachsen ist. Sowohl die äusserste Spitze als die äusserste Basis sind daher von der Messung auszuschliessen. Es wurden also auf dem Cotyledo zwei Tuschpunkte angebracht, einer etwas über der Grenze von Cotyledo und Hypocotyl, der andere etwas unter- halb des Risses, durch welchen das Laubblatt hervortrat: die zwischen beiden befindliche Strecke umfasste fast die ganze Länge des Cotyledo und gleich- zeitig den ganzen heliotropisch empfindlichen Theil des Keimlings, abgesehen von der sicher nicht mehr wachsenden Spitze des Cotyledo. Die Tusch- punkte stellten sich unter dem Mikroskop als Flecke von unregelmässigem Umriss dar; irgend eine hervortretende, nach einer angefertigten Skizze leicht wiederzuerkennende Ecke derselben wurde ein für alle Mal als Messungs- marke gewählt. lieber die Vorsichtsmassregeln, welche zur Vermeidung verschiedener Fehlerquellen bei der Messung beobachtet werden mussten, brauche ich nicht wohl besonders zu berichten. Die Versuche wurden in folgender Weise ausgeführt. Nachdem auf dem Cotyledo einiger ausgewählten Keimlinge die zu messende Strecke markirt und die Messung vollzogen war, wurden dieselben einseitig beleuchtet (mit Tageslicht) und nach einiger Zeit die Neigung des Obertheils bestimmt; ca. 24 Stunden nach der ersten Messung wurde die Länge der markirteu Strecke von Neuem gemessen, und dann wurde wiederum einseitig beleuchtet, jedoch von der entgegengesetzten Seite wie vorhin, so dass die eventuell von der vorigen Krümmung her verbliebene Neigung nunmehr von der Lichtquelle weg gerichtet war. In derselben Weise wurde mehrere Tage hintereinander täglich der Zuwachs des Cotyledo und die erreichte heliotropische Neigung für jeden einzelnen Keimling bestimmt. Ausserdem wurde täglich der Zuwachs der Hypocotyle gemessen; da aber dieselben, infolge der ab- wechselnden Beleuchtung bald von der einen bald von der anderen Seite, 176 stark hin- und liergekriimmt waren, so konnte dies nur in ganz annähernder Weise (durch Messung des Abstandes der Hypocotylspitze von der Erdober- fläche mittels Milliraetermaassstab) geschehen; Genauigkeit war hierin freilich auch nicht erforderlich. Nach diesen Vorbemerkungen kann ich mich in der Beschreibung des als Beispiel anzufülirenden Versuchs kurz fassen. Versuch 49. Panicum sanguinale. Am 25./II1. wild ein Topf mit Keiniliiigcii, deren Cotyledo durchgängig schon durchbroclien ist, einseitig beleuclitct und über Nacht stehen gelassen. Am Vormittag des 26./ni. werden vier Keimlinge ausgewählt, bei denen die Krümmung sich nur auf die Hypocotylspitze beschränkt und der Cotyledo unter 50 — 60<* geneigt ist; bei ihnen wird in der besprochenen Weise eine Strecke des Cotyledo markirt und gemessen; die Länge der niarkirtcn Strecke beträgt am 26./in. Mittags die folgende Zahl von Theilstrichen des Mikrometers: I: 49, II: 44, III: 42, IV: 43. In Anbetracht der schon ziemlich gei-ingen Krümmungsfähigkeit werden die Keimlinge jedesmal den ganzen Tag hindurch exponirt. Die Ergebnisse des Versuchs sind in folgender Tabelle zusammengestellt, in welcher die Zuwachse in Mikrometertheilstrichen angegeben sind; die Zeichen -f und — bedeuten, dass ein weniger als '/^ Theilstrich betragender (also zweifel- hafter) Zuwachs resp. eine ebensolche Verkürzung gefunden wurde. Datum Neigung und Zuwachs K e i m 1 i n g e Zuwachs des des Cotyledo / II III IV Hypocotyls 27.AII. j Neigung Zuwachs 40« 2V2 30« IV2 60» 40« IV2 1 — 1 V2 ww» 28./III. j Neigung Zuwachs 30 20 250 30 + f Nicht über 3/4 ?7im 29./II1. Neigung Zuwachs 0« 150 100 100 ( Nicht messbar. Das Resultat für die einzelnen Keimlinge ist folgendes: /: Die Krümmungsfähigkeit dauerte bis zum 28 /HJ., das Wachsthum des Cotyledo bis zum 27./III. 77: Die Krümmungsfähigkeit dauerte bis zum 29./III, das Wachsthum des Cotyledo bis zum 27/III. 777: Die Krümmungsfähigkeit dauerte bis zum 29./III., das Wachsthum des Cotyledo vielleicht bis zum 27./III., wahrscheinlich aber nur bis zum 26./III. (die Länge der gemessenen Strecke betrug am Schluss des Versuches 42 Theilstriche, also genau soviel wie bei Beginn desselben K 71': Die Krümmungsfälligkeit dauerte bis zum 29./1I1., das Wachsthum des Cotyledo vielleicht bis zum 28/III., wahrscheinlich aber nur bis zum 27./III. Also hat bei allen vier Keimlingen die heliotropische Krümmungsfähigkeit des Hypocotyls — und folglich auch die hierfür die nothwendige Voraus- setzung bildende heliotropische Empfindlichkeit uud Reizbarkeit des Cotyledo — länger angedauert als das Wachsthum des Cotyledo, uud zwar bei den 177 einzelnen Keimlingen um einen bis zwei Tage, bei dem einen wahrscheinlicli sogar nm drei Tage länger; wenn der Cotyledo im Laufe einer so langen Zeit nicht einmal einen Zuwachs von 0,0 2 mm aufweist, so darf man wohl behaupten, dass sein Wachsthum vollständig erloschen ist. — Zum Schluss des Versuchs hatte sich freilich auch die Krümmungsfähigkeit des Hypocotyls stark vermindert*, daraus darf man aber nicht etwa auf eine Abnahme der Reizbarkeit des Cotyledo schliessen, denn diese Thatsache ist einfach die nothwendige Folge der (aus der letzten Rubrik der Tabelle ersichtlichen) rapiden Abnalime des Wachsthums des Hypocotyls, welches am letzten Ver- suchstage ja nicht mehr messbar war (und bei dem an diesem Tage nicht mehr krümmungsfähigen Keimling I jedenfalls ganz aufgehört haben muss). Da die Abnahme der Krümmungsfähigkeit des Hypocotyls (soweit sich das beurtheilen lässt) so ziemlich der Abnahme seiner Wachsthumsintensität ent- sprach, können wir vielmehr schliessen, dass die Reizbarkeit des Cotyledo bis zum Schlüsse des Versuchs constaut geblieben sein dürfte, jedenfalls aber eine wesentliche Verminderung nicht erfahren haben kann. Ein zweiter Versuch wurde mit fünf Keimlingen von Setaria viridis gemacht; die Wachsthumsintensität der Hypocotyle und dementsprechend auch die Krümmungsfähigkeit war hier bedeutend grösser als in dem obigen Versuch, und daher genügte es, die Keimlinge jedesmal nur für einige Stunden zu exponiren, im Uebrigen aber dunkel zuhalten; nur am letzten Versuchs - tage war die Krümmungsfähigkeit bereits derartig vermindert, dass die Ex- position auf einen ganzen Tag ausgedehnt werden musste. Im Uebrigen war die Versuchsanstellung ganz die gleiche wie in Versuch 49. Drei Keimlinge erwiesen sich noch 1 — 2 Tage nach dem vollkommenen Erlöschen des Wachsthums des Cotyledo krümmungsfähig; bei den zwei übrigen war bei Schluss des Versuches das Wachsthum des Cotyledo noch nicht zweifellos erloschen. Somit ist für zwei Species der Paniceen^ an zusammen sieben Keim- lingen, mit voller Strenge erwiesen worden, dass der Cotyledo auch nach vollkommenem Abschluss seines Wachsthums noch helio- tropisch empfindlich und reizbar bleibt. Dass wir diese Eigenschaften des Cotyledo noch 1 — 3 Tage nach Ab- schluss seines Wachsthums nachweisen können, ist dem günstigen Umstand zu verdanken, dass das Wachsthum des Hypocotyls, wenn auch rapid ab- nehmend, doch um die besagte Anzahl von Tagen dasjenige des Cotyledo überdauert. Sobald das Wachsthum des Hypocotyls und damit auch seine Krümmungsfähigkeit vollständig erloschen ist, geht uns das Reactiv auf die heliotropische Empfindlichkeit und Reizbarkeit des Cotyledo verloren, und dieselben bleiben uns fortan ebenso verborgen, wie bei anderen heliotropischen Organen nach Abschluss ihres Wachsthums. Doch liegt kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass das Protoplasma des Cotyledo auch fernerhin heliotropisch empfindlich und reizbar bleibt. Wenn sich innerhalb des Cotyledo selbst diese Eigenschaften als von der Cohn, Beiträge zur Biologie fler Pflanren. Band VII. Heft I. J2 178 Waclistlmmsfähigkeit nnabliängig erwiesen liabeu, so müssen sie um so mehr von der Waclistliumsf:iliigkeit des Ilypocolyls uiiabliiingig sein; uiul es ist gar niclit cinzuselien, warum diese von einander vollkonimeu unabhängigen Dinge gleichzeitig aufhören sollten. Wir dürfen es daher als zum Mindesten sehr wahrscheinlich betrachten, dass bei den Paniceen der Cotyledo auch dann noch heliotropisch empfindlich und reizbar bleibt, wenn das Wachsthum im ganzen Keimling erlosclien ist, ver- inuthlich so lange der Cotyledo überhaupt lebendig bleibt. Dasselbe gill auch für die heliotropische Reizbarkeit des Hypocotyls. § 74. Ich verfüge ferner über einige Beobachtungen an anderen Objecten, aus denen mit grösstcr Wahrscheinlichkeit hervorgeht, dass auch hier in gewissen Organtheilen die heliotropisclie Reizbarkeit mit dem Abschluss des Wachsthums nicht erlischt. Zunächst ist es im Cotyledo von Avona satlva eine 1 Vi tnm lauge Spitzenregion, welche sich überhaupt durch besonders langsames Wachsthum auszeichnet und in Keimlingen von über ?■> cm Höhe in 24 Stunden kein mittels Maassstabes messbares Wachsthum mehr auf- weist (§ 10). Nun geht aus den in § 19 mitgetheilten Versuchen hervor, dass gerade die äusserste, 1 — Vk mm lange Spitze des Cotyledo in besonders hohem Grade heliotropisch empfindlich ist und dass die von hier ausgehende Reizung die heliotropische Krümmungsfähigkeit des Untertheils besonders stark beeinflusst. Da in diesen Versuchen u. a. auch ältere (bis zu 4'/-2 cm hohe) Keimlinge verwandt wurden, so ist es mindestens wahrscheinlich, dass die besagten Eigenschaften der äusserston Spitze auch dann noch fortbestehen, wenn das Wachsthum derselben bereits erloschen ist. Einen weiteren Fall bieten die Sämlingsblätter von Ällium Ce2)a, deren ca. V4 der Gesammtlänge ausmachende Spitzenregion schon früh zu wachsen aufhört, wenigstens bei Messung mittels Maassstab in 24 Stunden keinen Zuwachs erkennen lässt. Wie man aber aus Versuch 38 (§ 52) ersieht, ist diese nicht wachsende und folglich selber nicht krümmungsfähige Spitzeu- region heliotropisch empfindlich und reizbar: ist sie nämlich allein einseitig beleuchtet, so übermittelt sie dem verdunkelten Untertheil des Blattes eine heliotropische Reizung; dasselbe wurde auch in einem zweiten Versuch bei einem weiteren jungen Blatt gefunden. Bei den zwei Blättern des Ver- suchs 38 blieb die Spitzenregion einen ganzen Tag lang den für eine hello tropische Krümmung günstigsten Bedingungen ausgesetzt und krümmte sich doch nicht im mindesten; dies kann, unabhängig von den Messungen, als Beweis dafür gelten, dass ihr Wachsthum in der That vollständig abge- schlossen war; zur unbedingten Beweiskräftigkeit fehlt hier nur die mikro metrische Constatirung der letzteren Tliatsache. Ein dritter Fall, von etwas anderer Art, wurde bei einigen Stengeln von Galium inirpureum beobachtet. Hier bleibt, wie in § 60 näher dar- gelegt, das an der Basis der Internodien befindliche „Gelenk" länger krümmnngsfiihig als der übrige Theil der Internodien. Wird nur die Gipfel- 179 knospe und ein Theil des ersten Internodiums einseitig beleuchtet, und der ganze untere Tlieil des Stengels verdunkelt, so kommt es zuweilen ror, dass im zweiten luternodium nur das Gelenk sich heliotropisch krümrat, während der ganze übrige Theil des Internodiums vollständig gerade bleibt. Ich habe solche ganz zweifellose Fälle zweimal beobachtet. Den einen Fall bietet der Spross 1 in Versuch 46 (vgl. Fig. 53, 1, S. 139); hier hatte sich nach 5^/4 stündiger Exposition das Gelenk soweit gekrümmt, dass das zweite Internodium um 10" lichtwärts geneigt war, also mit dem dritten Internodium einen Winkel von 170" bildete. Der zweite Fall gelangte in einem anderen Versuch zur Beobachtung; hier war nach 6 stündiger Exposition das gerade gebliebene zweite Internodium infolge Krümmung des Gelenks um 15" lichtwärts geneigt worden. Da in beiden Fällen die Länge des zweiten Internodiums recht bedeutend (3,0 resp. 2,9 cm) war, so hätte selbst eine sehr schwache Krümmung desselben bemerkbar sein müssen; aber selbst beim Anlegen eines Lineals Hess sich nicht die geringste Abweichung von der geraden Linie constatiren. Wir müssen es also für höchst wahrscheinlich halten, dass das zweite Internodium (abgesehen vom Gelenk) seine Krümmungsfähigkeit schon voll- kommen verloren hatte, also auch gar nicht mehr wuchs; zur völligen Sicherstellung dieser Thatsache fehlt auch hier nur die mikrometrische Messung (welche in diesem Fall, ebenso wie in den anderen in diesem Paragraph besprochenen Fällen, sich mit den betr. Versuchen nicht ver- einigen lässt). Nun muss aber die heliotropische Reizung auf ihrem Wege von der beleuchteten Spitze zum Gelenk sich durch die ganze Länge des zweiten Internodiums fortgepflanzt haben; und da die Fähigkeit zur Fortleitung eines heliotropischen Reizes die heliotropische Reizbarkeit (wenigstens die iudirecte) des betreffenden Pflanzentheils zur Voraussetzung hat ' ), so folgt, dass diese im ganzen Internodium auch nach dem Erlöschen des Wachsthiims und dem Verlust der Krümraungsfähigkeit erhalten bleibt; dass auch die heliotropische Empfindlichkeit fortdauert, ist aus den ange- führten Thatsachen nicht zu entnehmen, ist aber wohl kaum zu bezweifebi. Nachdem somit die Unabhängigkeit der heliotropischen Reizbarkeit (und meist auch der heliotropischen Empfindlichkeit) und die Möglichkeit ihrer Fortdauer in Organen oder Organtheilen nach Verlust der Krümmungsfähig- keit für vier sehr verschiedene Objecte theils mit Sicherheit, theils mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit constatirt worden ist, sind wir wohl berechtigt, das erhaltene Resultat zu verallgemeinern und auch auf diejenigen Objecte auszudehnen, wo ein solcher Nachweis der Lage der 1) So ist es, wenn die Reizfortpflanzung auf einer Thätigkeit des lebenden Protoplasmas beruht, und das dürfen wir für die Fortpflanzung der heliotropischen Reizung, nach den in § 26 mitgetheilten Versuchen, wohl getrost annehmen. Vgl. auch das im folgenden Paragraphen über den Weg der Reizfortpflanzung Gesagte. 180 üinp;e nach nicht mögUch ist. Es liegt kein Grinul mehr vor daran zu zweifehl, dass überhaupt aucli in all den Fällen, wo die iielio- (ropische Krümmung durch Wachsthum vermittelt wird, die lielio tropische Empfindlichkeit und Reizbarkeit des Proto- plasmas bis zum Lebensende desselben fortdauert, — gerade so wie in den anderen Fällen, wo die Krümmun..? durcli Tnrgoränderungcn vermittelt wird — , und dass der oft schon lange vor dem Lehensende eines Pflanzcntheils eintretende Verlust der Kriinimungsfähigkeit in Ver- änderungen seinen Grund hat, die mit der Empfindlichkeit und Reizbarkeit nichts zu thun haben und nur die Ausführung des letzten Actes der Reiz- erscheinung, der Krümmung, unmöglich machen. § 75. Während wir bisher nur die durch Waclisthum vermittelten pros- heliotropischen Krümmungen im Auge lintten, wollen wir uns jetzt zu den anderen Reizbewegungen wenden. Ohne uns auf eine detaillirte Uebersicht derselben einlassen zu können, welche zu viel Raum beanspruchen würde, wollen wir in den Hauplziigen erörtern, inwiefern die in den vorhergehenden Paragraphen niedergelegten Betraclitungon einer allgemeineren Anwendung fähig sind. Was zunächst alle die Reizkrümmungen anbetrifft, welche durch Wachs- thum vermittelt werden, so ist es klar, dass auf sie Alles das, was oben über die Krümmungsfähigkeit und deren Factoren gesagt worden ist, meist ohne weiteres passt'), so dass man also ohne weiteres das Wort ,,proshelio tropisch" durch apheliotropisch, pros- oder apogeotropisch etc. ersetzen kann. In allen derartigen Fällen muss die Krümmungsfähigkeit aus denselben vier Factoren bestellen und der Einiluss jedes einzelnen muss derselbe sein, wie beim Prosheliotropismus. Während drei von den vier Factoren bei einem gegebenem Organ für alle „Tropismen" die nämlichen sind, kann die Reiz barkeit durch verschiedene Reizursachen natürlich eine ungleiche sein. I Dabei muss man im Auge behalten, dass die Reizbarkeit durch verschiedene Reizursachen, also etwa die heliotropische und geotropische Reizbarkeit, und folglich aucli die heliotropische und geotropische Krümmnngsfähigkeit eines Organs, genau genommen nicht mit einander vergleichbar sind; sie wären nur bei Gleichheit aller äusseren Bedingungen der Krümmung vergleichbar, die Intensitäten der verschiedenen Reizursachen können aber niclit gleich 1) Eine gewisse Complioation liegt bei der gcotropischen Kriimmung der Gras- knoten vor, indem